Nachdenklich auf dem Kanal

Als ich in den frühen Morgenstunden aufwache pustet der Wind immer noch ordentlich. Doch kaum habe ich das Zelt verlassen und mich etwas entfernt wird klar, das dies wohl eine Art „Fallwind“ vom Deich ist. Kaum zu glauben. Sollte so ein Deich ernsthaft dazu in der Lage sein? Zugegeben, das Zelt steht gleich hinterm Deich in einer Schneise. Aber trotzdem…

Immerhin: Dies bedeutet das ich heute problemlos weiter kann. Doch zunächst begebe ich mich zum Supermarkt zum Einkaufen. Ich will frühstücken. Und zwar am Meer. Und so schlendere ich schon bald, gemütlich am Frühstück knabbernd auf dem Deich entlang.

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Das wissen, wieder einmal das Meer hinter mir zu lassen schmerzt. Ich liebe es hier zu sein, am Meer. Wann werde ich wohl wieder am Meer sein? Zugegeben, ewig wird es gewiss nicht dauern. Und doch, der Abschied fällt schwer.

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Das Rauschen des Meeres. Der salzige Wind der sich in meinem Haar verfängt. Besonders schlimm: Ich könnte ja bleiben. Kein Problem. Nicht nur das es möglich währe an einem Tag von hier nach Warns zu laufen – was, zugegeben, schon recht sportlich wäre. Nein, man kommt auch mit dem Zug recht einfach dorthin. Einmal umsteigen in Leuwaarden und die letzten Meter von Stavoren aus zu Fuß, das ist alles was nötig ist. Also eigentlich recht simple.

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Und doch, so sehr ich die See liebe, ich will weiter. Gut möglich das dies mein letzter Törn mit BEA ist. Und den will ich auskosten – solang wie möglich. Und zwar auf dem Wasser.

Es dauert noch einige Zeit bis ich es schaffe die Leinen zu lösen und mit gemütlichen Paddelschlägen langsam den Hafen zu verlassen. Doch um kurz nach elf mache ich mich zum letzten Mal auf den Weg mit BEA nach Süden.

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Wie sich doch die Wahrnehmung im Laufe der Zeit verändert. Beim ersten Törn war diese Strecke für mich neu und aufregend. Ebenso beim zweiten – denn im Winter sieht hier alles anders aus. Doch nun…. ich kenne den Kanal um diese Jahreszeit. Ich war vor relativ genau einem Jahr schon einmal hier. Und natürlich vor zwei Tagen. Zwar hat mich vorgestern ein Motorboot geschleppt, wodurch es für mich Langsamkeitverwöhnten Schlauchbootsegler die Landschaft erschreckend schnell vorbeigefolgen ist. Doch neu ist der Kanal für mich nicht mehr.

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Was allerdings passiert, damit hatte ich nicht gerechnet: Hinter jeder Ecke warten Erinnerungen auf mich. Wie das alles im Winter ausgesehen hat. Die freundliche Frau in der Wohnsiedlung vor Harlingen, mit der ich mich im Winter unterhalten hatte. Oder den überaus Rücksichtsvollen jungen, der für mich immer wieder seine rassante Fahrt im motorisierten Dinghy unterbrochen hatte – und mir so etliche Rüttelpartien durch Wellen erspart hat.

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Schließlich erreiche ich Kimswerd. Ich mag den Ort – obgleich ich nie an Land gegangen bin. Auf dem Weg nach Norden war er für mich stets das Zeichen das ich jetzt bald am Meer bin. Und nach Süden… nun, Kimswerd ist nicht nur eine Landmarke – es ist auch einfach ein süßes Dörfchen. Hoffentlich komme ich irgendwann mal hier her und hab die Zeit mir das Dorf genauer anzusehen.

Und im Ort, an einem Apfelbaum, muss ich an den älteren Herrn mit dem Crewshirt denken, den ich bei meinem ersten Törn angetroffen habe.

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Während ich Kimswerd nach Süden verlasse wird mir klar, wie sehr ich es doch schätze wieder diese Route gewählt zu haben. Ich bin noch immer unglaublich dankbar dafür, das mich die Motoryacht vorgestern nach Harlingen geschleppt und mir damit meinen Tag am Meer ermöglicht hat. Zugleich weiß ich aber auch: So vieles habe ich übersehen. Wie will man auch bei 3, 4 oder gar 5 Knoten auf so einem Kanal alles wahrnehmen? Schließlich sind es die Details die den Unterschied machen. Den Schaden in der Kanalbefestigung, hinter der sich ein kleiner Teich mit eigenem Leben gebildet hat. Die einzelne Blume am Rand. Ein Fisch im Wasser.

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Dankenswerterweise habe ich dieses Mal tatsächlich Rückenwind und muss das lange Kanalstück nach Osten nicht etwa gegen den Wind rudern. Ein Knochenjob – wie ich aus leidlicher Erfahrung weiß. Denn wenn der Wind hier von vorne kommt, gibt es für Stunden keine Möglichkeit sich einfach treiben zu lassen. Der Kanal ist nur einseitig mit Schilf geschützt, einen wirklichen Windschutz gibt es überhaupt nicht. Und auf der anderen Seite liegen große Weiden von denen zumindest einige genutzt werden.

Erfreut stelle ich fest, dass auch dieses Mal wieder eine kleine Herde Pferde auf einer der Weiden ist und mich begleiten. Für mich gehören diese herrlichen Tiere mittlerweile zu dem Kanal.

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Bestürzt blicke ich auf meine Uhr. Schon so spät? Ich wollte heute nach Bolsward. Aber ob ich das schaffe…. plötzlich beginne ich zu zweifeln. Ich bin erst deutlich später als geplant in Harlingen losgekommen. Und das zeigt sich nun in der Uhrzeit. Witmarsum wird kein Problem – aber von da ist es noch ein ganzes Stück bis Bolsward. Schnell überschlage ich, wie lange ich für die Strecke von Witmarsum nach Bolsward brauchen werde. Sollte ich nicht rechtzeitig in Witmarsum sein um die Strecke bei Tageslicht absolvieren zu können dann werde ich notgedrungen dort auf dem Campingplatz nächtigen müssen. Allerdings gefällt mir die Vorstellung so garnicht. Zwar ist auch Witmarsum – zumindest in Teilen – ganz schön. Aber der Campingplatz empfinde ich, verwöhnt von den günstigen Vereinen und Stadthäfen, mittlerweile als recht teuer. Dazu kommt, das ich vom Platz aus nicht BEA sehen könnte. Und das ich eigentlich viel lieber nach Bolsward mag.

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Mittlerweile habe ich das lange Oststück hinter mir und biege auf den Kanal, der über Witmarsum nach Bolsward führt. Er schlängelt sich durch die Landschaft, die meiste Zeit kommt der Wind von der Seite. Anbetracht des hohen Schilfs auf dem doch eher engen Kanal bin ich sowieso gut geschützt. Bis auf ein kurzes Stück – denn dort pfeift der Wind genau durch den Kanal. Eine Schneise – und entsprechend anstrengend wird es. Doch nach etwa hundert Meter macht der Kanal wieder eine Kurve und ich kann wieder gemütlich paddeln. Denn obwohl es, anbetracht meines Plans heute nach Bolsward zu kommen sicherlich sinnvoll wäre sich etwas ins zeug zu legen mag ich lieber gemütlich über den Kanal treiben.

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Schließlich erreiche ich Witmarsum um kurz nach vier. Bis ich allerdings durch den Ort durch bin und die wunderschöne Windmühle (tatsächlich ohne ihre Flügel…) am Ortsausgang, nahe des Campingplatzes passiere ist es schon halb fünf. Und jetzt? Eigentlich ist der Zeitpunkt, an dem ich mir vorgenommen hatte noch weiter zu paddeln vorbei. Soll ich also hier bleiben?

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 01.09.2015.

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Sebastian

2 Kommentare

    • Freut mich sehr zu hören. Dann ist es ja gut das gerade heute ein neuer Beitrag online gegangen ist. 🙂
      Ich berichte häppchenweise – das nächste Häppchen gibt es nächste Woche. Um immer auf dem laufenden zu bleiben empfehle ich meinen Blog als Feed oder per Mail zu abonnieren – falls noch nicht geschehen.
      Viele Grüße,
      Sebastian

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