Ab ins Watt

Gut gelaunt wache ich am nächsten Morgen auf. Hier, am Meer ist alles besser – irgendwie. Jetzt hier zu sein hat auch das letzte bisschen schlechte Laune vom Vortag verschwinden lassen. Mit einem fetten Lächeln schäle ich mich aus dem Schlafsack und verlasse das Zelt. Ich bin richtig glücklich und freue mich auf den Rest des Törns. Aber erstmal bleibe ich in Harlingen. Toll ist das Wetter nicht gerade. Nicht nur, das der Wind mal wieder ordentlich pustet – er hat auch Wolken mit gebracht die den Himmel bedecken. Gemütlich schlendere ich durch die Altstadt Richtung Supermarkt. Nachdem mir gestern das Brot ausgegangen ist hab ich nichts mehr fürs Frühstück. Denn wenigstens für mich kommt eine heiße Suppe oder Nudeln mit Soße an diesem Morgen nicht als Frühstück in betracht. Nein, ich will was süßes. Und was herzhaftes, mit leckerem niederländischem Käse. Jami.

Doch bereits der Weg zum Supermarkt ist ein Genuss. Überall diese wundervollen, alten Häuser. Dazwischen die Kanäle die sich wie Adern durch die Stadt ziehen. Eine richtige Hafenstadt.

Ich bin nicht lange im Supermarkt – tatsächlich sogar einen ticken zu kurz. Kaum habe ich ihn verlassen fällt mir auf, das ich das Brot vergessen habe. Dafür hab ich an Brötchen gedacht, für ein gutes Frühstück ist gesorgt. Muss ich später oder morgen früh eben noch mal einkaufen gehen. Gibt schlimmeres. Und hier haben die Supermärkte ja auch Sonntags auf – ist also nicht schlimm, sollte ich heute nicht mehr daran denken.

Nach dem Frühstück ist kurz vor Tiefwasser. Es ist für mich die perfekte Zeit mich auf den Weg zu machen.

Nein – nicht mit BEA. Leider. Aber ich bleibe in Harlingen. Und da raus, bei dem Wetter…? Das würde ich selbst dann nicht machen, wenn „da raus“ ein Binnensee wäre. Und da draußen liegt das Wattenmeer! Also nöh – BEA bleibt sicher im Hafen.

Stattdessen bekleide ich mich mit meinen Gummistiefeln und stapfe so durch die Stadt. Hier im Ort mögen es nicht die perfekten Schuhe sein – aber fürs Watt sind sie eindeutig besser geeignet als Neoprenschlappen oder Chucks. Kaum auf dem Deich stelle ich überrascht fest, dass ich trotz der Jahreszeit nicht der einzige bin, der beschlossen hat an diesem Samstag Morgen das Watt zu erkunden. Zunächst taste ich mich vorsichtig vor. Verdammt, wann war ich das letzte mal im Watt? Muss unglaublich lang her sein. Letztes Jahr hatte ich nur bei Hochwasser mal die Füße reingehalten.

Ich sinke etwas ein, dann ist alles gut. Gemütlich laufe ich durchs Watt, schieße Fotos und genieße die Atmosphäre. Überall sehe ich Leben. Besonders die Vögel sind vorwitzig und lassen mich nah ran.

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Irgendwann hat das Watt aber die Schnauze voll von mir und gibt nach. Ich sinke ein. Nicht einen Zentimeter, nicht zwei. Auch nicht zehn. Nein, richtig rein. Bis übers Knie. Verfickte Scheiße. Was jetzt? Mein erster Versuch schnell weiter zu kommen lässt mich nur weiter einsinken, also mach ich erstmal… nichts. Solange ich mich ruhig halte bin ich sicher. Vorsichtig sehe ich mich um. Ich habe noch mehrere Stunden Zeit bis hier wieder Wasser ist, es gibt also kein Grund zur Panik. Dann überprüfe ich mein Handy und verstaue es etwas weiter oben. Sicher ist sicher.

Und jetzt? Das leichteste wäre es vermutlich, wenn ich aus den Stiefeln schlüpfen würde und zurück robben. Aber wie schon gesagt: Noch ist ja Zeit. Und eigentlich brauch ich die Stiefel noch – sie sind aktuell Ideal für mich zum Segeln. Neoprensandalen sind um die Jahreszeit zwar okay, auf Dauer aber nicht gerade bequem. Außerdem sind dann die Füße immer klitsch nass. Bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt ist das nun wirklich nicht toll.

Und Chucks…. naja, meine kleine nässt nun mal. Das ist jetzt echt keine Option. Also, mal sehen, ob ich auch anders hier raus komme.

Die Ferse nach unten, Zehen nach oben schaffe ich es, den Stiefel nach oben zu ziehen. Es ist ein Kraftakt, ich muss das Watt, das bereits damit begonnen hat sich über dem Stiefel zu schließen mit hochziehen. In ein paar Minuten wäre es unmöglich gewesen. Beim Versuch das gleiche mit dem zweiten Stiefel zu wiederholen klappe ich nach vorne. Egal, muss ich die Hose eben im Hafen sauber machen.

Die nächsten Meter sind ein wahrer Kraftakt. Der erste Stiefel ist schon wieder fast komplett eingesunken bevor der Zweite aus dem Watt befreit ist. Tja, das hat man davon wenn man weiter geht als alle anderen…

Es schaffe vielleicht fünf Meter – optimistisch geschätzt – dann sinke ich schon wieder ein. Verflixt noch mal.

Ich habe das Gefühl als wäre es dieses Mal noch schwerer die Füße inklusive Stiefel aus dem Watt zu bekommen. Immerhin: Ich schaffe es dabei aufrecht stehen zu bleiben.

Immer wieder wiederholt sich dieses Trauerspiel. Und doch sinke ich wieder ein. Scheiße.

Nach einem Tiefen Atemzug beschließe ich eine kurze Pause zu machen. Jeder Schritt hat unglaublich viel kraft gekostet. Ich laufe mehr DURCH das Watt als über es. Meine Füße stecken ständig im Watt.

Gemütlich lehne ich mich ein Stück nach vorne. Das ist nicht nur bequemer, sondern verhindert auch in einem gewissen Rahmen, das meine Stiefel total im Watt verschwinden.

Trotz allem komme ich nicht drum herum einzusehen das es hier schön ist. Wirklich – schön.

Nach ein paar Minuten hole ich erneut tief Luft. Mich zu befreien geht deutlich besser. Ob es daran liegt, das ich mich nach vorne gelehnt habe oder an der Pause ist mir egal. Ich komme wieder raus. Doch vorbei ist die Party noch nicht. Weiterhin braucht jeder Schritt Kraft. Mittlerweile ist auch etwas Schlamm in den Stiefel eingedrungen, innen ist er feucht. Und das bei den Temperaturen….

Dann, plötzlich. Da ist etwas.

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Es kommt für mich absolut überraschend, als ich plötzlich festen Boden unter den Füßen habe. Noch bin ich ein ganzes Stück vom Strand entfernt, aber hier wo ich jetzt bin kann man gut stehen. Nachdenklich drehe ich mich um. Es ist ein ganz schönes Stück das ich zurück gelegt habe. Scheiße, bin ich kaputt.

Vorsichtig, mit zittrigen Beinen setzte ich meinen Weg fort. Zittrig, weil mir die Kraft fehlt. Das war verdammt anstrengend. Mehrmals sacke ich ein, doch nicht mehr so schlimm. Kaum über die Knöchel – nach dem ich praktisch alle drei bis vier Schritte bis über die Knie eingesunken bin ist das nun wirklich nur noch eine Kleinigkeit.

Kaum hab ich den Strand erreicht fällt mir auf, das eine Gruppe junger Frauen mir etwas auf Niederländisch zuruft.

 

Die Ereignisse in diesem Teil geschahen am 14.03.2015

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Sebastian

2 Kommentare

  1. Hi Sebastian,
    bloß gut, dass Du da wieder heil herausgekommen bist… Für uns Leser ist es natürlich spannend 😉 Aus meiner Erfahrung ist der Untergrund nahe des Festlands gerne mal Schlick, während weiter draußen bei den Inseln der Untergrund meist (!) fester ist, sprich Sand.

    Liebe Grüße
    Klaus

    P.S. Bist Du diesen Sommer noch einmal unterwegs?

    • Hallo Klaus,
      freut mich sehr das es dir gefällt 🙂 – ein Kompliment – und dann noch von einem solchen Wortkünstler wie dir… da lacht doch das Blogger-Herz.
      Wenn alles gut geht kann ich im Spätsommer (oder Frühherbst?) nochmals mit BEA los, bis dahin gurke ich auf Baggerseen rum. Naja, besser als garnicht segeln. Und immer wieder eine gute Möglichkeit Sachen auszuprobieren.

      Liebe Grüße,
      Sebastian

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