Und wenn du denkst es geht nicht mehr kommt irgendwo ein Motorboot her

 

Verstimmt mache ich neben der Windmühle fest. Verdammt. Wie soll ich jetzt noch bis nach Harlingen kommen? Die vergangenen Stunden gegen den Wind haben mich viel Kraft gekostet, ich bezweifelte das ich noch ein übermäßig hohes Tempo paddeln könnte. Und das wäre nötig um noch heute den weiten Weg bis Harlingen zurückzulegen. Nun könnte ich natürlich hier in Witmarsum auf dem Campingplatz übernachten. Aber… nein. Der Windbericht war eindeutig. Entweder ich komme heute ans Meer – oder gar nicht. Und gar nicht? Ich will ans Meer! Die ganzen vergangenen Stunden habe ich gepaddelt, habe drei Stunden für eineinhalb Kilometer gegen den Wind angekämpft um ans Meer zu kommen! Und jetzt soll mir so ein doofer Triathlon das verderben?

Missmutig sehe ich mich um. Vor mir befindet sich eine begeisterte Menschenmasse welche die Schwimmer im Kanal anfeuert. Wenigstens die Windmühle ist schön. Aber auch mit ihr… irgend etwas stimmt mit ihr nicht. Sie ist so…

IMG_0496

Plötzlich wird es mir klar. Da fehlt das Windrad! Das Gebäude steht unverändert an seinem Platz – aber aus irgend einem Grund sind die Flügel nicht mehr dran!

Während ich Griesgram den Triathlon vor mir beobachte und mit mir Ringe ob ich es einfach versuchen soll noch nach Harlingen zu kommen, umkehren und nach Bolsward paddeln oder die Nacht hier bleiben soll esse ich eine Kleinigkeit.

Doch dann macht es Klick. Kurz nach mir hat ein Motorboot hinter BEA fest gemacht, die Besatzung ist an Bord. Ich schlucke meinen Stolz herunter, stehe auf und gehe zu ihnen. Zwar reichen meine Sprachkenntnisse nicht aus um alles auf Niederländisch zu sagen doch es gelingt uns, uns zu verständigen.

Auch sie wollen heute nach Harlingen – und sind gerne bereit mich ein Stück des Weges zu schleppen. Das ist es! Ungern gestand ich es mir selbst ein. Segeln war hier und heute nicht möglich. Aus Zeitgründen würde ich die Strecke auch nicht mehr paddelnd schaffen. Und ob ich das kraftmäßig durchhalten würde… nun, daran hegte ich so meine Zweifel. Natürlich, Witmarsum ist ganz nett, aber ich will ans Meer! Und manchmal… nun, manchmal ist so ein Motor ja doch etwas ganz feines.

Zeitgleich löst sich die Veranstaltung vor uns auf. Scheinbar sind sie etwas früher fertig. Nun, es ist bereits zu spät um bis nach Harlingen zu paddeln. Und ehrlich gesagt: Mein Körper gefällt die Vorstellung noch etwas Pause machen zu können auch recht gut. Zwar weiß ich noch nicht wie weit „ein Stück“ ist, doch muss ich nur noch ein kurzes Stück hinter Witmarsum gegen den Wind – ab da kommt der von Querab oder sogar von hinten!

IMG_0495

Schnell ist BEA los gemacht und ich steuere sie hinter das Motorboot, dessen Niederländische Besatzung es bereits einsatzbereit macht. Eine Leine wird mir zugeworfen die ich an BEAs Bug befestige. Etwas Rauch steigt aus dem Auspuff des MoBos auf, die Schraube beginnt sich zu drehen und die Fahrt beginnt. Ich kann weiterhin entspannt an Bord sitzen und komme sogar dazu meine Scheibe Brot fertig zu essen!

Einzig auf das Dinghy, das hinter dem Motorboot hergezogen wird und dessen Außenborder muss ich aufpassen. Denn die Schleppleine will sich immer wieder am Außenborder vergangen. Obwohl nur wenige Minuten vergangen sind ist die Menschenmenge verschwunden während ich durch Witmarsum gezogen werde. Nur in den Gärten sitzen bei dem tollen Wetter vereinzelt einheimische die uns breit grinsend zu winken. Und – vielleicht bildete ich es mir ja nur ein – aber es kam mir so vor als würde dieses Grinsen noch breiter werden kaum erblickten sie mich und BEA.

IMG_0503

Immer wieder wirft der Skipper des Motorbootes mir einen Blick zu, mit einem Lächeln und dem erhobenen Daumen bestätige ich ihm, das alles gut ist. Kaum haben wir Witmarsum verlassen erhöht er das Tempo. Die Rauschefahrt beginnt, ich weiß nicht ob und wenn ja wann BEA zuletzt so schnell durchs Wasser geschossen ist. Der Bug hebt sich deutlich aus dem Wasser. Grinsend packe ich die Kamera. Na warte. Ich wollte doch einen Trailer für diesen Törn machen! Na also das muss da rein, das sieht einfach zu schön aus wie der Bug sich aus dem Wasser hebt. Und wo die Kamera schon mal draußen ist schieße ich auch von der Umgebung Fotos.

IMG_0506

Dabei fällt mir ein Nachteil des Tempos auf. Ich bin es gewohnt beim Segeln problemlos zehn, zwanzig, dreißig Bilder von einem Motiv machen zu können wenn ich wollte. Schließlich habe ich ja Zeit. Doch jetzt muss das erste Bild passen, ein zweites ist nur selten möglich. Schon ist auch das letzte Stück gegen den Wind hinter uns. Ob sie wohl jetzt die Leine werfen? Aber die Fahrt geht ungebremst weiter und obwohl ich mittlerweile glaube wieder genug Kraft zu haben um von hier bis Harlingen zu paddeln, beschließe ich dieses Glück noch etwas auszunutzen. Es ist einfach gerade so angenehm! Und auch das ich die restliche Strecke in der vorhandenen Zeit schaffen würde ändert daran nichts. Bald schon sehe ich die Pferde auf ihrer Typischen Weide.

IMG_0510

Ich freue mich, mache ein paar Bilder, dann nähern wir uns schon Kimswerd. Immer wieder sieht der Skipper mir zu und ich bedeute ihm mit Handzeichen das alles gut ist.

Stinkend. Teuer. Arbeitsintensiv. Nicht Umweltfreundlich. Laut. All das mag man über Motoren und Motorboote sagen können. Aber manchmal – manchmal sind sie einfach unglaublich praktisch und angenehm. Den Luxus geschleppt zu werden genieße ich aus vollen Zügen, selbst das ich aufgrund der Abgase nicht den üblichen Geruch frischer Luft genießen kann mag daran nichts ändern.

IMG_0520

In Kimswerd wird wieder abgebremst was mir ermöglicht den Ort etwas zu genießen. Doch abgebremst bedeutet nicht etwa normales BEA Tempo – sondern ist für BEA noch immer Rauschefahrt.

Bald schon lassen wir Kimswerd hinter uns, das Tempo wird erhöht und mit BEA im Schlepp schießt das Motorboot auf Harlingen zu. Ungläubig sehe ich auf die Uhr. Ich glaube, eine so hohe Geschwindigkeit – sowohl was Spitzenwerte als auch was das Durchschnittstempo betrifft hatte BEA noch nie! Und obwohl ich immer wieder nervös die Spannung an den Leinen, an denen ich die Schleppleine befestigt habe prüfe: BEA scheint es hervorragend zu vertragen!

IMG_0525

In den Außenbereichen von Harlingen, nahe des Campingplatz wird wieder abgebremst. Es ist unglaublich. Noch vor kurzem hatte ich daran gezweifelt überhaupt ans Meer zu kommen. Ganz zu Schweigen davon noch zum Supermarkt zu kommen. Oder mich gemütlich ans Meer setzen zu können. Ich hatte nicht geglaubt vor Sonnenuntergang ans Meer zu kommen! Und jetzt erreiche ich Harlingen – am Nachmittag!

IMG_0537

Vor der Eisenbahnbrücke endet die Fahrt. Ich mag mein Glück im Vereinshafen neben der Schleuse versuchen. Das Motorboot muss vor der Eisenbahnbrücke auf die nächste Öffnung warten, ich passe problemlos jetzt hindurch. Dankend löse ich die Schleppleine und gebe sie zurück. Ich Versuche meine Dankbarkeit in Worte zu fassen, es gelingt mir nicht. Es ist alleine der Freundlichkeit dieser Motorbootfahrer zu verdanken das es mir auch bei meinem dritten Törn gelungen ist mit BEA ans Meer zu kommen!

Hat es euch gefallen? Dann folgt doch einfach meinem Blog, lasst einen Kommentar da und teilt den Beitrag 🙂 

Zurück zum ersten Teil

Sebastian