Probleme mit dem Motor und die Folgen

Nun, mir bleibt nicht viel anders übrig als ohne Motor weiter zu segeln. Vielleicht habe ich ja Glück und schaffte es bis Cuxhaven. Zugegeben, wie ich ohne den Motor so ein großes – und schweres – Boot anlegen soll weiß ich noch nicht. Ich tue mir ja schon mit dem Motor schwer! Aber das Problem kann bis später warten.

Ich nehme Kurs auf die nächste Tonne als ich mich auf Vorwind-Kurs wiederfinde. Nicht mein liebster Kurs – man muss immer so aufpassen. Raumschots – oder auch auf halbem Wind. Das mag ich. Aber vor dem Wind? Da fährt man doch so schnell eine gemeine Patenthalse!

Aber egal, es ist wie es ist. Ich passe die Segelstellung an, als plötzlich die Genua rüber schlägt. Schmetterling. Sieht ja schon echt schön aus… ist aber für mich noch mehr Arbeit!

Und so ziehe ich an der Schot und versuche das Segel rüber zu bringen. Das klappt überraschend gut, doch schon wenige Sekunden später ist die Genua schon wieder auf der anderen Seite. Das ganze wiederholt sich noch mehrmals bis ich resigniert aufgebe. BEA ORCA segelt also gerne Schmetterling. Na dann – wenn sie das so gerne mag, lasse ich ihr doch den Spaß.

Von hinten kommen erneut mehrere Segelboote auf. Ich bin also doch nicht der letzte, der in Richtung Cuxhaven unterwegs ist.

BEA wiegt sich im Seegang und ich entspanne mich immer mehr. Seekrankheit? Keine Spur mehr. Glücklich sitze ich im Cockpit und genieße das Wetter. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, das Meer erstreckt sich soweit ich sehen kann. Und mitten drinnen in diesem unendlichen Blau: BEA ORCA. Und auf ihr: Ich. Könnte es etwas schöneres geben?

Plötzlich kann ich etwas voraus erkennen. Noch mehrere Meilen entfernt hebt sich langsam Schärhörn vom Horizont ab. Ich muss schmunzeln. Ist das etwa mein erster Landfall?

Mittlerweile sind die anderen Yachten näher heran gekommen. Eine nach der anderen überholt mich. Bei allen röhrt der Motor zur Unterstützung. Sie wissen, das sie spät dran sind. Gerne würde ich es ihnen gleich tun, doch… ich muss schlucken. Nun, es ist wie es ist. Ich wische die düstern Gedanken beiseite und besinne mich wieder darauf was ich habe. Ich bin hier. Davon habe ich geträumt, seit ich mit BEA vor bald zwei Jahren in Harlingen am Meer angekommen bin. Ich bin auf See. Und solang der Wind schön weiter pustet ist auch alles gut. Es wird eng, das letzte Stück werde ich wohl gegen den Strom segeln. Nagut, ein gutes Stück. Aber bei meinem aktuellen Tempo sollte ich es trotzdem noch schaffen. Vor Sonnenuntergang.

Mittlerweile habe ich Schärhörn erreicht. Dieses kleine Eiland liegt recht weit draußen, Cuxhaven ist noch kaum zu erkennen. Aber es sieht unglaublich Idylisch aus. Ich bin baff. Hier, auf der Außenelbe hatte ich mit vielem gerechnet. Einer großen Zahl von gigantischen Containerschiffen. Müll im Wasser. Doch das ich hier, auf dieser stark befahrenen Wasserstraße eine solche Schönheit und auch Ruhe finden würde… nein, hätte man es mir erzählt, ich hätte es wohl nicht geglaubt.

Mittlerweile wird auch Neuwerk immer deutlicher. Doch etwas anderes beschäftigt mich. Am Horizont sehe ich Wolken aufziehen. Dies wäre nicht weiter tragisch, ein wenig schatten würde meiner mittlerweile leicht rot gefärbter Haut nicht schaden. Doch Zeitgleich nimmt der Wind ab. Schon lange sind keine Böen mehr ins Segel gefallen, und auch der reguläre Wind lässt spürbar nach. In Ermangelung einer funktionierenden Logge kann ich nur schätzen, doch das Tempo hat sich sicherlich bereits halbiert. Noch einmal versuche ich den Motor anzuwerfen, schalte ihn aber schnell wieder aus. Immer noch kein Kühlwasser. Kein Wunder – warum sollte sich auch daran etwas geändert haben.

Ich sehe Neuwerk querab als ich zum Handy greife und meine Familie Anrufe. Mit meinem Bruder und meinem Vater habe ich gleich zwei Ansprechpartner, von denen ich mir Rat bei meinem Motorproblem erhoffe. Wenn der Wind weiter so nachlässt bin ich sonst irgendwann navigationsunfähig.

Schließlich erreiche ich meinen Vater, doch auf die Ferne kann er nicht viel für mich tun.

Der Wind hat noch einmal zugenommen und ich hoffe so bis nach Cuxhaven zu kommen. Und so rufe ich bei ansässigen Wassersportlern an.

Im Hafen, so erfahre ich, kann ich notfalls auch untern segeln anlegen. Ein passender Platz, wo ich längsseits anlegen kann wäre frei. Zudem erhalte ich den Rat, wenn ich es nicht bis dahin schaffe die Seenotretter anzurufen.

Seenotretter? Nein, innerlich sträubt sich alles gegen die Vorstellung. Ich bin nicht in Seenot. Und die haben doch bestimmt besseres zutun als jemanden wie mich rein zu schleppen.

Mittlerweile sind die Wolken aufgezogen, schnell kühlt es herunter. Außerdem sieht es nach Regen aus. Meine Ölzeughose liegt im Vorschiff – außer Reichweite. Doch die Jacke hängt am Haken, ich bekomme sie zu fassen und ziehe sie an. Immerhin etwas. Gerade rechtzeitig, denn kurz darauf fängt es an zu schütten. Es dauert nicht lange, doch der Regen sorgt dafür das es schnell abkühlt. Habe ich noch vor einer halben Stunde geschwitzt ist mir jetzt kalt. Ich beginne zu frieren. Doch was sollte ich tun? Pullis hab ich zwar an Bord, doch ich bin an die Pinne gefesselt. Das Risiko, nur für etwas warmes zum anziehen werde ich nicht eingehen.

Und so halte ich weiter Kurs auf die Stadt. Mit dem Fernglas kann ich bereits die Kugelbarke gut erkennen, es sind noch etwa vier Meilen, als mein Handy klingelt. Es ist mein Vater. Er gibt mir den Tipp, Wasser in den Filter zu gießen. Der Motor wurde erst vor kurzem eingebaut, vielleicht sitzt irgend eine Leitung nicht dicht. Wenn nun der Motor trocken gelaufen ist zieht er nur vielleicht nur deshalb kein Wasser. Und tatsächlich – ein paar Schlucke Wasser später spuckt der Motor wieder als wäre nie etwas gewesen. Ich gebe Gas, will vorwärts kommen. Mittlerweile spüre ich den Strom deutlich, viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Und so gebe ich zum ersten mal Vollgas, nur um schnell wieder etwas runter zu gehen. Ich will nicht den Motor riskieren. Außerdem schaffen es Motor mit halber Kraft und die Segel zusammen BEA ORCA auf Rumpfgeschwindigkeit zu bringen. Mehr geht sowieso nicht – zum gleiten bringe ich mein 1,5 Tonnen Boot ganz bestimmt nicht mit 7,5 PS.

Während sich BEA ORCA vorwärts kämpft, werfe ich einen Blick nach Hinten – und beginne zu strahlen.

Ein Seehund!

Mit seinen niedlichen Augen sieht er mir an. Putzig, der kleine. Und irgendwie… verschlafen?

„Hab ich dich geweckt?“, erkundige ich mich entschuldigend.

Ich bin begeistert. Ich glaube, ich habe noch nie einen Seehund in freier Wildbahn gesehen. Man, sehen die süß aus.

Schließlich verabschiedet sich der Seehund und ist verschwunden. Ich sehe wieder nach vorne. Es sind keine drei Seemeilen mehr bis Cuxhaven. Bald habe ich es geschafft. Gut – immerhin ist schon nach acht, in weniger als einer Stunde geht die Sonne unter.

Mittlerweile ist der Wind praktisch komplett eingeschlafen. Ein leichtes Lüftchen verfängt sich noch im Segel, doch es reicht kaum um die Segel in Position zu halten.

Bald… weit ist es nicht mehr. Dann habe ich es geschafft. Ist doch eigentlich ganz gut gelaufen? Klar, ich bin Seekrank geworden. Und dem unbetonten Fahrwasser von der Jade auf die Weser zu folgen war wohl auch unvernünftig. Aber alles in allem?

Schließlich sehe ich mich nach einer Boje um. Die letzte Boje habe ich vor einer halben Stunde passiert – langsam müsste doch die nächste kommen!

Gerade jetzt, wo ich so nah an Land bin müssten außerdem mehr und mehr Landmarken erkennbar werden!

Verdammt, ich will ankommen. Ich bin seit bald 14 Stunden unterwegs, non-stop an der Pinne. Ich habe Seit dem Frühstück – das schon mehr als 15 Stunden her ist – nichts mehr gegessen. Außerdem habe ich einen Sonnenbrand. Meine Grenze ist erreicht, ich kann nicht mehr. Wenn ich nicht bald ankomme schlafe ich noch an der Pinne ein.

 

Bemerkung: Ab hier habe ich nur noch recht wenige Erinnerungen. Alles was danach kam passierte mehr oder weniger unbewusst. Ich hatte meine Grenzen erreicht und überschritten, denken passierte mehr instinktiv als alles andere.

Was ich noch weiß: Ich stand keine drei Seemeilen vor Cuxhaven auf der Stelle. Selbst mit Rumpfgeschwindigkeit bewegte ich mich faktisch nicht vorwärts – aber immerhin auch nicht rückwärts. Mein Plan war, so lange durchzuhalten bis der Strom nachlässt und ich dann die letzten Meter bis zum Hafen komme. Schließlich hat es wieder angefangen zu regnen, die Sicht hat sich recht schnell auf unter eine Meile reduziert. Um kurz nach neun habe ich auf meinem Handy bei windfinder nach der Tide geguckt – der Tidenkalender lag – genau – zu weit weg. Ich hätte noch etwa vier Stunden gehabt bis die Tide wieder gekentert wäre. Wobei ich natürlich schon früher wieder Fahrt voraus gemacht hätte.

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So erfuhr ich auch, das der Wind drehen sollte – und mir dann mit 5-6 Windstärken auf die Nase blasen sollte. Mehr aus dem Bauch heraus als alles andere beschloss ich an diesem Punkt, mich von der DGzRS reinschleppen zu lassen. Einen Ritt wie auf der Weser würde ich nicht mehr überstehen. Zum anderen merkte ich, das ich am Ende war. Die Seenotretter aus Cuxhaven schleppten mich dann schließlich mit ihrem Beiboot das letzte Stück bis zum Fährhafen, wo ich die Nacht verbrachte.

Als ich dort fest lag war ich über 15 Stunden unterwegs. Definitiv für mich alleine aktuell zu viel. Ich hatte meine Grenzen nicht nur erreicht, sondern deutlich überschritten – das brauche ich nicht mehr.

Am nächsten Morgen ging es kurz nach Sonnenaufgang mit dem Strom die letzten Meter bis in den Amerikahafen, wo ich erstmal ausgiebig ausschlief. Der Starke Schwell am Fährhafen hatte das verhindert.

 

Was habe ich daraus gelernt?

Die Nordsee ist wunderschön – ich will mehr von ihr. Aber: Der Schlag von Hooksiel nach Cuxhaven war – aktuell – zu viel für mich. BEA ORCA kann das. Ich aber nicht. Sicherlich war stellenweise auch Pech dabei. Ohne die Probleme mit dem Motor hätte ich es rechtzeitig nach Cuxhaven geschafft. Und wäre der Wind nicht eingeschlafen ebenfalls. Aber: Sowas kann passieren. Und darauf war ich nicht vorbereitet.

Also: Was ich anders machen würde/werde:

  • So einen langen schlag nicht alleine. Dafür fehlt mir noch die Erfahrung. Nicht nur, das so mancher Segler vermutlich selbst auf die Idee mit dem Wasser in den Filter gekommen wäre – ein erfahrener Nordseesegler wäre wohl kaum mit einer Leisure 22 ohne funktionierenden Motor wenn man schon zu spät ist auf die Außenelbe gefahren. Das konnte nicht gut gehen. Hier hätte ich besser abdrehen und Kurs Helgoland nehmen sollen. Auch wenn das natürlich auch nicht ohne ist.
  • Unbetonnte und unbekannte Fahrwasser ohne GPS – und dann noch dicht vorbei an einer gefährlichen Untiefe? Das ist unvernünftig. Ganz besonders wenn es dafür eigentlich keinen guten Grund gibt, sondern man nur aus einer Laune heraus diesen Weg nimmt. Für mich heißt das jetzt: Unbetonnte Fahrwasser meiden. Außerdem habe ich mir ein Tablet und Navionics gekauft – das ich auch in markierten Fahrwassern zu benutzen gedenke.
  • Seekrankheit ist nicht lustig. Klar, theoretisch wusste ich das auch davor. Allerdings war ich auf der Weser zum Ersten mal wirklich Seekrank. Ausschließen kann man das nun mal nie. Aber es gibt ja zahlreiche Mittelchen dagegen, und ich gedenke so lange durchzuprobieren bis ich etwas finde, das mir hilft. Den Anfang wird wohl Ingwer machen… oder Vitamin C?
  • Motoren sind doof. Wirklich. Ich mag sie nicht. Trotzdem ist so ein Motor ein durchaus wichtiger und auch Sicherheitsrelevanter Bestandteil eines Bootes. Dieses Mal bin ich durch den Ausfall eben nicht mehr ohne Hilfe bis in den Hafen gekommen. Doch was wäre, wenn ich mich in einer Legerwalsituation wiedergefunden hätte? Sicher, ich kann nicht alles wissen. Aber aktuell ist es zu wenig. Ich habe ein paar Bücher geschenkt bekommen – unter anderem eines über Bootsdiesel – die jetzt regelmäßig in die Hand genommen werden. An dieser Stelle ein dickes Danke!
  • Lange Schläge sind aktuell für mich nicht drinnen. Ich habe die Seenotretter nicht wegen einem Seenotfall gerufen. Allerdings ist es sehr gut möglich, dass ich zu einem Seenotfall geworden wäre, hätte ich es nicht getan. Das war unnötig, die haben besseres zutun. Daran ändert auch nichts, das ich der zehnte innerhalb von zwei Wochen war… Ursache war mein schlechter körperlichen und geistigen Zustand kurz vor Cuxhaven. Ich war absolut erschöpft. Ich hatte schlicht keine Energie mehr. Daher gibt es fürs erste für mich keine Langen Schläge übers Meer mehr. Bevor es wieder weiter raus geht, werde ich mich wohl gründlich mit kurzen Schlägen mit den Gezeiten vertraut machen.
  • Gegen den Strom geht nicht. Wenn man zu spät ist: Abdrehen. Meiner Meinung nach hätte ich das spätestens auf der Außenelbe machen müssen – Richtung Helgoland. Doch, wie mir am nächsten Morgen klar wurde hätte ich sogar als ich um Schlepp gebeten habe noch eine Chance gehabt. Das Wattenmeer war nicht weit, hier hätte ich vor Anker werfen und warten können bis die Tide kentert. Und wer weiß, bei Flaute vielleicht sogar ein, zwei Stunden schlafen. Doch hier schlägt wieder die Erschöpfung zu: Ich war schlicht nicht mehr in der Lage so weit zu denken.

 

Also ist der Plan jetzt: Kurze Schläge, und einfach mal die nähere Umgebung erkunden. Dabei sehen was mir gegen Seekrankheit hilft und Erfahrung mit den Gezeiten sammeln. Weiter raus geht es erst, wenn ich die nötige Erfahrung habe. Egal ob das in einem Monat, einem Jahr oder fünf Jahren ist. (Ausnahme ist natürlich, wenn ich mit jemand erfahrenem zusammen segeln sollte….)

Außerdem werde ich ab sofort immer Navionics mitlaufen lassen. Dabei bin ich im großen und ganzen gar nicht so unzufrieden mit meiner Navigation.

Die größte Abweichung zwischen angenommener und tatsächlicher Position war gerade mal knapp über eine halbe Meile – und das nach rund zwei Stunden auf offenem Wasser ohne Bojen oder andere Anhaltspunkte! Find ich gar nicht mal so schlecht für das erste Mal.

 

Fazit: Ich habe viel zu lernen. Manches klappt schon recht gut . So bin ich beispielsweise gut mit BEA ORCA zurecht gekommen, obwohl der Unterschied zwischen so einem Kleinkreuzer und einem 8 Fuß Schlauchsegelboot doch sehr groß ist. Und auch wenn es natürlich doof ist das ich ab einem gewissen Punkt (den ich noch nicht genau kenne) Seekrank werde: Ich schaffe es noch das Boot zu führen. Selbst wenn ich kotzend über Bord hänge. Und auch für den Versatz durch die Strömung bilde ich mir ein, ein gewisses Gefühl zu haben. Wobei das auch Glück gewesen sein kann – das wird sich noch zeigen.

Das wichtigste aber: Ich will meer davon. Und so werde ich – wenn auch vorsichtig, langsam, gewissermaßen mit Babysteps – wieder raus fahren.

 

Ich freue mich übrigens weiterhin über Tipps. Ansonsten ist hier jetzt erstmal für einen Monat Blogpause – bevor ich weiter blogge mag ich erst einmal ein wenig segeln. Falls ihr in der Zwischenzeit etwas von mir lesen wollt: Wie wäre es mit meinem Buch?

Ansonsten werde ich von unterwegs wahrscheinlich auch das eine oder andere Bild auf Facebook veröffentlichen. Und wenn du sicher sein willst es nicht zu verpassen, wenn es hier weiter geht, kannst du hier meinem Blog via e-Mail abonnieren.

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Ich wünsche (gar nicht eigennützig 😉 ) allen für die kommenden Wochen bestes Segelwetter – ganz besonders auf Nord- und Ostsee!

Sebastian

2 Kommentare

  1. Hallo Sebastian,
    ich schreibe selten Blogkommentare, aber in diesem Fall führte kein Weg daran vorbei: Ich habe die drei Berichte über den Anfang deines Nordsee-Törns gelesen – und mir stehen die Haare zu Berge. Inzwischen bist du ja heil wieder in Cuxhaven angekommen, und unterwegs hast du ganz bestimmt einiges dazugelernt. Aber dir sollte klar sein, dass da nach deiner ersten Ausfahrt sehr, sehr viel Glück dabei war. Du hättest genauso gut schwer verletzt oder tot sein können. Das klingt jetzt ziemlich drastisch, aber bitte denk darüber nach, dir weiteres Wissen anzueignen, bevor du den nächsten Törn startest – und zwar nicht in Foren oder dieser Kommentarspalte, sondern bei Menschen aus Fleisch und Blut.

    Ich will dich mit dieser Nachricht nicht demotivieren, aber mit ein klein wenig Pech wärst du als Seeunfallbericht der BSU geendet. Wenn die Maschine ein bisschen früher ausgefallen wäre, hättest du in den Brechern am hohen Weg schlicht zermalmt werden können. Wenn die Seekrankheit ein klein wenig schlimmer geworden wäre, wärst du womöglich erschöpft über Bord gegangen (und nein: Ingwer hilft nicht dagegen). Ganz zu schweigen davon, dass du nach der stundenlangen Fahrt kaum noch in der Lage gewesen sein dürftest, eine fundierte Entscheidung zu treffen, einem Kollisionsgegner auszuweichen oder einen Sturm abzuwettern. Du hattest Glück, dass die Seenotretter für dich da waren. Aber was wäre geschehen, wenn dein Handy nicht mehr funktioniert hätte, etwa wegen des Regens? Hattest du irgendwelche Seenotsignalmittel an Bord und falls ja: weißt du, wie sie benutzt werden?

    Ich muss das leider so schreiben: Du hast elementare Sorgfaltspflichten der guten Seemannschaft verletzt, und das nicht einzeln, sondern in Serie. Jeder einzelne Fehler hätte dich Kopf und Kragen kosten können. Einige Punkte hast du in diesem Beitrag ja schon festgehalten, sie greifen aber immer noch zu kurz.* Die Nordsee ist etwas völlig anderes als die holländischen Binnengewässer, und sie hat schon deutlich erfahrenere Seeleute als dich oder mich auf dem Gewissen.

    Natürlich braucht man keinen Führerschein, um mit einem kleinen Boot zu fahren – das heißt aber nicht, dass das auch eine gute Idee ist. Bei Facebook habe ich gelesen, dass du von SBF-See und Co nicht viel hältst. Es stimmt ja: Die Ausbildung ist sehr theorielastig, vieles davon benötigt man auf See nur selten oder gar nicht. Aber manches kann einem das Leben retten, viele der von dir genannten Fallstricke hättest du vermieden.

    Du hast völlig Recht: Es gibt kein schöneres Gefühl, als alleine auf dem Meer zu sein. Aber nur, wenn man weiß, dass man dank des richtigen Rüstzeugs auch wieder heil zurückkommt. Bitte überleg dir, ob du nicht a) gemeinsam mit erfahrenen (und geprüften) Seglern ein paar Meilen frisst oder b) doch einen Führerschein machst. Beides kostet dich ein paar Euro. Wenn du so weiter machst, steht mehr für dich auf dem Spiel.

    Handbreit,

    Michael

    * wenn es dich interessiert, können wir uns gern darüber austauschen. Aber damit würdest du nur die Fehler vermeiden, die du schon gemacht hast – ganz zu schweigen von denen, von denen du noch gar nichts ahnst.

    • Ich habe dir ja schon auf Facebook ausführlich geantwortet, daher hier noch einmal ganz kurz:

      Danke für deine ehrliche Meinung. Ich kann deinen Standpunkt nachvollziehen, auch ich würde die Überführung nicht mehr so machen wie ich es gemacht habe. allerdings weißt du nicht genug über mich – kannst es nicht wissen – um tatsächlich zu wissen was ich weiß und was nicht. Und so weiß ich z.B. das ein SBF See aktuell einfach für mich keinen Sinn macht. Die theoretischen Kenntnisse sind deutlich unter dem was ich weiß – und die Praxis… nun, darüber müssen wir garnicht erst reden.
      Gegen einige der von dir geäußerten punkte – z.B. schaden am Handy – habe ich vorgesorgt. Mit BackUp in Form eines Wasserfesten handys. Und natürlich Signalmitteln, mit deren Einsatz ich mich im Voraus beschäftigt habe.
      In der Zwischenzeit habe ich drei Wochen Törn im Gezeitenrevier (Außenelbe, Oste und Wattenmeer) hinter mir. Ohne Schäden am Boot oder Skipper (naja zweiteres fast). Und ohne Seenotretter.

      Zum Abschluss sei noch gesagt das ich mittlerweile glaube, das ganze etwas zu gut geschrieben habe. Manche Dinge lesen sich vielleicht auch dramatischer als sie für mich tatsächlich waren.

      Viele Grüße,
      Sebastian

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