Bei Wind gegen Strom auf der Außenelbe

Am nächsten Morgen begebe ich mich zum Hafenmeister. Hier gebe ich den Schlüssel für die Sanitärräume ab und erhalte dafür mein Pfand zurück. Ich bin schon fast wieder draußen als mich jemand nach meinen Plänen fragt.

„Ich will ins Wattenmeer. Am liebsten auch mal trocken fallen.“

Sein Lächeln weicht Entsetzen.

„Trockenfallen? Mach das nicht!“

Es folgt ein Vortrag darüber, wie schlimm es für ein Boot wäre trocken zu fallen. Hört man ihm zu, so könnte man meinen jedes Boot das trocken füllt verliert seine Kiele. Ich merke das ich anfange mich darüber zu ärgern, kann nur den Kopf schütteln. Ich habe keinen Kurzkieler mit großem Tiefgang. Bei solchen Booten kann ich den Gedanken ja noch nachvollziehen. Aber ich habe keinen Kimmkieler! Ein Boot das genau dafür gebaut wurde! Und ich habe doch auch nicht vor bei Sturm trocken zu fallen – sondern bei handigem Wetter! Gewöhnlich weiß ich Warnungen zu schätzen, doch hier kann ich nur den Kopf schütteln und Land gewinnen. Gemeingefährlich. Genau. Und das Wattenmeer liegt voll von abgebrochenen Kielen…

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Schafe auf Deich & Vorland. Määh. 🙂

Statt zurück aufs Boot führt mich mein Weg an die Elbe. Hier verläuft der Fuß- und Radweg über grünes Land, überall laufen Schafe umher.

Määäh!

Noch ist alles ruhig. Wind und Strom aus einer Richtung...

Noch ist alles ruhig. Wind und Strom aus einer Richtung…

Angetrieben von Gelüsten nach einer Apfeltasche begebe ich mich in die Stadt. Doch das Volksfest hat heute noch nicht begonnen, die Stände sind noch geschlossen. Ich will schon umdrehen, als mein Blick auf die Segler-Sanitärgebäude des Sportboothafens hinter der Schleuse fallen. Sie sind offen. Und da ich bereits den Schlüssel abgegeben habe komme ich im alten Hafen nicht mehr aufs Klo. Denn den Code habe ich vergessen.

In einer halben Stunde will ich aus dem Hafen raus. Damit habe ich zwar die ersten Meter noch Gegenstrom, allerdings will ich wenigstens ein wenig Strecke machen bevor die Tide kentert. Der Grund dafür ist recht simpel: Ich habe heute Wind gegen Strom. Mein Törnführer empfiehlt dies bei mehr als 4 Windstärken zu meiden. Denn dann wird es ungemütlich. Das neben den vier Windstärken auch Böen von 6 Beaufort gemeldet sind blende ich lieber aus. Ich will vorwärts kommen. Am liebsten bis ins Wattenmeer. Falls das nicht klappt oder es mir zu ungemütlich wird vielleicht auch wieder auf die Oste. Noch einen Tag einfach nur herum sitzen? Lieber nicht.

Ich bin gerade dabei Bea Orca fertig zum auslaufen zu machen als eine größere Fahrtenyacht anstallten macht anzulegen. Doch die Lücke passt nicht – sie ist einen halben Meter zu kurz und ich werde aufgefordert, mein Boot schnell nach hinten zu verholen. Und so löse ich die Leinen leicht, ziehe Bea Orca einen Meter nach vorne und belege die Klampen neu.

Anschließend wird die Fock angeschlagen, der Leinensalat im Cockpit aufgeräumt und noch einmal ein genauer Blick auf die Seekarte geworfen. Ansteuerung für Wattenmeer und Oste habe ich im Kopf.

Beim Ablegen hilft mir die Crew der gerade erst angekommenen Yacht. Mit brummendem Diesel geht es ganz nach hinten in den Hafen, einmal Wenden und dann gemütlich raus. Der Strom setzt noch überraschend stark, ich schätze 1 bis 2 Knoten. Trotzdem setzte ich, kaum habe ich den Hafenpriel hinter mir gelassen, die Segel und lasse den Motor verklingen.

Einige Möwen schreien, die Wellen rauschen, der Wind pfeift. Glucksend schiebt sich Bea Orca hoch am Wind durchs Wasser. Die Schläge sind verhältnismäßig klein, zwischen Land und Fahrwasser gibt es nur einen dünnen Streifen auf dem ich kreuzen kann. Die vielen Manöver in Kombination mit dem Gegenstrom erschweren mir das Vorwärtskommen. Zwar sind die Wellen noch harmlos, trotzdem ist das Vorwärtskommen unzureichend. Bei diesem Tempo käme ich bestenfalls mit ablaufendem Wasser bis zur Oste!

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Brunsbüttel achteraus.

Auf der Südseite des Fahrwassers sehe ich eine ganze Kolonne von Fahrtenyachten die unter Motor nach westen dampfen. Und doch, der Kurs hoch am Wind macht mir Spaß. Bea Orca bewegt sich ausgesprochen angenehm durch die Wellen. Breit grinsend sitze ich im Cockpit, lache und singe aus volle Kehle. Mir geht es gut. Nach vier Nächten in Brunsbüttel bin ich endlich wieder unterwegs. Ich bin Frei!

Schließlich entscheide ich mich dafür das Fahrwasser doch jetzt schon zu kreuzen. Im Moment sind weit und breit keine Schiffe zu sehen, perfekt um auf die andere Seite zu huschen. Rauschend fliegt Bea Orca übers Wasser. Mittlerweile ist Stillwasser, nicht mehr lang und die Tide wird mich schieben. Das bedeutet aber auch: Bald wird es unruhig. Und ich habe erst einen Bruchteil der Strecke hinter mir

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Schwer zu fotografieren: Eine Welle baut sich auf, die Außenelbe wird rau.

Am Südufer fange ich wieder an zu kreuzen. Dabei werden meine Schläge immer weiter, ich bewege mich zwischen der 5-Meter-Linie und dem Fahrwasser. Ich merke, dass der Strom langsam anfängt zu schieben, wir bewegen uns langsam in die richtige Richtung. Allerdings baut sich auch mehr und mehr eine Welle auf. Bea Orca klettert mutig jedes dieser Ungetüme hoch und runter, schüttelt mich dabei nur minimal durch. Trotzdem entscheide ich mich nach eineinhalb Stunden dafür den Motor zu starten. Die Zahl der Böen wird größer, es wird mir zu Rau. Bea Orca steckt den harten Kurs gut weg. Auch dem Skipper geht es gut – von Seekrankheit keine Spur. Doch Spaß macht es nicht, die Welle ist eklig, das Vorankommen ausgesprochen mühsam.

Kaum rattert der Diesel beginne ich damit die Segel zu bergen. Fast alles kann ich aus dem Cockpit machen. Bisher konnte ich zumindest das Vorsegel auch von hinten bergen. Doch meine neue Stagreiter-Fock bekomme ich nur runter wenn ich aufs Vorschiff gehe. Eingepickt hangle ich mich nach vorne, eine Hand immer am Boot. Dann bekomme ich das Segel zu fassen, ziehe es runter und sehe zu wieder ins Cockpit zu kommen. Kurs korrigieren, durchatmen und wieder vor. Denn auch das Groß soll runter. Und hier hängen die Mastrutscher in der Schiene. Ich muss leicht am Tuch zupfen damit es runter rutsch. Ginge es nur um eine kurze Zeit, ich hätte wohl beide Segel stehen gelassen. Doch unser Kurs führt direkt gegen den Wind und ich will die Segel nicht die kommenden eineinhalb Stunden killen lassen.

Immerhin: Der Diesel schiebt gut direkt gegen den Wind. Zwar wäre ich lieber gesegelt, doch als ich drei Stunden nach dem Ablegen in die Oste einlaufe merke ich, wie ich erleichtert aufatme. Wind gegen Strom auf der Außenelbe? Geht mit Bea Orca. Sogar überraschend gut. Boot und Skipper können das wegstecken. Wenn es sein muss. Denn: Spaß macht das nicht.

 

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 14.08.2016.

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Sebastian