…und plötzlich war er nicht alleine (Teil Eins)

Um kurz nach eins kommen Anna und Denia an. Keine Minute zu früh – denn ich habe es gerade erst geschafft den Dieselmotor davon zu überzeugen von seinem Schläfchen der letzten Wochen zu erwachen. Wobei das Problem wie so oft vor und nicht hinter der Maschine saß…

Zunächst gibt es eine kurze Sicherheitseinweisung. Verhalten bei Mann über Bord, Feuer, Wassereinbruch… eben all die Dinge, die nicht geschehen werden. Am wichtigsten für mich sind zwei Regeln:

1.: Auf Bea Orca wird unterwegs eine Rettungsweste getragen und man ist angeleint – auch im Cockpit. Punkt

2.: Anfänger haben unterwegs auf dem Vorschiff nichts verloren. Einzige Ausnahme dieser Regel: Der Skipper.

Wir unterhalten uns kurz, gehen ein letztes Mal vor dem Ablegen aufs Klo, dann erbitte ich via Telefon eine Brückenöffnung. Um vierzehn Uhr soll es soweit sein, einmal durch die Brücke und raus auf See.

Sieht man von einer Klassenfahrt auf dem Ijsselmeer ab ist es sowohl für Anna als auch Denia die erste Segelerfahrung. Doch die Bedingungen sind dafür fantastisch: Mäßiger Wind von hinten, Wind und Strom aus der gleichen Richtung. Für den Rückweg hoffe ich auf den gemeldeten Winddreher über Nord auf Nordost. Doch selbst wenn dieser ausbleibt sollte auch der Rückweg harmlos sein. Denn gegen Abend wird der Wind einschlafen. Einzig die Sonne könnte etwas weniger schüchtern sein. Doch, da bin ich aufgrund des Wetterberichtes optimistisch, das wird sich schon bald ändern.

Vor der Brücke müssen wir noch fünf Minuten warten. Doch ich bin lieber zu früh hier als Stress aufkommen zu lassen. Zudem bietet dies mir die Gelegenheit die Fender einzuholen und für einen kurzen Schnack.

Und schon klingelt es, die Schranken schließen und die Brücke öffnet sich. Der Gashebel wird nach vorne gelegt, mit gut Fahrt geht es durch die Brücke. Kein Grund die Menschen an Land unnötig warten zu lassen. Doch gleich hinter der Brücke drossle ich etwas die Fahrt. Man muss es nicht übertreiben.

Zügig, aber nicht übertrieben schnell zieht Bea Orca ihre Bahn durch den „Vorhafen“. Hier liegen zahlreiche größere Boote. Lotsen, Schlepper, Polizei…

Vor der Ausfahrt warne ich kurz Anna und Denia, dann gebe ich mir dem Horn einen langen Ton ab. Ein Boot auf der anderen Seite könnte uns nur schlecht bis gar nicht sehen wenn wir hier raus fahre.

Wir sind kaum draußen, da setze ich das Großsegel und die Genua. Beide neu, beide dürfen heute zum ersten Mal Bea Orca durchs Wasser tragen. Gesetzt habe ich sie selbstredend bereits probeweise im Hafen. Dabei hatte ich auch gleich noch das erste Reff eingebunden. Ob es nötig sein wird? Ich bin mir da nicht sicher. Gut möglich das es auch ohne geht. Doch ich reffe lieber früher als später. Alleine schon für mich. Und dann habe ich ja heute auch noch zwei Mitseglerinnen dabei – wäre doch schade denen den Spaß durch übertrieben sportliches Segeln zu nehmen.

Das erste Stück segle ich praktisch einhand. Der Wind kommt direkt von hinten, ich kreuze mit eher kleinen Schlägen vor dem Wind. Hier vor Cuxhaven reicht das Fahrwasser praktisch bis an die Stadt, sonderlich viel Platz ist dort nicht.

Doch… warum mache ich eigentlich alles alleine? Kurzerhand übergebe ich die Pinne an Anna. Sich an sie zu gewöhnen braucht, wie wohl bei jedem der zum ersten Mal ein Boot mit Pinne steuert, einen Moment. Wenn nötig sage ich etwas oder lege kurz selbst Hand an. Doch recht schnell kann ich mich auf die Segel konzentrieren.

Auf Höhe Altenbruch macht die Außenelbe einen Knick, ab jetzt können wir auf Raumschotkurs segeln. Denia und Anna wechseln sich was das Steuern betrifft ab. Nur gelegentlich muss ich um eine kleine Kursanpassung bitten, weil das Segel einfällt oder wir dabei sind ins Fahrwasser zu segeln. Zwischendurch gibt es etwas Tee und Entspannung. Die Wolken haben sich verzogen, wir segeln unter blauem Himmel über das Wasser.

Während wir zügig gen Oste eilen genieße ich die Gesellschaft. Ich bin definitiv kein Einhandsegler weil ich unbedingt alleine segeln will. Nein, Einhandsegler bin ich, weil ich lieber alleine segle als mit den Falschen Leuten. Oder, schlimmer noch, nicht zu segeln weil niemand will oder Zeit hat.

Doch heute habe ich mit Anna und Denia zwei nette Mitseglerinnen.

Überraschend schnell kommt Otterndorf auf uns zu. Kaum zu glauben wie schnell das geht. Aber die Bedinngungen sind einfach herrlich. Wind, Seegang, Sonne, Gesellschaft… es könnte kaum schöner sein. Da stören auch die eher niedrigen Temperaturen um die zehn Grad mich eher weniger.

Plötzlich werde ich unsicher. Ist das nicht schon die Ansteuerung der Oste? Ich übernehme die Pinne, lege Kurs auf das Fahrwasser das bereits erschreckend nahe ist. Doch schon kurz darauf wird mir mein Fehler bewusst. Das ist nicht die Ansteuerung der Oste – sondern die von Otterndorf!

Die Maschine wird angeworfen, ich lege hart Pinne. Gegen den Strom, mich vor potentiellen Untiefen freihaltend geht es wieder raus in tieferes Wasser.

Während mir das Adrenalin durchs Blut geschossen ist, bleiben die beiden Frauen ganz ruhig. Alles unkritisch, nicht dramatisch. Nun, vermutlich war es auch tatsächlich nicht dramatisch. Doch dieser kleine Fehler in der Navigation… ich lasse mir das Tablett geben und werfe meine Navi-App an. Sicher ist sicher.

Nun dauert es nicht mehr lange und wir legen Kurs auf die Ostemündung. Hier wird geschnippelt. Klar, würde ich die erste Ansteuerungtonne mitnehmen hätte ich recht lange den starken Querstrom der Elbe. So rutschen wir schon fast von selbst in die Oste. Unter segeln.

Der Wind ist einfach herrlich. Nachdenklich blicke ich ins Rigg. Eigentlich wäre es schade jetzt den Motor zu starten. Wir könnten ja auch… ja, genau. Ankermanöver unter Segeln. Wäre ja nicht das erste Mal.

Wir verlassen das Fahrwasser, suchen uns eine Stelle mit passender Tiefe. Zwei weitere Boote liegen bereits vor Anker. Zudem scheint es mir, als wäre der Bereich mit passender Tiefe kleiner geworden. Da wird bald wieder zurück wollen kommt auch trockenfallen nicht in Frage. Ganz abgesehen davon, dass es natürlich nahe Hochwasser ist, viel Wasser wird nicht mehr auflaufen. Da trockenzufallen… nein, eine Situation wie letztes Jahr vor Friedrichskoog brauche ich nicht wieder.

Ich stehe auf dem Vorschiff, lasse mir die Wassertiefen durchgeben. Schließlich gefällt mir die Tiefe, ich löse die Sicherung, lasse den Anker hinab….

Die Kette ist bereits raus als ich von hinten rufe höre. Ein Blick nach oben: Wir treiben direkt auf einen anderen Ankerlieger zu! Zu hoffen das der Anker rechtzeitig hält ist mir zu heikel.

„Motor starten!“, brülle ich nach hinten und beginne mit aller Kraft den Anker einzuholen. Wenige Sekunden später hängt der Anker wieder oben und ich bin im Cockpit. Unter Motor geht es zügig von dem anderen Boot weg und wir suchen uns einen neuen Platz. Doch dieses Mal unter Motor, die Segel werden geborgen. Das war jetzt aber wirklich genug Aufregung für einen Tag. Eigentlich hatte ich doch einen entspannten Tagestörn angedacht!

Beim zweiten Ankerversuch passt der Abstand zu anderen Booten. Doch… nein, nachdem der Anker gefallen ist, wird es mir geschwind zu flach. Ich will nicht am Ende notgedrungen die Nacht hier verbringen müssen. Erst beim dritten Versuch ist mir das Wasser sowohl da wo der Anker fällt als auch im Schwoijkreis die Wassertiefe ausreichend tief. Von anderen Ankerliegern liegen wir ein ganzes Stück entfernt. Ich atme durch, bitte Anna und Denia den Motor zu stoppen. Zurück im Cockpit werden die Rettungswesten ausgezogen. Ich sehe Denia und Anna an. Dieses Mal hatte nicht nur ich Adrenalin in den Adern. Und doch, den Beiden hat das Segeln Spaß gemacht. Das Angebot sie nach Neuhaus zu bringen um den Heimweg auf dem Landweg zurückzulegen wird sofort abgelehnt. Und so gehen wir unter Deck. Es ist Zeit fürs Abendessen. Nur… was sollen wir kochen?

Tja, plötzlich ist der Einhandsegler nicht mehr alleine an Bord. Ihr wollt wissen wie dieser Törn und mein Leben auf meinem Segelboot weiter ging? Dann abonniert meinen Blog doch per Mail und verpasst keinen Beitrag mehr! Und für noch mehr: Facebook.

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Sebastian

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