Endlich – Meer!

Erschöpft komme ich in Harlingen an. Aber noch bin ich nicht im Hafen – und so genau weis ich nicht, wo ich bleiben werde. Denn die Häfen sind in der Stadt – ich bin mir nicht sicher, ob ich irgendwo bleiben darf. Und der Campingplatz hat noch geschlossen, ist also auch keine Option. Nun, es wird sich schon was ergeben. Aber welchen Hafen soll ich als erstes versuchen? Hier, hinter der Brücke, teilt sich der Kanal. Paddel ich Richtung Schleuse komme ich zu dem Hafen, der mir am liebsten wäre. Direkt neben der Schleuse, mitten in der Stadt…

Wenn ich aber dort nicht bleiben kann, dann muss ich gegen den Wind zurück paddeln. Gehe ich aber zu einem der anderen Häfen, die deutlich weiter außerhalb liegen (aber immer noch in der Stadt) dann wäre ich ja so weit vom Meer entfernt…

No Risk No Fun – also geht’s weiter Richtung Schleuse.

Am Rand des Kanals liegen wieder einige tolle Schiffe. Segelschiffe – natürlich.

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Gleich vor der Schleuse geht es in einen Seitenkanal und in den Hafen. Bereits bei der Einfahrt fällt mir auf, dass es hier nicht einfach wird mein Zelt aufzustellen. Größere Grünflächen fehlen, das was Grün ist, ist schmal und nicht mal halbwegs eben. Allerdings ist gleich zu Beginn ein Bereich – wohl ein Parkplatz – wo ich das Zelt hinstellen könnte. Vermutlich zum schlafen nicht am bequemsten, aber dafür wirklich Zentral. Von hieraus kann ich die Schleuse sehen. Es wäre so einfach… ich müsste nur BEA kurz losmachen und mich irgendwie durch die Schleuse schummeln – ich bezweifle irgendwie, dass man mich so ohne weiteres schleusen würde – dann wäre ich draußen. Auf dem Meer. Die See, zum greifen nah.

Aber noch kann ich nicht zu ihr, ihr lockender Ruf bleibt fürs erste Unerhört. Denn noch weis ich ja gar nicht, ob ich bleiben darf!

Wie ein aufgescheuchtes Huhn renne ich im Hafen hin- und Her. Es sind schon viele Boote im Wasser aber ein Hafenmeister ist nicht in Sicht. Am Büro finde ich schließlich eine Telefonnummer unter der ich ihn erreichen kann. Schade, ich hätte gerne auf so ein Telefonat verzichtet. Aber hey, das soll’s mir Wert sein. Schnell ist die Nummer gewählt. Lange klingelt es nicht, und ich höre die Stimme des Hafenmeisters. Mit einer Mischung aus Deutsch und Englisch mache ich ihm klar, dass ich hier bin – mit einem offenen Segelboot und einem Zelt – und gerne bleiben würde. Noch kann er mir nicht sagen ob ich bleiben kann – muss erst mal sich das ganze selbst ansehen. Also warte ich noch ein paar Minuten bis plötzlich ein älterer Herr, der sich als der Hafenmeister herausstellt vor mir steht. Ungläubig sieht er mich an, als ich ihm erkläre, ich sei mit BEA hier her gekommen, seit einer Woche unterwegs und würde gerne ein paar Nächste hier bleiben. Vorsichtig frage ich ob ich mein Zelt aufstellen und BEA daneben festmachen dürfte. Freundlich lächelnd nickt er. Klar – kein Problem. Ich will gleich bezahlen doch er lehnt ab. Kein Thema, kostet nix. Ich soll meinen Aufenthalt genießen, die Klos wären auf und beheizt, die Duschen abgeschlossen. Wenn’s ein Problem gäbe solle ich mich melden.

Klasse – ich habe erst gestern geduscht (meine Hemmschwelle auf diesem Törn war etwas niedriger als im Alltag), Klos – und dann noch beheizt – sind unglaublich praktisch…

Und: Ich darf – ohne auch nur einen Cent zu bezahlen – eine nicht näher bestimmte Anzahl an Nächten hier, mitten in Harlingen mit Boot und Zelt bleiben. Kaum zu glauben.

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Während ich mich noch freue wie ein Kind verabschiedet sich der Hafenmeister und geht wieder nach hause. Ich steige wieder in meine Kleine und bringe uns beide zum Liege- und Zeltplatz. Der Aufbau geht recht schnell wenn auch nicht einfach. Der Boden ist Hart und Steinig, die Heringe vernünftig rein schlagen unmöglich. Ich mag auch nicht den Boden nachhaltig beschädigen. Also drücke ich sie nur vorsichtig rein und werfe dann schnell mein Gepäck ins Zelt, um sicher zu gehen das es mir nicht wegfliegt. Mehr geht einfach nicht. Um den Boden des Zeltes vor dem ungünstigen Untergrund zu schützen habe ich außerdem die mitgeführte Bauplane untergelegt. Der Boden ist hart, viele kleine Steinchen und Sandkörner, ich will nicht das Zelt kaputt machen.

Dann geht es schnellen – und, wenn ich ehrlich bin, herzlich orientierungslosen Schrittes durch die Stadt. Das Ziel – ganz klar – das Meer. Nur kurz nehme ich mir Zeit die herrliche Altstadt von Harlingen zu genießen, dann geht’s weiter. Mitten in der Altstadt finde ich mich dann zurecht. Hier war ich letztes Jahr ein paar mal, ich weis wo ich bin. Kurz halte ich inne. Ich könnte ja aus der Stadt raus, Richtung Campingplatz und dort auf den Deich. Die Sicht von dort ist einfach besser als wenn ich zum Fährhafen, der hier direkt um die Ecke liegt gehe.

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Aber nein – ich bräuchte deutlich länger, also so fünf bis zehn Minuten um dort hin zu kommen. Den Fährhafen hingegen kann ich in ein bis zwei Minuten erreichen. Und ich will es sehen. Also weiter, viele schöne Bauwerke und das eine oder andere sehenswerte Boot links (und rechts) liegen lassend bewege ich mich zielstrebig aufs Meer zu.

Dann bin ich da. Eben noch war es nur so etwas komisches in meinem Kopf, schwer zu beschreiben. Und jetzt ist es da…. und braucht gar nicht mehr beschrieben zu werden.                     Und doch ist etwas anders. Letztes Jahr waren die Gefühl anders – nicht besser, nicht schlechter, anders.

Was ich dieses Mal fühle ist… gesetzter, ruhiger. Ein innerer Frieden macht sich breit, all die Mühen die ich hatte um hier her zu kommen, verschwunden. Das ist es, das ist der Grund warum ich so bescheuert bin und im März mit BEA einen Törn mache. Das ist der Grund, warum ich Nachts bei Frost gezeltet, tags gegen den Wind gepaddelt bin. Das ist der Grund warum ich immer weiter gemacht habe, wie es gerade möglich war. Ich bin da. Ich bin am Ziel. Ich bin zuhause. Nun – fast, jedenfalls. Jetzt da ich endlich hier bin ist der Ruf des Meeres lauter, deutlicher, lockender. Alles in mir will dort raus, die Leinen los werfen und ins Meer stechen. Einfach segeln, sehen wohin der Wind einen treibt. Segeln. Leben. Ich bin glücklich und traurig zugleich. Mit BEA kann ich nicht raus, das weis ich. Also werde ich hinter den Toren bleiben, noch diesen lockenden, liebevollen Klang, dem Ruf der See widerstehen. Aber, das ist eine Gewissheit die ich in diesem Augenblick habe und auch nicht verlieren werde, ich werde raus fahren. Raus, zur See. Das Meer erkunden.

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Es fällt mir schwer mich von dem Bild loszureisen. Warum? Ich weis es nicht. So toll ist’s eigentlich gar nicht. Durch den Vorhafen ist die Sicht eingeschränkt. Und doch: Da ist es. Das wissen, was da vor mir liegt ist noch wichtiger als das, was ich sehe. Trotzdem, wenn ich schon mal da bin mag ich mehr sehen. Also reise ich mich los. Auf dem Weg zurück in die Stadt komme ich wieder am Fährhafen vorbei. Kurz entschlossen schnappe ich mir eine Broschüre mit den Preisen und dem Fahrplan. Was ich damit will weis ich noch nicht genau. Na ja, eigentlich schon. Aber ich glaube nicht, das ich es machen werde.

Kurz darauf stehe ich bei Molly’s, einer Imbissbude mitten in Harlingen, im Zuiderhaven. Ich war schon letztes Jahr hier. Die Fritten sind der Hammer und die Bedienung wirklich nett. Zwar ist dieses Mal nicht die gleiche da wie die, die mich letztes Jahr hier bedient hat – doch das ist nicht weiter tragisch. Auch heute werde ich von einer wirklich zuvorkommenden jungen Frau bedient die sich breit lächelnd meiner annimmt. Was kann ein Mann, der seit einer Woche fast dauerhaft abseits von Menschen unterwegs ist, körperlich nur bedingt gepflegt und die Kleidung wohl in grauenhaftem Zustand mehr erwarten?

Nun, ich kann es euch sagen: Die See. Also verabschiede ich mich fröhlich von der lieben Frau und eile weiter ans Meer. Auf dem Weg nasche ich an den Fritten, doch noch bevor ich damit fertig bin habe ich das Meer erreicht. Mein Schritt wird schlagartig langsamer. Im Spaziertempo gehe ich auf dem Deich der Hafeneinfahrt entlang. Von hieraus habe ich genau das richtige Bild. Die Weiten des Meeres liegen vor mir, lachen mich an. Kaum bekomme ich mit das ich von den wenigen anderen Spaziergängern immer nett gegrüßt werde. Irgendwie schaffe ich es trotzdem, die Grüße zu erwidern. Als wäre das noch nicht genug, geht nun auch die Sonne unter. Zwar sind ein paar Wolken am Himmel, das will meine Freude aber nicht weiter schmälern. Es ist einfach toll hier zu sein. Ein Traum. Wie oft habe ich im Winter (halt warte – es ist ja noch Winter!) auf dem Sofa gelegen, das Bild an der Wand angesehen, ein Bild von einem Sonnenuntergang über dem Meer und geträumt. Und jetzt bin ich hier…

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Auf dem Rückweg in die Stadt fällt mir auf, das ich wirklich von jedem dem ich begegne freundlich angelächelt und gegrüßt werde. Wie kommt das nur?

Egal – ich freue mich einfach.

Ganz ereignislos verläuft der Rückweg nicht, einmal verliere ich die Orientierung und irre umher. Doch hier ist auch das nicht schlimm. Obgleich es schon stark am dunkel werden ist, ist Harlingen noch immer sehenswert. Und jetzt, wo ich am Meer war – oder sollte ich sagen bin? – nehme ich mir auch die Zeit, die dieser Wunderschönen Stadt gebührt.

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Kurz noch Zähneputzen, dann verhole ich mich in den Schlafsack. Noch bevor ich auch nur eine Chance hatte einzuschlafen höre ich, wie eine Yacht den Hafen verlässt und durch die Schleuse fährt. Verdammt bin ich neidisch. Wie gerne wäre ich dort an Bord. Auch wenn ich eigentlich hunzmüde bin – dafür hätte ich die Kraft. Würde mir jetzt jemand eine Möglichkeit zur See zu fahren anbieten, ich wäre sofort Top fit.

Natürlich bietet mir keiner diese Möglichkeit, doch das ist nicht weiter tragisch.

Während ich schreibe fällt mir auf, das mein Schreibstiel komisch ist. Die ersten Tage hatte ich ganze Sätze geschrieben – man hätte sie auch direkt veröffentlichen können. Zwar konnte man daraus noch mehr machen, aber sie waren vernünftig ausformuliert. Aber jetzt… es sind extrem kurze Sätze, alle Füll- und Bindewörter fehlen. Aber eben auch keine Stichworte sondern irgend etwas dazwischen. Kein Wort, das nicht unbedingt nötig ist findet seinen Weg aufs Papier. Und doch sind es, allein für diesen einen Tag wieder 4 DIN-A 4 Seiten.

Ich hab sie doch nicht mehr alle.

Beim Einschlafen habe ich das Bild des Meeres vor Augen und das Rauschen in den Ohren.

 

Seht euch die Bilder auf Flickr an! Da sind ein paar tolle Bilder zu finden – hoffe ich. Außerdem würde ich mich freuen, wenn ihr mich auf Facebook und Twitter besucht.

Die Ereignisse in diesem Teil geschahen am 13.03.2015

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Sebastian