Leben an Bord: Die ersten 6 Monate


Wow. Kaum zu glauben. Es sind erst sechs Monate die ich auf Bea Orca, meinem 6,7 Meter langem Segelboot lebe.

Die leichten, für mich so selbstverständlichen lBewegungen des Bootes, der Regen, wie er aufs Deck prasselt, der Wind, wenn er bei Sturm im Rigg heult. Alles immer Griffbereit haben. Und jedes Mal wenn ich nach draußen Sehe Wasser und Boote vor Augen zu haben. Zu wissen, dass ich im Prinzip jederzeit die Leinen lösen und davon segeln könnte, das ich alles dabei hätte. Einfach dieses unglaubliche Gefühl das zu beschreiben mir geradezu unmöglich erscheint. Dieses Leben. Es erscheint mir so natürlich, selbstverständlich. Eine Notwendigkeit. Ein Leben an Land? Unvorstellbar. Egal wo wir gerade sind: An Bord bin ich zuhause. Und dies hat mehr geändert als ich je erwartet hätte. Dinge, die man wohl kaum damit in Zusammenhang stellen würde.

Doch von Anfang an.

Es geht los…!

Am 16.01.2017 wurde Bea Orca eingekrant, nachdem ich am ersten Januarwochenende Antifouling gestrichen habe. Die ersten Monate verbrachte ich im Hafen. Mehrfach bildete sich eine, wenn auch sehr dünne, Eisschicht auf dem Wasser. Sie war wirklich dünn, ich hätte wohl ohne Schäden mit Bea Orca Eisbrecher spielen können. Doch wofür? Nein, das war es mich nicht wert. Außerdem war es ja auch an Bord so gemütlich. Und wenn dann auch noch Stürme im Rigg laut heulten war ich froh, in einem überaus geschützten Hafen zu liegen. War es am Anfang noch alles total aufregend, so wurde es sehr schnell das normalste der Welt für mich, nach der Arbeit statt in irgend eine Wohnung auf mein Boot zu gehen. Das leichte Schwanken der Stege war wie selbstverständlich und auch bei Sturm und nässe bewegte ich mich schon bald mit einer Selbstverständlichen Sicherheit, über die ich selbst verwundert war.

Erst Anfang April löste ich schließlich die Leinen für einen kurzen Schlag über die Außenelbe. Und es waren nur ein paar Stunden. Und doch, schon damals begann ich zu ahnen, dass das Leben an Bord etwas beeinflusst, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte: Das Segeln selbst!

Es folgte ein weiter Schlag über die Außenelbe – dieses Mal mit Mitseglern – im April. Dann war schon Mai.

Mein neues Zuhause

Und damit hatte ich endgültig nur noch Bea Orca. Meine Wohnung hatte ich sicherheitshalber erst gekündigt nachdem die Anmeldung meines Wohnsitzes an Bord von Bea Orca problemlos durchgegangen war. Ein Unglaublich befreiendes Gefühl. Die letzten Monate hatte ich nach und nach meine Wohnung aufgelöst, einiges Verkauft, anderes verschenkt, manches bei meinen Eltern eingelagert – und einiges auch schlicht weggeworfen da es Müll war.

An meinem Gebrutstag waren es nur noch wenige Tage bis ich vier Monate an Bord leben würde.

Eigentlich hatte ich vor gehabt am darauffolgenden Wochenende mit meinen Eltern, die zu Besuch gekommen waren segeln zu gehen. Eigentlich. Denn nicht nur das es eine Gewitterwarnung gab. Nein: Am Freitag, den 12.05.2017 stürzte auch noch das Rigg eines Nachbarliegers ins Rigg von Bea Orca. Wieder einmal zeigte sich, das die Wahl des Hafens gut war. Zugegeben – wer ganzjährig an Bord in Cuxhaven leben mag hat nicht übermäßig viel Auswahl. Doch als ich sie brauchte war sehr schnell professionelle Hilfe vor Ort.

Doch obgleich kein Schaden von unten zu erkennen war konnte ich es erst mit mir vereinbaren segeln zu gehen, nachdem die Werft einen Riggcheck gemacht hatte – und ein dabei entdeckter Schaden behoben worden war.

Und da war es schon so weit, ich hatte Urlaub. Dreieinhalb Wochen. Was folgte war ein Törn, mit dem selbst ich im Traume nicht so gerechnet hatte. In dem ich etwas über Bea Orca, übers Segeln und ganz besonders über mich selbst lernte mit dem ich im Traum nicht gerechnet hatte. Etwas, das mich einige meiner Pläne zwar nicht im ganz großen, aber doch in deutlichem Ausmaße in Frage stellen und schließlich ändern ließ. Zu etwas, wie ich glaube, noch größerem. Und das, obwohl so vieles noch nicht feststeht.

Ich will hier nicht ins Detail gehen – wer meinem Blog schon länger aufmerksam folgt wird bereits die eine oder andere (Bewusste und unbewusste) Andeutung in der Vergangenheit, ja bereits bei meinem ersten Törn mit BEA entdeckt haben (aus zu finden in meinem Buch „Schnell kann Jeder“). Und doch, es war ein weiterer, besonderer Törn. Auf gewisse Weiße für mich sogar wichtiger als der im letzten Jahr – und das obwohl es doch letztes Jahr mein erster Seetörn war.

Nun bin ich bereits seit einem Monat wieder in Cuxhaven, abgesehen von einem Wochenendtörn ohne zu segeln. Da war Starkwind. Und an Wochenende an dem ich zum Sechsmonatigen einen schönen Törn machen wollte erst Gewitterwarnung und schließlich meinerseits die Entscheidung, lieber eine Laminierarbeit an Bea Orca zu machen, nach der ich allerdings erstmal für paar Tage nicht auf See könnte ohne zu riskieren das die Arbeit umsonst war. Und nachdem es am nächsten Tag von Morgens bis Abends durchregnete habe ich die Entscheidung auch nicht bereut.

Es sind nur sechs Monate die vergangen sind. Und doch, es erscheint mir als wäre alles was davor war fast schon ein anderes Leben.

Denn dieses Gefühl an Bord zu sein, dieses Lebensgefühl, diese Lebensqualität. Ich könnte sie nicht mehr missen.

 

Eine weitere Sache ist mein Selbstvertrauen. Es ist gewachsen. Ich mag ja immer noch schüchtern sein. Aber wenn es darum geht Dinge zu tun, dann traue ich mich mittlerweile deutlich mehr. Mal eben eine Kardanik für den Kocher anschrauben. Oder eben meine aller erste Laminierarbeit, wenn auch an einer unkritischen Stelle – über der Wasserlinie. Oder den Austausch einer Wassserpumpe. All dies mag ja nichts großartiges sein. Für jemand, für den das aufbauen eines Ikearegal die meiste Zeit seines Lebens wohl schon eine Handwerkliche Höchstleistung gewesen ist aber ein riesiger Sprung.

Aber auch auf See. Helgoland. Oder statt den Diesel anzuwerfen auf der Außenelbe zu kreuzen, auch bei Wind gegen Strom. Mehr Seegang. Sichere Bewegungen an Bord. Wurde es ruppig, so habe ich im vergangenen Jahr mich noch regelrecht ans Boot geklammert, war angespannt. Und jetzt?

Jetzt sitze ich da, höre ganz entspannt Musik. Fange gar ein wenig an zu Tanzen, jedenfalls soweit man das im Sitzen tun kann. Oder lege meine Beine hoch. Lese.

Eine weitere Veränderung ist das Essen. Ich habe zwar auch vor meinem Umzug an Bord mich nicht nur von Fertigpizza und Lasagne ernährt, es gab sie aber doch öfters als ich mir selbst eingestehen wollte. Das geht jetzt natürlich nicht mehr. Mein einziger Backofen ist ein Omnia. Nachdem ich mir geradezu einen Ekel von Tütenfutter auf meinen Törns mit BEA angegessen habe kommen auch diese nicht mehr in Frage. Und so wird jetzt praktisch jeden Tag frisch gekocht. Und wenn man sich erstmal damit beschäftigt kommen plötzliche Lebensmittel auf den Tisch, die man zuvor gemieden hat wie der Teufel Weihwasser: Hirse, Amaranth, Bulgur statt immer nur Kartoffeln, Reis und Nudeln. Und wenn Nudeln, dann schon ehr Vollkorn. Auch beim Backen – Vollkornmehl. Weniger Zucker (wo kommen plötzlich all die Geschmacksnoten her?!).

Und am schlimmsten: Gemüse! Plötzlich wurden auch Sachen wie Paprika, Zuchini, Tomaten, Bohnen, Erbsen und Kohl gekauft. Und mit großem Genuss verzehrt! Grauenhaft, findet ihr nicht auch? Was doch das Leben an Bord anrichten kann…

Haupthintergrund dieser Veränderung dürfte allerdings weniger der fehlende Backofen sein. Denn mit etwas kreativität dürfte sich vieles auch im Omnia machen lassen. Doch noch ein anderes Elektrogerät das wohl in praktisch jeder Wohnung zu finden sein dürfte fehlt:

Ein Kühlschrank. An Bord von Bea Orca gibt es keine Kühlmöglichkeit. Je nach Jahreszeit kann man sich mit einem aufbewahren an Deck oder aber am Rumpf unter der Wasserlinie behelfen. Doch jetzt im Sommer  bringt das natürlich nichts. Will ich etwas das gekühlt werden muss essen, so bleibt mir nichts anderes übrig als es frisch zu kaufen. Im Voraus hatte ich mir einige Gedanken darum gemacht, letztlich aber für mich beschlossen es erst einmal ohne zu probieren.

Die Kurzfassung: Ich vermisse es überhaupt nicht eine Kühlmöglichkeit habe. Ihr interessiert euch für ein Leben ohne Kühlschrank/Box? Dann lasst es mich doch in den Kommentaren wissen!

 

Doch die größte Änderung ist sicherlich das Segeln selbst. So vieles könnte ich darüber sagen. Wie es sich verändert hat. Doch wäre dies nicht langweilig? Es einfach so herauszubrüllen statt es euch lieber langsam, nach und nach mit dem Törnbericht über meinen Zurückliegenden Törn mit mir zusammen erkunden zu lassen? Nein, alles einfach so niederzuschreiben wäre doch zu einfach und irgendwo auch langweilig. Wo wäre denn da der Spaß? Nein – wer sich dafür interessiert, der kommt wohl um meinen Törnbericht „Unterwegs Zuhause“ nicht drumherum. Soviel sei aber gesagt: Der Name ist Programm.

…im Cockpit des eigenen Bootes.

Die Frage nach dem Geld.

Eigentlich seltsam. Sagt man jemandem das man ein Segelboot besitzt, so bekommt man zu hören ob dies denn nicht teuer sei. Sagt man aber das man auf einem Segelboot wohnt, so wird man gefragt ob man dies tun würde um Geld zu sparen  – oder gar, ob man sich eine Wohnung nicht leisten könnte.

Auf die Idee das man einfach wegen des Lebensgefühl auf ein Boot gezogen ist kommen nur die wenigsten. Als Hauptmotivation wird von den meisten das Geld angenommen.

Umso ironischer ist die Realität. Einerseits habe ich die ersten dreieinhalb Monate noch nebenher die Miete für eine Wohnung bezahlen müssen. Da ich sie sicherheitshalber erst gekündigt hatte nachdem die Anmeldung beim Meldeamt durch war zahlte ich somit obendrauf. Einerseits die Miete der Wohnung, andererseits die Heizkosten für Bea Orca, im Winter immerhin 100 bis 130€ pro Monat. Hinzu kommt noch das Geld, das ich so ins Boot gesteckt habe. Der größte Posten dieses Jahr ist da eindeutig eine neue Garnitur Segel. Einmal Groß und einmal Genua. Vergesst Samt und Seide. Wer wirklich teures Tuch will, der kauft sich neue Segel – selbst wenn sie „nur“ aus Dracon gefertigt sind. Alleine für das Geld das die Segel gekostet haben hätte ich über fünf Monate die Miete meiner alten Wohnung bezahlen können. Und hätte man mich nicht in letzter Sekunde jemand überboten, ich hätte mir gestern eine Windsteueranlage ersteigert. Auch ein Ausbau der erneuerbaren Energien, möglicherweise sogar mit einem Windgenerator sowie eine Dieselheizung sind geplant.

Und auch zwischendurch gibt es immer mal wieder Neuanschaffungen. Da wäre die Kardanik für den Kocher oder das neue Ankergeschirr.

Hier muss man aber der Fairnesshalber ein großes ABER setzen. Denn zum einen dienen all diese großen Investitionen dem Reisen unter Segeln, weniger bis gar nicht dem Leben an Bord. So spontan fällt mir, abgesehen von ein wenig Holz, nichts ein was für seit meinem Umzug an Bord für das Leben an Bord gekauft hätte. Und: Die Investitionen hätte ich wohl auch dann getätigt wenn ich nebenher noch eine Wohnung hätte.

 

Hat’s euch gefallen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen & teilt diesen Beitrag mit euren Freunden! Ihr wollt nichts mehr verpassen? Dann empfehle ich den Blog per Mail zu abonnieren.

Unterstützen

Blog via E-Mail abonnieren

Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Sebastian

8 Comments

  1. Prima Zusammenfassung der ersten 6 Monate, Sebastian. Und eines muss man Dir lassen, Du hast es gelernt, einen Spannungsbogen herzustellen.

  2. Hallo,

    ich habe seit kurzer Zeit deinen Blog durch Zufall gesehen und habe jeden Artikel verschlungen. Ich bin sehr begeistert und freue mich auf neue Artikel. Ich 38 Jahr in wohne in Tornesch (Kreis Pinneberg) Du hast mich gepackt mit deinem Blog. Ich bin angefixt und will nun endlich Segeln lernen. War schon immer fasziniert aber wie es immer so ist, irgendwas ist immer. Ich wollte mal fragen ob ich mir dein Boot mal angucken oder evtl. mal ne kurze Fahrt mitmachen kann? Des Weiteren würde ich gerne meine weitere Vorgehensweise mit Dir besprechen wenn es okay für Dich wäre? Danke und ein schönes Wochenende auf der BEA Orca!

    • Moin,
      es freut mich sehr zu lesen das dir mein Blog gefällt – und noch mehr das du mit dem Segeln anfangen willst. Mach das!
      Leider kann ich hier kein Mitsegeln anbieten. Würde ich dies einmal tun, ich müsste der Fairnisshalber alle Anfragen über den Blog annehmen. Und das sind aktuell einfach zu viele.
      Doch das soll kein Hinderniss sein: In zahlreichen Facebookgruppen sowie auf einigen Websites suchen Segler Mitsegler. Teils weltweit, Teils für spezielle Reviere.
      Stichworte sind hier Hand gegen Koje, HgK, Crewbörse, Mitsegler gesucht, Mitsegeln, Vorschoterbörse, Crewbörse, Crew gesucht…
      Einfach mal suchen. Falls du nichts findest suche ich dir auch gerne etwas raus.
      Falls du sonst noch Fragen hast – immer raus damit. Ich helfe gerne. 🙂
      Viele Grüße,
      Sebastian

  3. Moin Sebastian,
    Hut ab. Tolle Entscheidung, am Boot mit 6,7m zu wohnen und zu leben. Dabei ändert sich einiges, inklusive dir selbst – beschreibst du ja schön.
    Hab mir selbst vergangenen Oktober einen 8,6m Stahlsegler angeschafft, der übern Winter entrostet werden wollte. Jetzt damit auf der Ostsee zu segeln, ist echt toll. Von fertig keine Rede 😉
    Bin ja gespannt, wohin dich deine neuen Pläne bringen 🙂
    Mast und Schotbruch – und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel,
    Ralf

    • Moin Ralf,
      fertig werden Boote sowieso nie. Wichtig ist, das man zufrieden ist und sich wohl fühlt. 🙂
      Viele Grüße,
      Sebastian

  4. Moin Sebastian,
    auch wenn es auf dem Konto erstmal schmerzt, die Investition in neue Segel wirst du nicht bereuen (bereut haben). Du lebst auf einem SEGELboot. Der Hauptantrieb sind nun mal diese zugegeben teuren Dinger am Mast. Manchmal habe ich den Eindruck, die Leute verbraten Tage und Wochen sowie üppige Budgets mit ihrer Kellerfock und kümmern sich nicht um die Garderobe im Obergeschoss. Behandle sie pfleglich, lerne, sie gut zu trimmen und du wirst auch mit Dacron-Tüchern viel Spaß haben und einen Quantensprung zu den alten – tschuldigung – Lappen feststellen. (Ich gehe mal von den älteren Fotos Deiner Segel aus).

    Groetjes
    beautje

    • Moin,
      die Investition in die Tücher (und auch die anderen Investitionen) habe ich noch nicht bereut. Ganz im Gegenteil! Bea Orca segelt bedeutend besser mit den Lappen. Mehr Fahrt, mehr Höhe und weniger Lage – ich bin echt froh sie zu haben. Die alten Badetücher habe ich trotzdem mal behalten. So als BackUp. Für viel mehr halte ich die aber jetzt, wo ich die neuen habe nicht mehr geeignet. Es ist einfach doch nochmal ein anderes Segeln. 🙂
      Viele Grüße,
      Sebastian

Kommentar verfassen