Auf nach Neuwerk

Bei Hochwasser wird es ungemütlich am Ankerplatz. So ungemütlich, das ich aufwache. Der Wind peitscht aus Nordwest über das Watt, wühlt die See auf. Ich bin froh nicht in tieferem Wasser zu sein. Der Ankerplatz ist bei nördlichen Winden bestenfalls okay. Doch einen anderen gibt es vor dem Wattenhoch nicht. Ein guter Ankerplatz bei solchen Winden gäbe es auf der anderen Seite des Wattenhochs. Ob ich vielleicht den Anker bergen und darüber dieseln sollte? Aber nein. Nicht nur, das ich nur ungerne meine kuschlige Koje verlassen mag. Ich liege hier auch ein ganzes Stück südlich des Fahrwassers. Und mich blind durch die Nacht tasten… nein, das mag ich nicht. Und so stelle ich nur einige zusätzliche Wecker zwecks Positionskontrolle bevor ich mich umdrehe und weiter schlafe.

Kurz vor dem Trockenfallen kontrolliere ich den Grund um Bea Orca. Dafür stochere ich mit einer langen Stange im Wasser herum. Es ist gleichmäßig und sandig – was könnte man mehr wollen.

Das eigentliche Trockenfallen ist nicht ganz so gemütlich. Es dauert etwa zehn Minuten bis Bea Orca steht, durch die zwar kleine aber beständige Restwelle wird sie immer wieder angehoben. Ein unangenehmes Gefühl. Auch wenn ich weiß das Bea Orca das ab kann – es gibt besseres. Kurz frage ich mich, warum ich unbedingt hier schon trockenfallen musste. Hätte das nicht auch bis Neuwerk warten können? Da werde ich eh trockenfallen. Und das deutlich geschützter, so das es ruhig passiert. Egal – jetzt ist es eh zu spät.

Nachdem auch klar ist, das der erste Sonnenaufgang wegen dichter Wolken ausfällt verhole ich mich, kaum steht Bea Orca ruhig, wieder in die Koje. Ich kann noch eine Mütze Schlaf gebrauchen.

Endlich bin ich ausgeschlafen und Fit. Es ist kurz nach sieben. Meine erste Handlung ist es ins Watt zu steigen. Als erstes begutachte ich das Unterwasserschiff. Und bin wieder einmal vollauf begeistert von meiner Großen. Keine Schäden, keine Pocken. Auch Summlog und Schraube sind frei.

Nur eine feine Linie mit Algen an der Wasserlinie ist zu entdecken. Und die dürfen da meinetwegen bleiben.

Kurz zögere ich, dann geht es zurück an Bord – nur um gleich darauf mit der Kamera im Watt zu stehen. Ein kleines Fotoshooting ist angesagt. Es ist das erste Mal seit Erwerb der neuen Kamera das ich mit Bea Orca trockengefallen bin. Das muss genutzt werden!

Die kommenden Stunden verbringe ich unter Deck. Eingekuschelt in eine Decke, vor mir eine dampfende Schale mit meinem Frühstücksbrei sowie einem guten Buch. Es ist frisch, nur knapp über 10°C. Und durch die dichte Wolkendecke fehlt die wärmende Sonne.

Mittlerweile hat der Wind leicht gedreht. So sind die Wellen bedeutend kleiner, als Bea Orca um halb elf wieder schwimmt. Ein Teil von mir würde am liebsten sofort los. Doch es wäre eng, vor mir liegt das Wattenhoch. Und ob ich jetzt schon rüber komme? Möglich – aber wenn dann geradeso mit der berühmt-berüchtigten Handbreit Wasser. Nein, ich möchte es nicht drauf anlegen und warte lieber noch eine viertel Stunde.

Und so ist es 10.45 Uhr als ich den Einbaudiesel starte, aufs Vordeck gehe und Hand über Hand den Anker einhole. Zurück an der Pinne lege ich Ruder und drehe Bea Orca bis ihre Nase nach Norden zeigt.

Los geht’s.

 

Erst einmal muss ich zum Fahrwasser. Doch dazwischen liegt noch eine Untiefe. Das Tablett ist hier keine Hilfe, die aktuellen Wassertiefen stimmen vorne und hinten nicht mit den elektronisch gespeicherten überein. Wattenmeer halt. Glücklicherweise habe ich ein Echolot. Trotzdem komme ich knapp ans Flach, was stets für einen zügigen Kurswechsel sorgt. Es dauert eine viertel Stunde, dann stehen wir endlich am Anfang des Wattenhochs. Ich weiß, habe es mehrfach berechnet: Das Wasser hier ist Tief genug. Und doch, noch traue ich mir selbst nicht so ganz. Und statt zügig zu fahren liegt der Gashebel nur ein kleines Stück nach vorne, so das Bea Orca sich mit zwei bis drei Knoten über den Grund schiebt. Die beiden Motorboote, die ich noch vor Anker hier habe warten sehen sind längst davon. Sie mögen ja weniger Tiefgang gehabt haben, sind aber auch definitiv schneller gefahren.

Über Segeln brauche ich garnicht nachzudenken. Zwar ist mir bei der Vorstellung mit nur wenigen Dezimeter Wasser unter den Kielen zu segeln noch immer mulmig. Hier wäre es aber gar noch schwerer. Der Wind kommt von vorne, ich müsste kreuzen. Dafür fehlt mir nicht nur stellenweise das Wasser sondern auch schlicht die Zeit.

 

Nervös beobachte ich das Echolot. Wenn ich jetzt auflaufe… es ist zwei Stunden vor Hochwasser. Wenn nicht jetzt, dann gar nicht. Dann müsste ich wohl hier warten auf… ja worauf? Wenn ich heute nicht rüber komme, komme ich auch morgen nicht rüber. Ich müsste wohl hier vor Anker warten bis der Wind mir erlaubt die Außenelbe raus zu segeln. Doch ich will doch noch nach Neuwerk! Und überhaupt – auch morgen noch ein Stück weiter, bevor übermorgen der Wind endlich für den langen Schlag passt.

Dann ist es geschafft, schnell steigt die Zahl auf dem Display, das Wasser wird tiefer. Hinter mir liegt das erste Wattenhoch dieses Jahres. Und mit vierzig Zentimetern unter den Kielen – und das besagte zwei Stunden vor Hochwasser – eigentlich kein besonders wildes.

Trotzdem beschließe ich bereits jetzt, dieses Jahr auch einmal zu probieren von Cuxhaven aus direkt ins Neuwerker Wattfahrwasser zu fahren. Dann muss ich zwar am Rande der Außenelbe ankern – wenn es hier aber noch flacher wird, dann schaffe ich es so nicht mehr nach Neuwerk an einem Wochenende.

Im tiefen Wasser kann ich endlich Gas geben. Wobei auch das relativ ist. Bei kräftigem Wind auf die Schnauze und gegen den Strom klettert das Tempo nur sehr eingeschränkt, ich will meine siebeneinhalb Pferde nicht übermäßig quälen.

Nachdenklich beobachte ich einen Segler der von Neuwerk aus nach Süden läuft – und somit übers Watt schnippelt. Ich greife vom Fernglas. Ein Aluboot – ich habe eine Vermutung wer das sein könnte (die sich auch noch bestätigen sollte). Aber egal – ich will trotzdem nach Neuwerk. Von Süden kommen zeitgleich eine Gruppe von Segel- und Motorbooten übers Watt. Auch sie schnippeln. Soll ich auch? Rein theoretisch, also so rechnerisch… aber nein. Das ist mir zu eng. Da könnte ich ja auch gleich in den Bauernhafen – was ich mir nach letztem Jahr geschworen habe nicht wieder zu tun, solange es so flach ist. Lieber außen rum und notfalls eben kurz vor Neuwerk trockenfallen.

Obgleich Wind und Tide gegen uns sind, wir kommen vernünftig voran und erreiche kurz nach Hochwasser das Neuwerker Wattfahrwasser. Es müsste schon gewaltig etwas schief gehen damit ich es jetzt nicht mehr bis Neuwerk schaffe.

Entlang der Pricken tasten wir uns vorwärts mit unverminderter Fahrt. Erst unweit von Neuwerk wird es hier flach.

Kurz vor dem Neuwerker Wattenhoch beginne ich zu grübeln. Rechnerisch sollte es noch langen. Aber nicht mehr lange. Dreißig, vielleicht vierzig Zentimeter – mehr Wasser unter den Kielen werde ich hier nicht mehr finden. Und das wird tendenziell auch noch immer weniger.

Schließlich gebe ich mir einen ruck. Mit unverminderter Fahrt geht es weiter – dank Rückenwind fast vier Knoten. Ich weiß das ich genug Wasser habe, muss anfangen meinen Rechnungen zu vertrauen. Zudem: Wenn das Wasser nicht reicht will ich eh so nah an der Insel wie möglich trockenfallen. Und wenn ich auflaufe kann ich immernoch eben kurz ins Wasser springen. Obwohl das hier wohl nichtmals unbedingt nötig ist. Von meinem letzten Besuch weiß ich, dass das Watt südlich von Neuwerk relativ eben ist. Eine steile Prielkante gibt es hier nicht.

Als das Echolot nur noch dreißig Zentimeter anzeigt legt sich meine Hand dann doch auf den Gashebel. Sollte ich vielleicht doch…?

Dann sind wir schon unter Land, das Wasser wird wieder etwas tiefer. Ich habe richtig gerechnet, es hat gereicht. Dreißig Zentimeter – weniger hat das Echolot nie angezeigt. Als ich schließlich den Westanleger, eigentlich gedacht für Fahrzeuge der Hamburg Poth Authority, erreiche und festmache zeigt das Echolot direkt am Steg sechzig Zentimeter unter den Kielen.

Es ist das erste mal das ich hier festmache. Da dies ein fester Steg und kein Schwimmsteg ist, geht das nur mit langen Leinen. Würde ich wie gewöhnlich fest machen, Bea Orca würde sich erhängen. Ich gebe großzügig Leine und sorge zugleich dafür das Bea Orca gut abgefendert ist. Dann geht es an Land.

Zwar sind Feiertage – ich kann mir nicht vorstellen das da was kommt. Trotzdem mag ich, so möglich, einen Mitarbeiter der Hafengesellschaft finden und wegen möglicher Schiffe fragen. Vom letzten Jahr weiß ich, das Sportboote am Behördensteiger geduldet werden – aber eben nur solange er nicht benötigt wird. Dann muss das Sportboot verschwinden. Klar. So ein Versorgungsschiff ist und bleibt für die Insel um ein vielfaches wichtiger.

Zügigen Schrittes geht es über den Deich und in Richtung der Stackmeisterei. Sind die Männer und Frauen der Hafengesellschaft wo anders unterwegs, dann wüsste ich nicht wie ich sie finden sollte.

In der Stackmeisterei ist niemand zu finden. Doch die Boote, die ich bereits im Watt gesehen habe liegen längst im Bauernhafen. Sie kommen aus Spiekeroog und kennen die Insel (sowie so manchen Insulaner) schon länger. Vielleicht wissen sie ja wo jemand zu finden ist.

Doch man winkt ab. Feiertage sind Wochenende – da kommt eh nichts. Ich soll es mir einfach gemütlich machen und die Insel genießen.

Nun gut – viel mehr kann ich jetzt eh nicht machen. Zudem plane ich morgen mit dem Hochwasser zu verschwinden. Jetzt ist das Wasser schon gut am ablaufen, da wird wohl kaum etwas kommen. Und heute Nacht? Sicher, dank der Reflektionsbänder an den Pricken ist es prinzipiell möglich. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen das die Schiffe mitten in der Nacht Neuwerk anlaufen…

Und so schlendere ich schließlich zurück zu Bea Orca. Glücklich lächle ich meine Große an. Ich habe es geschafft, die erste Insel dieses Törns ist erreicht. Zwar mit mehr dieseln als mir lieb ist – aber hey. Ich bin hier. Ich hatte eine schöne Zeit auf dem Wasser. Und freue mich jetzt bereits darauf einen Spaziergang um die Insel zu mach. Doch zunächst will ich warten bis Bea Orca steht. Ich will da sein sollten die Leinen doch zu kurz sein, sichergehen das sich meine Große nicht selbst erhängt. Und so mache ich es mir bequem und warte.

Dieser Beitrag geschah am 25.05.2017

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Sebastian

5 Comments

  1. Wieder sehr schön geschrieben, Sebastian. Wenn Du so weiter machst, fixt Du mich auch noch für das Watt an, obwohl das für meine Rennziege echt das falsche Revier ist. 🙂

    • Stimmt, Watt ist was für flachgehende Boote die trockenfallen können. Wobei – bei euch in den Niederlande kommt man ja auch ohne trockenfallen weit. Nur das mit dem Tiefgang… Im Zweifelsfall such dir ne Mitsegelmöglichkeit. Es lohnt sich, das Watt ist einfach ein ganz besonderes Revier. Da wird es die nächsten Monate noch die eine oder andere tolle Ecke geben – auch wo ich mich etwas mehr traue… Am Ende des Törns hatte ich ja fast doppelt so viele Seemeilen im Kielwasser wie am Anfang – und auch entsprechend „etwas“ mehr mir zugetraut. 🙂
      Und es freut mich sehr das es dir gefällt!
      Viele Grüße,
      Sebastian

  2. Hi Sebastian, das macht Spaß über Neuwerk und das Watt zu lesen. Und genau zu wissen, wovon du so detailliert schreibst. Kurz vor dir sind wir auch dort gewesen. Allerdings nur mit dem Schlauchboot. https://www.youtube.com/watch?v=tGqNtbzQRwE. Viele Grüße und weiter so (unter Segel und an der Tastatur)!

  3. Hey, Du hast eine neue Kamera, aber warum bleiben dann die Bilder im Blog so klein? Gerade die Landschaftsbilder brauchen etwas mehr Größe und das gelungene Foto des Ankers mit Bea im Hintergrund muß viel größer!
    Gruß, Jörg!

    • Moin,
      die Bilder auf dem Blog sind komprimiert, um die Ladezeit im Rahmen zu halten. Die JPEGS sind sonst pro Bild ca 8MB, die .raf-Datein sogar 40 MB groß. Das ist für im Netz zu groß. Ich experimentiere noch mit dem richtigen Mittelwert – sehe aber schon jetzt den Unterschied. Und da ich gerade erst angefangen habe ernsthaft mit Bildern zu arbeiten bin ich optimistisch, das es wird… 🙂
      Viele Grüße,
      Sebastian

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