Ein Nachmittag in Harlingen

Bis in den frühen Nachmittag hinein verkrümele ich mich ins Zelt und lese. Es macht spaß, entspannt.

Doch nachdem ich nun in dieser tollen Stadt bin möchte ich ihr wenigstens einen Teil meiner Zeit widmen. Also gehe ich erneut los – dieses Mal mit dem Ziel Altstadt – in der ich ja bereits bin.

Kaum bin ich mitten drinnen, stolpere ich über einen Markt. Vieles ist für mich weniger interessant aber ein, zwei Stände mag ich mir ansehen. Nur nicht jetzt – erstmal brauche ich wirklich einen neuen Wetterbericht. Ich weis, das es in der kommenden Woche schön werden soll Sonnig. Aber das sagt mir herzlich wenig über den Wind. Und als Segler ist das für mich dummerweise noch wichtiger. Also geht es nicht zu den Ständen sondern ins Tourismusbüro. Das war hier doch irgendwo…

Nachdem ich erst in genau die falsche Richtung gelaufen bin schaffe ich es schließlich meinen Weg zu finden. Kaum habe ich das Büro betreten fällt mir ein Computer zur öffentlichen Nutzung auf. Klasse! So kann ich mir selbst die Quelle aussuchen – und hab zumindest eine grobe Prognose für die kommende Woche.

Die Freude hält nicht lange an. Zwar bekomme ich einen Windbericht für die gesamte nächste Woche – aber morgen, der Tag an dem ich eigentlich weiter wollte ist nicht wirklich toll. Gar nicht toll. Gemeldet sind für die nächsten 2 Tage Wind aus Osten bis Windstärke 6. Auch wenn ich eigentlich ehr an einen Südkurs gedacht hatte – da gibt es dann doch einige Stellen an denen ich mit dem Wind kämpfen müsste. Ich könnte nur paddeln – UND ich müsste gegen den Wind. Etwas missmutig sehe ich den verdammten Wetterbericht an. Danach ist’s ganz okay. Paar Tage gerefft, paar Tage vielleicht sogar unter „Vollzeug“. Nur: Meine Abreise werde ich wohl verschieben. Oder…? Hm. Ich bin hin- und hergerissen. Sicher, ich habe keinen Zeitdruck. Aber eigentlich war für morgen geplant weiter zu kommen. Harlingen ist eine tolle Stadt. Doch ich bin nicht der riesen Stadtmensch… und bei dem aktuellen Wetter gelüstet es mir nicht nach einer Wanderung auf dem Deich. Also – was tun?

Nachdenklich sehe ich mir kurz ein paar Optionen im Internet an und unterhalte mich mit der Angestellten im Tourismusbüro. Nach und nach keimt eine Idee in mir. Wirklich entscheiden mag ich mich erst morgen – so ganz spontan, worauf ich nach dem Aufwachen Lust habe.

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Eine Stunde ist vergangen bis ich das Büro verlasse. Kaum draußen stehe ich wieder mitten auf dem Markt. Und jetzt habe ich Zeit mich richtig umzusehen. Etwas Amüsiert entdecke ich einen Blumenstand – ganz so, wie man es in den Niederlanden erwartet, passt perfekt ins Bild. Und, gleich daneben einen Käsestand. Na, wenn ich schon hier bin kann ich ja mal was probieren. Der Käse im Supermarkt ist in den Niederlande schon deutlich besser als in Deutschland – aber warum sollte ich mir nicht mal was gönnen und mich hier auf dem Markt bedienen? Nachdem klar ist, das der Verkäufer gut deutsch kann lasse ich mich beraten. Was würziges, altes. So richtig zum genießen, nix zum runterschlingen.

Lächelnd schneidet er mir ein Stück Käse ab und bietet es mir zum probieren an. Man sieht ihm das Alter schon an – eindeutig, der hat lange gereift. Kaum berührt er meine Zunge beginnt ein herrliches Geschmackserlebnis. Genau danach hatte ich gesucht. Es ist ein wirklich alter Käse aus Nord-Holland, overjaarig. Wenn ich das richtig verstanden habe 36 Monate gereift. In Scheiben schneiden? Unmöglich. Der Käse bröckelt schon, wenn man ihn nur ansieht. Aber man kann sich mit dem Messer ein Stückchen abschneiden. Das bröckelt zwar immer noch, lässt sich aber händeln. Und jami…

Ein Genuss.

Ich muss noch in den Supermarkt, aber da dort auch Käse verkauft wird beschließe ich, zunächst meinen neusten Erwerb zurück zum Hafen zu bringen. Es fühlt sich falsch an mit dem Käse vom Markt in den Supermarkt zu marschieren.

Mittlerweile bin ich oft genug durch die Innenstadt geirrt und finde mich ohne Probleme zurecht, daher dauert es nicht lange bis ich wieder zurück bin.

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Statt direkt in den Supermarkt zu gehen zieht es mich zunächst wieder ans Meer. Einfach schön hier… Verträumt sehe ich hinaus. Zwar ich das Wasser schon wieder am Ablaufen, aber noch ist das Wasser ganz nah. Kurz ärgert mich die Windrichtung. Nicht wegem Segeln. Nicht wegen der Routenplanung. Nein, der Grund ist simple. Dadurch, das der Wind ablandig weht, pustet er die salzige Meeresluft fort, dieser angenehme Geruch ist kaum wahrnehmbar. Schade – aber auch das kann meine Gute Laune nicht vertreiben. Ich bin Glücklich.

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Schließlich begebe ich mich im Windschatten des Deiches – also auf der Seite der See – zurück in die Stadt. Mittlerweile ist es Abend und ich mag wirklich noch einkaufen. Also kurz in den Supermarkt. Brot kaufen – alles andere habe ich schon. Kaum stehe ich im Zuiderhaven fällt mein Blick auf Molly’s. Eigentlich wollte ich ja heute wieder selbst kochen. Nicht schon wieder Fritten futtern. Aber Molly’s.*… Ich weis nicht ob sie wirklich so gut sind oder ob es Erinnerungen sind, an meinen ersten Törn mit BEA die ich dort mit den Fritten aufnehme… Egal. Ich mache hier Urlaub, da darf man auch mal zwei Abende hintereinander in der Lieblings-Frittenbude Fritten futtern.

Anders als gestern Abend verschwinde ich aber nicht mit den Pommes sondern genieße sie dort, während ich immer wieder raus in den Hafen schaue. Es ist einfach schön hier. Mir wird klar, warum ich diese Stadt so sehr mag. Zum einen ist sie mein ganz persönliches Tor zur See. Irgendwann – ich weis nicht wann – werde ich hier durch die Schleuse raus auf’s Meer fahren. Dieser Ort ist für mich was besonderes da ich nun schon zum Zweiten mal hier mit dem Boot angekommen bin um aufs Meer zu gugen. Hört sich doof an, aber für mich ist das… ich kann es nicht beschreiben.

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Der andere Grund ist, das dies eine Stadt mit maritimen Flair ist – jedenfalls für mich. Klar, viele andere Orte in Friesland sind auch eindeutig mit dem Wasser und der See verbunden. Aber Harlingen, mit all seinen Häfen und den vielen Traditionsseglern ist einfach was ganz besonders.

Obwohl ich mir nur eine kleine Portion Fries geholt habe (manchmal kann ich mich wenigstens etwas mäßigen) bin ich danach pappsatt.

Es war der erste Tag dieses Törns, an dem ich die Sonne nicht gesehen habe. Trotzdem bin ich Glücklich. Zufrieden.

Schließlich begebe ich mich langsam zurück zum Zelt. Eilig hab ich’s nicht. Warum auch? Nachdenklich frage ich mich, ob die Sonne schon untergegangen ist. Jetzt irgendwann müsste es soweit sein. Aber wirklich sagen kann ich es nicht – es ist schon die ganze Zeit so trist, das die Sonne nicht zu sehen ist.

Nach dem Zähneputzen verkrümele ich mich mit meinem Notizblog ins Zelt, die Erlebnisse des Tages festhalten. Es tut gut, hilft die Eindrücke zu verarbeiten. Anschließend lese ich, bis mir die Augen zufallen.

 

Die Ereignisse in diesem Teil geschahen am 14.03.2015

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Sebastian