Kein Wettlauf gegen die Zeit

Mit einem Schulterzucken passiere ich erst die Windmühle und dann die Anlegeplätze neben dem Campingplatz. Was soll’s. Klar, vor Sonnenuntergang im Hafen in Bolsward zu sein wird knapp. Na und? Wen interessiert es? Im Zweifelsfall bin ich eben erst kurz nach Sonnenuntergang da. Auch okay. Es ist Sommer, das Wasser ist warm. Außerhalb der Städte reicht im Zweifelsfall auch das Lichter der Sterne und des Mondes um was zu sehen. Und in den Städten gibt’s ja fast überall Straßenlaternen oder Lichter aus den Fenstern der Häuser. Ganz abgesehen davon hab ich ja auch noch meine Stirnleuchte. Nein, das ich eventuell erst nach Sonnenuntergang da bin soll mich nicht aufhalten. Ich will heute nach Bolsward.

Einen Moment überlege ich einen Zacken zuzulegen, entscheide mich dann aber dagegen. Das hier ist kein Wettlauf gegen die Zeit. Ich komme an, wenn ich ankomme.

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Gemächlich passiert BEA den Wald und den kleinen Platz, an dem ich im Winter gezeltet habe. Statt hier den Bug gen Westen zu drehen und Kurs Makkum zu nehmen halte ich weiter geradeaus. Ich will nach Süden, nach Bolsward. Bei meinem ersten Törn mit BEA bin ich durch das Städtchen durch geeilt. Dieses mal mag ich es mir ansehen – zumindest so ein wenig. Außerdem: Von dort kann ich morgen unter segeln starten und muss nicht erst noch ein paar Stunden paddeln.

Das Kanalstück zwischen Witmarsum und Bolsward hatte ich als fast schon hässlich in Erinnerung. Entsprechend überrascht bin ich, wie anders es doch bei dem angenehmen Wetter aussieht. Industrie? Fehlanzeige. Der Kanal schlängelt sich durch die Landschaft, gesäumt von hohem, saftig-grünen Schilf. Von Zeit zu Zeit öffnet sich die grüne Wand und ich erhasche Blicke über das flache Land. Hauptsächlich Felder, in der Ferne kleine Dörfer und Höfe.

Die meiste Zeit komme ich recht gut voran, nur gelegentlich, wenn der Kanal sich gerade mal wieder gebogen hat, muss ich gegen den Wind rudern. Doch bald ist auch das wieder vorbei und ich kann mich genüsslich treiben lassen.

Die festen Brücken verhindern, das ich meinen Mast stellen und segeln kann. Dabei sind sie eigentlich gar nicht so niedrig – aber eben keine drei Meter hoch. Was soll’s – dann eben morgen segeln.

Und irgendwie finde ich sogar diese Betonbrücken, die vermutlich nur von den ansässigen Landwirten genutzt werden ganz hübsch.

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Zwischendurch führt der Kanal durch ein kleines Dorf. Etwas überrascht stelle ich fest, das es hier einen Hafen zu geben scheint. Auf der Karte ist er nicht eingezeichnet und es ist auch nicht ganz eindeutig, ob dies ein richtiger Hafen oder doch nur ein paar Liegeplätze für die Einheimischen sind. Auf jeden Fall sieht es nett aus – und ich bin mir sicher, wenn ich wollte könnte ich bleiben. Aber, obgleich das Dorf einladend aussieht, ich will weiter.

Der Nachmittag geht in den frühen Abend über. Es ist schön hier. Ich bin ausgesprochen überrascht. Einfach nur aus Spaß bestimme ich immer wieder meine Position über Landmarken. Dabei versuche ich mich sogar in Kreuzpeilung – was ohne Kompass gar nicht mal so leicht ist. Doch letztlich ist es auch nicht so schwer einem Kanal zu folgen. Ich darf nur nicht die Abzweigung nach Bolsward vergessen.

Mittlerweile bin ich doch schon einige Zeit unterwegs, ich merke wie mein Körper mehr und mehr sich beschwert. Arme und Schultern schmerzen. Und auch der Hintern mag es gar nicht so lange still auf einem Schlauch zu sitzen. Denn anders als beim Segeln sitze ich beim rudern immer auf der gleichen stelle. Auf der Steuerbordseite des Hecks. Die perfekte Stelle für mich zum paddeln. Aber irgendwann….

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Mein Wunsch nach Bolsward zu kommen ist und bleibt stärker als diese Wehwehchen und so taucht das Paddel wieder und Wieder in den Kanal während sich BEA langsam durch das Wasser schiebt.

Endlich. Ich hab schon heimlich darauf gewartet. Mit einem breiten Grinsen blicke ich ans linke Ufer. Bereits beim ersten Törn hatte ich mich herrlich über den Anblick amüsiert. Es ist irgendwie auf eine seltsame weiße süß. Ich mag Windmühlen. Die Großen sind imposant und auch die kleinen haben ihren Reiz. Und Windräder? Nun, mit einer aktuellen Wasserkarte sind sie hervorragend zur Positionsbestimmung geeignet. Hier, an diesem Kanal bietet sich allerdings ein geradezu putziges Bild. Direkt neben einem der riesigen Windräder steht eine süße, kleine Windmühle. So klein, sie ist kaum größer als das, was man aus so manchem Garten kennt. Ein Bild, das mich einfängt und begeistert. Anders als beim ersten Törn habe ich jetzt aber eine wasserdichte Kamera die ich nur aus dem Wasser, das mal wieder im Boot rumschwappt fischen muss.

Klick! Klick, klick!

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Schnell sind einige Fotos gemacht.

Mittlerweile komme ich Bolsward immer näher, der Grund für meine Erinnerung an die Industrie wird deutlich. Eine Straße, eine Stromtrasse. Und Industrie. Aber das ist nur die eine Seite und weit genug weg, das man kaum was hört. Auf der anderen Seite: Grün. Und so geht es gemächlich weiter.

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Ich sehe bereits voraus die Brücke unter der eben jener Kanal hindurch führt der mich in die Stadt bringen wird als ich von hinten das röhren eines Motors vernehme. Auf den kleinen Kanälen eine Seltenheit, Grund genug nach hinten zu sehen.

Ich mag keine Motorboote. Mit den Eignern hab ich kein Problem – aber die Boote? Laut, hässlich… nein, nichts für mich. Dachte ich. Aber das hier ist wahrlich eine Schönheit – ganz ohne Rigg und Segel!

Als die Besatzung, ein junger Mann, vielleicht ein, zwei Jahre älter als ich und seine Freundin neben mir aufstoppen und mir anbieten, mich bis Bolsward zu schleppen nehme ich an. Klar, ich hab Zeit. Und ich bin schon vor den Toren der Stadt. Aber wäre es nicht schön das Zelt noch im hellen aufzubauen – und vielleicht sogar noch die Stadt ein wenig zu besichtigen? Und dann ist da noch die Sache mit meinem Hintern. Der mag nicht mehr.

Ich bereite schon eine Leine vor als der Skipper kurzerhand BEA fasst und langsam weiter fährt. Statt hinten dran wird sie, gehalten bei Hand, einfach neben dem Boot mitgenommen. Der große Vorteil: Man kann sich klasse unterhalten! Und auch der Bordhund wirft einen neugierigen Blick auf BEA. Obwohl der ja wie ein ganz lieber aussah – anbetracht der Schläuche bin ich doch froh, das er von einem beherzten Sprung absieht.

Und so komme ich nicht nur noch vor Sonnenuntergang in die Stadt – ich mache auch die Bekanntschaft mit zwei netten Niederländern, die wie ich das Wasser lieben.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 01.09.2015. Und hier geht’s zum Anfang des dritten Törns.

Sebastian