Jetzt aber richtig: Trockenfallen im Wattenmeer

Kaum hat der Wecker geklingelt springe ich auf. Nicht etwa weil ich schon fit bin. Nein, tatsächlich merke ich das ich noch etwas Schlaf brauche. Kein Wunder: Die letzten zwei Nächte habe ich nur relativ wenig geschlafen. Da war zum einen meine erste Nachtfahrt über die Außenelbe. Und dann natürlich meine ungeplante Nachtfahrt durchs Wattenmeer nach meiner Strandung vor Friedrichskoog. Wobei. Leicht grinsend denke ich an meine nächtliche Nacktbadeaktion um mein Boot von den Sandbänken zu schieben. Rückblickend ist es ja irgendwie auch eine lustige Geschichte.

Überall ist Leben…

Ich schüttle kurz den Kopf während ich an Deck stehe. Nein, ich bin nicht auf um den Tag zu beginnen. Allerdings wird Bea Orca, so ich sie nicht verhole, in absehbarer Zeit trocken fallen. Also ganz wie geplant. Nur zuvor muss ich kontrollieren, ob der Boden hier wirklich eben ist. Mit einem langen Bootshaken stochere ich im Wasser herum, merke mir immer wieder wie tief das Wasser an verschiedenen Stellen ist. Backbord, Steuerbord, Am Bug, Achtern, Mittschiffs…. Überall scheint es gleichmäßig zu sein. Hinzu kommt, das der Grund Sandig ist. Kein Schlick. Ich sollte also gut und aufrecht stehen bleiben.

Da steht sie. Hoch und trocken in all ihrer Pracht! 🙂

Während ich im Cockpit sitze und auf den Grundkontakt warte klappen immer wieder meine Augen zu. Ich bin müde, regelrecht kaputt. Würde am liebsten einschlafen. Eigentlich hatte ich erwartet aufgeregt zu sein – immerhin falle ich gleich zum ersten Mal geplant trocken. Und irgendwo, tief in mir bin ich sicherlich auch aufgeregt.

Das Wattenmeer – Unendliche Weiten

Doch alle Gefühle werden überdeckt von einer dicken Decke Müdigkeit. Ein Gähnen dringt aus meiner Kehle. Wie lange noch, bis das Wasser endlich weg ist?

Ich gehe unter Deck, gieße mir eine Tasse mit Wasser ein. Doch auch das kühle Nass hilft nicht, ich bin einfach schrecklich müde. Die Versuchung sich einfach hin zu legen ist groß. Warum auch nicht. Was soll schon noch passieren? Der Grund ist eben. Aber es bleibt ein seltsames Gefühl. Und so raffe ich mich auf und klettere wieder an Deck.

Jetzt könnte ich auch zu Fuß nach Neuwerk laufen.

Komisch. Nachdenklich kratze ich mich am Kopf. Müsste Bea Orca nicht eigentlich schwanken? Mit meinem gesamten Gewicht versuche ich meine große hin- und her zu bewegen. Doch es hilft alles nichts. Sie steht. Ich muss grinsen. Man hatte mir erklärt, beim Trockenfallen würde ich durchgeschüttelt werden. Das sei total ungemütlich. Zugegeben, solche Aussagen kamen vor allem von Leuten, die mich prinzipiell davor gewarnt hatten trockenzufallen. Es sei total gefährlich, ich solle es nicht machen. Aber das es so sanft passieren würde, das ich es gar nicht mitbekomme…

Ein toller Anblick von allen Seiten

Erneut muss ich gähnen.

Egal. Jetzt stehe ich und kann eh nichts mehr machen. Da kann ich mich doch auch einfach hinlegen….

Es dauert keine halbe Minute bis ich mich vom Cockpit auf die Koje in den Schlafsack verholt habe, die Augen zufallen und ich schlafe.

Nur wenige Meter entfernt: Das Weser-Elbe-Wattfahrwasser

Als ich schließlich aufwache stehen wir hoch und trocken. Das Wasser ist weit abgelaufen, Bea Orca steht noch für eine ganze Zeitlang auf der Sandbank. Geplant.

Ich bin nicht ganz alleine. Aber Fast. Ein Boot fährt an uns vorbei

Es fühlt sich großartig an. Ich habe es geschafft. Habe mir einen passenden Ort gesucht, dann kurz davor noch den Boden kontrolliert und bin ganz kontrolliert trocken gefallen. Absichtlich. Und jetzt, hier zu sein…. Einfach unglaublich. Die Ruhe. Die Natur. Die Aussicht. Ich fühle mich der Natur unglaublich nahe.

Watt, Wolken, Boot. Herrlich

Schnell schnappe ich mir meine Kameras, klettere die Badeleiter hinab und mache mich auf zu einem kleinen Spaziergang um meine Große. Gut sieht sie aus, wie sie hier mitten im Wattenmeer steht. Kaum zu glauben das sie in etwa zwei Stunden wieder schwimmen wird. Im Moment….

Ganz nah ist ein Priel, er ist auch jetzt gut mit Wasser gefüllt. In ihm könnte ich auch bei Niedrigwasser mit Bea Orca segeln. Doch hier wo wir stehen und nach Norden, bis Neuwerk und darüber hinaus ist alles trocken. Wie eine einzige, riesige Sandbank sieht es aus. Ich könnte, wenn ich wollte von hier einfach nach Neuwerk laufen.

Plötzlich öffnen sich die Wolken

Nun ja. Theoretisch. Praktisch beginnt nicht nur gleich im Norden Zone 1 und ein Vogel/Robbenschutzgebiet. Nein, ich würde es auch nicht mehr schaffen vor dem Wasser zurück bei Bea Orca zu sein. Und das wäre mir dann doch nichts.

Schließlich ist es mein knurrender Magen der mich zurück an Bord lockt.

Auch ein schönes Hinterteil kann entzücken 🙂

Es gibt ein einfaches Frühstück bevor ich wieder in Watt klettere. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr, das Wasser steigt bereits wieder. Als ich mit meinem Spaziergang direkt ums Boot fertig bin reicht mir das Wasser bereits bis zu den Knöcheln. Ich nutze es um meine Stiefel zu reinigen bevor ich zurück an Bord klettere.

Ein glücklicher Skipper

Jetzt heißt es warten. Bis wird schwimmen wird noch etwas dauern. Ich habe die Stelle so ausgesucht, das drei Stunden vor Hochwasser etwa einen halben Meter Wasser unter den Kielen habe. Sollte dem so sein kann ich mich dann auf den Weg übers Wattenhoch machen.

Die Zeit verkürzt mir Erdmanns Skandinavische Acht. Ostsee  scheint ja auch spaß zu machen. Ob ich da auch mal hin segle? Irgendwann bestimmt. Nadenklich sehe ich mich um, beobachte wie die Sandbänke langsam im Wasser verschwinden.

Einfach nur traumhaft. Das will ich unbedingt wiederholen…

Ostsee ist bestimmt wunderschön. Doch das hier, das ist ein….

…Ein Wunder. Ja, anders kann man es wohl tatsächlich nicht bezeichnen. Man muss es erleben um es zu verstehen. Hier zu sein, hier mit dem Boot zu segeln ist einfach unglaublich. Das mag ich erst einmal genießen bevor ich mir die – sicherlich auch sehr schöne – Ostsee ansehe.

Dieser kleine Freund hat es sich gleich neben Bea Orca bequem gemacht.

Es überkommt mich. Was für ein Glück ich doch habe. Hier zu sein. Kann es irgendwo schöner sein? So recht kann ich mir gar nicht mehr vorstellen das ich noch vor wenigen Tagen überlegte mich mit Bea Orca auf den Weg durch den Kanal nach Kiel zu machen. Und das hier verpassen? Nein, ich habe mich richtig entschieden das hier ist….

Ich atme tief ein.

Das ist Meer.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 18.08.2016.

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Sebastian

4 Kommentare

  1. Hallo Sebastian,
    das klingt ja interessant! Geplant trockenfallen und warten und dabei das Wattenmeer genießen und zuschauen, wie Du Dich dabei fühlst, was so passiert und was nicht passiert. Toll!
    Weiter viel Spaß!
    Barbara

    • Oh ja, das ist toll 🙂 Freue mich schon darauf wenns Boot wieder schwimmt und ich wieder ins Watt kann…
      Und danke 🙂

  2. Moin Sebastian,

    das kann ich sooo gut nachvollziehen! 🙂

    Als wir das das erste Mal trockengefallen sind mit unserer Lady waren wir auch total „high“!
    Letztes Jahr sind wir, gefühlt zumindest, mehr im Watt rumgestanden als gesegelt. 🙂

    Es ist wirklich traumhaft und ja, man muss es selbst erleben – das Gefühlte richtig in Worte zu fassen ist schwer.

    LG
    Anette

    • Ganz so viel habe ich (noch) nicht herum gestanden. Aber es wird sicherlich noch mehr – macht einfach echt Spaß… 🙂

Kommentare sind geschlossen.