Mit 100 Metern pro Stunde gegen den Wind

BEA liegt festgemacht in der Innenstadt während ich zum nahgelegenem Supermarkt gehe. Egal wie ich weiter mache – erstmal brauche ich ein Frühstück. Im Anschluss geht es auf direktem Wege zur Touristeninfo. Denn bereits jetzt ist mir klar: Das heute war mehr als gemeldet war. Allerdings: Mein Wetterbericht ist ja auch wieder ein paar Tage alt…

Heeg Kanal

Mitten in der Innenstadt habe ich festgemacht…

Etwas erschrocken erfahre ich, das heute Böen von sieben bis acht Beaufort übers Wasser peitschen. Und auch morgen soll es nicht besser werden: Heute sind 7 – 8 in Böen angesagt. Morgen werden auch außerhalb der Böen Starkwind die meisten Boote im Hafen halten. Verdammt. Also muss ich heute nach Warns. Und nach meiner Erfahrung auf dem Heeger Meer ist klar: Der Weg über De Fluezen ist nicht möglich. Auch eine Teilstrecke macht eher wenig sinn. Und wenn, dann kommt nur ein Liegeplatz am Festland in Frage. Denn morgen kann ich so nicht aufs Wasser und mein Urlaub neigt sich seinem Ende zu.

Der Weg aus der Stadt ist Idyllisch,...

Doch eine Option habe ich noch: Hinter Heeg gibt es einen kleinen See, kaum mehr als ein Kanal. Über ihn könnte ich bis nach Gaastmeer kommen. Dann müsste ich nur noch ein kurzes, an vielen stellen Geschütztes Stück über das Grutte Gaastmeer und ich wäre in Workum. Die Kanäle von dort nach Warns kenne ich: Sie liegen geschützt und sind recht schmal, so das sich kein Seegang entwickeln kann. Doch erstmal muss ich dorthin kommen. Und bei so starkem Wind, der fast die gesamte Zeit von vorne kommen wird, bin ich alles andere als überzeugt davon.

Doch fürs erste bin ich noch im Schutze der Stadt. Gemächlich paddle ich mit BEA unter einer Hebebrücke, die sich aber nur zu bestimmten Zeiten öffnet durch und auf einem schmalen Kanal in Richtung Ortsausgang. Es ist idylisch hier. Ich bewege mich zwischen gut gepflegten Gärten, kleinen Häusern und ebenso kleinen Booten hindurch. Einige Vögel singen, ansonsten ist es ruhig.

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…und ich hab sogar Glück: Die Sonne scheint!

Die Häuser werden weniger, die Natur übernimmt die Herrschaft. Es ist wunderschön. Ich bin begeistert, eine innere Ruhe bereitet sich in mir aus.

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Auf dem See, obgleich er verglichen mit Heeger Meer und De Fluezen eigentlich recht klein ist, steht eine eklige Welle, ein strammer Wind drückt von vorne auf BEA und mich. Schnell merke ich: Mitten auf dem Wasser komme ich hier nicht voran. Und so drücke ich mit meinem Hintern gegen die Pinne und nehme Kurs aufs Schilfbewachsene Ufer. Eigentlich nichts das ich übermäßig gerne mache – besteht hier doch die Gefahr vom Wind auf Legerwall gedrückt zu werden. Und bei dem Wind der praktisch von Vorne kommt muss ich extrem nah ans Ufer, um den nur wenige Meter breiten Streifen im Windschatten der nächsten Landzunge auszunutzen. Doch es hilft, ich komme besser voran und finde sogar noch die Zeit ein paar Schafe zu beobachten.

Dann liegt die Landzunge hinter mir, der Windschutz fällt weg. Und obwohl ich es versuche sollte ich ihn nicht wieder finden. Um nicht ins Schilf gedrückt zu werden hänge ich mich ins Paddel und sehe zu abstand zum Land zu gewinnen. Eine Böe peitscht übers Wasser, Gischt fliegt mir ins Gesicht. Es fängt an zu regnen, Regentropfen werden wagerecht gegen mein Gesicht und ins Ölzeug gepustet. Binnen kürzester Zeit bin ich, trotz Ölzeug komplett durchnässt. Eine Mischung aus Gischt und Regen hängt vom Haar bis zu den Füßen unter meiner Kleidung, es wird kalt. Selbst wenn ich gewollt hätte: Kleidung wechseln ist nicht möglich, um BEA in der sich gerade bildenen Kreuzsee unter kontrolle zu halten muss ich mit aller Kraft rudern und komme doch praktisch nicht voran. Ob es wohl am anderen Ufer, nahe der Bäume etwas besser ist? Schräg vorwärts nehme ich Kurs und freue mich am Ende auf gleicher Höhe nah ans Ufer zu kommen. Strecke gut gemacht habe ich nicht einen Meter. Und auch hier peitschen Böen das Wasser zunehmen auf, Windschutz scheint es hier nicht zu geben.

Und so begebe ich mich wieder in die Mitte des Sees. Die Wellen sind überall ähnlich, kurz und Hoch, dazu noch Kreuzseen. Aber hier hab ich wenigstens etwas abstand zum Ufer und muss mir keine Gedanken über einen Legerwall machen.

Das einzige FARB-Bild, das auf dem See entstanden ist...

Das einzige FARB-Bild, das auf dem See entstanden ist…

Kraftvoll taucht das Paddel unter Wasser, meine Muskeln spannen sich, geben ihr bestes. Mein Tempo lässt sich kaum noch in Metern fassen, eher Zentimeter oder Millemeter sind es, die ich mit jedem Paddelschlag vorwärts kommen. Und kaum peitscht die nächste Böe pfeifend über das Wasser ergreift sie uns und schiebt uns rückwärts. Wenn ich am Ende an der gleichen Position bin wie nach der letzten Böe freue ich mich noch – denn oft genug verliere ich mehr Höhe als ich zuvor gewonnen hatte. Mit einer gewissen Verzweiflung blicke ich zur Kanaleinfahrt die gut sichtbar wenige Hundert Meter voraus vor mir liegt. Die Muskeln in meinem Armen schmerzen, meine Atmung hat sich durch die Anstrengungen stark beschleunigt. Was soll ich nun tun? Klar ist: Das ist mehr Wind als ich je zuvor mit BEA auf dem Wasser erlebt habe. Mehr als letztes Jahr auf dem Sloter Meer, als die Pinne angebrochen ist (die anschließend professionell mit Tape repariert wurde. Hält bis heute!). Und auch mehr als im Frühjahr, als mich Wind und Wellen ins Schilf gedrückt haben. Einzig dem eigentlich schmalen Gewässer ist es zu verdanken, das ich überhaupt auf dem Wasser gegen den Wind ankomme. Oder zumindest meine Position halten kann. Und der Wind wird stärker, die Böen länger. Ist es wirklich so? Hängt es an dem immer schmaler werdenden Gewässer? Oder Bilde ich es mir nur ein, liegt es an der zunehmendesn Unterkühlung durch das Wasser unter meiner Haut und der fehlenden Kraft durch das ununterbrochene und doch fruchtlose paddeln?

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 04.09.2015.

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Sebastian