Ein nachdenklicher Skipper

Hoch auf den Turm geht es über eine verdammt schmale Wendeltreppe. Der Turm ist uralt – und eindeutig nicht für Menschen meines Formates gebaut worden. Kommt mir jemand entgegen, so muss ich die Luft einziehen und mich an die Wand stellen um Platz zu machen. Und während des Gesamten Aufstieges muss ich meinen Kopf eingezogen lassen, mag ich ihn mir doch nicht anschlagen.

Oben angekommen werde ich dafür mehr als reichlich belohnt. Die Aussicht nach 128 Stufen ist überwältigend. Man sieht weit hinaus aufs Meer. Kein Wunder das Hamburg dieses Bollwerk schon vor langer Zeit hat errichten lassen. In den vor-GPS-Zeiten muss es als Leuchtturm eine ungeheure Hilfe bei der Ansteuerung der Elbmündung gewesen sein. Und bei Tage muss es als Landmarke nicht weniger bedeutend gewesen sein.

Bei ausgezeichneter Sicht, so hatte ich gehört, könne man von hier bis Helgoland sehen. Ganz so gut ist die Sicht heute allerdings nicht. Trotz blauem Himmel ist es geringfügig diesig. Nicht sonderlich stark, gerade genug um es zu bemerken. Doch auch so ist die Aussicht grandios. Begeistert schweift mein Blick über die See. Im Norden, Schärhörn und Nigehörn, umgeben von schier endlosem blau. Einzelne Tanker, riesig und doch winzig, die scheinbar gemächlich wie kleine Striche durch die Unendlichkeit der See zu gleiten scheinen. Ganz nah: Flipper, die Fähre die von Cuxhaven kommend gerade Neuwerk ansteuert.

Erst jetzt wendet sich mein Blick der eigentlichen Turmspitze zu. Da oben ist das Leuchtfeuer. Seit ein paar Jahren wird es leider nicht mehr für die Schiffahrt betrieben. Eigentlich schade. Doch immerhin leuchtet bei Nacht noch ein kleines Licht, so wurde mir gesagt. Besser als nichts.

Noch mehr überraschen mich aber all die ins Dach geritzten Namen. Es scheint fast schon so, als wäre es normal hier seinen Namen zu hinterlassen. Ob ich auch…?

Nein. Wofür auch? Ich trage dies hier in meinen Erinnerungen. Wofür am Dach herum kratzen?

Trotzdem komme ich nicht umhin ob des Mutes einiger Kratzer beeindruckt zu sein. Einige der Namen sind so weit oben eingekratzt, das der Schreibende eindeutig das glatt wirkende Dach ein Stück empor geklettert sein muss. Und wenn man hier fällt….

Mir schaudert es. Ob dies wohl Mut oder Leichtsinn ist, der Menschen dazu verleitet solcherlei zu tun?

Andererseits: Wer bin ich, dies zu fragen? Teste ich nicht selbst immer wieder meine Grenzen aus und versuche, wie weit ich sie überschreiten kann?

Schließlich wende ich mich wieder meiner Umgebung zu. Läuft man einmal um die Turmspitze herum, so kann man die gesamte Insel in Augenschein nehmen. Sie ist wirklich grün. Hier und da ein Häuschen, ein paar, wenige Wege. Ansonsten besteht sie aus Weideland, Bäumen und dem Vorland. Auf dem Platz vor dem Turm treiben sich die Menschen herum, ansonsten sieht man sie nur selten. Je weiter sich mein Blick vom Turm entfernt, desto seltener werden die Kleckse, die Menschen sind. Selbst mit dem Fernglas kann ich nur ein Paar im Vorland entdecken.

Lange genieße ich die Aussicht. Schließlich packe ich noch meine Videokamera aus und laufe mit ihr einmal um die Turmspitze, den Ausblick mit der Kamera einfangen. Die Bilder werde ich sicherlich gut für den Blog gebrauchen können.

Es ist schon fortgeschrittener Nachmittag als ich mich aufs Boot zurück ziehe. Ich habe mich gerade mit meinem ebook-Reader auf meine Koje ausgestreckt als ich in der Ferne das Grollen eines zügig näher kommenden Gewitters vernehme. Schon bald ist es über uns und ich freue mich, jetzt in meiner Koje zu liegen. Es ist eben doch ein großer Unterschied, ob man im Zelt oder im Boot liegt. Bei meinen Törns mit BEA war ich immer unterwegs. Es waren tolle Abenteuer – aber sie lebten davon das ich in Bewegung blieb. Klar, ich habe auch mal verharrt. Aber eben doch anders als hier. Verharren auf meinen Törns mit BEA war das neue, unbekannte, schöne genießen. Das ist es auch oft genug mit Bea Orca. Aber es ist auch etwas anderes. Jetzt, bei schlechtem Wetter hier im Vorschiff liegen, ein gutes Buch zu lesen. Das hat Ähnlichkeiten damit zuhause auf dem bequemen Sofa zu liegen. Nur besser.

Lange grüble ich über den Unterschied. Denn so ganz stimmt es nicht. Und doch stimmt es. Sich auf Bea Orca einfach zu entspannen, zu verharren, hat etwas von dem Gefühl sich zuhause aufs Sofa zu legen. Und gleichzeitig hat es etwas von dem Gefühl unterwegs zu sein und etwas ganz besonderes genießen zu können. Wieder einmal schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Es ist eben alles besser, wenn man es an Bord des eigenen Bootes macht.

Und: Es ist mittlerweile wirklich mein Boot. Auch so richtig, emotional. Ich spreche mit ihr, streiche mit der Hand über ihre Linien. Denke an sie, plane und baue auf sie. Und sie ist etwas, mit dem ich zumindest so schnell nicht gerechnet hätte: Mein Zuhause. Weit mehr als es meine Wohnung in Cuxhaven ist.

Dabei ist es ganz egal ob wir in Cuxhaven oder sonst wo im Hafen liegen, ankern oder auf dem Wasser unter Segel oder Motor unterwegs sind: Solange ich auf Bea Orca bin, bin ich zuhause.

Nach einem Abendessen, das Unwetter ist längst vorbei gezogen, mache ich mich zu einem Abendspaziergang um die Insel auf. Am Westanleger entdecke ich dabei ein stark motorisiertes Schlauchboot – vermutlich von der Hamburger Hafenverwaltung. Kurz mache ich mir Gedanken, das Boot ist nicht mit langen Leinen fest gemacht und das Wasser sinkt schon. Sollte nicht rechtzeitig jemand sich darum kümmern so würde es sich am Steg aufhängen. Aber noch bevor ich darüber nachdenken kann, ob ich jetzt hier warten soll um notfalls die Leinen zu verlängern erblicke ich zwei Mitarbeiter der Hafenverwaltung die auf den Steg zulaufen. Gut – damit hat sich das erledigt.

Jetzt, die Tagesgäste habe die Insel schon lange wieder verlassen, ist es wieder ruhig auf der Insel. Ich genieße es langsam am Wasser entlang zu laufen. Diese Insel ist einfach ein Juwel. Ich weiß, ich will hier noch öfters her kommen.

Es ist spät als ich endlich in meine Koje falle, meine Äuglein schließe und einschlafe. Hinter mir liegt ein herrlicher Tag. Ich habe viel Nachgedacht und viel Genossen. Und freue mich nun auf die kommenden Tage auf der Insel.

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 20.08.2016.

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Sebastian