Niedergeschlagen in Harlingen

Auf meinem Weg in Richtung Hafen lege ich einen Stopp im Tourismusbüro ein. Von meinem Aufenthalt im Winter weiß ich, das es hier einen öffentlichen Internetzugang gibt – mit zugehörigem Computer. So kann ich ganz bequem auf einer Seite meiner Wahl noch mal den Wetterbericht aktualisieren. Was sich als gut herausstellt – denn der hat sich noch mal geändert. Es soll ungemütlicher werden als erwartet. Ändern kann ich das jetzt aber auch nicht – und so wie es aktuell aussieht werde ich trotzdem weiter kommen.

Dann geht’s in den Yachthafen des Wassersportvereins. Heute sitzt dort nicht nur ein- sondern gleich zwei Vereinsmitglieder. Breit grinsend verraten sie mir, was mich das Liegen und zelten hier kostet. Sechs Euro und neunzig Cent. Für zwei Nächte! Das wäre schon für eine Nacht wenig. Aber für zwei – sie sind überzeugt, so wenig hat noch niemand hier je bezahlt. Allerdings ist BEA wohl mal wieder das kleinste Boot das den Hafen je angelaufen hat. Obwohl auch ich es lustig finde: So ganz klauben kann ich es immer noch nicht. Mitten in der Stadt, während der Hauptsaison nur 6,90€? Wow.

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Es dauert nicht all zu lange und ich bin wieder in der Stadt unterwegs. Obwohl das Meer lockt beschließe ich, nun endlich auch Harlingen selbst die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist eben einfach eine tolle Stadt. Häuser und Gassen, so voller Geschichte. Dazwischen die Kanäle und Häfen. Mit ihren Booten.

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Die hohen Masten der Plattboden- und Rahseglern über den Dächern der Stadt. Uralte Brücken. Und dazwischen Menschenmassen, viele lächelnd die durch diese Stadt schlendern. Es ist einfach toll hier zu sein.

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Doch plötzlich werde ich wehmütig. Es ist wahrscheinlich das letzte Mal, das ich mit BEA hier bin. Und: Das wird ab jetzt aller Wahrscheinlichkeit überall so sein. Wenn meine aktuelle Planung aufgeht werde ich kaum noch neue Orte anlaufen. Ich werde mir ein paar Orte noch mal genauer ansehen, an denen ich in der Vergangenheit eher vorbei gehetzt bin. Aber ab jetzt – geht es Richtung Ende. Wenn ich morgen die Leinen löse mache ich mich ganz langsam und mit Umwegen auf den Rückweg. Und sosehr ich mich darauf – und auf die Umwege – freue, es macht mir doch deutlich das etwas langsam endet. Ich liebe meine kleine, liebe die Art wie sie segelt. Was sie mir ermöglicht. Wäre sie doch nur seegängig genug, ich würde keine Sekunde über ein anderes Boot nachdenken. Aber das Meer ruft…

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Meine Gedanken gleiten zum Meer. Das Meer. Mit großen Schritten mache ich mich auf den Weg dorthin. Denn das ist die Antwort. Ich will nicht schlecht gelaunt durch Harlingen stapfen. Erstrecht nicht wenn es das letzte mal ist, das ich mit BEA hier her gekommen bin. Nein, da hat Harlingen, BEA und ich besseres verdient. Und überhaupt, was soll das? Ich bin in einer tollen Stadt. Und am Meer. Im Urlaub, auf Törn. Ich hab noch einige Tage Zeit für einen tollen Törn. Und überhaupt: Wenn ich es wirklich will kann ich ja auch in Zukunft mit BEA auf Törn gehen! Das ich sie verkaufe ist sowieso schon ausgeschlossen. Wenn mich Sehnsucht nach ihr überkommt werde ich sie immer ins Auto packen, ans Wasser fahren, aufpumpen und lossegeln können. Ganz einfach. Und BEA hat mir so viel Tolles gezeigt, ein Feuer in mir entfacht. Ich werde sie nicht ersetzen. Und es wird auch nichts enden. Nein, es geht weiter – auf einer neuen Stufe. Auf dem Meer! Vielleicht wird BEA das erste Boot, das an Bord des Beibootes transportiert wird. Ich will nicht missmutig sein. Und habe auch keinen Grund dafür.

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Oder zumindest nicht sonderlich viele. Es hat, kaum bin ich am Meer angekommen angefangen zu regnen und so drehe ich mich um und begebe mich wieder in die Innenstadt. Mein Magen knurrt, der Nachmittag ist in den frühen Abend übergegangen. Mollys – genau, das ist es. Einmal Mollys, das muss einfach sein wenn ich in Harlingen bin. In der Frittenbude am wunderschönen Stadthafen eine „Portie Patat met Mayonaise“ ist schon fast eine Tradition. Die junge Frau (arbeiten hier denn nur junge Frauen?) hinter der Theke spricht mich direkt auf Deutsch an, doch bevor ich das so richtig registriert habe, hab ich schon auf Niederländisch bestellt. Immerhin hatte ich mir extra im voraus überlegt was ich sagen muss. Mit einem breiten lächeln läuft alles weitere in der Landessprache und wieder einmal merke ich, das selbst wenige Brocken schlechtes Niederländisch den Einheimischen ein Lächeln ins Gesicht zaubern können.

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Schließlich geht es zurück zum Zelt wo ich es mir bequem mache. Doch plötzlich durchzuckt es mich. Was mache ich eigentlich hier? Faul rumliegen, mit so einer lala Laune? Der Tag ist noch nicht vorbei. Die Sonne noch nicht untergegangen. Zugegeben – mittlerweile ist es etwas kühler geworden.

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Schnell ziehe ich mir etwas warmes über, dann geht es ans Meer. Die Sonne geht gerade unter. Oder bald. Oder schon vorhin? So genau kann man das nicht sagen denn eine dichte Wolkendecke verdeckt noch immer den Himmel. Aber eigentlich ist es auch egal. Es dauert etwas bis ich das Ende des Deiches der den Vorhafen schützt erreicht habe. Mittlerweile ist es dunkel. Nacht. Ich bin überwältigt. Was für ein Anblick!

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Alles ist wieder gut. Ich werde auch in Zukunft mit BEA auf dem Wasser sein. Und ich werde auch in Zukunft irgendwann wieder nach Harlingen kommen. Ohne jede Frage. Und… mein Herz beginnt zu rasen. Das nächste Mal wird es kein reiner Binnentörn sein. Da, durch die große Schleuse werde ich fahren. Oder die Brücke wird sich öffnen und mir so den Weg in den Stadthafen freimachen. Ich werde hier von See aus herkommen. Oder von hier in See stechen. Und das, ja das ist etwas worauf ich mich freue. Vor meinem inneren Auge kann ich es schon sehen wie ich, an Bord eines süßen kleinen Bootes hier, vor den Toren meines ganz persönlichen Tors zur See segeln werde. Und was das für eine Vorstellung ist.

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Eine Gewissheit überkommt mich. Mit diesem Törn endet nichts. Es fängt gerade erst an. Und das ist einfach toll. Daran kann auch der erneut einsetzende Regen der, nachdem ich nach langer Zeit mich schließlich auf den Rückweg mache nichts ändern. Denn ich bin da wo ich hingehöre. Am Meer.

 

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 31.08.2015. Mehr über Harlingen hier

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Sebastian