Buchrezension: Mein Boot ist mein Zuhause

Mein Boot ist mein Zuhause

© millemari.

Auf der Hanseboot habe ich am Stand unseres Verlages Holger Peterson kennengelernt. Allerdings hat er statt übers Segeln im Schlauchsegelboot über etwas größere und längere Bootsunternehmungen geschrieben. Sein Buch heißt „Mein Boot ist mein Zuhause“ – und der Name ist Programm.

Im Dezember hat mir meine Lektorin das Buch gegeben und da für mich dieses Jahr die Anschaffung eines „größeren“ Bootes ansteht wollte ich es unbedingt lesen. Sicher würde es ein paar Tipps geben die man, ordentlich zusammengeschrumpft auch auf meine Bootsvorstellungen übertragen könnte. Denn bei Holgers Vortrag auf der Hanseboot ist sofort klar geworden: Hier hat sich jemand mit der Thematik beschäftigt. Und zwar intensiv.

Eines muss ich klar sagen: Das Buch ist eine riesige Enttäuschung – wenn man ein trockenes Sachbuch erwartet. Allerdings heißt es ja auch nicht „In zehn Schritten zum Lifeaboard“ sondern „Mein Boot ist mein Zuhause“.

Denn statt einer trockenen Anleitung und blöder Vorschriften gibt es Erlebnisberichte, Tipps, Gedanken. Inspiration.

Es ist also kein Buch das einem das Denken abnimmt, ganz im Gegenteil. Es regt zum Denken an.

Trotzdem hat auch dieses Buch seine Stärken und Schwächen. Darf man ein Buch zerreißen, wenn man von den Hintergründen keine Ahnung hat? Ich weiß es nicht – mach es aber einfach mal.

Zunächst erklärt Holger sehr schön, warum er an Bord gezogen ist, welche Motivation dahinter steckt. Warum man 150 Quadratmeter gegen 15 Quadratmeter tauscht und warum man etwas tut, das einem von den Mitmenschen nur mitleidige Blicke einbringt. Und dabei absolut glücklich ist. Es ist gut geschrieben, man wird sogleich in das Buch hineingezogen. Da erwartet man ein trockenes Fachbuch und plötzlich ist da die Rede von Motivation, Gefühlen, Träumen… Glück?`

S7

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Doch Träume und Wünsche reichen nicht. Denn es gibt natürlich eine elementare Sache ohne die man nicht auf einem Boot leben kann: Ein Boot! Klar. Und so erklärt Holger ausführlich, was er bei Booten für wichtig hält. Denn natürlich eignet sich nicht jedes Boot um darauf zu leben. Wie die Eigner so unterscheiden sich auch die Boote. Und bei aller Liebe – meine kleine BEA wäre nun wirklich nichts zum drauf wohnen. Doch auch hier: Keine Vorschriften. In einem Kapitel reicht die Spannweite vom GFK-Kleinkreuzer bis zur großen Aluminiumyacht.

Nun hat man ein Boot. Die Arbeit kann beginnen. Wieder ganz ohne Vorschriften zu machen bietet Holger Lösungsansätze und Ideen für Probleme, von denen ich gar nicht wusste das es sie geben könnte.

Doch auch Warnungen gibt es, Berichte von Missgeschicken. Denn wer ganzjährig and Bord lebt – oder auch einfach ganzjährig regelmäßig an Bord ist, der erlebt eben auch mal Nebel, ordentlich Wind und tiefe Temperaturen. Und das natürlich mitten in der Nacht, übermüdet. Von einer Grundausstattung an Reparaturmitteln bis zu Lösungen zur Minderung der Brand-, Wassereinbruch- und Gasgefahr, ja selbst den Diebstahlschutz bietet er Lösungsvorschläge.

Anderes empfinde ich als Luxus bis unnötig: Warum braucht man unbedingt Fenster in Kopfkissenhöhe? Sicherlich eine nette Idee, aber es gibt doch wahrlich wichtigeres. Und bei so manchem Wetter mag man vielleicht auch gar nicht sehen was da gerade draußen los ist, während man versucht einzuschlummern…?

Doch ansonsten macht er auf viele mögliche Schwachstellen auf Booten aufmerksam, die wenn alles schief geht auch wahrhafte Probleme verursachen können.

86-3 Eine Stunde Tankreinigung Hand

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Sicherheit an Bord wird immer als oberstes Gebot hochgehalten. Und so dürfte es auch nicht großartig verwundern das sich in einem Buch, dass das Leben an Bord behandelt auch hierzu Gedanken finden. Es beginnt mit der Versicherung. Für ein günstiges Boot, das gelegentlich an langen Wochenenden oder im Urlaub mal gesegelt wird, veraltete Ausrüstung und ein Boot, dessen Verkaufswert nicht mehr fallen kann mag man so was nicht brauchen. Doch wenn das Boot zum Zuhause wird ändert sich das natürlich schlagartig. Einerseits dürfte der reine Wert steigen, höherwertige Ausrüstung, besserer Pflegestandart – somit lohnt sich die Versicherung rein finanziell gegebenenfalls früher. Doch etwas anderes ist noch viel wichtiger: Das Boot wird zum Lebensmittelpunkt. Geht es unter, brennt es ab oder wird es gestohlen – dann ist nicht irgend ein Luxusobjekt weg, sondern das Zuhause. Und, an diesem Punkt ist man es ja bereits von Holger gewohnt, gibt es auch gleich ein Bericht der eindrucksvoll zeigt, das einfach immer etwas passieren kann. So unwahrscheinlich es einem auch erscheinen mag, niemand ist sicher.

Doch am liebsten will man doch, dass dem Boot nichts passiert. Und so beschreibt er sehr gut, was man gegen Randalen, Langfinger und Feuerteufel machen kann.

Nun ist das Boot gut ge- und versichert, toll ausgestattet. Also raus aufs Meer, segeln. Und da man ja schon ganzjährig an Bord lebt, selbstverständlich auch gleich im Winter. Das Revier des Autoren ist die Nordsee (wer weiß – vielleicht segle ich ihm ja dieses Jahr mal über den Weg?). Wenn da im Winter jemand über Bord fällt ist die Zeit knapp, bis die Seenotretter da sind wäre man wohl schon längst erfroren. Kann man sich nicht selbst helfen… Zehn Minuten, dann war’s das.

In Zahlreichen Selbstversuchen hat er ein Manöver entwickelt mit dem man zwar in jeder Führerscheinprüfung durchfallen würde, das sich bei ihm in der Praxis aber als beste Möglichkeit erwiesen hat. Doch als Jollen-Binnensegler kann ich das Manöver nun wirklich nicht bewerten. Vielleicht ist es totaler Stuss – oder aber etwas, das Leben retten kann. Lesen und probieren kann sich nicht schaden.

Doch es reicht natürlich nicht das Boot irgendwie neben den Verunglückten zu bringen. Denn solang er oder sie im Wasser schwimmt hat man noch immer ein Problem. Im Winter, dicke, nasse Kleidung. Selbst ein kleinerer, schlanker Segler hat schnell ein hohes Gewicht. Und spätestens dann, wenn ein Segler wie ich der lieber zum Grillen als zum Sport geht über Bord fällt und nur die Frau oder gar das Kind an Bord übrig bleibt dürfte es äußerst schwer werden wieder an Bord zu kommen. Ganz egal ob bei Bewusstsein oder Ohnmächtig, bei viel oder wenig Seegang. Hier kommt es auf die richtige Ausrüstung und Ausstattung an. Klar, da gibt es Tipps zu.

Erneut, etwas ausführlicher geht er auch auf das Thema Feuer ein. Denn ein brennendes Boot, egal ob im Hafen, vor Anker oder auf hoher See, ist eine Tragödie. Und bei so mancher Bootsarbeit sollte man doch lieber den Fachmann zu Rate ziehen, um den eigenen Traum nicht in Flammen aufgehen zu sehen.

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Ich bin, wer meinen Blog kennt weiß es, jemand der einfach nicht akzeptieren mag das man, nur weil es mal etwas kühler und der Wind etwas stärker wird gleich das Segeln lassen soll. Auf dem Wasser zu sein ist so toll. Außerdem bringt der Winter Seiten der Landschaft hervor, die man zu den anderen Jahreszeiten nie sehen wird. Jede Jahreszeit hat ihr eigens Gesicht und ist es wert erkundet zu werden. Aber wie ist das wenn es eben doch mal wirklich kühler wird? Wenn der Hafen friert, das Eis an der Bootswand kratzt. Wenn alles mit einer dicken Schicht aus Eis und Schnee bedeckt ist?

Denn wenn es erstmal soweit ist kann man das Boot ja nicht mehr so einfach raus holen. Anschaulich beschreibt Holger über seine Erlebnisse an Bord. Im tiefsten Winter. Und man kommt nicht umhin ihn etwas zu beneiden, wenn er davon berichtet in dieser traumhaften Winterkulisse im Hafen zu leben.

Überwintern, in unseren Breitengraden, an Bord. Da denkt man schnell an feuchte Kajüten, tiefe Temperaturen, eisiges Wasser. Doch auch das hängt nur davon ab, was man draus macht.

An dieser Stelle etwas deplaziert aber deswegen nicht weniger hilfreich erschienen mir seine Gedanken dazu, wie man Gerüche aus einem Boot bekommt. Denn gleich zu Beginn trägt er einen in Gedanken zum Bootskauf, wenn man bei der Besichtigung ins innere eines Bootes steigt – und vom Muff bald umkippt. Denn das riecht nicht immer gut. Obwohl ich glaube das dies deutlich weiter vorne im Buch besser platziert gewesen wäre, interessiert es doch sicherlich auch Bootseigner, die nicht an Bord überwintern. Man merkt: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht.

Nun mag er sich in einem eigenen Kapitel der Segelpraxis widmen. Gut gemeint, aber doch erscheint es irgendwie fehlplaziert. Seine Gedanken zur Takelung hätte man besser beim Bootserwerb untergebracht ein eigenes Kapitel sind sie meiner Meinung nach nicht wert. So ist es auch sehr kurz.

Das Buch endet ähnlich wie es begonnen hat. Mit Träumen, Gedanken. Jedenfalls weitgehend.

Zunächst schwärmt er von Astronomie. Statt notwendiges übel das genervte Segler für ihren SHS lernen stellt er es als spielerisches Vergnügen vor, dem man sich hingibt, sich mit vergnügt. Und manchmal, ja, manchmal mag dieses Vergnügen einem sogar das Segeln erleichtern. Denn wohin sieht man lieber bei Nacht – zu den Sternen oder auf das künstliche Licht eines Plotters?

Hier wird es etwas unromantisch. Recht. Denn eine Gesetzesänderung macht es nun deutlich leichter sein Boot als Wohnsitz beim Amt anzumelden. Doch schon schließt sich der Kreis. Denn Holger ist nicht der einzige, der sich überlegt hat, das man doch auch in Deutschland ruhig statt in einer teuren Mietswohnung auch an Bord eines schönen, eigenen Bootes leben kann.

Fazit: Das Buch ist keine ToDo-Liste, macht keine Vorschriften. Dazu ist es ungeeignet und wer ein trockenes Fachbuch erwartet wird eine bittere Enttäuschung erwarten. Vermutlich wird auch nur für die wenigsten Leser alles, was im Buch steht von praktischem Interesse sein. Dafür ist es zu vielfältig. Doch es bietet zahlreiche Lösungsvorschläge, macht aufmerksam auf Probleme, unterhält und inspiriert. Ich kann mich nicht erinnern wann mich zuletzt ein scheinbares Sachbuch so mitgerissen hat. Selbst Kapitel, die ich fachlich als „für mich irrelevant“ eingestuft habe, haben sich spannend wie ein guter Roman gelesen. Ein Meisterwerk.

 

Weitere Info’s:

Von Susanne von millemari. habe ich erfahren, dass das Buch aktuell überarbeitet wird. Dabei werden verschiedene Teile des Buches überarbeitet oder auch neu erstellt. Eine kurze Liste:

Die Vor und Nachteile unterschiedlicher Fahrtenyachttakelungen

Rettungsinseln: Gewicht, Lagerung, Einsatz

Bordleben im Segel- oder Motorboot

Vier Jahreszeiten – und wie sich das Bordleben dabei verändert

 

Außerdem steht Holger einmal auf der Boot Düsseldorf auf der Bühne. Und zwar am:

Freitag, den 29.01. von 14.30 bis 15.00 Uhr

Hinweis: Ich stehe beim Verlag (millemari.) als Autor unter Vertrag. Diese Rezension ist aber weder Vertragsbestandteil noch werde ich dafür bezahlt.

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Sebastian

2 Kommentare

  1. Hallo Sebastian, zum Thema Mief an Bord kann ich etwas konstruktives Beitragen.
    Bei meinem Restaurationsobjekt (Hunter23, Bj.87 mit Regenwasserschaden) hab ich den Mief dauerhaft mit Ozongeneratoren weggbekommen. Die Dinger kann man mieten oder selbst bauen. Ich hab einfach zwei Ozongeneratoren mit Lüfter und Schutzgittern (PC Gehäuse) in jeweils ein 100er HT Rohr gebaut und hab nun für schmales Geld zwei Ozongeneratoren. Damit bekommt man auch dauerhaft „nassen Hund“ aus dem Auto.
    Ozon (O³) wirkt durch Oxydation, die aggressiven O³ Moleküle oxydieren einfach alles organische, wirkt auch gegen Katzenpils, Pilzsporen und sehr gut gegen Gerüche. O³ ist schwerer als Luft, deswegen müssen die Generatoren im oberen Teil der Kajüte angeordnet werden. Mein Boot roch stark nach Essig/Urin/Muffig (kam von einem Schimmelpilz) nach einer einwöchigen Behandlung (2h/Tag) war das weg. Vorher hatte ich natürlich alle Oberflächen mit Chlorwasser abgeschrubbt. Allerdings war mein Boot auch mehere Jahre vollgelaufen.

    Gruß, Jörg!

    • Freut mich das es bei dir gut geklappt hat! Due Geruchsbeseitigung hat Holger auch sehr gut im Buch beschrieben – nur fand ich die Platzierung suboptimal. Mittlerweile ist aber auch die zweite Ausgabe draußen. Ich habe auf der Boot einen Blick drauf geworfen: Sieht gut aus. 🙂
      Danke für deinen ausführlichen Bericht!
      Grüße,
      Sebastian

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