Ein Traum wird Wirklichkeit

 

Knapp einen Monat ist es her das ich Bea Orca von Hooksiel nach Cuxhaven überführt habe. Schlechtes Wetter mit Starkwindlagen, Termine am Wochenende und zuletzt ein gerissenes Vorsegel haben uns seit dem im Hafen gehalten. Doch jetzt ist es endlich so weit. Vor mir liegen drei Wochen Urlaub. Zeit, endlich meinen Traum zu verwirklichen. Den Traum von mir, meinem Boot und der See. Es ist soweit, endlich werde ich die Leinen Lösen und in See stechen.

Glücklich lächelnd blicke ich auf die alte Genua. Eben erst habe ich sie nach einer Reperatur vom Segelmacher geholt. Das war knapp, ohne sie hätte ich kein Vorsegel für meinen Törn. Und dabei freue ich mich doch riesig auf die nächsten drei Wochen! Immerhin träume ich seit Jahren davon. Ein Boot, die See – und ich. Ein Traum wird Wirklichkeit.

Leider ist der Wetterbericht für die kommende Woche eher schlecht. Praktisch täglich Böen bis 7 Beaufort – für mich zu viel. Und so habe ich nur noch heute und morgen umd irgendwo hin zu kommen und das schlechte Wetter abzuwettern. Meine Entscheidung: Neuwerk. Eine Insel, das kann doch nur ein guter Ort sein um auf besseres Wetter zu warten!

Ich werfe den Diesel an – was für ein Luxus – und lege ab. Nur langsam bewegt sich das Boot rückwärts und auch vorwärts komme ich nur langsam voran. Noch im Amerikahafen setze ich die Segel und nehme Kurs auf die Hafenausfahrt. Der Motor läuft noch mit, um uns sicher durch die Ausfahrt zu bringen. Doch kaum bin ich ein Stück vom Land entfernt schalte ich ihn ab und genieße den Wind im Segel. Mein Kurs: Ost. Denn als erstes quere ich das Fahrwasser – und das natürlich auf direktem Wege. Die westlichen Winde schieben gut und schon bald sind wir auf der anderen Seite. Bei einem Ziel zurück stelle ich überrascht fest, das einige andere Segler zwar auch auf Nordkurs gehen – aber auf der falschen Fahrwasserseite!

Mit einem Schulterzucken tue ich es ab und beobachte, wie wir zügig an Cuxhaven vorbei ziehen.

Schmunzelnd beobachte ich mit dem Fernglas die Kugelbarke. Wie oft ich wohl in den letzten Monaten dort gestanden und den Segelbooten auf der Außenelbe zugesehen habe? Ich weiß es nicht. Doch jetzt bin ich hier. Ein Glücksgefühl macht sich in mir breit, ich genieße es auf dem Wasser zu sein. Auf Halbwind rennt BEA ORCA nach Norden. 6, 7, 8, schließlich sogar 9 Knoten macht meine Große über Grund! Für ein Boot, das auf 22 Fuß mehr als 1,5 Tonnen bringt wahrhaft beeindruckend – selbst wenn man den Strom rausrechnet. Die Kugelbarke liegt gerade hinter uns, als die ersten Böen ins Segel greifen. Wir krängen, doch läuft BEA ORCA sehr gut weiter. Selbst die stärksten Böen, fast 7 Windstärken, können das Boot nur auf etwas über 15° krängen. Ich genieße den Ritt, entspanne mich ein wenig. Noch bin ich nervös, das alles ist neu für mich. Das Ende des Überführungstörns steckt mir noch in den Knochen. Und doch ist es so schön!

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Schnell entfernen wir uns von Cuxhaven.

Sorgen bereitet mir eine schwarze Wolke voraus. Ich reffe die Rollgenua – erst nur ein wenig, dann noch mal. Schließlich, als ich zwischen der roten Tonne 26 und 24 die Wolke erreiche nur noch Genua in der Größe eines Handtuches. Böen greifen BEA ORCA und drücken sie auf fast 30° Krängung. Schnell ist der erste Karabiner in die Sorgleine eingepiekt, dann der zweite und ich eile aufs Vorschiff um das Groß zu bergen. Setzen geht problemlos vom Cockpit aus. Doch will ich es runter bekommen muss ich vor, von selbst rutscht da leider nichts.

Zurück im Cockpit atme ich auf. Der Motor schiebt uns, wenn auch langsam voran und der Rest Genua stabilisiert das Boot in der Welle. Sicher, ich hätte auch unter Segel weiter gekonnt. Doch hätte dies bedeutet bei Wind gegen Strom zu kreuzen – und das auch noch bei – in Böen – fast sieben Windstärken. Unter der schwarzen Wolke haben sich schon jetzt hohe Wolken aufgebaut die uns umher werfen. Der Diesel schnurrt und bringt uns sicher voran.

Ein grimmiges Lächeln im Gesicht blicke ich voran. Weit ist es nicht mehr, nur noch drei bis vier Seemeilen, dann bin ich im Wattenmeer. Hinter der Wolke bleibt die See rau, doch der Wind läst etwas nach und ich setze das Groß wieder. Anschließend der Griff die Leine der Rollanlage lösen und ein Zug an der Schot – perfekt. Erneut teilt BEA ORCA’s Bug das Wasser, eilt in Richtung Watt. Ich freue mich riesig darauf. Das Wattenmeer! Zum ersten Mal!

Doch zunächst muss ich mich konzentrieren, hier sind viele Schiffe unterwegs deren Schwell unberechenbar ist. So mancher großer Tanke macht kaum eine Welle, so manches – verhältnismäßig – kleines Schiff hingegen hinterlässt Meterhohe Wellenberge.

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Die Sonne scheint auf meine Haut, ich lächle. Schön ist es hier draußen. Anstrengend? Ja. Aber auch schön. Besonders freut mich das ich, abgesehen von einem kurzen Murren in der Magendgegend unter der schwarzen Wolke keine Seekrankheit erlebt habe. Und das, obwohl ich zwischenzeitlich stark durchgeschüttelt wurde.

Besorgen hingegen bereitet mir ein Blick aufs Tablett mit Navigationsapp. Das Tempo ist auf knapp über ein Knoten über Grund abgesunken. So komme ich gewiss nicht ins Watt. Nachdenklich kratze ich mich am Kopf. Wie kann das sein? Ein Knoten – das ist weniger als der Strom schieben sollte! Und ganz abgesehen davon sehe ich auch ohne Logge, das wir gut Fahrt durchs Wasser machen. Jetzt, wo die Segel wieder stehen und ich kreuze machen wir deutlich mehr Fahrt durchs Wasser. Ich muss unbedingt mal runter tauchen und einen Blick auf die Schraube machen. Der Voreigner hatte mich gewarnt, das die Maschine, ist die Schraube erstmal mit Pocken übersäht, kaum noch Fahrt machen würde. Doch hier draußen kann ich daran nichts ändern.

Schließlich dämmert es mir und ich schlage mir die Hand an die Stirn. Na klar! Ich hatte erst am Vorabend Neuwerk als Ziel auserkoren. Erst gestern erfuhr ich, das ich mit meinem Tiefgang in den Bauernhafen komme. Ursprünglich hatte ich mit einem beliebigen Hafen an der Oste oder aber Neuhaus ins Auge gefasst. Je weiter ich von Cuxhaven in Richtung Hamburg segle, desto später kentert die Tide, desto mehr Zeit habe ich. Nun bin ich aber Raus, gen See gefahren. Klar – da kentert sie früher! Zwar kann ich die genaue Zeit nicht nachsehen, der Gezeitenkalender liegt in der Kajüte und ist für mich außer Reichweite, doch passt es zusammen, macht sinn. Ich segle noch einige Minuten auf der Stelle, kreuze das Fahrwasser und nehme wieder Kurs Cuxhaven. Dabei entspanne ich mich. Was soll’s. Selbst wenn ich richtig gerechnet hätte: Früher hätte ich nicht lossegeln können. Ich hab nicht rumgebummelt sondern bin, so früh ich konnte, losgesegelt. Die Sonne scheint wieder und der Wind schiebt uns mit Halbwind- bis Raumschotskurs gen Cuxhaven. Ich bin auf dem Wasser, unterwegs. Segle. Breit grinsend sehe ich voraus, suche mit dem Fernglas die nächste Tonne und halte drauf zu. Irgendwie macht mir das Navigieren mit der Papierkarte mehr Spaß.

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Hier, hinterm Damm der das Wattenmeer von der Außenelbe trennt, sind die Wellen verhältnismäßig klein, nicht mehr als ein Meter – vielleicht auch weniger. Nur der Schwell mancher Schiffe wirft uns umher. Doch bereits mit BEA habe ich gelernt damit zumzugehen. Zielsicher halte ich den Bug in die Welle und segle sie aus. So wird auch dieses Ärgernis zu einem Vergnügen, solang keine anderen Boote in der nähe sind. Denn dann muss ich aufpassen, gegebenenfalls ausweichen.

Viel zu schnell erreichen wir die Kugelbarke, wieder schiebt der Strom, wenn auch nicht so stark wie bei unserer Abfahrt.

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Kurz vor dem Hafen starte ich den Motor. Mit deutlich spürbarem Seitenstrom halte ich schräg auf die Hafeneinfahrt zu. Noch bin ich nervös, die Vorstellung was passieren würde, würde ich zu weit Stromabwärts ankommen und auf die Hafenmauer gedrückt werden bereitet mir sorgen. Dabei könnte ich nicht weiter von ihr entfernt einlaufen! Und auch wenn der Wind von vorne die Segel killen lässt und der Diesel kaum mehr als ein Knoten durchs Wasser schafft habe ich noch mehr als genug Schwung um bis tief in den Amerikahafen zu kommen, bevor ich BEA ORCA erneut einen Aufschießer fahren lasse und die Segel berge. Anschließend begebe ich mich in Richtung meiner Liegeplatzes – doch der ist schon besetzt. Dafür winkt mich ein anderer Segler in eine Ecke. Die Fender hängen bereits draußen, die Leinen sind vorbeeitet – also nix wie rein. Erst im letzten Moment merke ich wie schlecht dieser Platz eigentlich ist. Er ist in der Ecke, ein Boot direckt dahinter, eines daneben. Dazwischen etwa drei Meter, durch die ich mittig schräg hindurch muss. Und das ganze bei Strom und Seitenwind!

BEA ORCA schießt in die Lücke. Kaum bin ich drinnen gebe ich Vollgas Rückwärts um abzustoppen. Doch auch das hätte nicht gereicht um jeglichen Kontakt mit dem Steg zu verhindern, hätte nicht der bereistehende Segler die restliche Fahrt mit einem beherzten Griff zum Bugkorb rausgenommen. Kurz darauf ist BEA ORCA festgemacht und ich bedanke mich bei dem Segler. Dieser winkt nur ab. Wir alle hätten mal angenommen. Trotzdem schwöre ich mir innerlich, nie wieder so einen schlechten Anliegeplatz zu nutzen. Also wirklich – was hatte ich mir nur dabei gedacht!

Bald darauf werde ich einen Blick auf den Wetterbericht. Er ist etwas besser geworden und so beschließe ich, es am nächsten Tag noch mal zu versuchen. Wenn auch eher in Richtung Neuhaus denn Neuwerk.

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Am späten Nachmittag fahre ich mit dem Fahrrad nach Hause und hole mir eine alte Schwimmbrille. Anschließend geht es über die Badeleiter ins nicht ganz saubere Hafenwasser. Ich muss an die Schraube. Zwar kann ich dank der Brille die Augen offen lassen, sehe aber auch so keine zehn Zentimeter weiter. Letztlich taste ich mir den Weg vorwärts. Und tatsächlich: Die Schraube ist übersäht mit Pocken. Blind setze ich den Spatel an und kratze, bevor ich zurück zur Wasseroberfläche schwimme und tief Luft hole. Der Weg zur Schraube ist zwar nicht weit doch muss ich ihn mir jeder Mal aufs neue suchen. Drei mal tauche ich und kratze dabei einen großen Teil der Pocken von der Schraube. Beim viertel mal passiert es. Ich taste mich blind durch die Brühe, als ich etwas scharfes spühre. Fast hätte ich den Mund für einen Schrei geöffnet und kann gerade so noch verhindern Hafenwasser in den Mund zu kommen. Zurück an der Wasseroberfläche sehe ich mit meine rechte Hand an. Sie ist übersäht von, teils tiefen Schnittwunden. Ich habe direkt in die scharfen Pocken an der Schraube gefasst. Weiter tauchen kommt nun nicht mehr in Frage.

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Ich reinige meine Hand gründlich und verbinde sie notdürftig. Hoffentlich ist es morgen soweit verheilt, das ich die Hand wieder benutzen kann.

Schließlich sinke ich mit einem guten Buch in die Koje. Morgen ein neuer Versuch.

Ich lächle. Es war ein schöner Tag. Ich hatte einen tollen Tag auf dem Wasser. Und morgen geht es weiter. Schließlich schlummer ich, ein dickes Lächeln im Gesicht, ein.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 05.08.2016.

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Sebastian

5 Kommentare

  1. Moin Sebastian,alles nicht so einfach, wenn man alleine unterwegs ist. Dir und deiner BEA ORCA immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel 😉 Bin gespannt, wie es weiter geht !!!Liebe Grüsse Marga Wika-Bialluch

    • Hallo Marga,
      Es geht. Natürlich kann (erfahrene) Crew hilfreich sein. Andererseits hätte ich mit unerfahrener CCrew vielleicht noch mehr fehler gemacht. 😀
      Der Törnbericht über meinen ersten Seetörn ist ja schon fast komplett fertig, es fehlen noch drei oder vier Beiträge… ich glaube drei, müsste nachsehen. Ob ich auch noch meine Wochenendtörns und den zweiten Urlaubstörn von 2016 hier veröffentliche weiß ich ehrlichgesagt garnicht. Aktuell habe ich so viel zu erzählen, das ich woll irgend etwas unter die Räder kommen lassen muss…
      Viel Spaß noch beim lesen all der bereits veröffentlichten Beiträge!
      Viele Grüße,
      Sebastian

  2. Hallo Sebastian

    Schöner,interessanter Artikel, wie wir es von Dir gewohnt sind.

    In Sachen Arbeitsschutz gibt es schnittfeste Handschuhe zb. für
    arbeiten mit scharfkantigen Blechen, Glasscheiben und Messern.
    Die wären vielleicht gut für Pocken-arbeiten.
    Frag mal im Arbeitsklamottenladen oder im Internet.

    • Hm. Ich hatte eigentlich vor einfach regelmäßig trocken zu fallen. Aber das ist natürlich auch eine Möglichkeit. 🙂
      Grüße,
      Sebastian

Kommentare sind geschlossen.