Abgelegt und Angeschwemmt

Hinter mir liegt eine unruhige Nacht. Der Wind heulte laut in den Bäumen. Auch jetzt, in den frühen Morgenstunden kann ich ihn klar hören – doch mittlerweile ist es nicht mehr ganz so laut. Oder habe ich mich nur daran gewöhnt? Ich weis es nicht. Doch das ist auch egal: Ich will los! Raus, aufs Wasser, segeln!

Nicht etwa, das meine Bedenken vom Vortag vollauf verschwunden sind. Nein, ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das alles so klappt wie ich es mir vorstelle. Okay – genau so wird’s wohl kaum klappen – wann geht schon alles wie geplant? Aber kommt meine Kleine gerefft mit mehr als 4 Windstärken klar? Ich will es endlich wissen, diese Unsicherheit fängt an mich verrückt zu machen. Und so frühstücke ich schnell und packe dann meine Sachen zusammen. Das Wetter ist gut. Blauer Himmel, Sonnenschein, es fühlt sich warm an. Paddelnd verlasse ich den Hafen – dieses Mal relativ problemlos. Ich muss kurz daran denken wie ich letztes Jahr bereits hier im Hafen Probleme gehabt habe. Doch dann liegt das Hafenbecken schon hinter mir. Bea und ich, wir sind auf dem Kanal. Und vor uns liegt die erste Brücke.

Und los geht's!

Und los geht’s!

Der Wind drückt ordentlich von hinten, ich kann mit der Pinne steuern ohne zu paddeln. Es reicht aus um steuern zu können. Aber jetzt will ich vorwärts kommen und so paddle ich – zumindest ein klein Wenig. Trotzdem: Segeln ohne Segel – das ist für mich was neues…

Gleich hinter der Brücke, die ich nur gerade so passieren konnte (wäre fast angestoßen) lege ich am Ufer an und mache meine kleine fest. Nun kommen erstmal keine Brücken mehr – und ich stelle den Mast. Dann fällt mir auf: ich hab mal wieder vergessen mein Segel oben einzutüddeln. Eigentlich muss ich das machen bevor ich den oberen Mastteil montiere, da ich ansonsten nicht dran komme. Aber ich habe mehr Glück als Verstand: Ich komme vom Ufer aus gerade so oben dran – jedenfalls wenn ich den Bug etwas nach unten drücke – und kann mir so das abbauen und anschließende neue spannen der Wanten sparen. Puh. Dann setze ich das Segel – und reffe es sofort. Den Spriet nehme ich gar nicht erst in die Hand. Der Wind ist ähnlich stark wie letztes Jahr auf dem Sneeker Meer – und die Ereignisse dort habe ich gewiss nicht vergessen.

Endlich unter Segel

Endlich unter Segel

Ein wenig mulmig ist mir schon als ich ablege. Aber ich weis: Ich muss es versuchen. Hier ist erstmal das Ufer immer in der Nähe, notfalls kann ich anlanden. Und wenn ich jetzt hier bleibe werde ich nie wissen ob es geht. Also: Ablegen.

Unter Rauschefahrt – meine Kleine kommt binne Sekunden ins Gleiten – geht es los. Ich muss mich konzentrieren, aber es geht gut. Trotz des starken Windes kommt sie nicht ins krängen – ganz normales auf dem Schlauch sitzen reicht, ich muss nicht ausreiten. Und auch auf der Pinne ist kein Druck, alles scheint zu passen. Ich freue mich. Das macht spaß. Zugegeben – es könnte einen Ticken langsamer sein, ich muss nicht unbedingt gleiten (dem Traue ich bei BEA nicht so ganz…. das macht sie sonst NIE länger als paar Sekunden…) aber es ist auch schön vorwärts zu kommen. Es klappt! Dann kann der Törn ja was werden!

Viel zu schnell nähere ich mich dem Ende des Kanals. Jetzt wird es ernster. Gleich kommt Seegang dazu. Nicht das ich auf ein wirklich großes Gewässer kommen würde – aber doch etwas weiter und weniger geschützt als der Kanal. Noch einmal die Daumen drücken und Hoffen. Das muss jetzt einfach klappen.

Bitte, bitte…..

Kaum bin ich hinter der Landabdeckung heraus erfasst mich der Seegang. Ich merke wie meine Kleine zur Seite geschoben wird. Nicht zu stark, sie macht noch mehr strecke nach vorn denn zur Seite – aber doch merklich. Eilig suche ich den Beginn des nächsten Kanals. Jetzt nur nicht zu weit abtreiben lassen, sonst wird es anstrengen.

Nach einigen Sekunden finde ich ihn. Ich muss meinen Bug etwas mehr nach Steuerbord drehen.

Mittlerweile bin ich – wie könnt’s auch anders sein – relativ weit abgetrieben. Ich versuche gegenan zu kommen, bin aber schon fast in der hintersten Ecke des kleinen Sees. Fuck. Soll ich jetzt etwa kreuzen? Hm… bleibt mir ja nicht viel anders übrig. Also Pinne rüber hauen und ne Wende. Sonst hänge ich gleich im Schilf. Und irgendwie stand anlanden nicht wirklich auf dem Programm – das ist doch eigentlich ehr für den Notfall gedacht. Noch in der Wende merke ich, das dies so nicht funktioniert wie gedacht. Was eben noch eine schnelle Fahrt war wird ebenso schnell zu einen dümpeln – dann stehe ich. Mitten im Wind. Nun, eigentlich stehe ich nicht. Ich treibe immer noch wunderbar ab. Genau ins Schilf. Nur segeln – oder gar steuern, das ist nicht mehr. Eilig packe ich das Holzpaddel – das andere ist dieses Mal nur noch Reservepaddel – und lege mich in die Riemen. Mit aller Kraft versuche ich Fahrt zu machen, aus dieser verdammt beschissenen Legerwallsituation heraus zu kommen. Doch kaum habe ich mühevoll einen Wellenberg erklommen und etwas Tempo, knalle ich nach unten. So kann ich vielleicht etwas Zeit erkaufen – aber raus komme ich hier auf diese Weise nicht. Kacke. Genau das was ich befürchtet hatte. Naja, nicht genau – aber irgendwie…

Sch...ilf!

Sch…ilf!

Dann greift eine Böe doch ins Segel – und drückt mich die letzten Meter ins Schilf, bevor ich reagieren kann. Es läuft ein Ruck durch das Boot – dann stehe ich still. Selbst die Wellen bringen kaum Bewegung in die ganze Geschichte. Ich hänge im Schilf. Eilig löse ich die Achterknoten, die die Schot vom durchrauschen schützen sollen, packe den Baum und Segel und klappe alles hoch an den Mast. Mit ein paar Handgriffen Binde ich Baum und Segel fest. Jetzt werde ich zumindest nicht mehr weiter hier rein gedrückt und das Boot liegt nun sehr ruhig.

Nachdenklich sehe ich mich um. Schön hier.

Die Sonne scheint. Ein paar Tiere sind unterwegs und machen die unterschiedlichsten Töne. Der Wind pfeift leise in den nächsten Bäumen, das Graß raschelt. Die Wellen rauschen und schlagen gegen das Ufer. Es ist schön hier. Wirklich – schön.

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Und ich sitze mitten drinnen. Bin angeschwemmt worden. Scheiße.

Schließlich hole ich tief Luft – und trinke einen Schluck Eistee. Das kann ja lustig werden.

 

Alle beschriebenen Ereignisse fanden an 08.03.2015 in den Niederlande, Friesland statt.

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Sebastian

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