Du bist Gast, du bezahlst nichts

IMG_0316Ein angenehmer Wind schiebt BEA nach Norden. Endgültig steht noch nicht fest wo es hin geht. Eigentlich ist mein Ziel Makkum, je nach Uhrzeit könnte ich aber auch auf Bolsward ausweichen. Denn Bolsward ist etwas näher und die für heute geplante Strecke nun mal wirklich weit. Jedenfalls für meine BEA.

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Von Zeit zu Zeit sehe ich Yachten, auch einige Polyvalken sind auf dem Wasser unterwegs. Doch egal ob Valken oder (Segel)yachten, alle ziehen recht schnell an mir vorbei. Dank der Brücken passiert dies in Schüben und ich kann mich die meiste Zeit entspannen. Die Ruhe und Natur genießen. Viel passiert nicht, viel ist nicht. Es ist ein langer Kanal, meine gelegentliche Positionsbestimmung dient ehr der eigenen Unterhaltung denn einer seemännischen Notwendigkeit.

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Die Brückenwärter sind großzügig. Bereits bei der Annäherung an eine Brücke schaltet die Ampel von Rot auf Rot-Grün, bin ich da kann ich einfach drunter durch paddeln. Kein Warten im Wind. Kein Paddeln um schnell da zu sein. Wenn eine Brücke mal zu früh offen ist, ist sie eben offen. Es scheint sowieso als würden mehr Menschen unter der Brücke durch fahren als über sie hinweg.

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Mittlerweile ist früher Nachmittag. Entspannt sitze ich auf dem Steuerbordschlauch und genieße den Wind und das Wetter. Die Sonne scheint durchgängig, die wenigen winzigen weißen Wolkenfetzen am Himmel sind nicht in der Lage sie aufzuhalten. Das Wetter ist toll und die Landschaft hat es mir angetan. Immer wieder wechselt sich grünes Schilf über das ich nicht sehen kann mit weiten Wiesenlandschaften ab. Selten sehe ich Häuser und kleine Dörfer am Ufer. Da ist ein süßes Häuschen mit der Aufschrift „Brandweer“.

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Dann ziehen ein paar Wolken auf, kurz wird es etwas kühler. Aber noch immer ist es weit davon entfernt kühl zu sein, der Moment im Schatten tut gut, unter der Rettungsweste ist es mittlerweile warm geworden.

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In Tjerkwerd biege ich nach Westnordwest ab. Die ersten Meter schiebt der Wind noch, dann scheint er einzuschlafen. Zufall? Oder liegt es an dem Kanal? So viel Wind hatte ich ja auch die vergangenen Stunden nicht. Trotzdem habe ich eigentlich keine Lust bis Makkum zu paddeln. Schließlich ist das noch ein ganzes Stückchen. Und morgen steht mir ja auch noch eine Menge paddelei bevor. Soll ich vielleicht umkehren, zurück auf den Kanal in Richtung Bolsward? Sonderlich weit ist es bis Bolsward nicht, selbst wenn ich rudern müsste wäre ich bald da. Und vielleicht ist ja auch der neue Kanal schuld an der plötzlichen Flaute. Das ich kaum auf den Kanal gefahren bin und der Wind einschläft ist ja dann doch ein ziemlicher Zufall. Mit etwas Glück könnte ich ja auf dem anderen Kanal segeln!

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Eine Böe füllt das Segel, schiebt BEA vorwärts. Schnell ist anders, viel mehr scheint es als wolle BEA einen Rekord in Sachen Langsamkeit aufstellen. Aber was soll’s. Und es hat schließlich seine Gründe warum ich lieber heute nach Makkum wollte. Ich hab dieses mal ja nur eine Woche Zeit. Ausgehend davon das der Wetterbericht für die nächsten Tage halbwegs korrekt ist plane ich von Harlingen nach Bolsward zu rudern. Wenn es also heute nach Bolsward geht werde ich die Stadt zwei mal besuchen. Und Makkum gar nicht. Irgendwie schade. Mittlerweile ist der Wind wieder gänzlich eingeschlafen und ich greife zum Paddel. Es ist anstrengend, ich bin schon lange unterwegs. Doch die Landschaft ist schön. Weite Felder und Wiesen, gelegentlich Schilf. Ein paar Pferde am Ufer die neugierig mein Tun beobachten. Mitten drinnen der Kanal auf dem wir uns bewegen, flach wie ein Spiegel und blau. Es ist wunderschön hier, ein Moment zum durchatmen der es mir ermöglicht beinahe zu vergessen das ich die meisten Zeit paddeln muss. Nu wenn eine der wenigen Böen ins Segel fasst wird das Paddel weggelegt, die Schot ergriffen und jeder Windhauch ausgenutzt. Doch sonderlich gut geht es nicht und die wenigen Böen werden immer weniger. Zwischen den Böen hängt der Baum in der Mitte, immer wieder ist er im Weg. Nervig. Plötzlich kommt mir das ich das Segel ja noch immer gerefft habe! Also wirklich, ich klage über Flaute – und dabei habe ich auch noch das Segel gerefft?

Schnell klettere ich über die Seesäcke nach vorne, löse den Knoten und setze das Segel ganz. Eine weitere Böe schiebt vorwärts, jetzt geht es sogar richtig gut. Doch danach herrscht wieder Flaute. Und wo kein Wind ist hilft auch keine noch so große Segelfläche weiter.

Paddelnd erreiche ich schließlich die nächste Brücke. Die Ampel ist Rot-Rot, Kaffepause. Mitten auf dem Kanal treibend klettere ich nach vorne und beginne mein Rigg abzubauen. Sehr zur Verwunderung des Brückenwärters, denn seine Pause endet in fünfzehn Minuten. Mit einem großartigen Zeitersparnis rechne ich aber garnicht, ich habe einfach keine Lust untätig vor der Brücke zu warten. Denn das ist ja schließlich etwas ganz anderes als einen ganzen Tag untätig auf einem Schlauch zu sitzen.

Tatsächlich gewinne ich ein paar Minuten. Drei Minuten vor der nächsten Brückenöffnung taucht mein Paddel ins Wasser und wir nähern uns weiter Makkum. Kopfschütteln wird mir klar wie unnötig die Hälfte der Aktion gewesen war. Mitlerweile sind selbst die Böen verschwunden – wofür habe ich eigentlich den Mast wieder aufgebaut? Jetzt ist das Einzige was das Rigg bringt ein Mast, der mir regelmäßig gegen den Schädelt donnert. Bald löse ich die Achter aus der Schot und klappe den Baum mitsamt Segel nach oben, die Schot sichert ihn am Mast. So kann ich mich wenigstens vernünftig bewegen.

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Es geht vorbei an einem nicht auf der Karte eingezeichneten Camingplatz und unter einer weitern Brücke hindurch in Richtung Makkum. Kurz vor der Stadt warten mehrere Große Plattbodenschiffe auf mich. Ich komme mit einer Familie, die sich an Deck ihres Bootes entspannt ins Gespräch. Was für ein toller Ort zum leben.

Doch dann geht es weiter, ich habe Makkum erreicht. Gleich wird mir klar das der Stadthafen voll ist. Für mich ungewöhnlich, ich muss erneut nach einem Liegeplatz für BEA suchen. Wieder mache ich zwischen zwei Booten fest. Allerdings reicht dieses mal der Platz tatsächlich dafür, ich muss mich nicht irgendwie irgendwo reinquetschen mit einem Bug der über BEA hinweg reicht. Nein, in Makkum liegt BEA ganz gemütlich in einer Lücke die wie für sie gemacht ist.

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Ein Blick auf die Uhr sorgt für Überraschung. Es ist kurz vor sieben. Vor dreizehn Stunden bin ich auf De Morra in den Sonnenaufgang gestartet. Abgesehen von der einen Stunde in Workum war ich unterwegs – das macht 12 Stunden an einem Tag auf dem Wasser! Damit ist es ein neuer persönlicher Spitzenwert. Beim ersten Törn war ich beim Schlag von Harlingen nach Leuwaarden etwas weniger unterwegs. Zwölf Stunden an einem Tag auf BEA… das ist eine lange Fahrt. Gewissermaßen eine Langfahrt.

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Doch Zeitgleich wird mir klar das ich mich dranhalten muss. Wer weiß, wie lange der Hafenmeister da ist. Eilig mache ich mich auf die Suche nach dem Kontor, einige Schilder helfen dabei. Trotzdem bleibt mir nichts anderes übrig als festzustellen wie schön Makkum doch ist – wieder einmal. Ich hatte ja ein wenig gehofft heute noch Zeit für einen Ausflug ans Wattenmeer zu haben. Vom letzten Mal weiß ich, das ich dafür zwei Stunden bräuchte. Eine hin, die andere zurück. Doch dafür fehlt mir jetzt einfach die zweit, es sind nur noch anderthalb Stunden bis Sonnenuntergang und ich habe das Zelt noch nicht Aufgeschlagen.

Ich versuche ihn auf Niederländisch anzusprechen. Ich hatte mir extra die nötigen Worte rausgesucht. Zelt, Liegeplatz.. so viel ist es ja nicht.

Nach wenigen Worten lächelt er mich an und erklärt mir, wir könnten uns auch gerne in meiner Sprache unterhalten. Denn er spricht nicht nur Niederländisch sondern auch Deutsch, Englisch und einer ganzen Reihe anderer Sprachen. Was mir denn am liebsten wäre?

„Ich bin mit einem kleinen Boot und Zelt hier. Darf ich mein Zelt aufschlagen?“

Immerhin ist Wild zelten in den Niederlanden verboten. Und wenn man schon auf dem Land nicht einfach sein Zelt aufschlagen darf fände ich es unverschämt in einem Stadthafen, mitten in einer Altstadt davon auszugehen das es okay ist.

„Klar, kein Problem.“

Ich freue mich riesig – und das scheinbar auch von außen sichtbar.

„Aber bezahlen musst du natürlich! Wie lang ist dein Boot?“

Ich reiße mich zusammen.

„2,40 Meter.“

Seine Augen weiten sich.

„Bist du der, der heute mit einem Schlauchsegelboot durch all die Brücken ist?“

„Ja.“

„Du bist Gast, du bezahlst nichts“, erklärt er mir. Ich darf in dieser Touristenstadt, mitten in der Altstadt bleiben. Mit Boot und Zelt. Ohne auch nur einen Cent zu bedanken. Überrascht und dankbar verabschiede mich. Mit so was hatte ich nicht im Ansatz gerechnet – nicht in der Hauptsaison!

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Bald steht das Zelt neben BEA. Meine Sache lasse ich erstmal draußen, noch ist es innen etwas feucht. Eine Nebenwirkung der Tatsache, das ich es morgens nicht habe trocken lassen.

Also geht es wieder in die Innenstadt, wo ich mir eine Porite Patat met Mayonaise kaufe. Die Fritten essend geht es dann weiter in Richtung Buitenhafen wo viele schöne Boote auf mich warten. Kleinkreuzer, Plattbodenschiff, Segelyacht und Superyacht, ihr liegen alle nah beieinander. Für Bootsnarren wie mich ein kleines Paradies.

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So gerne ich auch heute ans Meer gegangen wäre, der Anblick all der Boote entschädigt dafür. Und wenn nichts dazwischen kommt, werde ich ja morgen das Watt erreichen. Und zwar in Harlingen, meinem persönlichen Tor zum Meer.

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Gemütlich setze ich mich auf meinen Hocker vors Zelt, gleich neben BEA und beginne Notizen für den Blog zu machen. Wie so oft hilft es mir die Ereignisse des Tages noch einmal durchzugehen, darüber nachzudenken. Und sie schließlich zu Papier zu bringen. Später, im Winter würde ich hieraus dann die Blogbeiträge erstellen.

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Die Stadt ist wunderschön, die Licht in der Dunkelheit geben dem ganzen eine romantische Atmosphäre. Es ist so schön hier.

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Sebastian

2 Kommentare

  1. Schöne Bilder 🙂 Ich bin vor dreieinhalb Jahren für eine Woche auf dem Ijsselmeer gewesen mit einem Freund, der einen Segelschein hat. War eine tolle Erfahrung. Die Bilder erinnern mich daran 🙂

    • Freut mich das es dir gefällt! Das es dich daran erinnert ist kein Wunder. Friesland grenzt ans Ijsselmeer. Und Makkum liegt direkt am Ijsselmeer – eines der Bilder zeigt es sogar. 🙂
      Grüße,
      Sebastian

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