Veränderung

Genüsslich räkle ich mich im Schlafsack. Ich habe gut geschlafen und freue mich auf den vor mir liegenden Tag. Der Himmel soll heute noch einmal klar bleiben und ich hoffe heute die Aussicht von Leuchtturm aus genießen zu können. Aber nicht jetzt. Ich bereite mir ein kleines Frühstück vor, packe es ein und verlasse Bea Orca. Meine Beine tragen mich zielsicher ins Ostvorland wo ich mich auf dem Deich niederlasse. Gemächlich knabbere ich an meinem Frühstück während ich mit dem Fernglas die Landschaft beobachte. Es ist einfach so schön hier. Die Insel ist ein saftig-grüner Klecks inmitten des Braun-Blau des Wattenmeers. Das Spiel der Farben, hellblauer Himmel, braun-blaues Wattenmeer und das kräftige Grün der Insel raubt mir fast schon den Atem.

Das Glas verlässt nur selten meine Augen

Immer wieder wandert mein Blick durchs Fernglas zu den Pferden die nördlich von mir weiden. Solch majestätische Tiere. Ich werde Nachdenklich. Früher mal bin ich geritten. Warum nur habe ich aufgehört? Es hat mir Spaß gemacht. Das Gefühl, auf dem Rücken eines Pferdes über eine Weide zu galloppieren ist… Wahnsinn. Schon verrückt. Ein Teil von mir würde gerne wieder anfangen zu reiten. Das ich damals damit aufgehört habe: Für mich heute unverständlich. Natürlich könnte ich wieder damit anfangen. Doch…

Blick nach Norden

Ich schüttle meinen Kopf. Nein. Mal Reiten? Gerne. Aber regelmäßig reiten, irgendwann ein eigenes Pferd? Das passt nicht in das Leben, das ich mir wünsche. Es wäre schön, passt aber nicht zum Rest. Schon seltsam. Hätte ich in meiner Jugend nicht mit dem Reiten aufgehört, ich würde es vielleicht immer noch machen. Statt eines Bootes hätte ich wohl ein Pferd. Wanderreiten. Macht gewiss auch Spaß. Doch… Ein lächeln schmiegt sich in mein Gesicht. Nein. Ich liebe die See, das Spiel mit Wind und Wellen. Reiten ist Großartig. Doch Segeln… Segeln ist mein Leben. Auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen ist Großartig. Doch für mich ist es nichts im Vergleich zu dem Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, mein eigenes Boot zu haben. Für mich ist das Wasser das richtige Element. Wasser – nicht Erde.

Im Vorland…

Schließlich setze ich meinen Weg fort. Weit komme ich nicht, bereits neben der Ostbake lasse ich mich auf der Bank nieder. Das Wetter ist Gut, die Aussicht tolle und die mich umgebende Ruhe großartig. Ich bin soweit ich sehen kann der einzige Mensch hier. Schon verrückt. Für mich ist das Vorland der schönste Platz auf der Insel – zumindest soweit ich sie bisher erkundet habe. Mit einem Blick in meine Umhängetasche befördere ich meinen ebook-Reader hervor und beginne zu lesen.

Es dauert ein, zwei oder auch drei Stunden bis ich zurück ins hier und jetzt komme. Eigentlich ist es auch egal, wie lange ich gelesen habe. Noch immer bin ich alleine. Dieser Ort ist perfekt um alles um sich herum zu vergessen – die Zeit eingeschlossen.

Priele durchziehen das Vorland wie Adern

Ein weiteres Mal greife ich zu meinem Fernglas und beobachte meine Umgebung. Es ist so friedlich hier. Ruhig. Entspannt. Ich könnte mich hier glatt hinlegen und schlafen. Doch langsam beginnt mein Bauch sich bemerkbar zu machen. Es ist Zeit fürs Mittagessen. Ich räkle mich noch ein Mal, dann stehe ich auf und mache mich auf den Rückweg zu Bea Orca.

Lange verweile ich hier nicht: Ein kurzes Mittagessen, dann geht es auf zum Leuchtturm.

Dort erwartet mich der Schock: Menschen! Viele Menschen, all jene die heute von Cuxhaven durchs Watt hier her gekommen sind scheinen nun hier zu sein. Verrückt, diese Insel. Einerseits ein Juwel der Ruhe, perfekt um ein wenig Einsamkeit zu genießen. Und andererseits dieser Trubel, wenn die Tagesgäste durchs Watt kommen. Ob ich vielleicht mit meiner Leuchtturmbesteigung bis später warten soll? Nachdenklich kratze ich mich am Kopf. Klar, könnte ich machen. Aber bis es wieder ruhiger wird dauert es noch mindestens ein, zwei Stunden. Wer weiß, ob nachher der Turm noch geöffnet ist? Und morgen soll es bewölkt sein – ich will aber die Aussicht bei gutem Wetter genießen. Und so mache ich mich mit einem Achselzucken auf, die letzten Meter zum Turm zurück zu legen. Was soll’s. Ich bin hier auch Tourist. Warum sollte ich also nicht einfach mal mit der Masse schwimmen?

Was für eine Landschaft. Ich kann mir gar nicht sattsehen – Neuwerker Vorland

Ein Schild unten am Leuchtturm weißt mir den Weg. Doch schon nach der ersten Treppe bleibe ich unsicher stehen. Das ganze hier sieht verdammt privat aus. Das kann doch nicht der öffentliche Zugang zum Leuchtturm sein! Kann es?

Ob ich vielleicht vorsichtig klopfen und fragen soll? Wenn ich das Schild nicht komplett falsch verstanden habe, dann muss ich richtig sein! Aber einfach bei jemandem ins Wohnzimmer marschieren mag ich auch nicht.

Schließlich wird mir die Entscheidung erleichtert. Einige andere Touristen kommen die Treppe hoch. Sie haben offensichtlich nicht die gleichen Bedenken sondern öffnen die alte Tür mit einem deutlich zu vernehmenden Knarzen und gehen ins Innere. Noch immer unsicher folge ich ihnen, als ein Einheimischer auf uns zu kommt. Alles gut – ich bin hier Richtig. Mit einem breiten grinsend erklärt man uns, die knarzende Tür sei stets das Signal, das jemand auf den Turm möge. Also wenige Sekunden darauf die Tür erneut unter lautem Knarzen geöffnet wird komme ich nicht umhin mich zu wundern: Ob das nicht irgendwann nervt?

Nachdem eine geringe Summe für die Besteigung des Leuchtturmes bezahlt wurde darf ich hoch gehen.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 20.08.2016.

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Sebastian