Abenteuer Wattfahrt

Etwa zweieinhalb Stunden vor Hochwasser Friedrichskoog gehe ich Anker auf. Noch immer kann ich das Wattfahrwasser nicht entdecken. Doch in Anbetracht von Flaute und noch deutlich steigendes Wasser habe ich beschlossen es einfach zu suchen. Südlich von mir ist kein Vogel- oder Robbenschutzgebiet, ich darf dort auch schnippeln. Und so diesel ich, den Blick immer wieder aufs Echolot gerichtet, nach Süden.

Die Wassertiefen haben größtenteils eher wenig mit den Angaben auf der Seekarte zu tun und ich fahre langsam um im Fall eines Grundkontaktes möglichst sanft aufzulaufen.

Obgleich ich hochkonzentriert fahre genieße ich die mich umgebende Natur. Es ist faszinierend. Das Land ist noch weit weg, trotzdem habe ich schon auf einem Baggersee höhere Wellen erlebt. Wenn man denn diese winzigen Höhenunterschiede tatsächlich Wellen nennen mag.

Mit dem Fernglas beobachte ich meine Umgebung. Irgendwo hier muss das Wattfahrwasser sein. Laut Seekarte soll es recht gut mit Pricken gekennzeichnet sein. Diese sind zwar nicht sonderlich dick, aber bei der Menge sollte man sie doch entdecken können!

Etwa fünfzehn Minuten taste ich mich langsam voran, dann entdecke ich sie. Östlich von verläuft das Wattfahrwasser, Birke an Birke ragen die Bäumchen die als Pricken das Fahrwasser markieren aus dem Wasser. Schnell ist der Kurs angepasst. Doch noch dauert es einige Minuten, solange ich nicht im Fahrwasser bin taste ich mich nur langsam voran. Endlich wird das Wasser wieder tiefer. Auf dem Weg hier her hatte ich stellenweiße nur noch sechzig Zentimeter Wasser unter den Kielen. Da hätte ich neben Bea Orca im Wasser stehen können!

Schnell zeigt sich dass das Wattfahrwasser deutlich geschlungener ist als es auf der Karte den Anschein hat. Um mein erstes Wattfahrwasser extra interessant zu machen kann man sich auch auf die Pricken nicht so recht verlassen. Mal muss man so nah an sie heran, das man mit bloßer Hand das Holz berühren könnte. Dann heißt es wieder Abstand halten: Manche Pricken lasse ich, um nicht aufzulaufen, fünf Meter neben mir liegen!

Dies bedeutet für mich das ich nicht viel schneller als außerhalb des Fahrwassers fahren kann. Das Tempo schwankt zwischen 2 und 3 Knoten über Grund – und der Strom schiebt, wenn auch nur leicht.

So schön es hier auch ist, meine Nerven sind angespannt. Natürlich, ich hatte gewusst das sich im Watt alles in ständigem Wandel befindet. Ganz klar, das gehört dazu. Und das Karten bestenfalls ein „es könnte mal so gewesen sein“ darstellen: Okay. Aber das man selbst den markierten Fahrwassern nicht trauen kann – ist das nicht irgendwie etwas zu viel des guten? Wonach soll ich mich da richten?

Trotzdem taste ich mich weiter vor. Ich will nach Friedrichskoog, will diese Wattfahrt schaffen.

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Im Wattfahrwasser Richtung Friedrichskoog

Allen Erschwernissen zum Trotz genieße ich es. Die Wattfahrt fordert mich, belohnt aber gleichzeitig durch ihre unglaubliche Schönheit. Der Blick über das flache Wasser, so fern und doch so nah die Küste von Schleswig Holstein, gerade noch zu erkennen die Umrisse von Cuxhaven… dies ist ein besonderer Ort. Auch fasziniert mich der Gedanke, das hier alle paar Stunden kein Wasser steht. Gewissermaßen motore ich gerade über Land. Breit grinsend sitze ich im Cockpit. Eine lustige Vorstellung.

Eine Stunde vor Hochwasser nähere ich mich dem Hafen. Hatte ich bisher gedacht die Wattfahrt sei anspruchsvoll gewesen zeigt sich nun: Das war noch gar nichts. Das Wasser wird nur noch leicht steigen. Trotzdem schlägt immer wieder das Echolot an, warnt mich vor gerade einmal 30 Zentimetern unter dem Kiel!

Eigentlich ein Grund umzukehren. Bei Nipptide oder östlichen Winden hätte ich keine Chance hier wieder heraus zu kommen. Und, um das ganze perfekt zu machen: Bei westlichen Winden käme ich zwar aus dem Hafen, nicht aber aus dem Dithmarschen Wattenmeer. Eigentlich total verrückt. Allerdings melden die Wetterfrösche über die nächsten Tage gleichbleibendes Wetter: Schwachwind bis Flaute. Und wir nähern uns Springtide, in den kommenden Tagen soll also noch etwas mehr Wasser auflaufen.

Obgleich der Hafenpriel zum Greifen nah scheint soll es noch lange dauern ihn zu erreichen. Gleich vor dem Hafen schlägt das Fahrwasser einen großen Bogen, der direkte Weg wird von einer Sandbank verdeckt. In Anbetracht der Tatsache wie wenig Wasser selbst im Priel steht beschließe ich, das Schnippeln keine gute Idee wäre.

In diesem Bogen wechseln die Pricken plötzlich die Seiten. Statt Backbord markieren sie jetzt die Steuerbordseite des Fahrwassers. Fast wäre es mir nicht aufgefallen, gerade noch rechtzeitig passe ich meinen Kurs an. Mein Herz schlägt. Hier würde ich bereits beim kleinsten Schnippeln sicherlich auflaufen.

Dann habe ich es geschafft. Das Land ist mittlerweile zum Greifen nahe, ich schätze die Distanz auf zehn, höchstens zwanzig Meter. Noch eine Kurve hart nach Steuerbord, jetzt liegt der Hafenpriel vor mir. Lang und gerade liegt er vor mir, ganz am Ende steht das Sperrwerk. Laut Revierführer soll es immer offen stehen. Doch, so mich meine Augen nicht täuschen scheint es verschlossen zu sein. Seltsam. Doch dies soll jetzt nicht das Problem sein. So kurz vor dem Ziel mag ich nicht umkehren ohne genau hinzusehen. Es gibt keinen Grund warum das Sperrwerk geschlossen sein sollte – wir haben heute ein ganz normales Hochwasser.

Das Wasser im Priel ist flach, ich nehme noch einmal Gas raus. Vorsichtig taste ich mich im Priel vorwärts. Die Seiten sind gut sichtbar mit Pricken markiert, scheinbar ist es komplett ausgebaggert. Die Pricken stehen direkt am Ufer. Also alles gut.

Oder auch nicht. Ich habe gerade erst die ersten fünfzig Meter des Priels hinter mir als sich Bea Orca weich in eine Sandbank gräbt. Ich lege den Hebel nach hinten, gebe Gas Rückwärts und wir sind wieder runter. Da war also eine Untiefe. Okay. Ob wohl ein Weg außen rum führt? Nicht das der Priel hier sonderlich viel Spielraum gibt, aber einen Versuch ist es wert. Ich steuere nach Steuerbord und tatsächlich, nur ein, zwei Meter neben der Untiefe komme ich problemlos durch. Selbst das Echolot, welches ab vierzig Zentimetern unter den Kielen zu heulen beginnt schweigt still.

Wir kommen etwa hundert Meter weiter, dann steht Bea Orca erneut. Wieder gas rückwärts, Kurs ändern und um die Untiefe herum. Was für ein Hafenpriel. Will man hier fremde fernhalten? Hier kann doch eigentlich nur ein echter Revierkenner durch!

Als ich nur wenig später ein drittes Mal auflaufe reißt mein Geduldsfaden. Es ist gerade mal eine dreiviertel Stunde nach Hochwasser und ich laufe hier ständig auf. Das ist zuviel für mich, der Fluchtinstinkt schlägt an. Nichts wie raus! Ich wende Bea Orca auf aller engstem Raum, mag nicht dabei wohlmöglich noch auf eine Untiefe auflaufen. Doch schon nach wenigen Metern sitzen wir wieder fest. Ich gebe Vollgas rückwärts, lege als das nicht reicht Ruder backbord, dann Ruder steuerbord. Doch es bringt alles nichts. Wir sitzen fest. Zehn Minuten versuche ich mich zu befreien, dann gebe ich auf. Mittlerweile ist das Wasser weiter weggelaufen, ich komme hier nicht mehr runter. Wir sitzen fest – mindestens bis zum nächsten Hochwasser.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 16.08.2016.

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Sebastian