Gestrandet vor Friedrichskoog

Ich sitze fest. Das Wasser ist schon zu weit weg gelaufen, hier komme ich vor dem nächsten Hochwasser nicht runter. Bea Orca verlassen kann ich aber auch nicht, denn noch stehen um den Rumpf etwa siebzig Zentimeter Wasser. Und so verschwinde ich unter Deck und bereite ich mir ein kleines Mittagessen zu. Zurück an Deck fällt mir auf, das Bea Orca schräg steht. Nicht besonders stark, doch es reicht um mich zum Handeln zu bewegen. Ich werfe eine Pütz an einer Leine über Bord warte einen Moment und habe kurz darauf einen vollen Eimer Wasser in den Händen.

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Den Eimer binde ich ganz hinten an den Baum. Anschließend knüpfe ich noch einen Palstek ganz außen mit einer langen Leine, die nach vorne zum Bug läuft. Die Leine brauche ich um den Eimerbehangenen Baum auszubaumen. Das zusätzliche Gewicht weit außen soll Bea Orca zusätzlich stabilisieren – auch wenn ich bezweifle das es nötig ist. Zum einen ist die Krängung nur geringfügig, zum anderen verspricht die Wetterlage für die kommenden Tage Schwachwind bis Flaute. Es ist weit und breit kein ernstzunehmender Wind in Sicht – was ja auch der Grund dafür ist, das ich jetzt im Dithmarschen Wattenmeer bin. Doch den Eimer voll Wasser ausgebaumt zu wissen beruhigt mich.

Nun heißt es wieder warten, denn bis das Wasser weg ist wird es noch dauern. Ich setze mich in die Sonne mit dem ebook-Reader und beginne zu lesen. Mit Ostseeprinzessin bin ich durch, als nächstes ist „Skandinavische Acht“ von Wilfried Erdmann dran.

Es hat lang gedauert, doch nun steht Bea Orca endlich hoch und trocken. Ich klettere mit einer Pütz bewaffnet die Badeleiter hinab. Der Grund ist irgendwo zwischen Schlick und Sand. Man sinkt zwar nicht wirklich weit ein, steht aber auch nicht fest. Den weichen Grund will ich nutzen: Erst mit der Pütz, als dies nicht gut funktioniert mit meinen nackten Händen beginne ich den Grund weg zu graben. Erst um den Kiel, dann weiter nach hinten in Richtung tieferes Wasser schaufle ich mit den Händen Rinnen. Drei sind es, zwei für die Kiele und eine etwas breitere für Skeg und Ruderblatt. Ob es was bringt oder ob die Rinnen beim auflaufenden Wasser gleich wieder zugespült werden? Das wird wohl nur die Zeit zeigen.

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Ich werfe den Schlickigen Grund nach hinten, weg von Bea Orca. Dabei spritzt Schlick und Wasser durch die Gegend, sorgt dafür das Kleidung und Haut voller brauner Flecken sind. Wo ich schon hier herum klettere beschließe ich, auch gleich noch meine Schraube von Pocken zu befreien. Ich schnappe mir den bereitliegenden Spachtel und kratze alle Pocken ab, bis keine einzige mehr übrig ist.

Als ich zurück an Bord klettere hängen an den Stiefeln riesige Brocken Schlick, die Badeleiter und der hinterste Teil des Cockpits sehen, aller Vorsicht zum Trotz, sofort aus als hätte ich einen Eimer Schlamm darüber ausgeleert. Gründlich wasche ich, soweit das mit wenig Wasser geht, meine Hände und das Gesicht. Im Anschluss packe ich meinen Rucksack. Ich will die Zeit nutzen die ich hier festsitze. Zum einen will ich noch mal einkaufen gehen – wenn ich meinen neuen Plan umsetze kann es dauern bis ich wieder einen Supermarkt in Reichweite habe. Zum anderen mag ich aber auch einfach einen Blick auf Friedrichskoog werfen. Denn ich weiß schon jetzt: Hier werde ich nicht wieder hin segeln. Jedenfalls nicht mit Bea Orca.

Der Weg an Land, obwohl nur wenige Meter, wird anstrengend. Ich sinke nach wenigen Schritten tief ins Schlick ein, es fehlen nur wenige Millimeter und der matschige Grund würde in die Stiefel laufen. Trotzdem gehe ich weiter, reise Gummistiefel für Gummistiefel aus dem Schlick und erreiche schließlich Land. Zielstrebig folge ich dem Priel in Richtung Friedrichskoog.

Bereits am Sperrwerk fällt mir auf, dass mich meine Augen aus der Ferne nicht getäuscht haben. Es ist verschlossen und scheint nicht mehr regulär betrieben zu werden.

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Vorbei an der Seehundstation, für die mir leider die Zeit fehlt, geht es in die Stadt. Ich laufe am Hafen entlang. Oder sollte ich sagen: Ehemaligen Hafen? Es scheint, als wären die Zeiten Friedrichkoogs als Hafenstadt endgültig vorbei. Und kaum entferne ich mich auf dem Weg zum Supermarkt vom Hafen sehe ich auch schon Schilder vom – gescheiterten – Kampf gegen die Schließung. Schade. Ich hatte bereits im Voraus im Revierführer gelesen, das der Betrieb des Hafens durch die Lage schwierig und kostspielig gewesen war. Doch das es ihn nicht mehr gibt… schade. Und überraschend, bedenkt man das der Hafen – hinter dem Sperrwerk! – noch immer in aktuellen BSH-Karten eingezeichnet ist. Obwohl ich natürlich nur ungern aufgelaufen bin, so empfinde ich doch ein gewisses Glücksgefühl von der Schließung des Hafens nichts gewusst zu haben. Ich wäre nicht hier her gekommen – und Friedrichskoog ist mit Sicherheit einen Besuch wert.

Am Supermarkt angekommen ziehe ich die dreckigen Gummistiefel aus und schlüpfe in mitgebrachte Sandalen. Die Stiefel darf ich in Sichtweite einer Angestellten abstellen um in Ruhe einkaufen zu können.

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Als ich den Supermarkt verlasse ist der Rucksack komplett gefüllt, es sieht aus als würde er gleich platzen. Doch jetzt habe ich alles um wieder eine ganze Zeit lang autark zu sein. Ein gutes Gefühl.

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Nahe Bea Orca komme ich mit einer jungen Familie ins Gespräch. Sie machen zum ersten Mal Urlaub an der Nordsee und wollen sich das Wattenmeer ansehen. Besonders die kleine Tochter, vermutlich im Grundschulalter, ist neugierig was mein Boot, das Segeln und die See im allgemeinen betrifft. Schließlich setzen sie ihren Weg in Richtung Watt fort. Auch ich laufe in diese Richtung – aber aus anderen gründen. Ich will die Chance nutzen und mir den Priel bei Niedrigwasser ansehen. Am Ufer stehen vereinzelt Pricken die mir als Ortsangaben dienen.

Die Bewegung des „Fahrwassers“ zwischen diesen Pricken präge ich mir durch ständiges wiederholen ein. Ohne dieses Wissen ist die Gefahr heute Nacht wieder aufzulaufen groß. Wenn ich denn frei komme. Und selbst so… ich schüttle beim Anblick des Fahrwassers den Kopf. Fahrwasser. Ehr eine geschickte Falle. Stellenweise ist die tiefere Rinne vielleicht drei Meter breit, umgeben von hohen Sandbänken. Das ich so weit gekommen bin gleicht einem Wunder.

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Während ich zurück zum Boot laufe murmele ich immerzu den Ablauf, wo ich bei welche Pricke sein muss:

Mitte – Rechts – Rechts – Mitte – Links – Links – Rechts.

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Der Nachmittag ist zwischenzeitlich in den Abend über gegangen. Ich bringe Achtern noch einen Anker aus, an dem ich hoffe Bea Orca von der Sandbank ziehen zu können.

Nach einem kurzen Nachtmahl lege ich mich hin. In wenigen Stunden muss ich wach sein. Im besten Fall um hier raus zu kommen. In jedem Fall aber zur Sicherheit – denn sobald ich aufschwimme sind noch höhere Untiefen und das Ufer nicht fern.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 16.08.2016.

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Sebastian

2 Kommentare

  1. Hallo Sebastian,
    da hast Du mal wieder Glück im Unglück gehabt. Der Hafen ist schon länger geschlossen, vgl. die „Bekanntmachungen für Seefahrer“ von 2015 (!):

    Bekanntmachung für Seefahrer Nr. 20/2015 (T)
    Landeshafen Friedrichskoog, Sperrung Sperrwerk
    Karte(n): 105 (Plan B ) und 44
    Zeit d. Ausf.: ab 01.06.2015
    Angaben: Wegen Umbauarbeiten am Sperrwerk Friedrichskoog wird der Hafen für den Verkehr mit Wasserfahrzeugen geschlossen.
    Eine Durchfahrt für die Schifffahrt ist nicht mehr möglich.
    Liegeplatznutzer sind aufgerufen, ihre Fahrzeuge rechtzeitig aus dem Hafenbecken zu entfernen.

    „Und überraschend, bedenkt man das der Hafen – hinter dem Sperrwerk! – noch immer in aktuellen BSH-Karten eingezeichnet ist.“

    Überraschend ist das nur, wenn man die Seekarten nicht berichtigt. Denn auch hier wurde die Sperrung aufgeführt:
    http://www.bsh.de/de/Schifffahrt/Sportschifffahrt/Berichtigungsservice_Sportbootkarten/3014/3014Blatt11.pdf

    Handbreit,
    Michael

    • Hallo Michael,
      das der Hafen schon länger geschlossen ist weiß ich mittlerweile auch. Allerdings: Das auf einer Karte die ich mir Ende Juni/Anfang Juli 2016 (!) gekauft habe (und die auch aus der Zeit stammt – kein Restbestand aus 2015…) ein Hafen eingezeichnet ist, der seit dem 01.06.2015 (!) geschlossen ist, damit habe ich beim besten willen nicht gerechnet. Ich habe darauf geachtet was ab dem Zeitpunkt des Erwerbs an Änderungen aufgetreten ist. Bei allem anderen ging ich davon aus, es wäre schon eingetragen… schließlich hatte ich mir extra eine neue, amtliche Seekarte gekauft.
      Seit dem verlasse ich mich tatsächlich auch auf so etwas wie eine amtliche Seekarte nicht mehr wirklich. Aber auf die Idee, das eine neue amtliche Karte nicht wenigstens halbwegs aktuell ist: Auf die bin ich davor einfach nicht gekommen.
      Oh – und damit, das ich da wieder raus gekommen bin hatte auch ich etwas zu tun.. Man macht ja nicht alles falsch… 😉
      Viele Grüße,
      Sebastian

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