Glücklich

Zurück an Bord überprüfe ich noch mal den Wetterbericht. Der Wind sieht gut aus, gegen Ende sogar etwas wenig. Doch etwas anderes macht mir Sorgen: Angesicht des Wetters eigentlich nicht verwunderlich, doch der Wetterbericht warnt vor Gewitter. Zugegeben, es sind nur 10% Gewitterwahrscheinlichkeit – nicht gerade viel. Und doch, auch wenn in 9 von 10 Fällen kein Gewitter aufzieht – es gibt eben auch den zehnten Fall.

Was jetzt? Hier bleiben? Ungünstig. Der Platz ist eher wenig geschützt, hier mag ich kein Gewitter abwettern – so denn eines aufzieht.

Ich werde raus auf die Außenelbe fahren und dann, je nach Bauchgefühl, entweder gleich wieder ins Wattenmeer oder eben weiter nach Cuxhaven.

Das Wasser kommt recht plötzlich, man kann ihm im warten Sinne des Wortes beim Steigen zusehen. Kurz bevor Bea Orca schwimmt binde ich das zweite Reff ins Großsegel ein. Zwar sollte dies beim gemeldeten Wind nicht nötig sein, sollte ich aber doch in ein Gewitter geraten will ich bestmöglich vorbereitet sein.

Die restliche Zeit bis ich los kann verbringe ich mit Logbuch schreiben. Vielleicht ist der anstehende Schlag der Letzte dieses Törns. Schade. Und doch, ich mag nicht traurig sein, zu schön waren die letzten Wochen. Und zu sehr freue ich mich auf’s segeln – trotz Gewitterwarnung.

Etwa eine halbe Stunde, nachdem das erste Wasser Bea Orca erreicht hat schwimmt sie. Ich schlag noch das Vorsegel an und schlüpfe in passende Kleidung, dann gehen wir Anker auf. Der Dieselmotor schiebt uns vorwärts. Ich bin noch nicht weit gekommen, gerade querab des Anlegers für die Fähre als mich jemand anspricht. Ob ich ihn nicht nach Cuxhaven mitnehmen könnte? Die Fähre wäre ausgebucht.

Kurz zögere ich. Irgendwo tut er mir ja schon leid. Es stimmt, die Fähre ist ausgebucht. Und zugleich ist sie die einzige Möglichkeit heute noch von der Insel zu kommen. Daran rechtzeitig sich eine Fahrkarte zu kaufen hat er vermutlich einfach nicht gedacht. Ich bin geneigt ihn mitzunehmen – entscheide mich dann aber doch dagegen.

„Tut mir Leid!“, rufe ich ihm zu.

Doch ich bin hier der Skipper, habe die Verantwortung. Auf der Insel gibt es zahlreiche freie Betten, er wird nicht draußen schlafen müssen. Ich hingegen weiß noch nicht einmal mit Sicherheit ob es direkt nach Cuxhaven geht. Schwerwiegender ist aber etwas anderes: Es gibt eine Gewitterwarnung, die mich noch immer nervös macht. Und, vor allem: Ich habe genau eine Rettungsweste an Bord. Unter diesen Bedingungen kann ich einfach nicht die Verantwortung für jemand anderes übernehmen.

Während ich langsam die Insel entlang motore piept immer wieder das Echolot. Noch ist das Wasser relativ flach, stellenweise sind nur noch zwanzig Zentimeter unter den Kielen. In Anbetracht der ausgesprochen guten Beprickung des Fahrwassers ist dies aber kein übermäßig großes Problem. Zahlreiche Pricken markieren den Weg, sagen mir genau wo ich entlang fahren muss.

Schon liegt die Insel hinter mir und ich halte auf die Außenelbe zu. Um mich herum ist nur noch Wasser, stellenweiße allerdings sichtlich extrem flach. Ist das Fahrwasser einfach extrem gut gekennzeichnet oder habe ich doch so viel die letzten Tage und Wochen gelernt? Ich fühle mich wohl hier, steuere ohne Anstrengung oder Nervosität durchs Watt.

Ich habe etwa die halbe Strecke bis zur Außenelbe hinter mir als mir die Fähre entgegenkommmt. Frühzeitig weiche ich aus, fahre in eine spitze Ecke des Fahrwassers in das die Fähre mit Sicherheit nicht passt. Hier warte ich die vier bis fünf Minuten bis Flipper an mir vorbei ist. Beim Blick zum Steuerhaus fällt mir auf, das der Steuermann die Hand zum Gruß hebt. Ich grüße zurück.

Kaum ist die Fähre an mir vorbei, geht es weiter. Es geht eher langsam voran, das Wasser läuft auf, ich muss gegen den Strom anfahren. Doch wir kommen voran. Die Fahrt ist gemütlich, fast schon meditativ.

Etwas nervös sollte ich dann aber doch noch werden: Am Übergang von Wattenmeer zur Außenelbe gibt es eine Barre über die ich muss. Unter den Kielen ist das Wasser hier allerdings gerade mal ein Meter tief. Eigentlich ja viel – doch kann ich den Gedanken, was hier bei Schwell durch große Tanker passieren würde nicht ganz ausblenden. Und das, obwohl ich sehe das sich die Wellen bereits im noch etwas tieferen Wasser bereits stark abschwächen!

Endlich bin ich in tieferem Wasser und der Strom schiebt und schiebt und schiebt. Ich habe es geschafft. Die Handgriffe laufen wie von selbst, schnell sind Groß und Fock gesetzt, die Maschine abgestellt. Wir segeln!

Leise summend sitze ich im Cockpit.

„Ich geh segeln…“

Mit fünf Knoten über Grund geht es vorwärts, trotz schwächer werdendem Wind. Und doch, ich rechne immer mal wieder nach: So sollte ich es bis Cuxhaven schaffen bevor die Tide kentert.

Mein Weg führt mich vorbei am Eingang zum Weser-Elbe-Wattfahrwasser. Doch ich denke noch nicht einmal darüber nach hier hinein zu fahren. Ich segle. Das Wetter ist schön, ich kann segeln – das will ich nutzen. Ich werde heute meinen Törn beenden – unter Segeln.

In mir hat sich ein innerer Friede breitgemacht. Selbst als wir zu langsam werden und ich die Einbaumaschine zur Unterstützung anwerfen muss um rechtzeitig anzukommen macht mir dies nichts aus. Was für ein toller Schlag. Ich mag mich nicht beschweren, nicht wehmutig sein. Der Törn: Toll. Und hier, heute Abend und auf diese Weise ihn zu beenden: Fantastisch. Ich bin auf dem Wasser, segel, hinter mir beginnt es zu dämmern…

Langsam schiebt sich die Sonne hinter den Horizont während ich die Kugelbake und mit ihr Cuxhaven erreiche. Was für ein krönender Abschluss.

Das Anlegen gelingt ohne jegliche Probleme. Drei Wochen – länger ist es nicht her, seit ich für meinen Törn abgelegt habe. Und doch. Ich bin ein anderer Segler. Mehr noch: Ein anderer Mensch.

Doch vor allem bin ich eines:

Glücklich.

Und so endete mein erster Seetörn. Doch natürlich ist dies noch lange nicht das Ende. Da wären einige Wochenend- und auch noch ein Urlaubstörn die ich 2016 gemacht habe. Und gar nichtr weiß, wann ich dazu kommen soll davon zu berichten! Denn: Hier geht es jetzt erstmal mit meinem Leben als Liveaboard weiter. Außerdem kommen noch zwei „Ein Traum wird Wirklichkeit“-Beiträge: Ein letztes Video – und ein Hörbuch! Das wollt ihr nicht verpassen? Abonniert meinen Blog, beispielsweise per Mail. Dann bekommt ihr bei jedem neuen Beitrag eine Info!

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 26.08.2016.

Sebastian