Nackt im Watt

Es ist gerade dreiundzwanzig Uhr dreißig als ich erneut im Cockpit sitze. Noch steht Bea Orca fest. Ganz wie erwartet, es sind noch etwa eineinhalb Stunden bis Hochwasser. Doch ich hoffe bald aufzuschwimmen. Und dann muss ich wach sein: Einerseits um uns von der Sandbank runter zu steuern, andererseits um ein erneutes auflaufen zu verhindern. Denn weder weitere Sandbänke noch das Ufer sind fern. Nervös warte ich. Und warte. Und warte. Was soll ich auch sonst großartig tun?

Es ist gerade Mitternacht, in einer Stunde ist Hochwasser, als mir ein Licht auffällt. Ein Suchscheinwerfer von einem Motorboot, das vor dem Sperrwerk gelegen hatte. Sie laufen aus! Mein Herz macht einen Hüpfer. Vielleicht gibt mir die Besatzung ja einen Ruck und zieht mich runter? Je früher ich frei bin, desto besser.

Als die Motoryacht näher kommt rufe ich ihnen zu, warne vor der Ausgebrachten Anker. Sie stoppen auf, wir unterhalten uns kurz. Das Wasser muss gleich neben Bea Orca tief genug sein: Die Motoryacht hat einen ganzen Meter Tiefgang!

Zwar ist die Besatzung nicht unbedingt begeistert, schließlich haben sie mit ihrem Tiefgang nur ein sehr kleines Zeitfenster. Trotzdem nehmen sie eine Leine von mir an. Ich hole schnell den Anker ein – er bricht sofort frei und hätte vermutlich nicht gereicht um uns von der Untiefe zu ziehen.

Mit voller Power gibt die Motoryacht fahrt rückwärts, hält sich dabei nervös in dem schmalen Fahrwasser. Erst passiert…: Nichts. Bea Orca steht fest. Mit einem Anflug von Verzweiflung bitte ich um einen letzten Ruck – mehr hoffend als tatsächlich dran glauben.

Und ich habe Glück: Erst langsam, dann immer schneller schiebt sich Bea Orca von der Untiefe. Die Leine wird gelöst, die Motoryacht gibt wieder vorsichtig Gas und fährt an mir vorbei. Sie scheinen den Weg zu kennen und ich beginne ihnen zu folgen. Trotzdem behalte ich den am Tage ausgekundschafteten Weg im Kopf, zähle die Pricken mit. Und zurecht. Denn die Motoryacht entfernt sich zügig, muss sie doch die durch mich verlorene Zeit wieder aufholen.

Es ist fast geschafft:

Mitte – Rechts – Rechts – Mitte – Links – Links liegen hinter mir. Jetzt muss ich von ganz links nach ganz rechts. Doch wo genau ist der Knick?

Sanft schiebt sich Bea Orca auf eine Sandbank. Scheiße. Sofort reiße ich den Gashebel nach hinten, gebe volle Fahrt rückwärts. Ohne Probleme bewegt sich Bea Orca wieder in tieferes Wasser.

Das war also zu weit. Etwa zehn Meter weiter hinten lege ich leicht Ruder, versuche die Kurve zu finden.

Und… sitze ein zweites Mal auf. Wieder Vollgas Rückwärts und wieder in tieferem Wasser versuche ich es an einer dritten Stelle erneut: Mit dem gleichen Ergebnis.

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Meine Nerven liegen Blank. Es ist bald Hochwasser, das Wasser dürfte nahezu seinen höchsten Stand erreicht haben. Wenn ich jetzt irgendwo auflaufe und nicht runter komme kann es gut sein, das sich dieser Zustand auch die nächsten Tage nicht ändert. Das ist mir zu riskant. Ich steuere Bea Orca in tieferes Wasser und halte sie dann mit dem Diesel auf der Stelle. Ankern ist nicht drinnen, ich würde wohl irgendwo aufsitzen bevor sich meine Große richtig ausrichten könnte.

Der neue Plan ist recht einfach: Ich diesel zwei Stunden auf der Stelle bis Bea Orca steht. Morgen früh, bei Niedrigwasser sehe ich mir dann ganz genau an wo der Knick ist. Und morgen Mittag, beim nächsten Hochwasser, geht es dann raus. Bei Tageslicht kann ich mir auch mehr Details an Land merken zur Orientierung. Und solang ich im tiefen (oder zumindestens etwas tieferem) Wasser trockenfalle muss ich mir auch keine Sorgen machen dann fest zu sitzen.

Eine halbe Stunde motore ich auf der Stelle. Zumindest halbwegs. Die Position genau zu halten scheint eine Sache der Unmöglichkeit zu sein.

Es ist gerade kurz nach Hochwasser als Bea Orca erneut aufsitzt.

„Scheiße!“

Was jetzt? Genau das, was ich vermeiden wollte ist passiert. Ich sitze praktisch beim höchsten Wasserstand auf. So etwas darf einfach nicht passieren. Ich muss hier runter. Doch ausgerechnet jetzt hilft Vollgas rückwärts nicht.

In meiner Verzweiflung ziehe ich mich komplett aus und klettere splitterfasernackt die Badeleiter hinab ins Wasser. Mit großen Schritten laufe ich den Rumpf entlang nach vorne, greife den Bugkorb und… schiebe Bea Orca mit den Händen von der Untiefe. Es geht überraschend gut. Hätte ich diese Idee doch nur heute Mittag gehabt: Ich wäre wahrscheinlich noch runter gekommen!

Bea Orca schwimmt wieder und ich kraxeldie Badeleiter hinauf zurück an Bord.

Noch bevor ich mich wieder anziehen kann sitzen wir erneut auf. Jetzt reicht es.

Ich klettere trotzig zurück ins Wasser ohne auch nur zu versuchen uns mit dem Diesel runter zu ziehen. Die Rechte über meinem Kopf packt den Bugkorb, schiebt Bea Orca von der Untiefe.
Was soll’s. Es ist mitten in der Nacht, das Wasser ist wärmer als die Luft und ich bin eh klitsch nass. Da kann ich auch gleich im Wasser bleiben. Mit den Füßen taste ich voraus, suche den Weg. Bea Orca ziehe ich mit den Händen hinter mir her. Stellenweise ist das Wasser so tief, das ich den Bugkorb nur auf Zehenspitzen laufend erreiche, dann wieder so flach das der halbe Oberkörper an der Luft ist. Ehrlichgesagt ist es deutlich angenehmer im tieferen, warmen Wasser. Alle Haut die an der Luft ist beginnt zu frieren, eine Gänsehaut bildet sich. Aber ich schaffe es, finde mit meinen Füßen tastend den Weg aus dem Hafenpriel.

Neben mir tauchen die letzten (nutzlosen) Pricken auf. Ich bin draußen. Hier gibt es natürlich auch Pricken, doch diese haben eine echte Aussagekraft. Zwar auch nur eingeschränkt, aber doch besser als die hinter mir liegenden.

Ursprünglich hatte ich nur vor gehabt Bea Orca aus dem tückischen Hafenpriel zu ziehen. Doch jetzt wo wir draußen sind…

Ich klettere zurück an Bord, setze die Stirnlampe auf und suche die nächste Pricke. Um die Birken und Besen sind kleine reflektierende Streifen gebunden. Nicht viel, ich sehe gerade so die nächste. Doch es reicht. Mit dem Diesel nehme ich Kurs. Meine erste Wattfahrt im Wattenmeer. Das hatte ich nicht so schnell geplant….

 

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen in der Nacht vom 16. auf den 17.08.2016.

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Sebastian

2 Kommentare

  1. Ach ja… das Watt. Was sagten meine Eltern noch: Es vergeht kein Sommer, ohne dass Touristen vor der Flut gerettet werden müssen. Von rettungsbedürftigen Booten haben sie allerdings nie erzählt 😉

    Viele Grüße
    Imke

    • Na, schiffe müssen ja nicht vor der Flut gerettet werden. Sondern eher vor Ebbe 😛
      Sieht man auch an den Inselfähren. Die sitzen regelmäßig im Schiet
      Viele Grüße,
      Sebastian

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