Von einem Traum, der Wirklichkeit wurde

Es ist gerade erst 04.00 Uhr als ich meine Augen aufklappe. Lächelnd begebe ich mich an Deck. Die Sterne leuchten, in ihrem Glanz kann ich die Insel voraus gut erkennen. Neuwerk. Nirgendwo habe ich so lange gelegen während meines Törns wie hier. Und, so gestehe ich mir ein: Kein anderer Ort hat mir so gut gefallen. Außer natürlich die See und das Watt selbst.

Glücklich betrachte ich die unzähligen Sterne über mir. Keine einzige Wolke schränkt die Sicht ein. Was für ein Anblick. Einfach toll. Nachdenklich sehe ich auf die Uhr. Bald müsste Bea Orca genug Wasser haben um die letzten Meter bis zum Westanleger hinter sich zu bringen. Es ist nicht mehr weit, weniger als eine Seemeile trennt mich noch von meinem letzten Halt auf diesem Törn. Für einen Moment schwappt Bedauern durch mein Bewusstsein. Jetzt ist er fast vorbei, mein erster Seetörn… eilig schiebe ich den Gedanken beiseite. Ich habe noch einen ganzen – mit Sicherheit tollen! – Tag vor mir.

Keine fünf Minuten sind vergangen seit ich aufgestanden bin. Ein leises Gähnen entweicht meinem Mund. Kurzerhand lege ich mich noch einmal hin und stelle den Wecker auf 05.00 Uhr. Ich habe es nicht wirklich eilig , solange ich heute in der Früh noch nach Neuwerk komme ist alles gut. Und dafür habe ich noch ein paar Stunden Zeit.

Sonderlich lange bleiben meine Augen nicht zum. Es ist gerade erst halb fünf als ich erneut aufwache. Ich bin ein wenig hibbelig, will diese wunderschönen, frühen Morgenstunden nutzen um nach Neuwerk zu kommen.

Bea Orca schwimmt wieder und ich bereite mich für den kurzen Schlag zum Anleger vor. Die Rettungsweste wird angelegt und ich bücke mich schon um den Dieselmotor zu starten als ich verharre. Die Nacht. Sie ist so wunderschön. Begeistert genieße ich die Stille, schaue raus ins schwarze Meer. Den Übergang von Himmel zur See erkennt man nur an den Sternen. Dort sind sie – und dort sind sie nicht. Was für ein majestätischer Anblick. Ich bin wie verzaubert.

Es ist etwa fünf Uhr als mich der Dieselmotor zum Westanleger bringt. Auf dem Weg komme ich an unglaublichen drei Booten vorbei. Zwei Segelyachten sind an der Südwestecke der Insel trockengefallen, eine dritte liegt bereits am Behördensteiger.

Ich werfe schließlich den Anker zwischen dem Wellenbrecher und dem Anleger. Hier will ich trocken fallen um dann zu Fuß die letzten Meter zur Insel zurückzulegen. Das mit dem Anlegen am festen Steg ist mir noch nicht so ganz geheuer, obgleich es mir ermöglichen würde länger an der Insel zu bleiben – und mir weniger Gedanken um den Wasserstand zu machen.

Nachdem ich mir sicher bin das der Anker hält, verhole ich mich in die Koje. Eigentlich wollte ich noch einmal schlafen, doch irgendwie ist mir nicht danach. Stattdessen beobachte ich durchs Bullauge wie die Nacht dem Tage weicht und lese. Ich bin glücklich.

Noch während des gleichen Hochwassers legt die Segelyacht am Anleger ab und läuft Richtung Außenelbe davon. Schade, ich hätte mir gerne angesehen wie er dort gelegen hat.

Ein paar Stunden später mache ich mich ans Frühstück. Erst nasche ich ein paar kalte Spaghetti vom Vorabend, doch ist es dafür dann doch noch zu früh und so ende ich bei Haferflocken.

Bea Orca ist mittlerweile trocken gefallen, verlasse ich sie so reicht mir das Wasser gerade noch bis zu den Knien. Kurzerhand packe ich mir eine Tasche mit ein paar Kleinigkeiten, dann geht es los. Mit großen Schritten wate ich durch das letzte bisschen Wasser zur Leiter, klettere empor und bin endlich auf der Insel.

Ruhigen Schrittes mache ich mich auf den Weg ins Vorland. Was für ein toller Ort, ich bin glücklich hier noch einmal her gekommen zu sein. Genießend sauge ich die Natur und die Ruhe in mich auf.

Ich erreiche gerade den Funkturm als mir ein Boot auffällt, das hier trockengefallen ist. Auch eine Möglichkeit.

 

Während ich unterwegs bin beginne ich über den Wind zu grübeln. Es pustet ganz ordentlich. Fünf, in Böen auch sechs Windstärken. Bea Orca kann das ab – und ich notfalls auch. Doch müsste ich zumindest ein Stück gegenan, worauf ich nicht sonderlich scharf bin.

Ein Blick aufs Handy vertreibt den Gedanken. Für den Nachmittag sind nur noch 3 Windstärken gemeldet – Tendenz abnehmend.

Eigentlich recht gutes Segelwetter. Nach einem kurzen Zögern beschließe ich heute nach Cuxhaven zu segeln. Ich hatte erwägt noch mal eine Nacht vor Anker im Wattenmeer zu verbringen. Doch morgen würde ich definitiv motoren müssen – und heute kann ich noch einmal segeln. Das möchte ich nutzen. Einzig wenn ich doch motoren muss möchte ich noch einmal ankern. Aber das kann ich ja auch unterwegs entscheiden.

 

An der Südseite der Insel angekommen beobachte ich, wie die Menschen aus Cuxhaven langsam näher kommen. Manche sind schon fast da, andere sind noch kleine Punkte in der Ferne. Irgendwann möchte ich auch mal zu Fuß nach Neuwerk laufen.

Viel zu schnell bin ich praktisch um die Insel rum. Nach einem Halt im Nationalparkhaus auf dem Klo geht es zum Inselkaufmann. Wenn heute Abend mein Törn endet dann möchte ich dann auch ein Radler zum Abschluss trinken können.

Von hier aus geht es die letzten Meter zum Boot. Es steht noch immer hoch und trocken da. Ein Blick auf die Uhr verrät: Ich habe noch reichlich Zeit. Jetzt an Bord zu gehen erscheint mir verfrüht.

Schließlich entscheide ich mich dafür, noch einmal lecker Essen zu gehen. Kurzerhand gehe ich zum alten Fischhaus und bestelle mir einen Apfelstrudel mit Vanilleeis. Während ich genüsslich den Apfelstrudel Häppchen für Häppchen esse denke ich über meinen Törn nach. Weit gekommen bin ich nicht. Cuxhaven war fast immer in Sichtweite. Und doch – so weit. Was habe ich nicht alles gelernt. Was habe ich nicht alles erlebt. Und was habe ich nicht alles für schöne Orte für mich entdeckt.

Schließlich begebe ich mich wieder an Bord. Bald wird das Wasser wieder steigen. Und ohne Beiboot hätte ich dann schlechte Karten wieder an Bord zu kommen.

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 26.08.2016.

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Sebastian

4 Kommentare

  1. Lieber Sebastian, erstmal sau geil das du es so durchziehst. Es kommt nicht drauf an wie weit du segelst sondern wie intensiv du das Leben genießt. Sehr schöne Lebenserfahrungen machst Du da. Aber bitte vergesse nicht auch deine schlechten Erfahrungen zu schreiben. Sonst ließt sich das liveaboard wie ein Märchen.

    Viele Grüße von weiter westlich (Bensersiel)

    Kai

    • Moin Kai,
      der Beitrag hier berichtet ja noch von meinem ersten Seetörn – im August 2016. Hat also mit dem Leben an Bord nichts zu tun 😉 Egal ob bei meinen Törn im Schlauchsegelboot oder auf See mit Bea Orca: Ich habe immer gnadenlos ehrlich berichtet. Selbst wenn es bei so mancher Dummheit die ich verzapft habe nicht leicht gefallen ist.
      Natürlich werde ich auch über schlechte Erfahrungen als Lifeaboard berichten. Bisher gibt es da aber nur eine: Ein Boot lag neben mir, den Bugspriet über den ganzen Steg, so das ich für 1,5 Tage mich jedes mal bücken musste um auf dem Weg an Land drunter durch zu kommen. Und darüber gleich einen ganzen Beitrag…?
      Ich werde einfach weiter berichten – egal, ob die Erfahrung positiv oder negativ ist. Wenn es sich wie ein Märchen liest, dann könnte es natürlich daran liegen das ich wirklich unglaublich glücklich und zufrieden an Bord bin. 😀
      Viele Grüße,
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian, lese mit Freuden immer weiter. Werde im April mal an Deine Bordwand klopfen, vielleicht bist Du ja da, Thomas

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