Dorum – Nicht mein Ort

Statt normal zu ankern setzte ich Bea Orca aufs trockene. Sanft schieben sich ihre Kiele auf den Sandigen Grund, dann steht sie still. Gemächlich begebe ich mich aufs Vorschiff, Löse den Sicherungsstift und lasse den Anker hinab. Zurück im Cockpit schlüpfe ich aus meiner Kleidung, lasse die Badeleiter hinab und begebe mich ins warme Nass. Großen Schrittes, ich schiebe das Wasser förmlich vor mir her, begebe ich mich zum Bug meiner Großen. Der Anker liegt hier lose im Wasser. Kurzerhand bücke ich mich, hebe das Eisen empor. Anker zu Fuß ausbringen ist angesagt. Bald wird das Wasser wieder steigen, dann soll Bea Orca nicht vertrieben werden. Kette und Leine laufen problemlos aus dem Ankerkasten und ich grabe den Plattenanker etwa zwanzig Meter voraus in den Boden.

Während ich die Umgebung bewundere fällt mir auf, dass das Pärchen, das mich bei der Anfahrt gegrüßt hatte vollkommen Nackt ist.

Warum auch nicht – hier, mitten im Wattenmeer ist ja sonst eigentlich niemand. Kurz tut es mir leid das ich hier einfach eingedrungen bin, doch meine Anwesenheit scheint die Beiden nicht im geringsten zu stören. Über eine halbe Stunde verbleiben sie hier draußen, erst als das Wasser wieder zu steigen beginnt begeben sie sich auf den Rückweg.

Ich hingegen verhole mich an Bord. Zeit zu kochen. Sonderlich viel Auswahl habe ich nicht. Ein paar gekochte Kartoffeln klein schnippeln, dazu eine große Zwiebel. Bratkartoffeln. Wobei, wenn ich ehrlich mit mir selbst bin: Das war eher eine gebratene Zwiebel mit Kartoffelstückchen. Was jetzt noch an Lebensmitteln an Bord ist, würde nicht für eine einzige Mahlzeit reichen. Jedenfalls nicht, wenn es etwas vernünftiges geben soll. Denn was kann man schon aus Zwiebeln, Honig und Vanillepuddingspulver machen?

Zunächst surfe ich ein wenig im Internet, doch ist die Verbindung hier draußen grottig, Daten tröpfeln nur ganz langsam ein. Schließlich wird mir die Warterei zu doof und ich schnappe mir ein Buch. Was sich nach einer Notlösung anhört ist ganz gewiss keine: Schon bald versinke ich in meiner Lektüre.

Es ist gerade 16 Uhr als die Fischer in den Priel einfahren. Ob ich ihnen folgen sollte? Die können doch gar nicht weniger Tiefgang haben als ich! Andererseits sollen die Liegeplätze der Kutter deutlich tiefer sein als der Yachthafen. Und ich mag nicht mitten im Hafen stecken bleiben.

So kommt es das ich erst um viertel vor Fünf meinen Dieselmotor anwerfe und dem Prickenweg folge. Bereits auf der Karte sieht man, das er nicht ganz gerade verläuft. Doch wie geschlungen er tatsächlich ist wird mir erst vor Ort klar.

Dorum voraus…

Erschwerend hinzu kommt das auch hier, wie scheinbar überall im Watt Pricken nur eine grobe Orientierung bieten. Mal muss man so nah an sie heran, man glaubt sie gleich anfassen zu können. Und dann wieder großzügig Abstand halten, will man nicht auflaufen. Für mich ist der Versuch, stets möglichst viel Wasser unter mir zu haben nur Spielerei. Selbst abseits des Fahrwassers habe ich nie eine Wassertiefe von weniger als 1,3 Metern – und somit nie weniger als einen halben Meter Wasser unterm Kiel.

Ein leichtes grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. Ein halber Meter. Hier im Wattenmeer für mich absolut ausreichend. Auf Außenelbe oder Oste würde ich da schon wirklich nervös werden. Und, so man Segelblogs und Bücher liest, in der Ostsee und auf dem Ijsselmeer erstrecht. Aber hier… hier ist ein halbe Meter unter den Kielen zwar nicht viel – aber doch genug.

Während ich mich der Hafeneinfahrt nähere hält ein Kutter auf mich zu. Ausweichen ist angesagt. Ich halte mich so weit rechts wie möglich, fahre nur wenige Zentimeter an den Pricken vorbei. Doch der Kutter macht keinerlei Anstalten ebenfalls etwas auszuweichen.

Nur noch eine Kurve, dann ist er vor mir. Und: Auf er hält sich direkt an den Pricken. Was soll das? Wir sind hier schon dicht unter Land, wenn ich hier das Fahrwasser verlasse kann es gut sein, das ich auflaufe! Und ob er dann an mir vorbei käme ist mehr als fraglich!

Der Kutter ist jetzt nur noch etwa fünfzig Meter vor mir. Was soll das? Der hält direkt auf mich zu. Mir bleibt nichts mehr anderes übrig: Ich reiße an der Pinne und haue den Gashebel nach vorne. Mit Vollgas aus dem Fahrwasser – und das dicht unter Land. Was für ein Seemann ist das, der mich dazu zwingt?!

Das Heck ist gerade auf der anderen Seite der Pricken als der Kutter an mir vorbei zieht. Unter mir ist noch ein Meter Wasser, unter den Kielen  nur noch zwanzig Zentimeter. Das Echolot piept schrill. Den Gashebel habe ich wieder nach hinten gerissen, stoppe Bea Orca und halte,  kaum ist der Kutter an uns vorbei achtteraus aufs Fahrwasser zu. Fluchend blicke ich dem Fischkutter hinterher. Hätte ich auch nur etwas mehr Tiefgang gehabt…. Eine Leisure 22 mit Mittel- statt Kimmkiel wäre hier nicht mehr heil raus gekommen. Sie hätte es nicht weit genug aus dem Fahrwasser geschafft. Was sollte das?

Später sollte ich erfahren, das die Fischkutter hier so nahe am Hafen nicht ausweichen können. Das Fahrwasser ist dafür schlicht zu schmal. Warum man dann aber den Hafen verlässt während ein Segelboot genau in diesem kritischen Stück unterwegs ist – das ist mir bis heute ein Rätsel.

Zurück im Fahrwasser muss ich weiterhin höchst aufmerksam bleiben. Badegäste des nahen Strandbades scheinen den Priel für ihr privates Planschbecken zu halten. Während ich mich zügig den Schwimmern nähere halte ich das Schallhorn bereit. Vor meinem Bug könnte ich sie nicht sehen, jeden Badegast muss ich aufmerksam im Auge behalten.

Langsam motore ich an den Schwimmern vorbei. Wie kommt man darauf in so einem engen Fahrwasser zu baden? Nun gut, die meisten sind Kinder und Jugendliche. Aber das die Eltern hier nicht reagieren. Ist ihnen nicht bewusst wie gefährlich so eine Schiffsschraube für einen Schwimmer sein kann? Mal abgesehen von der allgemeinen Gefahr wenn man unter den Rumpf gerät…

Endlich bin ich im Hafen, erleichtert atme ich auf. Geschafft.

Der Dorumer Harfenpriel

Auf Backbord liegt der Yachthafen. Boxen. Hatte ich noch nicht – aber okay. Etwas irritiert bin ich vom Fehlen der mir sonst bekannten roten bzw. grünen Tafeln. Wo soll ich jetzt anlegen? Ich habe nur wenig Lust kurz darauf zu verholen weil der Liegeplatzinhaber ankommmt. Hilfe kommt von einem Segler an Land, der mir einen freien Platz zuweist. Jetzt wo ich die örtlichen Gegebenheiten kenne bereite ich Leinen und Fender vor. Dann noch eine Runde und….

Ich habe den Strom im Hafen unterschätzt, stehe plötzlich hinter der falschen – und vor allem besetzten Box. Eilig ziehe ich an der Pinne, halte mich frei und versuche es dann erneut. Doch auch dieses Mal zieht der Strom ordentlich an uns und ich schaffe es nicht. Langsam komme ich hier nicht rein. Und so versuche ich es ein drittes mal – dieses Mal mit etwas mehr schmackes, um nicht zu stark abgetrieben zu werden. Und tatsächlich, es klappt. Allerdings etwas zu gut – ich bin in der Box, Bea Orca steht still. Aber die Dalben sind hinter uns – und nicht genutzt. Doch es lässt sich noch korrigieren. Dann liegt Bea Orca. Der Segler, der mir schon den Platz zuwies empfiehlt mir, Bea Orca ein stücke vom Steg weg zu legen. Die Kutter würden wenn sie vorbei fahren für Schwell sorgen.

Dann, endlich kann ich an Land. Mein erster Gang führt mich zu einer Fischbude gleich neben dem Hafen, wo ich nicht nur für eine Nacht bezahle sondern wo man mir auch Zugang zu den Sanitäranlagen des Vereinshafen verschafft. Nachdenklich werfe ich einen Blick auf die Uhr. Noch ist reichlich Zeit, der Supermarkt hat bis acht Uhr offen. Also erst einmal gründlich Duschen, damit ich wieder guten Gewissens unter Menschen gehen kann.

Frisch geduscht mache ich mich auf den Weg. Bei einer der Buden am Hafen lege ich einen kurzen Zwischenstopp ein, gönne mir eine Kugel Schokoeis.

Bis 20.00 Uhr geöffnet? Das ist geschichte

Dann ab in die Stadt. Nach kurzem umherirren erreiche ich den Supermarkt. Es ist kurz nach sieben. Und: Er ist geschlossen. Ein Zettel an der Tür verrät die seit kurzem veränderten Öffnungszeiten.

Was für eine Scheiße! Ich bin restlos genervt. Dorum schein ein richtiger Touristenort zu sein, nur Ferienhäuser. Ich bin  hier nur zu einem einzigen Zweck her gekommen: Zum einkaufen. Und dann morgen für um sechs mit dem Hochwasser wieder ins Watt. Und jetzt? Ich muss bleiben bis ich mich versorgt habe – ich habe nicht mals mehr genug Lebensmittel an Bord um mir selbst ein Abendessen zuzubereiten! Und wenn der Supermarkt morgen aufmacht ist es zu spät um noch mit dem Morgenhochwasser aus dem Hafen zu kommen…

Genervt begebe ich mich zum Bankautomaten – der natürlich nicht zu einer Sparkasse gehört und mich Gebühren kostet – und hebe etwas Bargeld ab. Denn auch dieses ist knapp geworden. Dorum nervt mich schon jetzt. Und ich muss noch knapp zwanzig Stunden hier aushalten…

Frustfraß: Eine (überraschend leckere) Pizza

In den Fressbuden am Sportboothafen – die überraschend gut sind – versorge ich mich mit Pizza und zwei kühlen Radler. Danach geht es mir schon etwas besser. Und obwohl ich noch hoffe Dorum morgen mit anderen Augen zu sehen: Ich freue mich darauf hier morgen Abend endlich wieder weg zu kommen.

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 24.08.2016.

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Sebastian

2 Kommentare

  1. …da fahren wir Ende Februar hin…aber genau aus dem Grund weil nix los ist und in eine FeWo! Trotzdem werden wir an Dich denken wenn wir im Hafen stehen 😉 Mach weiter und lass Dich nicht unterkriegen…

    • Ich bin mir sicher, Dorum hat seine schöne Seiten. Ich habe sie nur nicht gefunden :/
      Abgesehen von den Fressbuden und den freundlichen Seglern im Hafen! Das ist top. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich noch mal nach Dorum segle… wobei ich vermutlich auch einfach irgendwo pecht hatte das mehrere doofe Erfahrungen da zusammen gekommen sind.
      Aber euch viel Spaß am Meer 🙂
      Viele Grüße,
      Sebastian

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