Nachtfahrt im Wattenmeer

Langsam schiebt uns der Diesel vorwärts. Noch sind wir dicht unter Land, doch sehen kann man davon praktisch nichts. Alles verschwindet in der Dunkelheit. Ich muss dauerhaft die Stirnlampe betreiben um wenigstens das Reflektionsband der nächsten Pricke erkennen zu können. Das ist zwar notwendig, wüsste ich doch sonst nicht wirklich wo ich hin steuern muss. Trotzdem hat es auch einen klaren Nachteil: Die Augen gewöhnen sich nicht an die Dunkelheit.

Wie weit ich wohl kommen werde? Ich bin langsam unterwegs und es ist schon über eine Stunde nach Hochwasser. Doch letztlich ist es egal. Es ist flaute, ich kann guten Gewissens überall trockenfallen. Wenn irgendwann tatsächlich zu wenig Wasser steht warte ich eben dort bis zum nächsten Hochwasser. Und was mögliche Schräglagen betrifft: Ich stehe noch immer nackt im Cockpit, ein Bein auf der Steuerbord-, das andere auf der Backbordbank. So kann ich zum einen sehr gut über die Sprayhood sehen. Andererseits bin ich innerhalb von Sekunden im Wasser um Bea Orca von jeder möglichen Untiefe zu schieben. Also: Alles unkritisch.

Nach etwa fünf Minuten merke ich, wie Bea Orca sanft abbremst. Wir sind aufgelaufen. Im Fahrwasser. Wie erwartet.

Bereits bei der Anfahrt vor zwölf Stunden hatte ich mit den ungenau stehenden Pricken zu kämpfen. Eigentlich ist es ein Wunder das ich in der Dunkelheit so lange gekommen bin ohne Problem. Kurzerhand nehme ich das Gas raus und klettere ins Wasser. Jetzt wo ich nicht mehr im Hafenpriel bin sichere ich mich aber doch ab: Eine Lange Leine, die auf der Heckklampe angebracht ist knote ich an meine nicht automatisch auslösende Rettungsweste. Doch hier wäre es kaum nötig gewesen.

Ich kann problemlos stehen, laufe zum Bug und schiebe Bea Orca einfach zwei Meter nach hinten. Dann zurück zum Heck, die Badeleiter hoch und weiter geht es. Vorsichtig tasten wir uns von Pricke zu Pricke. Sie zu finden ist nicht immer einfach, die Bänder schimmern nur leicht. Und mehr als eine sehe ich sowieso nie voraus. Bis, ja, bis zur nächsten Kurve. Ich halte schon auf eine Pricke zu, als mir plötzlich auf Backbord eine weitere auffällt. Ein schneller Blick aufs Tablett bestätigt mir: Das ist die nächste! Ich habe ganz bestimmt nicht vor jetzt, mitten in der Nacht zu schnippeln. Ein kleiner Stupser an die Pinne und wir halten auf die Richtige zu.

Es dauert nicht lange und wir sitzen erneut auf. Dieses Mal kann ich allerdings am Heck nicht mehr stehen. Einige kräftige Schwimmzüge bringen mich zwei Meter voran, wo dann plötzlich nur noch die Beine unter Wasser sind. Am Bug angekommen stehe ich ab knapp über den Knien an der Luft. Verrückt, wie stark der Grund hier plötzlich ansteigt. Doch auch hier hilft ein einfacher Schupser, Bea Orca ist zurück in tieferem Wasser. Ich springe zurück ins Nass, drei Schwimmzüge und ich bin an der Badeleiter.

Oben an Deck gebe ich wieder leicht Gas, doch es passiert… nichts. Und so geht es erneut ins Wasser. Klar: Ich habe Bea Orca zwar frei geschubst, aber das leichte Vertreiben hat sie sogleich wieder auf die Untiefe gedrückt. Dieses Mal ergreife ich den Bugkorb und führe ihn ein Stück, statt Bea Orca einfach von der Sandbank zu schupsen. So richtet sich das gesamte Boot neu aus, ich kann zum Heck zurück laufen und an Bord steigen. Weiter geht es wieder mit dem Diesel.

Welches Rote Schimmern ist jetzt die nächste Pricke…?

Welches Rote Schimmern ist jetzt die nächste Pricke…?

Aufregend, so eine Nachtfahrt im Watt. Doch langsam wird es frisch, die Kühle Nacht und die nackte, nasse Haut passen nicht zusammen. Und die nächsten Tage krank in der Koje liegen? Nein danke. Ich greife gerade zum Fleezeshirt als Bea Orca erneut aufläuft. Auch gut. Im Wasser ist es ja schön warm.

Erneut geht es ins Nass, und ich laufe um Bea Orca herum. Einfaches nach hinten schieben reicht dieses mal nicht, ich habe versehentlich das Fahrwasser verlassen. Und so schiebe ich Bea Orca erst etwa einen Meter zurück, hänge mich anschließend an den Bugkorb und laufe in Richtung tieferes Wasser. Meine Stirnleuchte ist nicht Wasserdicht und so kann ich von hier aus die Pricke nicht sehen. Doch meine Füße sind recht zuverlässig, tasten vorwärts bis ich schließlich auf Zehenspitzen stehend am Bugkorb hänge. Das muss mehr als reichen. Zudem sehe ich, wenige Meter vor mich, den Schatten einer Pricke. Ich hab das Fahrwasser wieder erreicht.

Unter langsamer Fahrt tasten wir uns weiter voraus. Endlich haben wir das Wattenhoch gleich vor dem Hafen hinter uns, das Wasser wird zunehmend tiefer. Für die etwa eine Seemeile haben wir über eine Stunde gebraucht. Einige Minuten stehe ich noch nackt im Cockpit, bereit bei Bedarf erneut ins Wasser zu klettern. Doch alles geht gut. Dies, kombiniert mit der Kälte lässt mich in mein kuschelig warmes Fleezeshirt schlüpfen. Schon besser.

Jetzt, wo wir das Wattenhoch hinter uns haben erwartet mich ein ganz neues Problem. Der Abstand zwischen den Pricken wird größer, zeitweise fahre ich komplett blind, kann die nächste Pricke nicht erkennen, der Abstand zu groß.

Verstärkt wird die Problematik durch den Hintergrund. Die unzähligen Windräder an der Schleswig-holsteinischen Küste blinken Rot. In diesem Meer aus roten Lichtern ein kleines, rötliches Schimmern einer Pricke erkennen zu können bedarf eines hohen Maßes an Konzentration.

Ich bin wieder zwischen zwei Pricken, kann keine von beiden mehr erkennen. Langsam werde ich nervös. Wer weiß wo ich lande! Zwar sind wir nicht mehr dicht unter Land, aber… Im Moment fahre ich rein nach den Daten auf meinem Tablett. Doch verläuft das Wattfahrwasser eben anders als dort eingezeichnet.

Da kommt mir eine Idee. Ich habe doch heute Mittag meine Fahrt getrackt. Schnell ist die entsprechende Route ausgewählt und liegt mir vor. Gleichzeitig wird meine Position angezeigt. So kann ich ganz einfach meinen eigenen Spuren vom letzten Vormittag folgen!

Erst kurz vor verlassen des Wattfahrwassers verlässt mich diese Strategie. Heute morgen habe ich hier geschnippelt. Doch das möchte ich jetzt nicht. Hier kann ich immerhin die nächste Pricke sehen und beschließe ihnen zu folgen. Dies geht gut, bis kurz vor Verlassen des Wattfahrwassers. Ein letztes Mal merke ich die sanfte Bremsung. Schnell bin ich ausgezogen, laufe um Bea Orca herum, schiebe sie in tieferes Wasser und ziehe sie dann über das Flach. Es ist das letzte flach, dahinter wird das Wasser deutlich tiefer. So tief, das Bea Orca hier selbst bei Niedrigwasser schwimmen könnte.

Unter Diesel setzen wir unsere Fahrt fort. Im Prinzip könnten wir auch hier bleiben. Doch ich mag noch ein kleines Stück weiter. Vielleicht bis zur Tonne TF-14?

Der Blick aufs offene Meer. Abgesehen von der Bohrplattform: Absolute Dunkelheit.

Der Blick aufs offene Meer. Abgesehen von der Bohrplattform: Absolute Dunkelheit.

Bald habe ich die letzten Meter hinter mir. Es ist mittlerweile kurz nach vier in der Frühe. Ich bin kaputt, ausgelaugt. Der Anker fällt und ich schaffe es gerade noch mir ein paar Wecker zu stellen sowie den Ankeralarm zu aktivieren. Dann schlafe ich ein.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen in der Nacht vom 16. auf den 17.08.2016.

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Sebastian