Ich bin dann mal tanken

 

Nach etwa sechs Stunden Schlaf stehe ich auf. Ich gönne mich ein kurzes Frühstück bevor es weiter geht. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, der Wind ist praktisch nicht existent. Das Wasser flach. Nachdenklich sehe ich zum Verschluss des Tanks. Ich habe doch ordentlich den Inborder genutzt. So groß ist der Tank nicht – wie viel da noch drinnen ist?

Wattenmeer Ölplattform

Aussicht beim Frühstück…

Eine Füllstandanzeige habe ich nicht, nur einen hölzernen Stab mit ein paar Markierungen. Auch diese haben keine Volumenangabe, reichen aber um grob zu schätzen. Und tatsächlich: Der Tank ist nur noch zu etwa einem Viertel gefüllt. Bei einem Tankvolumen von zwanzig bis fünfundzwanzig Liter definitiv recht knapp. Zwar braucht mein Diesel nur rund einen Liter pro Stunde bei Marschfahrt, will ich aber nach Neuwerk und dort nur ausreichend Reserve für den Weg nach Cuxhaven haben muss ich auffüllen. Glücklicherweise habe ich mir vor dem Törn noch einen fünf Liter Kanister mit Diesel zugelegt, dessen Inhalt ich nun in den Tank fülle. Dann starte ich den Diesel, laufe zum Bug und hebe den Anker.

Gemütlich brummend schiebt uns der Dieselmotor vorwärts gegen den Strom. Das Wasser läuft auf. Ein wenig ärgere ich mich über mich selbst. Ich hätte heute Nacht ruhig eine halbe Stunde noch Motoren können, das hätte mir sicherlich eine Stunde oder mehr gegen den Strom erspart. Doch ich war müde und hatte es vorgezogen zu schlafen.

Unterwegs – das Wetter ist traumhaft 🙂

Begeistert sehe ich den mich umgebenden Sänden zu wie sie langsam im Wasser versinken. Ein unglaubliches Naturschauspiel, diese riesige Landmasse zu sehen, zu beobachten wie sie im Meer versinken, nur um wenige Stunden später wieder aufzutauchen.

Im Norden liegt die Bohrinsel. Je länger ich sie ansehe, desto faszinierter bin ich. Sicher, ich bin kein Fan davon, das im Wattenmeer gebohrt wird. Und doch, rein Optisch hat dieses Stück Industrie im Naturparadies Wattenmeer etwas. Schwer zu beschreiben, aber irgendwie doch faszinierend.

Während wir weiter nach Westen motoren greife ich zum Fernglas. Nordwestlich von mir liegt Trieschen. Diese Insel ist komplett Naturschutzgebiet, dort darf ich nicht hin. Doch immerhin kann ich sie ausgiebig mit dem Fernglas erkunden.

Etwa zwei Stunden motore ich bereits westwärts, habe aber noch keine drei Seemeilen zurück gelegt. So schaffe ich es nie rechtzeitig auf die Außenelbe und ins Wattenmeer. Keine Chance. Beim aktuellen Tempo und Kurs würde ich das Wattenmeer erst verlassen, wenn auf der Außenelbe schon die Tide kentert. Da ich devinitiv nicht plane auf Hohe See zu fahren – jedenfalls nicht heute und nicht mit so wenig Diesel im Tank bei Flaute, muss ich umplanen. Statt direkt ins Watt beschließe ich zunächst Kurs Cuxhaven zu nehmen. So kann ich auch nachtanken. Dann muss ich nach Neuwerk auch nicht erst nach Cuxhaven sondern kann direkt nach Lust und Laune weiter im Watt segeln.

Kurzerhand passe ich meinen Kurs von Nordwest auf Südwest an und nehme Kurs auf Gelbsand. Sofort werden wir schneller, die Tide bremst nicht mehr. Ich halte mich auf der Ostseite des Sandes, folge den Bojen und achte tunlichst darauf das Fahrwasser nicht zu verlassen. Bald liegt der Weg aus dem Wattenmeer direkt vor mir. Nur ein Hindernis gibt es noch: Eine Barre über die ich drüber muss. Ein wenig nervös halte ich darauf zu. Der Strom hier setzt deutlich spürbar, aussteigen und Bea Orca von einer Untiefe schieben wäre hier trotz Flaute lebensgefährlich. Wir sind direkt am Rande zwischen Außenelbe und Wattenmeer. Immerhin: Wir sind extrem langsam, müssen schließlich wieder gegen den Strom ankämpfen. Das, kombiniert mit der Tatsache das ich mir vorgenommen habe spätestens bei 0,5 Meter Wasser unter den Kielen sofort den Rückwärtsgang einzulegen sind die einzigen Gründe, warum ich es überhaupt versuche.

Beim Verlassen des Wattenmeers passiere ich eine Sandbank voller Seehunde und Vögel

Doch alles ist gut. Jetzt, nahe Hochwasser steht hier ordentlich Wasser.

Dann sind wir draußen. Der Strom erfasst uns, schiebt uns nach Süden. Zügig nehme ich Kurs Cuxhaven. Trotz Flaute schießen wir mit sechs Knoten auf die Stadt zu, der Strom schiebt und schiebt und schiebt. Allerdings ist dies auch nötig. Ich habe nicht mehr all zu viel Zeit, schließlich will ich vor dem Kentern der Tide in Cuxhaven sein.

Hier auf der Außenelbe bin ich nicht mehr alleine. Zahlreiche kleine und große Schiffe sind unterwegs – und verursachen einen ekligen Schwell. Bereits bei Wind ist es ungemütlich wenn einer der großen Pötte an uns vorbei fährt. Doch jetzt, ohne die Stützende Wirkung eines Segels im Wind wird es zu einer Achterbahn. Die Meter hohen Wellen werfen Bea Orca wie einen Spielball umher, krängen sie auf über dreißig Grad backbord nur um sie Sekunden später genauso weit auf Steuerbord zu kippen. Geradezu widerlich.

Und doch ist es wunderschön hier draußen zu sein. Das Blau des Himmels und der See laufen ineinander über, der Horizont ist kaum auszumachen. Der salzige Duft der See liegt in der Luft und die warme Sonne scheint auf meine Haut. In diesem Augenblick kann ich mir keinen schöneren Ort auf Erden vorstellen.

Je näher wir Cuxhaven kommen, desto schlimmer wird der Schwell. Nördlich der Kugelbarke quere ich das Fahrwasser und halte mich anschließend schön an der Seite. Gar nicht so einfach, denn das Fahrwasser reicht hier bis nah an die Untiefen. Ich möchte mit Bea Orca nicht in die Grimmershörner Bucht rein. Zwar sollte beim aktuellen Wasserstand dort bis recht nah unter Land genug Wasser stehen, doch sehe ich keinen Grund. Außerdem müsste ich ja doch nur wieder raus.

Cuxhaven und die Kugelbake querab

Während die Wasserschutzpolizei an mir vorbei fährt ahne ich noch nicht, was auf mich zukommt. Doch als Bea Orca kurz darauf einen Tanz von rund vierzig Grad Steuerbord zu vierzig Grad Backbord vollführt muss ich mich festhalten. Die Wellen laufen schnell durch, schon bald werden sie wieder kleiner. Und doch. Kopfschüttelnd sehe ich dem Boot mit der Aufschrift „Küstenwache“ hinterher. Im Vergleich zu diesem Schwell sind die Wellen hinter den ganz großen Pötten harmlos.

Ich bin froh endlich die Hafeneinfahrt des SVC erreicht zu haben. Mit dem Signalhorn gebe ich einen langen Ton ab um mögliche Boote hinter der engen und kaum einsehbaren Hafeneinfahrt zu warnen. Bis ich ein Boot auf der anderen Seite sehen würde wäre es zum abdrehen zu spät.

Doch alles geht gut, hinter der Einfahrt ist frei. Ich drehe eine Runde, bringe Fender aus und lege anschließend bei der Tankstelle an. Geschafft.

Der Tank und mein kleiner fünf Liter Kanister werden gefüllt, womit ich hoffentlich für den restlichen Urlaub gerüstet bin.

Beim Blick auf die Uhr muss ich grinsen. Perfektes Timing. Ich habe es mit der Tide gerade noch in den Hafen geschafft. Jetzt, wo die Tanks voll sind ist Stillwasser. Wird Zeit, dass ich mich auf den langen Weg nach Neuwerk mache.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 17.08.2016.

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Sebastian