Ein unerwarteter Schrecken

Langsam treibt BEA an den Yachthäfen vorbei. Der Kanal liegt geschützt zwischen den Häfen und einer Dichten Reihe aus Sträuchern und Bäumen. Ich habe Zeit, mag mich nicht stressen lassen.

De Kulliart

Nachdenklich wandert mein Blick über die großen Hafenanlagen. Kaum zu glauben das hunderte, wenn nicht tausende Menschen in wenigen Stunden hier unterwegs sein werden. Noch ist es still, ich bin alleine. Trotzdem des guten Wetters. Und so reiße ich mich zusammen und Summe nur leise vor mich hin statt mit aller Kraft zu singen. Meine Laune ist blendend. Ich bin glücklich. So schön hier…

IMG_0220

Plötzlich nimmt BEA fahrt auf. Glucksend schiebt sich der Rumpf meiner kleinen durchs Wasser. Ich habe den geschützten Kanal hinter mit gelassen und ein angenehmer Wind greift ins Segel. Schon bald sind wir weit genug von Hafen entfernt. Obwohl ich die ersten anderen Boote sehe lasse ich mir selbst freien lauf. Da schmettere ich ein „Hey Pippi Langstrumpf“ gleich nach „You’re gonna miss me when I’m gone“, „Wind of Change“, „Wir werden niemals untergehen“ und „Lasse Reden“.

IMG_0233

Ich bilde mir ein einen etwas seltsamen Blick von einer Yacht zugeworfen bekommen zu haben aber das ist mir egal. Es macht gerade so viel Spaß, ich bin so glücklich. Doch schon bald passiere ich den kleinen Bereich zwischen Festland und einer Insel. Ein Angler hat hier festgemacht und so verstumme ich. Leise treibt BEA an ihm vorbei. Er nickt. Ich nicke.

IMG_0235

Dann sind wir schon wieder draußen, haben De Fluezen erreicht. BEA sputet los. Und kurz darauf ertönt „Versuchs mal mit Gemütlichkeit“ aus meinem Munde. Ich muss nicht viel machen. Der Wind kommt schräg von hinten und ist recht gleichmäßig, kaum Böen. BEA hält gut ihren Kurs. Weder die Pinne noch die Schot fordert sonderlich viel von mir, ich kann mich entspannen. Zurücklehnen. Oder besser doch nicht – spnst falle ich ins Wasser.

Bei einem Blick nach hinten entdecke ich ein Plattbodenschiff. Schön sieht’s aus. Unsere Kurse kreuzen sich allerdings nicht, ich halte etwas weiter nach Norden, will ich doch die erste Marrekrite-Insel möglichst knapp im Süden passieren.

IMG_0245

Kurz bevor ich die Insel erreiche sehe ich den Segler querab an mir vorbei rauschen.

In der Bucht der Insel hatte ich vor einem Jahr Zuflucht gesucht. Damals lagen nur ein paar Boote hier, jetzt ist sie voll. Liegt es vielleicht auch an der Uhrzeit?

Doch schon lasse ich die Insel hinter mir und passe den Kurs an. Ich entferne mich von der Schifffahrtsrinne die beide Insel im Süden passiert. Die nächste Insel mag ich auf der Nordseite passieren um danach endgültig nach Norden zu segeln, in Richtung Workum. Hoffentlich segeln – der Wind kommt aus Westen und der Kanal ins Grute Gaastmeer führt leicht gen Westen. Notfalls muss ich eben paddeln. Aber im Moment genieße ich zu segeln. Abgesehen von mir sind nur ein paar Boote unterwegs und nur ich entferne mich von der Fahrrinne. Natürlich laut singend – etwas das ich eigentlich nur an Bord mache. Es ist niemand in der Nähe und ich bin glücklich, das meine Gesangskünste wohl doch eher bescheiden sind stört mich da nicht weiter.

IMG_0246

Schließlich liegt die zweite Insel ein ganzes Stück südlich von mir. Anhand einiger entfernter Tonnen versuche ich die Kanalanfahrt anzupeilen. Sonderlich genau ist es nicht, allerdings hatte ich auch nur die Seekarte als Hilfsmittel zur Hand.

Noch bevor ich die Kanaleinfahrt sehe kann ich den Kanal erkennen. Es ist kurz nach neun, die erste Öffnung der Brücke in Workum liegt wohl nur wenige Minuten zurück und nun fahren die ersten Boote raus. Zügig schieben sich die hohen Aufbauten der Motoryachten und die Masten der Segler über den Kanal und erleichtern mir die Anfahrt.

IMG_0268

Kurz danach geht es den Kanal hoch. Erfreut stelle ich fest das ich segeln kann. Es scheint als würde der Wind mehr aus Südwest denn West kommen. Begeistert betrachte ich ein hölzernes Plattbodenschiff. Was für ein Anblick!

Der Wind schiebt uns weiter, bald erreiche ich das nächste Meer und kann die Insel erkennen, auf der ich im Winter einen Tag abgewettert habe. Kaum zu glauben das dies „meine“ einsame Insel war. Jetzt scheint sie geradezu überlaufen, die Buchten sind gefüllt mit den Masten der Segelyachten.

Immer mehr Boote fahren an mir vorbei, fast alle kommen aus Workum. Sie kommen in Stößen mit jeder Brückenöffnung, die sich nur langsam auflösen. Ich summe nur noch. Einerseits muss ich mich konzentrieren, mit BEA will ich keinem der größeren Boote vor den Bug fahren, andererseits sind meine Gesangskünste wohl nicht geeignet für menschliche Ohren.

IMG_0273

Ich passiere die Insel auf der Westseite und werde danach von auffrischenden Winden überrascht. BEA kommt tatsächlich ins gleiten und schießt richtig los, die Pinne vibriert leicht in meiner Hand, die Schot steht stramm. Fröhlich glucksend arbeitet sich BEA vorwärts gen Norden. Im Winter hätte ich wohl versucht so schnell wie möglich das Segel runter zu bekommen. Der Wind ist an der Obergrenze dessen was mit BEA gut geht. Und wenn ich kentere…. nun, dann werde ich eben nass. Das Wasser ist angenehm warm. Und so genieße ich konzentriert die Fahrt übers Wasser in Richtung Workum und schon bald bin ich wieder auf einem Kanal. Schön ist es hier, das kleine Stück zwischen Grutte Gaastmeer und Workum kannte ich noch nicht. Aus Spaß versuche ich meine Position möglichst genau zu bestimmen. Es ist nicht etwa so das es nötig gewesen wäre – ich muss einfach immer geradeaus segeln bis ich Workum erreiche. Aber mittlerweile machen mir meine kleinen Spielereien mit der Karte Spaß. Schnell kann ich mehrere Landmarken erkennen – und damit ein Problem. Denn einige dieser Landmarken – Windräder – sollten eigentlich gar nicht da sein. Auf der Karte sind sie nicht eingezeichnet. Oder zumindest nicht in dieser Anzahl. Und woher sollte ich wissen welches der zehn Windräder jenes ist, das auf der Karte eingezeichnet ist?

Natürlich ist es letztlich meine Schuld. Die Karte habe ich im vergangenen Jahr gekauft und nie berichtigt. Offensichtlich werden hier fleißig Windräder gebaut, also muss ich andere Landmarken nutzen.

Plötzlich bemerke ich ein einzelnes Haus am Ufer. Da war doch…. ja, genau!

IMG_0285

Auf der Karte ist das Haus eingezeichnet. Sicher nicht so markant wie die Windräder, dafür allerdings relativ eindeutig. Schnell finde ich weitere Möglichkeiten. Kanal- und Seeformen, andere Landmarken, irgend etwas gibt es immer. Das ganze macht mein kleines Kartenspiel noch amüsanter und so erreiche ich schnell die nächste Brücke. Hinter ihr liegt Workum, aber zunächst muss ich hier durch. Ob sie wohl für mich öffnet? Manche Brücken öffnen nicht für offene Segelboote. Nun, ich muss es nicht heraus finden – sie ist gerade offen. Und grün! Bei grünem Ampellicht segle ich unter die Brücke als die Mechanik aufheult. Die Brücke schließt sich! Erschrocken schnappe ich das Paddel und lege mich ins Zeug. So viel Zeit habe ich nicht, ich bin mir sicher das die Brücke stärker ist als mein Mast – oder auch mein Boot als ganzes. Was soll das? Ich bin bei grün unter die Brücke gefahren, warum wird die bitte über mir geschlossen? Mein Puls rast, ich versuche weg zu kommen. Hoffentlich schaffe ichs….

Hat’s euch gefallen? Lasst doch ein Kommentar da und teilt den Beitrag. 

Zurück zum ersten Teil

Sebastian