Neuwerk, das Paradies vor meiner Haustür

Einige Stunden sind vergangen als ich endlich wieder aufwache. Noch immer sitzt der Schlaf in meinen Gliedern. Gähnend strecke ich mich bevor ich aufstehe. Ich hab’s geschafft, bin auf Neuwerk. Wie oft habe ich die Insel in den letzten Monaten schon von Cuxhaven aus gesehen. Ein Ziel, so nah und doch so fern. Natürlich hätte ich einfach bei Niedrigwasser durchs Watt laufen können. Oder eine der Kutschen nehmen. Und bei Hochwasser mit der Fähre die Reise antreten.

Neuwerk, Ausblick vom Deich übers Vorland

Doch von Anfang an war für mich klar: Das erste Mal nach Neuwerk: Das will ich mit dem eigenen Boot machen. Und jetzt habe ich es geschafft, ich bin hier. Bin in dem Hafen, der mir als „Deutschlands letzter richtiger Inselhafen“ beschrieben wurde. Ob es wirklich der letzte ist? Ich weiß es nicht, mag es nicht hoffen. Doch was damit gemeint war, ist mir jetzt klar. Viel simpler kann ein Hafen nicht sein. Letztlich ist es nur ein Becken, eingerahmt von einer groben Kaimauer. Kein Hafenmeister, keine Sanitäranlagen, kein Strom, kein Wasser, keine Schwimmstege. Einfach nur ein Becken in dem zwei Mal am Tag für kurze Zeit Wasser steht. Der Grund ist ungleichmäßig und so hat sich Bea Orca bereits leicht schräg gestellt. Nicht dramatisch, gerade genug um es zu merken wenn man sich an Bord bewegt.

Auf der anderen Seite des Deiches

Ein lächeln im Gesicht begebe ich mich am Land. Langsam fällt der Schlaf von mir, meine Neugierde ist geweckt. Morgen soll das Wetter noch einmal gut werden. Für die anschließenden Tage ist Starkwind gemeldet, ich muss mich also heute entscheiden ob ich hier bleibe oder mir einen anderen Hafen suche. Kann ich mich vier, fünf Tage auf dieser winzigen Insel vergnügen?

Kaum über den Deich erblicke ich ein Schild das mir den Weg zu einem öffentlichen Klo weist. Es ist nicht sonderlich weit, vielleicht einhundert Meter entfernt. Hier steht das Nationalparkhaus. Meine Rettung, denn langsam hatte es angefangen zu drücken.

Nur wenige Meter weiter erreiche ich den Alten Leuchtturm und gleich daneben den Inselkaufmann. Im Internet hatte ich gelesen das es auf dieser Insel einen Kaufmann gibt. Zwar habe ich noch Vorräte für einige Tage, ein Kaufmann für Kleinigkeiten kann aber nicht schaden.

Im Laden gibt es alles was man braucht. Und einen Haufen Touristen-Kitsch. Im Notfall könnte ich mich hier also vollständig verproviantisieren. Wobei: Dafür müsste ich wohl Teile des Ladens leerkaufen. Die Preise sind auf Inselniveau, zwischen zwei und drei Mal so hoch wie auf dem Festland. In Anbetracht der eingeschränkten Saison und dem zu betreibendem Aufwand erscheint es mir angemessen. Weniger aus Hunger denn mehr aus Lust kaufe ich mir eine Rolle Doppelkekse bevor ich mich aus dem Laden verabschiede.

Das Ostvorland…

Weiter geht es durchs Inselinnere in Richtung Ostvorland. Das Inselinnere besteht zum größten Teil aus Weiden, unzählige Pferde stehen auf dem saftig grünen Graß. Auch wenn ich schon lange nicht mehr reite: Pferde sind nach wie vor ein toller Anblick.

Doch etwas zieht mich weiter, lockt mich vorwärts zu gehen.

Die nächsten Häuser erwarten mich erst auf der anderen Seite der Insel, kurz vor dem Deich. Dann noch wenige Meter den Deich hoch und es liegt vor mir. Das Vorland. Für gewöhnlich liegt es hoch und trocken, ist gut bewachsen. Doch bei Sturmfluten wird es überspült. Kaum zu glauben, bildet es doch einen beachtlichen Teil der Insel.

Vor allem ist es aber eines: Wunderschön. Hoch gewachsenes Graß wiegt sich in der leichten Briese. Wasserrinnen, teilweise trockengefallen, zeichnen sich durch die Landschaft wie idylische kleine Bäche. Etwas weiter weg erkennt man eine weitere Weide, Pferde gallopieren mit wehender Mähne auf ihr.

In der Ferne sieht man die riesigen Schiffe auf der Außenelbe. Scheinbar langsam schieben sie sich am Horizont entlang, wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt.
Mein Schritt wird langsam, fast schon bedächtig. Schreite ich sonst zügig voran, so bleibe ich nun nahezu stehen. Nehme die mich umgebende Schönheit in mich auf. Ich bin gerade erst angekommen, doch habe ich mich bereits in dieses Juwel einer Insel verliebt. Diese Ruhe. Die Natur. Ein Paradies, und das gleich vor meiner Haustür.

Einfach so duchs Graß streichen darf man hier allerdings nicht. Große Teile des Vorlands sind Zone 1 – betreten nur auf den ausgetrampelten Pfaden gestattet. Doch stört dies nicht weiter, sie durchziehen wie Adern die Landschaft und erlauben es mir nahezu überall hin zu kommen.

Im Vorbeigehen fällt mein Blick auf einen Hasen, der zusammengekauert nur wenige Meter neben mir im Graß liegt. Süß. Ob es wohl… seltsam. Eigentlich sind diese Tiere in der Natur doch schreckhaft? Das es nicht weg rennt wundert mich. Noch weiß ich nicht, das auf Neuwerk tote Tiere nicht etwa wie an den meisten Orten weggeräumt werden. Nein, hier lässt man der Natur ihren natürlichen Lauf, legt sie höchstens vom Weg runter neben eben diesem.

Schließlich erreiche ist die Ostbake. Einst war sie ein wichtiges Seezeichen für die Ansteuerung der Elbe. Ihre Bedeutung für die Seefahrt hat sie vollständig verloren, nichtdestotrotz ist sie ein beeindruckendes Erbe historischer Seefahrt. Das sie nach einem schweren Sturm vor wenigen Jahren neu errichten wurde mindert die für mich keineswegs.

Gleich neben der Ostbake steht eine Bank auf der ich mich niederlasse. Es ist wunderschön hier. Wann habe ich mich das erste mal so relaxed gefühlt? Es ist als würde ich schweben. Kaum zu glauben das ich alleine hier bin. Soweit ich sehen kann hat sich kein Tourist hier her verirrt.

Der Nachmittag geht allmählich in den Abend über und ich schlendere die Südseite der Insel entlang zurück zum Bauernhafen. Von den Doppelkeksen habe ich erst wenige gegessen, allmählich muss wieder etwas richtiges in meinen Bauch. Schnell sind einige Kartoffeln geschnippelt und gebraten. Ich schlage noch ein Ei in die Pfanne und lege etwas schmelzenden Käse dazu. Lecker.

Abenddämmerung auf Neuwerk

Doch lange hält es mich nicht an Bord. Schon bald bin ich wieder an Land, spaziere über die Insel. Der Abend ist ruhig, Menschen sind kaum unterwegs, zumeist bin ich alleine. Und so genieße ich in aller Ruhe den Sonnenuntergang. Diese Farben. Rot, Gelb der Himmel, braun-blau das Wattenmeer, saftig grün die Insel… einfach nur wow.

…am Bauernhafen

Erst nachdem die Sonne schon längst hinter dem Horizont verschwunden ist mache ich mich auf den Rückweg. Auf Neuwerk gibt es nur sehr wenige Menschen. Und wo es nur wenige Menschen gibt, da gibt es nur wenig Lichtsmog. Kein Wunder also, das der Himmel voller Sterne ist. Während ich langsam zu Bea Orca schlendere schaue ich fast mehr zum Himmelszelt denn auf den Weg vor mir. Immer wieder bleibe ich stehen, nehme den Anblick in mich auf. So schön… schade eigentlich, das ich es mit meiner Kamera nicht einfangen kann. Und auch die spielereien am Smartphone reichen hierfür nicht. Doch für mich… für reicht es. So einen Moment, den vergisst man nicht so einfch…

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 18.08.2016.

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Sebastian

4 Kommentare

  1. Neuwerk ist ganz besonders, diese Insel hat eine magische Anziehungskraft, wie du selbst ja erfahren hast. 🙂
    Ich habe viel Zeit auf der Insel verbracht, Zeltlager auf der Insel ist für die Kinder auch immer ein Erlebnis.

    Du hast all die schönen Dinge toll zusammen gefasst. 🙂 Besuch die Insel noch einmal im Sommer und schaue dir nachts das Meeresleuchten am großen Anleger an, es wird dich noch mehr verzaubern. 😉

    • Ein paar tolle sachen gibt’s ja auch noch auf der Insel, die erst noch kommen. z.B. die Aussicht vom Leuchtturm, das Bernsteinhaus und so manches mehr.
      Wiederkommen werde ich definitiv – hab ja ein eigenes Boot in Cuxhaven und die Insel ist an einem Wochenende erreichbar 🙂 Und Meeresleuchten… so richtig intensiv habe ich es erst ein mal gesehen, im September an der Kugelbake. Das ist glaub ich überall schön 🙂
      Freut mich wenn es gefallen hat.
      Viele Grüße,
      Sebastian

  2. Schöner Beitrag. Neuwerk will ich schon ewig besuchen. Zu Fuß allerdings. Vielleicht hast Du mir ja den letzten Anschieber gegeben, damit es 2017 endlich was wird!

    • Oh ja! Das will ich auch mal machen. Entweder zu Fuß oder auf dem Rücken eines Pferdes…
      In jedem Fall: Neuwerk ist einen Besuch wert. Und am besten mit min. einer Übernachtung.
      Viele Grüße,
      Sebastian

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