BEA das rasende Schlauchsegelboot

Der Hafen liegt noch ruhig vor mir als ich mit Brötchen und Crossaint vom Bäcker zurück komme. BEA schwimmt auslaufbereit im Hafen, geduldig wartend. Das Wetter ist gut, heute kann ich segeln. Die Strecke ist bekannt, einen neuen Ort plane ich heute nicht anzulaufen. Aber vielleicht, wenn ich dafür die Zeit finde, kann ich mir ja so manchen Ort etwas genauer ansehen?

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Rudernd verlasse ich Bolsward. Der Mast ist noch nicht gestellt, ist er doch ein klein wenig zu hoch für die Brücke am Ortseingang. Doch nach ein, zwei Minuten finde ich mich vor der Brücke wieder. Vor mir liegt der Kanal. Nach Westen käme ich nach Makkum, Workum und dem Grutten Gaastmeer. Doch ich gedenke den Bug gen Osten zu richten. Nun, letztlich führt beides vor allem nach Süden, aber…

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Bei meinem ersten Törn bin ich über diesen Kanal gesegelt. Damals ging es von Sneek aus über Ijylst, Bolsward bis nach Witmarsum. Meinem letzten Stopp vor Harlingen. Vor einem Tag, der mich geprägt hat – irgendwie.

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Ich schüttele den Kopf, vertreibe die Gedanken. Ich will endlich segeln, nicht neben der Brücke treibend nostalgischen Gedanken nachhängen.

Treibend klettere ich über die Seesäcke aufs Vorschiff. Natürlich hätte ich auch einfach ans Ufer gekonnt, gleich rechts der Brücke geht das gut. Aber irgendwie ist mir gerade danach. Das Segel ist noch nicht ganz gesetzt, da spüre ich schon wie der Wind ins uralte Tuch – made in West-Germany – fasst. Ich segle!

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Zunächst führt der Kanal nach Osten. Ich bin umgeben von Schilf. Gelegentlich öffnet sich die grüne Wand und gibt den Blick auf einzelne Häuser preis. An einer Stelle entdecke ich mehrere Boote am Kanalrand, an denen gearbeitet wird. Was Anbetracht der scheinbaren Zustandes auch nötig sein dürfte.

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Mittlerweile geht es mehr nach Süden denn nach Osten. Landmarken sehe ich – abgesehen von Windrädern – nicht viele. Und da ich meine Karte nicht aktualisiert habe findet sich nur ein Teil dieser weit Sichtbaren Landmarken auf ihr. Zur Navigation sind sie für mich nutzlos geworden. Natürlich ist Navigation auf dem Kanal ein Witz. Ich muss bis Ijylst einfach nur dem Kanal folgen. Und Ijylst zu erkennen dürfte ein leichtes sein. Nicht nur das ich dort schon einmal war – ich muss auch direkt bevor ich abbiegen werde unter einer Eisenbahnbrücke durch. Und davon gibt’s auf der Strecke nur diese eine.

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Aber es macht mir immer mehr Spaß, meine Position auf dem Wasser möglichst genau zu bestimmen. Was ohne Landmarken, GPS und Kompass plötzlich gar nicht mehr sooo einfach ist.

Schließlich verlege ich mich auf die Form des Kanals. Immer wieder biegt er sich durch die Landschaft und ermöglicht es mir recht genau zu sagen wo ich gerade bin. Spielerei? Sicherlich. Aber es macht Spaß.

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Mit einem Grinsen äffe ich die Kaubewegungen einiger Kühe, die direkt am Kanal grasen nach. Was ist das nur mit Tieren, das ich, kaum erscheinen sie am Kanalrand wie von ihnen gebannt bin?

Der erste Mensch, dem ich an diesem Tag auf dem Wasser begegne ist ein Angler. Um nicht Gefahr zu laufen in einen der, für BEA höchstgefährlichen Haken zu laufen halte ich mich weit frei. Eine stumm erhobene Hand zum Gruß, dann geht es weiter. Voraus liegt das erste Dorf auf der Strecke. Halt machen werde ich wohl nicht. Allerdings liegt in diesem Dorf die erste Brücke. Ob es wohl schon nach neun ist?

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Ich habe glück, die Brücke ist bereits besetzt. Mich freundlich grüßend beginnt sich die Brücke zu öffnen während ich mich ihr langsam nähere. Weder muss ich anlegen noch Kreise segeln oder einen Aufschießer fahren. Gemächlich kann ich hindurch segeln. Wie immer freue ich mich riesig, das fast überall in Friesland die Brücken selbst für ein Schlauchsegelboot geöffnet werden. Das ist einfach toll.

Während ich an Fijfhus vorbei segle wird mir klar, das ich viel zu schnell bin! Ich hatte vor gehabt heute Abend in Sneek zu sein. Beim aktuellen Tempo wird BEA aber nur noch wenige Stunden brauchen! Ein ganz neues Problem für mich. Der Plan war doch klar: Heute nach Sneek segeln, morgen Stadt ansehen. Und jetzt – jetzt bin ich mit meinem 2,40 Meter Schlauchsegelboot viel zu schnell!

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Für einen Augenblick überlege ich bewusst rumzubummeln, mich einfach ein wenig auf dem Kanal treiben zu lassen. Im Zweifelsfall auch ohne Segel. Aber… wäre das nicht Verschwendung? Das Wetter ist toll. Ein Traum. Sonne, top Wind, nicht böig… heute nicht wirklich zu segeln würde ich bereuen. Nein. Notfalls ändere ich eben meinen Plan. Es gibt schlimmeres.

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Auf dem Weg zur nächsten Brücke überholt mich eine Gruppe von Motoryachten aus Bolsward. Nun, dann ist es jetzt so weit, ab sofort werde ich wohl auch gelegentlich nach hinten blicken müssen. Wobei – hier segelt außer mir niemand, da hört man die anderen Boote doch auch recht gut…

Die nächste Brücke bleibt auch bei der Annäherung auf Rot. Schließlich fahre ich einen Aufschießer und versuche mich an den Pfosten neben der Brücke festzuhalten. Gar nicht so leicht, denn der Wind drückt BEA in Richtung Brücke. Der Brückenwärter sagt etwas zu mir, das ich im ersten Moment nicht verstehe. Muss ich jetzt etwa doch noch den Mast abbauen?

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Dann: Entwarnung. Er hat sich wiederholt, jetzt etwas lauter. Gleich käme eine Gruppe Motoryachten, dann würde er die Brücke für uns zusammen öffnen. Na dann.

Ich stoße mich von den Pfosten ab segle einmal quer über den Kanal. Mittlerweile sehe ich auch wie sich die Motorboote nähern und die Brücke beginnt sich zu öffnen. Weiter geht’s.

Kaum bin ich durch die Brücke brummen die großen Motorboote an mir vorbei und schütteln mich ein wenig durch. Doch alles bleibt im Rahmen, weder gibt es einen ernsthaften Sog noch Wellenschlag, der mich bremsen würde. Oder gar gefährlich wäre.

Es dauert ein paar Minuten, doch dann bin ich wieder alleine auf dem Kanal. Nächster Halt: Ijylst. Und das, viel zu früh…

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 02.09.2015.

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Sebastian