Die Berüchtigte Handbreit Wasser: Der Neuwerker Bauernhafen

Während das Wasser an Bea Orca’s Rumpf empor klettert passieren und auf der anderen Seite der Pricken zwei Segelboote. Neugierig beobachte ich mit dem Fernglas, wie sie Kurs auf das Wattenhoch nehmen. Hübsch sehen sie aus. Eines ist ein modernes Boot, das andere ein traditionell gehaltenes Plattbodenschiff.

Genau drei Stunden vor Hochwasser aktiviere ich das Echolot. Unter unseren Kielen sind aktuell ganze 50 Zentimeter Wasser – also ganz wie von mir vorhergesagt. So kann es gehen.

Gustav, so habe ich am vergangenen Tag spontan meinen Diesel getauft, startet brav. Kurz darauf ist der Anker mit Kettenvorlauf und Leine eingeholt, dann geht es zügig durch die Pricken ins Fahrwasser. Vor mir liegt ein Wattenhoch über das ich rüber muss. Sofern meine Infos bezüglich der Wassertiefen korrekt sind sollte das jetzt schon gut gehen. Doch wenn nicht…

Trotzdem setzte ich zumindest die Fock. Der Wind weht mit rund null Knoten. Bleiernde Flaute. Aber ich hoffe auf eine leichte Briese, ein klitze kleines bisschen Wind das uns vorwärts bringen kann. Bisher habe ich im Wattenmeer noch keinen einzigen Meter gesegelt – das hoffe ich heute zu ändern.

Gemächlich, weder langsam noch schnell geht es den Prickenweg entlang übers Wattenhoch. Wasser ist mehr als genug da, auch an der flachsten Stelle schlägt mein Echolot-Alarm nicht an. Ich hätte also sogar früher los gekonnt!

Schließlich lichten sich die Pricken, vor mir ist wieder tieferes Wasser. Einerseits ist dies angenehm, ein oder zwei Meter Wasser unter den Kielen sind eben doch was feines. Zugleich aber bedeutet dies höhere Hürden bei der Navigation. Einfach nach GPS fahren ist nicht, ich bin nun mal im Wattenmeer. Die Tiefen auf der Karte stimmen häufig nicht, Sandbänke sind da wo ehemals ein tiefes Fahrwasser war – und das Fahrwasser führt jetzt plötzlich direkt durch eine hohe Sandbank. Die natürlich nicht mehr da ist, wo sie mal war.

Neuwerk voraus

Einzig die Navigation nach Sicht scheint hier halbwegs zuverlässig zu sein. Doch genau da habe ich ein Problem: Der Abstand zwischen den Tonnen ist teils unglaublich groß. Ohne das Fernglas wäre ich verloren. Und auch so suche ich immer wieder den Horizont ab, hoffend keinen winzigen Farbklecks übersehen zu haben.

Während wir weiter nach Nordwesten dieseln werfe ich immer wieder Blicke auf die Seekarte. Glaubt man deren Tiefenangaben – was man vermutlich nicht uneingeschränkt sollte – so könnte ich jetzt eigentlich wunderbar schnippeln. Könnte direkt Kurs auf Neuwerk nehmen, einen großen Teil des Rest Weges wäre damit nicht mehr nötig. Doch sind da nicht nur die revierbedingt nicht wirklich zuverlässigen Tiefenangaben. Zwischen mir und Neuwerk liegt Zone 1 mit VSG/RSG. Das Watt hier ist großflächig Naturschutzgebiet, zum Schutz von Vögeln und Robben gibt es teils zeitweise, teils ganzjährig großflächige Befahrensverbote.

Warm scheint die Sonne vom Himmel, erlaubt es mir trotz der brummenden Maschine im Cockpit zu entspannen. Wir schieben uns mit 2-3 Knoten über Grund vorwärts. Die Zeit verstreicht und ich beobachte wann immer möglich die wenigen anderen Segelboote im Revier sowie die Vögel am Himmel.

Endlich liegt das lange Stück durch tieferes Wasser hinter uns. Das Wattfahrwasser nach Neuwerk nun ist wieder durchgängig in kurzen Abständen mit Pricken markiert, ich kann ganz bequem neben den langen Stangen her fahren. Voraus sieht man die immer größer werdende Insel. Wie wohl die Ansteuerung des Hafens wird? Mit meinen 0,8 Meter Tiefgang bin ich schon arg an der Grenze dessen, was dort möglich sein soll. Hätte man mir nicht im Voraus versichert das der Hafen und die Ansteuerung tief genug ist, ich würde es wohl nicht versuchen.

Pricke querab

Und das ist schon das zweite Problem. Die Ansteuerung. Der Hafen liegt an der Südseite der Insel. Und praktisch mitten auf einem Wattenhoch. Somit ist wirklich alles um die Hafeneinfahrt flach. Besonders flach soll der direkte Weg vom Wattfahrwasser zur Hafeneinfahrt sein, diesen solle ich besser nicht nehmen. Aus dem Internet habe ich eine Skizze für die Ansteuerung erhalten. Aber wirklich aktuell ist auch sie nicht. Nachdenklich blicke ich mich um. Das Wasser sinkt bereits. Ob ich es noch in den Hafen schaffe? Irgendwie habe ich da so meine Zweifel. Andererseits liegt aktuell ein riesiges Flautenloch über dem Wattenmeer. Sollte ich auflaufen kann ich hier Bea Orca problemlos von der Untiefe schieben. Und dann eben trocken fallen. So gesehen… viel bessere Bedingungen um die Ansteuerung zu versuchen kann ich ja eigentlich nicht haben.

Noch mit rund zweieinhalb Knoten Fahrt verlassen wir das Fahrwasser. Zunächst bleibt das Wasser tief, ein bis eineinhalb Meter unterm Kiel. Aufmerksam tasten wir uns voran, der Blick springt zwischen der Wasseroberfläche und dem Echolot hin- und her. 0,7 Meter Wasser. So viel mag ich mindestens unter den Kielen haben, bevor ich Fahrt aus dem Boot nehme.

Es dauert nicht lange und das  Wasser wird Flacher. Erst nur noch neunzig Zentimeter, dann Achtzig, Siebzig, Sechzig… sofort greife ich zum Hebel, nehme jegliches Gas raus und lasse Bea Orca nur noch vorwärts treiben.

Sechszig…. Fünffzig… Fünfzig… Fünfzig…

Wie stehen still. Vorsichtig gebe ich Gas vorwärts, zu langsam als das ich noch eine Geschwindigkeit angezeigt bekommen würde.

Während wird weiter vorwärts fahren beginnt das Echolot zu piepsen.

Vierzig Zentimeter, dreißig Zentimeter, dreißig Zentimeter….

Neuwerk querab

Ich rechne schon damit, gleich aufzulaufen. Dann müsste ich ins Wasser, Bea Orca wieder in etwas tieferes Wasser schieben, dort den Anker ausbringen und eben aufs nächste Hochwasser warten.

…Vierzig Zentimeter, Fünfzig….

Das piepen verstummt, das Echolot steigt wieder bis auf achtzig Zentimeter Wasser unter den Kielen.

Mittlerweile bin ich Südöstlich des Bauernhafens und fahre nach Norden. Ein wenig überrascht sehe ich auf die Seekarte. Hier scheinen die Wassertiefen tatsächlich zu stimmen. Ein gutes Zeichen?

Während wir weiter motoren fällt mir etwas auf. Ja, ich bin angespannt, nervös. Und zugleich genieße ich die Ansteuerung ungemein. Die Ansteuerung ist nicht einfach, bisher vermutlich meine schwierigste. Immerhin taste ich mich hier durch wirklich flaches Wasser ohne jegliche Fahrwassermarkierungen. Zugleich ist es aber auch wunderschön. Und das fordernde macht gleichzeitig…. Spaß.

Erst etwa hundert Meter vor der Insel drehe ich ab, nehme wieder Kurs West. Der Grünstrand voller Badegäste ist zum Greifen nahe, die angrenzende Hafeneinfahrt gut zu erkennen. Sie ist mit Pricken markiert. Die Steine auf der anderen Seite unter Wasser kann ich nicht erkennen.

Erneut Wandert mein Blick zum Himmel. Null Wind. Ich entscheide mich dafür in den Hafen einzulaufen. Ich erkenne im Hafen ein Plattbodenschiff das eindeutig breiter ist als Bea Orca. Wenn dieses durch die Hafenanfahrt gepasst hat passt auch Bea Orca durch. Und wenn ich mich an den Pricken auf der Ostseite halte sollte ich auch weit genug weg von den Steinen im Westen sein.

Zaghaft nehme ich wieder Kurs auf und halte auf die Einfahrt zu. Während ich an den Pricken entlang motore blicke ich auf Backbord ins Wasser. Es ist überraschend Klar, ich kann deutlich einen flachen, hölzernen Wall und grobe Steine am Grund erkennen. Und eng ist das Fahrwasser! Ich schätze etwa vier Meter. Was für ein Hafen. Langsam beginne ich zu erahnen was man meinte, als man mir erklärte, dies sei Deutschland’s „Letzter richtiger Inselhafen“.

In der Hafenzufahrt sinkt das Echolot ein letztes Mal – gerade mal dreißig Zentimeter Wasser unter den Kielen. Verdammt wenig. Zum Umkehren ist es aber bereits zu spät. Als ich endlich in den Hafen einlaufe atme ich erleichtert auf. Ich habe es geschafft, habe Neuwerk erreicht.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 18.08.2016.

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Sebastian

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen Bericht, Sebastian. Ich bin diese Woche mit meinem 5,50m Motorboot nach Neuwerk gefahren, ein alter Traum von mir. Durch den bestöndigen Ostwind wurden mir ein paar Dezimeter Tide geklaut, aber dafür war die See ruhig — bei meinem kleinen Schiffchen eine wichtige Voraussetzung für die Wattfahrt. Mit etwas hochgenommenen Aussenborder ging es so gerade eben über die Wattenhochs und durch die Hafeneinfahrt, exakt zum Hochwasser mit 30cm Wasser unter dem Kiel! Eine herrliche Reise …

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