Vom Mitnehmen und Wegwerfen

Was brauche ich eigentlich?* Wir leben hier in Deutschland in einer Gesellschaft, in der das Anhäufen von Besitz die Regel ist. Egal ob Wohnungen, Häuser, Autos oder Boote: Alles muss immer größer werden. Mein Boot wurde damals als Hochseefähiger Familienkreuzer beworben – mit 22 Fuß. Heute ginge das wohl als Daysailor, eventuell Weekender durch. Ein Boot für Tagestörns, vielleicht mal ein Wochenende. Und doch wohne ich nun bereits ein viertel Jahr Vollzeit auf eben diesem Boot!

Daysailor? Weekender? Also ich nenne das ein Zuhause! 🙂

Bereits im Vorfeld stellte sich mir die Frage: Was braucht man eigentlich? Und: Was brauche ich eigentlich?

Das gleiche? Ganz gewiss nicht!

Was brauche man eigentlich?

Dies sind eigentlich schlicht die Grundbedürfnisse. Für die meisten Menschen ist dies ein Dach über dem Kopf, etwas Kleidung, essen und trinken. In unseren Breiten eine Heizmöglichkeit. Dies lässt sich bereits auf jedem Kajütboot realisieren. Auch ein kleiner Jollenkreuzer wie eine FAM oder die kleine Schwester von Bea Orca, eine Leisure 17 könnte dies bieten. Ein Dach hat man, etwas Stauraum für Kleidung auch. Eine Kochmöglichkeit und eine Heizung lassen sich, so noch nicht vorhanden, einbauen. Oder im Hafen elektrisch über Landstrom betreiben. Prinzipiell könnte man somit auf so gut wie jedem Kajütboot leben. Man. Aber nicht ich – und vermutlich auch die aller meisten von euch nicht.

Zwei Flammen, ein Wasserkessel und ein Campingbackofen: Eigentlich schon Luxus.

Und so stellte sich eine andere Frage. Eine, die zu beantworten ich schwer fand.

 

Was brauche ich eigentlich?

Ja, was? Lebt man auf einem Segelboot, so kommt noch die eine oder andere Kleinigkeit hinzu. Beispielsweise Segel, Anker, Navigationsgeschirr und vieles andere was man so unterwegs braucht. Da wird schnell klar: Als Segler, auch als Liveaboard kann man den Minimalismus im Sinne von „100 Dinge besitzen“ oder ähnlichem komplett vergessen. 100 Dinge? Da habe ich schon mehr im Fach für Werkzeug! Und dabei bin ich mit verhältnismäßig wenig unterwegs. Und vor allem: Bei der Bootsausrüstung deutliche Abstriche zu machen wäre fatal. Denn so einiges ist eben doch sicherheitsrelevant. Und bei anderem würde man das Leben an Bord nahezu obsolet machen. Welchen  Sinn hätte es auf einem Segelboot zu leben wenn dieses keine Segel hat? Oder sonstige Ausrüstung die zum Segeln nötig ist fehlt?

Leben auf einem Segelboot: Geht auch ohne Segel. Ist aber doof.

Für mich als Blogger, Autor, als jemand der gerne schreibt und im Internet surft war klar: Ich brauche einen Rechner und noch etwas mehr technisches Spielzeug. Mein iMac war allerdings nicht mobil und auch nicht fürs Boot geeignet, so wurde er mit einem Laptop ersetzt. Auch war klar, dass ich eine Ausrüstung in der Pantry benötige mit der ich vernünftig kochen kann. Mehr als Dosenravioli. Ein zwei flammen Kocher, ein paar Töpfe, ein Campingbackofen… Dann vielleicht noch ein paar Bücher. Hier war der bereits vorhandene eBook-Reader sehr hilfreich. Und daneben noch ein paar Kleinigkeiten wie einen Staubsauger, Drucker und, zugegeben, ein paar persönliche Gegenstände. So ein Leben an Bord ist eben doch nochmal etwas anderes als ein Urlaubstörn.

 

Und jetzt? Bedenkt man die Massen die von den meisten von uns in den ersten 23 Jahren des eigenen Lebens angesammelt werden wird klar: Das ist nur ein Bruchteil. Hat man nun schon keinen Platz mehr, so ist es einfach: Das wars, der Rest muss weg. Dummerweise war an diesem Punkt noch platz übrig. Viel Platz. Und ist es auch immer noch. Natürlich hätte ich mich über den restlichen Platz freuen können. Und doch, es gab da noch eine Frage die ich mir stellte:

 

Was würde mich freuen an Bord zu haben?

Dinge die ich persönlich nicht unbedingt für mein Leben brauche. Dinge ohne die es auch gut geht. Auf die ich aber eben auch nicht grundlos verzichten mag.

Porzellan statt Plastik im Schrank. Ist eben doch ein Unterschied.

So ersetzte ich beispielsweise die Plastikteller des Vorbesitzers mit den schönen Porzellantellern aus der Wohnung. Sicher, ich machte mir für einen Augenblick Gedanken ums Gewicht. Aber: Eigentlich ist es doch halb so Wild. Man muss sich bewusst machen wie viel Masse man an Bord bringen muss um die Masse eines Kasten Bier, bei dem sich wohl kaum ein Fahrtensegler Gedanken ums Gewicht macht, zu erreichen. Und irgendwo war es für mich dann doch eine Frage von Lebensgefühl von „richtigen“ Tellern zu essen. In meiner Wohnung habe ich dort nie drüber nachgedacht. Doch hier, an Bord, freue ich mich regelmäßig über die Porzellanteller. Nötig sind sie nicht. Nun ja – Teller brauche ich schon. Aber es könnten auch die aus Plastik sein. Doch hat der Austausch mir ein echtes Plus an Lebensgefühl gegeben.

Etwas anderes, was mit dieser Überlegung an Bord kam war ein Waffeleisen. So ganz normal, betrieben mit 230V. Ich kann es somit nur in Häfen einsetzen – und nur wenn im entsprechenden Hafen das Landstromnetz ausreichend abgesichert ist. Und doch: Es ermöglicht mir etwas unglaublich tolles. Waffeln! Ich meine, mal ehrlich: Wer kann schon zu einer leckeren Waffel nein sagen? So ging es noch weiter mit ein paar anderen Gegenständen. Einfach Luxus den ich genieße, der mich nicht belastet. Sei es, da er etwas anderes ersetzt (siehe Teller Plastik/Porzellan) oder ein angenehmer Luxus ist (Waffeleisen). Letztlich stellte ich mir bei jedem Gegenstand die Frage: Macht er mich glücklich? Oder macht er nur Arbeit?

Mein Luxus-Leben: Waffeln an Bord!

Und der Rest?

Obwohl ich wusste das noch reichlich Platz übrig ist war ich beim Umziehen durchaus streng mit mir selbst. Nur weil Platz da ist muss man ihn nicht komplett ausnutzen. Einerseits möchte ich nicht für jeden neuen Kugelschreiber etwas wegwerfen müssen. Dann ist eben irgendwann Masse doch ein Thema. Zudem macht jeder Besitz Arbeit. Und ehrlich gesagt ist da immer noch die, wenn auch nur sehr, sehr kleine Hoffnung, das irgendwann eine Frau regelmäßig an Bord ist.

Und so kommt es, das ich bei dem größten Teil meines Besitzes für mich festgestellt habe:
Das brauche ich nicht.

Ganz ehrlich? Ich glaube solange man konsequent vorgeht werden die meisten, die noch nicht minimalisiert haben feststellen das ein großer Teil ihres Besitzes ihnen nichts bringt. Außer vielleicht Arbeit. Also, wofür das Ganze?  Wofür brauche ich mehrere Sorten Wein- Bier- und Wassergläser? Große und kleine Tassen? Überhaupt – warum Gläser und Tassen? Und so entschied ich mich einfach nur für Tassen. Die sind mit dem Henkel einfach recht praktisch. Und Gläser? Gläser habe ich nur ein paar an Bord. Das sind aber keine Trinkgläser – sondern Einkochgläser.

Auch die Küchenmaschine durfte nicht mitziehen. Ich habe Schneebesen an Bord. Und zum kneten hängen da zwei recht kräftige Knethaken an den Enden meiner Arme. Das die Brotmaschine (die ich vor ein paar Jahren unbedingt haben musste) nicht mit kam dürfte wohl schon längst klar sein. War ich mir bei etwas nicht sicher, so wurde einfach hinterfragt wofür ich es brauchen würde. Eine Antwort hierauf ist zwar zumeist leicht gefunden. Hinterfragt man diese allerdings ernsthaft, löst sie sich gerne in Luft auf. Denn, wie oben schon geschrieben: Wirklich brauchen tut man nur weniges. Und so kommt es das ausmisten auch eigentlich nicht wirklich schwer, nur nervig ist. Solang man eine Motivation zum ausmisten hat, wird es einem leicht fallen. Und bei den wenigen Dingen, bei denen man dann noch ernsthaft zögert: Behalten. Denn diese Handvoll Gegenstände, für mich waren es hauptsächlich Andenken, persönliche Gegenstände, würde man eine Entsorgung wohl bereuen. Ein Fotoalbum, ein Andenken an eine besondere Reise, der erste Liebesbrief… dies sind Dinge die nicht leichtfertig entsorgt werden wollen. Hier findet sich aber wohl in den meisten Fällen jemand in der Familie, der diese Sachen für einen lagert. Und sonst lässt sich ein kleines Schatzkästchen vielleicht auch an Bord unterbringen?
Wie sind eure Erfahrungen mit dem Thema? Was braucht ihr persönlich? Und was nicht? Die Frage ist absolut individuell – mich würde eure Antwort interessieren. Lasst es mich doch in den Kommentaren wissen!
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*In diesem Beitrag gehe ich den materiellen Aspekt des Brauchens nach. Selbstredend gibt es auch noch andere, nicht-materielle Dinge die Mensch braucht.

Sebastian

12 Comments

  1. Moin Sebastian. Mich treiben ähnliche Gedanken um. Wir haben ein Haus mit viel zu viel drin. Es ist das Ergebnis von Anhäufungsautomatismen der Jahrzehnte. Dies als Warnung ;-). Jetzt ist es sehr schwer sich zu trennen. Sigrid hängt an diesem, ich an jenem. Wir beide sind zu faul zum konsequenten Aussortieren, der Platz ist ja da … Wenn wir Minimalismus brauchen fahren wir zum Boot. Dort ist weitestgehend nur das Nötigste. Na ja … ;-))
    Gruß nach Cux, Manfred

    • Auf dem Boot ist immer nur das nötigste. Du willst mir doch wohl nicht erzählen dass die ersatzschraube für die Ersatzschraube für den… äh… naja, keine ahnung, aber du glaubst doch nicht etwa das die überflüssig ist?! 😀

  2. Moin Sebastian, schöner Artikel. Seit Kurzem besitze ich ein eigenes Schiff und beschäftige mich seit mehreren Monaten genau mit dieser Frage: was muss unbedingt an Bord, was sollte und was kann. Ich bin natürlich in der komfortablen Lage, dass ich meine vollgestopfte Mietwohnung nicht auflösen muss. Aber ich kenne Deine Qualen ansatzweise. Ich bin mir sicher, dass es auch etwas sehr Befreiendes hat, wenn man sich von Dingen getrennt hat. Ich beneide Dich darum. Du hast meine Hochachtung!

    Weiterhin viel Erfolg dabei. Und immer genügend Strom im Laptop für’s Bloggen.

    Dein treuer Leser
    Volker

  3. Moin Sebastian ,
    ich habe mich nach meiner Scheidung für einen recht Minimalistischen Lebensstil entschieden. Ok ich habe noch so das ein oder andere aus der Vorzeit , aber nutze es nicht (siehe es macht Arbeit).
    Komme auch schon seit Jahren mit meinem defekten E-Herd Zuhause klar ( nur noch zwei Flammen ). Aber mit der richtigen Technik geht auch ein richtiges Mittagessen.
    Ich denke die meisten Menschen haben 70 % an Sachen Zuhaus die nur rum liegen und nicht genutzt werden. Daher wohl auch unsere Müllprobleme.

    Sei gegrüßt .
    Oli.

    • Solange der Krempel in der Wohnung rumliegt ist es ja kein Müll. Nur irgendwann wird es eben doch entsorgt… aber naja. Ich hatte ja auch erschreckend viel. Ist vielleicht auch einfach in unserer Natur. Aktuell genieße ich aber, das es auch anders geht.
      Viele Grüße,
      Sebastian

  4. Ja, ein gutes Thema,
    ich habe meine Arbeitsfreie Zeit zum Jahresanfang zum entrümpeln genutzt.
    Ich war in Wegwerflaune. Alles was ich nicht innerhalb der letzten 2 Jahre angefasst hatte, wurde weggeschmissen oder via Ebay-Kleinanzeigen verkauft.
    Ich habe bisher nichts davon vermisst 😉
    Was ich aber in meiner Phase in einem Stromlosen Häuschen als wichtigstes Utensil empfunden habe war ein original Rührfix. Denn Schlagsahne, Eischnee, Pfannkuchenteig, Pudding und andere Sachen sind mit Schneebesen doch eher nervig hinzu bekommen.
    Sowas kann ich nur empfehlen:
    https://www.ebay.de/p/?iid=192161443591&&&chn=ps

    • Pfannkuchen und Pudding war garkein problem. Schlagsahne noch nicht probiert und Eischnee kein Thema…
      Aber gut zu sehen das es sowas noch in Manuell gibt. Wenn ich mal was brauche weis ich jetzt wo ich nachsehen kann 🙂
      Viele Grüße,
      Sebastian

  5. Yeah, gute Idee ich ziehe in einen Wohnwagen da werde ich nun auch ein Waffeleisen mitnehmen. LECKER

  6. Hey Sebastian,

    entrümplen, entledigen von unnützem Eigentum und Besitz ist wortwörtlich eine Erleichterung.
    Ein Amerikanisches Liveaboard-Paar hat ihr Einkaufverhalten wie folgt zusammen gefasst: „Can I eat, drink or wipe my ass with it? If not – I don’t need it“.
    Die Idee leicht überspitzt, aber lustig auf den Punkt gebracht.
    Gruß – Marcel.

    • Haha! Nun, ganz so krass ist’s bei mir nicht. Aber…. fast. Und irgendwo ist es auch so. Hat man erstmal was man so braucht, beschränken sich nötige Neuanschaffungen in 99,99% der Fälle auf Essen, Trinken…. und Klopapier. 😀
      Viele Grüße,
      Sebastian

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