Eine Schräge Geschichte

Katamaran vor Neuwerk

Ein Fahrtenkatamaran hält auf Neuwerk zu.

 

Endlich steht Bea Orca im Schlick. Auch wenn ich mich bewege – sie steht still. Und so ist es an der Zeit für mich aufzustehen, den Niedergang zu verschließen und einen Inselspaziergang zu machen. Mit dabei: Meine Neue Kamera inklusive Stativ. Zweiteres brauche ich für vernünftige Panoramaaufnahmen, nur aus der Hand zittere ich dafür zu sehr.

Gemütlich schlendere ich über den Deich gen Bauernhafen, biege dann ab und laufe vorbei am Nationalparkhaus zum Leuchtturm. Wo will ich eigentlich hin?

Vögel Gänse am Himmel

Zahlreiche Vögel sind auf und über Neuwerk

 

Kurzerhand entscheide ich mich für das Nordvorland. Vorbei an saftig Weiden, bevölkert von zahlreichend Pferden geht es durch das Inselinnere in Richtung des Vorlandes. Statt grün sind große Teile der Insel gelb. Unzählige Blumen blühen auf den Weiden, tauchen diesen sonst grünen Flecken im Watt in ein sanftes Gelb. Ich kann nicht anders, werde geradezu dazu gezwungen Fotos zu machen. Mein Kopf rattert. Wie hieß diese Pflanze noch einmal? Gelb blühend, auf Wiesen, im Mai… ich rätsle und rätsle, sollte aber nicht darauf kommen.

Einfahrt Neuwerk Bauernhafen

Die Einfahrt in den Bauernhafen. Letztes Jahr bin ich hier noch rein…

Schließlich stehe ich auf dem Deich zum Vorland. Zeit die Kamera ans Stativ zu schrauben. Ich nehme das Stativ von meiner Schulter und will die Kamera befestigen, als…

Neuwerk Leuchtturm

Der Leuchtturm, das Wahrzeichen von Neuwerk.

 

 

„Ach scheiße…“, ärgere ich mich über mich selbst. Ich habe das Übergangsstück vergessen. Jetzt habe ich ein Stativ und eine Kamera – kann sie aber nicht aneinander schrauben. Das Teil liegt an Bord – ich weiß sogar genau wo. Aber wenn ich wieder an Bord bin hat sich das mit den Panoramabildern eh erledigt. Doch… eigentlich ist auch dies nicht weiter dramatisch. Ich werde sicherlich noch das eine oder andere Mal dieses Jahr Neuwerk anlaufen. Reichlich Gelegenheiten um Panoramaaufnahmen zu machen.

Vogel Rauchschwalbe Neuwerk

Ein süßer Piepmatz. Eine Rauchschwalbe?

Gemächlich trotte ich entlang einer Weide bis sich endlich eine Möglichkeit ergibt weiter ins Vorland einzudringen. Ein kleiner Weg der sich unauffällig und doch markiert durch die Landschaft zieht. Immer wieder sehe ich Rinnen, kleine Priele die sich wie Lebensadern durch die Landschaft ziehen. Stellenweise sind sie nicht mehr als kleine Rinnsale, mal mit und mal ohne Wasser. Dann wieder  weiten sie sich zu regelrechten Teichen, bestimmt fünf bis Zehn Meter im Durchmesser.

Neuwerk Inselinnere

Gelb in Grün – überall wachsen gelbe Blumen…

Knips, Knips, Knips.

Ich mache ein Bild nach dem Anderen. Spiele dabei ein wenig mit Blende und Belichtungszeit, wobei zweitere recht bald wieder auf Automatik steht. Jetzt, bei Tage, klappt das damit recht gut.

Doch nicht nur die Priele faszinieren mich. Auch die alten Lahnungen, scheinbar schon lange der Witterung ausgesetzt ziehen mein Auge – und damit auch die Kamera – magisch an.

Knips, Knips, Knips.

Neuwerk Funkturm Nordvorland

Blick übers Nordvorland in Richtung Funkturm

In das Erdreich gerammt stehen sie da, hölzerne Pfähle. Einst war hier Meer. Jetzt ist hier Land. Kaum zu glauben das diese Holzpflöcke mit daran Schuld sind. Und doch… sie haben etwas Wildes, passen geradezu perfekt in diese Natur. Fast ist es als würde ohne diese teil abgebrochenen, immer wieder unterbrochenen Doppelreihen von Holzpfosten etwas in der Landschaft fehlen. Sie gehören hier her – weit mehr als ich.

Rinne Priel Neuwerk Vorland

Zahlreiche Rinnen durchziehen das Vorland

Als Vögel laut schreiend auf mich zu und nur knapp an meinem Kopf vorbei fliegen muss ich an ein Warnschild denken, das am Eingang zu Zone Eins steht. Es ist Brotzeit – und einige Vögel hier mögen es wohl garnicht wenn man sich ihrer Brut näher. Kurz erwäge ich umzudrehen. Ich will die Tiere nicht stören. Aber bin ich nicht schon praktisch an dem Schwarm vorbei? Es sind noch etwa einhundert Meter bis zum Badehaus, da sind fast keine Vögel. Hinter mir sind deutlich mehr als vor mir. Also Augen zu und durch. Nachdem ein zweites Mal ein Vogel laut kreischend knapp an meinem Kopf vorbei geflogen ist beschließe ich, mich extra Groß zu machen und zugleich einen Schritt zuzulegen. Das richtige Vorgehen? Ich bin mir nicht sicher. Aber obgleich ich mir nur bedingt vorstellen kann das diese Vögel für einen erwachsenen Mann eine Gefahr darstellen können (oder es mir zumindest nicht vorstellen mag), unheimlich ist es doch.

Nordbake Neuwerk

Die Nordbake bei Neuwerk

Ein drittes Mal kreischt ein Vogel nahe an meinem Kopf, ich glaube fast schon ihn zu spüren. Dann bin ich durch. Man spürt richtig wie die Anspannung der Vögel nachlässt und ich sehe zu ein Stück weiter zu kommen. Ich war die ganze Zeit auf dem Weg. Klar, wo auch sonst? Hier in Zone Eins darf man ja nicht rumlaufen wie man lustig ist. Was ich auch gut finde – würde jeder der die Insel besucht hier herum rennen, es sähe nicht mehr lange so aus, dieser Ort der Ruhe und des Friedens wäre bald Vergangenheit. Auch wenn Ruhe im Augenblick relativ ist – leise sind die Vögel nun wirklich nicht. Aber das gehört hier her.

Schon von der Ferne sehe ich mit gerunzelter Stirn zu Bea Orca. Steht die nicht ein wenig schräg? Während ich näher komme wird es rasch deutlich. Mit über 10 Grad Krängung steht Bea Orca da, die Heckleine gut gespannt. Eilig lockere ich sie, was überraschend einfach geht. Sie hat nicht wirklich daran gehangen, es hat nur so ausgesehen. Allerdings ist der Grund am Steg uneben so das meine Große zwar sicher, aber schräg steht. Etwas über zehn Grad. Nicht dramatisch. Aber so kochen? Ich kratze mich am Kopf. Nein, das würde wohl kaum Spaß machen. Will ich nicht. Was ich hingegen will sind Fotos vom schrägen Boot. Und so wird die Hose hochgekrempelt, die Schuhe gegen Gummistiefel ausgetauscht und ich stapfe ins Watt.

Vorland Neuwerk

Immer wieder weiten sich die Rinnen zu kleinen Seen…

Wolken bedecken den Himmel, es ist grau. Nachdenklich runzle ich die Stirn. Wie die meisten Menschen bevorzuge ich einen blauen Himmel und Sonne. Doch dem Wattenmeer bei Niedrigwasser stehen dunkle Wolken ungemein gut. Ein fabelhaftes Bild.

Knips Knips Knips.

Bea Orca, ein Katamaran der auf dem Wattenhoch trockengefallen ist, Pricken und Schlicht das Watt Ansich – sie alle müssen als Fotomotiv herhalten.

Gerne hätte ich den Skipper des Katamarans angetroffen, ich habe mit dem Smartphone ein paar Bilder von ihm unter Segeln bei seiner Ankunft geschossen. Doch er ist nicht da.

Neuwerk Ostbake

Blick übers Vorland zur Ostbake

Schließlich geht es zurück an Land wo ich die Gummistiefel gegen normale Halbschuhe austausche. Ich habe beschlossen essen zu gehen. Nur wohin? Das alte Fischhaus? Kenne ich schon. Trumkneipe? Ebenso. Schließlich lande ich im Anker, wo ich bei gemütlichem Ambiente und freundlicher Bedienung eine Kleinigkeit Esse und Trinke, bevor es schließlich wieder zurück auf Bea Orca geht.

Mein Plan steht fest: Um Mitternacht, wenn genug Wasser da ist, verhole ich übers Wattenhoch. Dies hat gleich zwei Vorteile. Einerseits werde ich morgen in der Frühe nicht wieder schräg stehen, andererseits kann ich von der anderen Seite auch früher aufbrechen. Morgen liegt ein weiteres Wattenhoch vor mir – zwei, wenn man das Neuwerker mitzählt. Liege ich schon hinter eben diesem Wattenhoch, so kann ich bedeutend früher los und bin entspannter unterwegs.

Alte Lahnungen Nordvorland Neuwerk

Alte Lahnungen im Nordvorland

Doch als ich um Mitternacht aufstehe und nach draußen sehe – sehe ich nichts. Es ist nicht etwa schwarz, sondern Grau. Dichter Nebel bedeckt die Landschaft, ich kann noch nicht Mal das andere Ende des Steges erkennen. Die Sicht liegt bei etwa zehn Meter. Ich müsste mich komplett auf das GPS verlassen. Nicht nur für ein paar Meter bis zu den ersten Pricken – die ich zudem auch nach Kompass hätte fahren können. Sondern komplett. Bei zehn Metern Sicht hätte ich kaum eine Chance mich den Pricken entlang zu hangeln. Kurzerhand verkrieche ich mich wieder unter die Bettdecke und schlafe weiter.

Die nächste Unterbrechung meines Schlafes ist um zwei Uhr. Das Wummern eines Motor lässt mich senkrecht in der Koje stehen, nur in Unterhosen springe ich durch die Vorschiffsluke nach draußen. Ein Plattbodenschiff legt gerade an. Soll ich ablegen? Platz machen? Ich kann notfalls auch bei denen ins Päckchen, umgekehrt ist dies natürlich nicht möglich. Eilig wechsle ich einige Worte mit dem Steuermann. Doch alles ist gut, der Platz reicht. Und so nehme ich eben einfach ein paar Leinen an bevor ich mich wieder in die Koje verhole. Ich schüttle den Kopf. Gegen Ende war es doch recht frisch geworden. Aber es ist erst Ende Mai, gerade in der Nacht und mit etwas Wind ist es noch kühl. Und wenn man dann nur in Unterhose herum springt… doch was soll man machen wenn es sich mitten in der Nacht so anhört als würde ein Schiff in einen hinein fahren.

Badehaus Neuwerk

Das Badehaus von Neuwerk

Der Nebel hat sich mittlerweile verzogen. Jetzt würde es die Sicht erlauben übers Wattenhoch zu fahren. Soll ich…?

Eilig überschlage ich die Wassertiefe im Kopf. Das wäre mehr als Eng. Ich könnte es gerade so schaffen. Dann aber ohne die Handbreit Wasser unter den Kielen. Es wäre wohl ehr ein Blatt Papier breit. Und das ist nun wirklich zu wenig. Nein, ich bleibe hier. So dramatisch ist die Schräglage nicht, als das ich dafür etwas riskieren wollen würde.

Und sowieso: Wofür der Stress? So dramatisch ist die Schräglage nicht. Und es sollte eigentlich auch so möglich sein morgen zum nächsten Ankerplatz zu kommen…

Bea Orca Neuwerk Westanleger Behördensteiger

Bea Orca steht (leicht) schräg am Steg

Am kommenden Morgen spaziere ich zum Leuchtturm. Bea Orca steht wieder schräg. Soll ich mir vielleicht ein Frühstück kaufen? Aber was? Irgendwie kann ich mich nicht dazu durchringen. Wofür eigentlich? Es ist nicht so das ich an Bord nichts kochen könnte. Wobei kochen übertrieben ist. Für meinen Brei brauche ich eigentlich nur heißes Wasser. Essen kann ich wenn ich will auch an Land, auf dem Steg… Und so geht es wieder zurück aufs Boot, wo kurz darauf mein kleiner Wasserkessel auf dem Kocher steht.

Doch irgendwie will er nicht so richtig. Das Spiritus ist nahezu leer und so drehe ich die Flamme schließlich zu, öffne den Kocher und entnehme die Tanks. Ich bin faul – eigentlich könnte ich in jeden Tank problemlos eine Literflasche füllen. Doch ich will essen und so teile ich eine Flasche einfach auf beide Tanks auf. Das sollte auch eine Zeitlang reichen.

Neuwerk Wattenhoch Niedrigwasser Katamaran

Blick vom Wattenhoch gen Neuwerk bei Niedrigwasser

Später, das Wasser an der Außenelbe ist schon wieder gut am Steigen, spaziere ich ein letztes Mal über die Insel, besuche den Friedhof der Namenlosen. Ein wie ich finde besonderer Ort. Schon letztes Jahr hat er mich berührt. Nachdenklich blicke ich auf die Gräber und das Denkmal, lese laut die Inschrift. Was ist es, dass den Menschen wieder und wieder dort hinaus zieht? Und dann gar zum Vergnügen? Sicher, moderne Technik hat die Seefahrt sicherer gemacht. Und doch… der Ruf der See, ich kann ihn hören, jeden Tag, zu jeder Stunde. Er ist es der mich lockt. Für mich ist sie es, die See selbst, die mich lieblich zu sich ruft, der ich nicht wiederstehen kann. Sie ist der Grund warum ich immer wieder hinaus fahre.

Wattwagen Kutschen Neuwerk

Einige Kutschen auf dem Weg nach Neuwerk

Langsam geht es zurück zu Bea Orca. Mittlerweile hat das Wasser Neuwerk erreicht, bald können wir ablegen.

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 25. und 26.05.2017.

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Sebastian

2 Comments

  1. Lag vorher ein größeres Boot am Steg hat es sich eine breitere Mulde gemacht und du kommst mit einem Kimmkiel in die vertiefte Mitte. Mit einem Peilstab um das Boot herum kann man die Mulde feststellen und mit etwas Abstand grade liegen bei Ebbe.

    • Keine Ahnung wer davor dort lag. Wobei es nicht wirklich eine Mulde war. Das Watt ist direkt am Anleger leicht abschüssig, da fällt man mit einem Kimmkieler einfach leicht schräg trocken. Im Nachhinein war es garnicht sooo dramatisch. Da sollte ich nicht weit entfernt noch anderes erleben. Ich mein – ich konnte hier noch an Bord schlafen. Auf den Polstern. Und nicht auf der Seitenwand des Rumpfes…
      Aber ja, so ein Peilstab ist was praktisches. Falle ich irgendwo einfach so trocken mache ich das prinzipiell. Aber hier am Steg… naja. Nächstes mal vielleicht auch hier…
      Viele Grüße,
      Sebastian

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