Von Erschöpfung und dem Ankommen

Zunächst werfe ich noch mal einen Blick auf die Karte. Nicht das ich mich in die falsche Ecke verhole. Als erstes hoffe ich, hier heraus paddeln zu können. Doch die Wellen klären mich schnell auf: Wenn du versuchst aufs offene Wasser zu kommen drücken wir dich gleich wieder zurück. Also lass es gleich sein. Hm. Doof.

Es dauert nicht übermäßig lange, dann steht mein Plan fest. Auch wenn mir dabei das Herz blutet – die Umwelt freut sich sicherlich nicht darüber – versuche ich mich mit den Händen am Schilf entlang zu ziehen. Etwa 100 Meter Richtung Norden war kein Schilf am Ufer und man konnte dort vernünftig anlanden. Hier müsste ich nicht nur mich durch das Schilf schlagen, sondern hätte auch noch große Probleme meine Kleine ans Ufer zu bekommen. Also geht’s erstmal übers Wasser weiter.

Grrr...

Grrr…

Naja, jedenfalls mehr oder weniger. Denn in meiner Überlegung habe ich nicht bedacht, das ich ja praktisch auf Schilf „gestrandet“ bin. Auch nachdem ich das Schwert hochgezogen habe hänge ich immer wieder fest. Mit dem Paddel drücke ich dann jedes Mal das Schilf zur Seite. Ein Kraftakt der mich ins Schwitzen bringt. Was ich mir einfach vorgestellt habe wird zu einem längeren Kraftakt. Ich muss mich förmlich durch das Schilf schlagen. Bei einem Blick zurück könnte ich Kotzen. Ich kann regelrecht sehen wo ich das Schilf niedergemäht habe. Aber was sonst? Privat kommt heute hier wohl kaum jemand vorbei. Falsche Jahreszeit. Und auch noch Sonntag – durch die Brücke in Warns kommt man ja heute eigentlich gar nicht. Und professionelle Hilfe ist für mich etwas für den Notfall – wenn man sich nicht mehr selbst helfen kann. Trotzdem: Der Anblick ist alles andere als erfreulich.

Plötzlich liegt direkt vor mir ein Baumstamm im Wasser. Immer wieder versuche ich an ihm vorbei zu kommen. Doch jedes mal, wenn ich den Bug neben die Spitze des Stammes drücke (was sehr gut geht), wird das Heck zur Seite gedrückt so das ich plötzlich HINTER dem Stamm bin. Und hab ich schon erwähnt, das ich dort nur noch tiefer ins Schilf käme?

Nach viel zu vielen Versuchen wird es mir zu doof. Anstatt wieder zu wenden und erneut zu versuchen, gehe ich das ganze einfach rückwärts an. Also: Mit dem Heck voran! Es ist zwar noch immer beschwerlich, aber jetzt komme ich auf Anhieb rum. Und das Beste: Plötzlich schwimme ich wieder! Kein Schilf unterm Rumpf der mich festhalten mag! Mit aller Kraft lege ich mich ins Zeug und paddele. Zwar drücken mich die Wellen wieder aufs Schilf, aber bis ich wieder feststecke habe ich den größten Teil der Strecke hinter mich gebracht. Die letzten Meter durch das Schilf gehen schnell und ich bin in der winzigen Bucht im Norden des Sees. Hier gibt es einen Steg neben dem (an Land) ein Katamaran liegt. Ich mache fest und gehe erstmal an Land. Hinter dem Katamaran, im Windschutz sehe ich mir die Karte an. Ich habe zwei Möglichkeiten. Ganz in der Nähe ist ein Yachthafen zu dem ich meine Kleine bringen könnte. Natürlich nur über Land, auf dem Wasser müsste ich direkt gegenan. Allerdings ist der Weg dorthin ungünstig. Direkt geht nicht, da sind Bäume und Sträucher im Weg, ich müsste einen ordentlichen Bogen schlagen und, wenn ich das richtig sehe auch über eine Straße. Und das mit BEA im Schlepptau. Danach könnte ich sie vermutlich als Totalschaden entsorgen, auch wenn ich die Bauplane unterlege.

Oder aber ich bringe sie, auch wenn das deutlich weiter ist zum nächsten Kanal und gehe dort wieder aufs Wasser. Danach geht es zwar wieder auf einen See, der sogar noch größer ist – aber dort KANN ich mich abtreiben lassen und muss nur darauf achten, nicht ins Schilf zu geraten! Außerdem kann ich ja jetzt auch gut den Mast legen, das dürfte die dem Wind dargebotene Fläche deutlich reduzieren. Zurückblickend war es wohl auch nicht sooo clever, den Mast mit Segel hochzuklappen. Die Fläche war zwar kleiner als Gehisst – aber doch nicht sooo gering. Im Norden des angedachten Sees geht dann ein Kanal nach Norden, Richtung Koudum. Dort hab ich dann nicht mehr die Probleme mit dem Seegang. Ja, so sollte es gehen. Aber: Die Strecke bis zu dem Kanal ist weit (etwa 500m Luftlinie – und die kann ich nicht gehen…)! Und ich bin mir nicht sicher, ob ich dort mein Boot ins Wasser lassen kann. Wenn alles voller Schilf ist, kann ich das vergessen.

Also beschließe ich zunächst das Boot zurück zu lassen und die Strecke zu erkunden. Ich muss über mehrere Äcker die voneinander durch Wassergräben, Zäune und Tore getrennt sind. Allerdings ist hier nichts gepflanzt und keine Tiere, ansonsten hätte ich auch von dieser Idee abstand nehmen müssen. Zunächst gehe ich nach Süden, doch auf halbem Wege stehe ich vor einem Hindernis, das ich mit BEA nicht überwinden kann. Ein Zaun – ohne Tor. Und dahinter ist alles bewachsen, da käme ich eh nicht ans Wasser. Also geht es weiter bis zum Kanal. Die Sonne scheint und das Laufen tut gut. Schließlich finde ich eine gute Stelle. Um hier her zu gelangen muss ich etwa einen Kilometer zurück legen – aber hier komme ich direkt ans Ufer! Und der Boden auf dem Weg ist klasse – alles Wiese, keine Steine. Natürlich werde ich beim Bootstransport noch mal genau hinsehen müssen, aber ich bin guter Dinge. Um das Boot hier ins Wasser zu bekommen muss ich es zwar über ein Paar Steine, die den Kanal sichern bringen, aber das dürfte das kleinste aller Probleme sein. Also geht es zurück zum Boot, das ja noch im Wasser liegt.

Zunächst kommt das Ruder mit Pinne, Schwert und der Mast mit Baum und Segel vom Boot und an Land. Anschließend folgen die Seesäcke und was sonst noch so im Boot liegt. Ich möchte nicht riskieren, das etwas ins Wasser fällt. Außerdem ist das Ufer nicht gerade flach – und man muss sich ja nicht gleich alles unnötig schwer machen. Kaum ist das Boot an Land verstaue ich alles wieder im Boot.

Boot an Land...

Boot an Land…

Doch kaum habe ich das Boot die ersten – vielleicht 10 – Meter gezogen wird mir klar: So wird das nichts! Ich schaffe ein, vielleicht zwei Schritte, dann muss ich stehen bleiben. Das ganze Packet ist einfach viel zu schwer!

Doch ich hab mir vorgenommen das Boot zum Kanal zu bringen – also werde ich das auch machen! Und so löse ich das soeben festgezurrte Gepäck, schnappe mir einen Seesack und begebe mich auf den Weg. Wenn ich jetzt das ganze Gepäck einzeln zum Kanal tragen muss kann das ja noch lange dauern. Es ist zwar erst um die Mittagszeit aber ich mag eigentlich nicht erst in der Abenddämmerung ankommen. Denn im Wasser hab ich ja auch noch paar Kilometer vor mir. Zwar nicht sooo viele, aber trotzdem. Und wer weis, was heute noch passiert.

Der erste Seesack wird abgeladen, dann geht es zurück. Bei BEA angekommen gönne ich mir eine kurze Pause und trinke den letzten Rest Eistee. Danach noch etwas Wasser aus den Kanister. Dabei kommt mir kurz die Idee, das Wasser auszuleeren. Damit würde ich mir gleich mal 30 Kilo sparen! Doch kaum gedacht wird diese Idee (wie schon so viele heute…) verworfen. Wer weis, wann ich wieder in einem Hafen bin, in dem ich meine Wasservorräte auffüllen kann. Denn das im März überall die Sanitäranlagen offen sind, so das ich an fließend Wasser komme kann ich nicht erwarten. Und noch bin ich nicht bereit den Törn abzuschreiben. Aber die 30 kg…

Kurz entschlossen packe ich die Wasserkanister und schleppe sie zum Kanal. Dabei Schneiden sie in meine Hände ein, so das ich etwa alle hundert Meter eine kleine Pause einlege. Mittlerweile merke ich deutliche Ermüdungserscheinungen – dabei hab ich doch noch einiges was ich tun muss! Ich beschließe den Gedanken beiseite zu schieben und konzentriere mich auf mein Ziel. Und wenn die Kanister am Kanal sind – wer weis, vielleicht kann ich BEA ja dann ziehen? 30 kg sind ja nicht wenig, das könnte doch den Unterschied machen?!

Und tatsächlich: Zurück bei BEA gelingt es mir sie zu ziehen. Sicher, nicht über mehrere Hundert Meter – aber doch deutlich besser als zuvor. Die Leine, an der ich ziehe schneidet dabei in meine Hände ein, deutlich schlimmer als vorhin noch die Wasserkanister. Nach etwa einem drittel der Strecke gönne ich mir eine Pause und steige auf den Deich.

Huch? Was ist denn das? Der Wind scheint schwächer geworden zu sein! Oder? Und hier ist kein Schilf! Soll ich vielleicht BEA gerade hier ins Wasser werfen und versuchen ob gegen den Wind hier raus paddeln geht? Ich könnte einfach im Kanal anlegen und mein Gepäck das dort bereits liegt wieder einladen. Dann hätte ich nicht mehr diesen Scheiß mit den schneidenden Leinen… Das wäre doch was…

Kaum habe ich die gedacht, bläst eine Böe über das Wasser. Hm. Klar, fühlt sich jetzt alles viel harmloser an als vorhin auf dem Wasser. Aber hier am Deich wäre es deutlich schwerer BEA wieder aus dem Wasser zu holen wenn es nicht geht. Und ich müsste ein ganzes Stück gegenan – wenn das schief geht, würde ich wieder im Schilf stecken! Ach du…. nein, das lassen wir mal schön sein. Ich gebe mir einen Ruck und gehe zurück zu BEA. Hier, hinter dem Deich ist der Wind ideal. Da könnte man doch schön segeln! Fehlt nur noch das Wasser…

Während ich meine Kleine weiter übers Land ziehe, stelle ich fest, das ich glücklich bin. Überrascht bleibe ich stehen. Bitte was? Jeder Knochen in meinem Körper schmerzt, ich fühle mich fix und fertig, bisher hat praktisch nichts so geklappt wie geplant (ich wollte heute bis hinters Heeger Meer, vielleicht sogar noch übers Sneeker Meer! Das ist mehr als nur gestrichen….)… und ich bin… glücklich?!

Und doch… die Sonne scheint, es ist nicht kalt (auch wenn das vielleicht etwas an der Anstrengung liegt)…. und, das wichtigste: Ich bin unterwegs. Und das ist toll. Nein, auch wenn ich vielleicht umplanen muss, heute endet dieser Törn nicht.

Irgendwie... Schön... hier...

Irgendwie… Schön… hier…

Mit frischer Kraft – wo kommt die denn plötzlich her? – ziehe ich das Boot mit der restlichen Ausrüstung weiter. Etwa auf halbem Wege höre ich plötzlich wie sich ein Tracktor von hinten nähert. Ich bin hier auf Privatbesitz – das ist mir vollauf bewusst. Doch da ich natürlich nicht weis wem es gehört und es aktuell ungenutzt ist hatte ich einfach gehofft damit niemanden zu stören. Hoffentlich hatte ich niemanden verärgert. Aber selbst wenn – mittlerweile ist der Schnellste Weg von den Weiden der zum Kanal. Also ziehe ich weiter. Und vielleicht, so denke ich mir, will der ja gar nicht zu mir.

Doch kaum habe ich das gedacht hält der Trecker neben mir an. Drinnen sitzt ein junger Mann, höchstens zwei, drei Jahre älter als ich und… lächelt mich an.

„Hoi. Kan ik je helpen?“

Überrumpelt (ich hatte ganz vergessen WIE freundlich die Niederländer doch für gewöhnlich sind. Es ist toll hier!) sehe ich ihn an. Dann stammele ich etwas von „Do you speak english or…. deutsch?“. Man glaubt es kaum, aber das freundliche Lächeln wurde noch größer als er mir erklärte, er könne ein bisschen Deutsch. Ob er mir vielleicht helfen solle? Ich könne doch einfach mein Boot an den Trecker binden, dann würde er es schleppen. Dankend nehme ich an – trotzdem bitte ich ihn sicherheitshalber nur ganz langsam zu fahren. Nicht dass das Boot zerreist. Kaum ist sie festgebunden wird BEA vom Tracktor geschleppt. Der junge Mann fährt gerade Schritttempo, so das ich nebenher gehen kann und sowohl auf BEA als auch den Boden vor ihr ein Auge haben kann. Bei den Toren eile ich jeweils kurz vor, öffne das Tor und schließe es wieder, kaum ist der Tracktor durch. Erst später kommt mir, das ich die Tore ja auch hätte auflassen können – immerhin musste ja der junge Mann mit dem Tracktor auch wieder zurück.
Innerhalb weniger Minuten erreicht der junge Mann im Tracktor, BEA und ein überglücklich- und dankbarer Sebastian den Kanal. Noch mal bedanke ich mich für die Hilfe – es wird abgewunken.

„Kein Problem.“

Während der Tracktor in Richtung eines Hofes verschwindet sehe ich ihm lächelnd nach. Alles ist wieder gut. Ich weis zwar noch nicht wie ich den Törn so richtig realisieren soll, aber ich weis: Ich will noch länger in Friesland bleiben. Es ist einfach schön hier.

Aber ich weiß: Um hier einen schönen Urlaub zu verbringen muss ich keine gigantischen Strecken zurück legen. Für einen Moment muss ich an fortgeblasen.at denken – den Blog lese ich seit ein paar Monaten. Wennn die so langsam unterwegs sein können kann ich das auch. Man muss doch keine Strecke machen um etwas zu erleben, um zufrieden zu sein.

Ich bin glücklich. Ich bin angekommen.

 

Die Ereignisse in diesem Teil geschahen am 08.03.2015

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Sebastian