Nur so ein Gefühl?


Als ich um etwa halb eins Ablege sind schon sechzig Zentimeter Wasser unter den Kielen beim Anleger. Allerdings muss ich ja auch noch über das Wattenhoch – und das ist nochmal flacher…

Der Diesel schnurrt, schiebt uns gut vorwärts. Noch traue ich mich nicht die Segel zu setzen, das Wattenhoch… was wenn ich unter Segeln auflaufe?

Schon bald sinkt die Zahl auf dem Echolot. Gerade einmal zwanzig Zentimeter Wasser sind noch unter den Kielen. Zugegeben, es ist noch nicht Hochwasser. Trotzdem, ein Meter Wasser ist bei einem Tiefgang von achtzig Zentimeter für mich grenzwertig.

Unermüdlich schiebt uns der Diesel weiter vorwärts. Endlich, die Zahl auf dem Display steigt. Langsam, geradezu zögerlich, als wäre sie sich noch nicht ganz sicher. Doch es sind dreißig Zentimeter die ich mittlerweile unter den Kielen habe – Tendenz steigend. Bei fünfzig Zentimetern beschließe ich, das ich jetzt übers Wattenhoch bin, ziehe an den Schoten und rolle die Genua aus. Zeit endlich zu segeln!

Es geht weiter…

Soll ich vielleicht einfach nur unter Genua segeln? Segeln im Watt – das ist noch immer neu für mich, bisher habe ich im Watt fast ausschließlich den Diesel genutzt. Vielleicht sollte ich für den Anfang mich mit einem Segel begnügen?

Zunächst ziehe ich am Schalte und stoppe den Motor. Der Wind pustet, das will genutzt werden. Und damit es sich auch lohnt – es pustet gerade einmal mit zwei bis drei Windstärken – setze ich nun doch noch das Großsegel.

Als kurz darauf mein Handy vibriert freue ich mich sehr über meinen Entschluss. Nicht nur weil es sich sowieso schon richtig angefühlt hat. Nein: Ich habe gerade ein Foto bekommen. Von Bea Orca.

Unter Segeln!

Bea Orca unter segeln – und niemand im Cockpit…

Es ist das erste Foto meiner Großen unter Segeln. Solche sind nicht leicht zu bekommen, schließlich ist man ja für gewöhnlich an Bord wenn die Segel oben sind. Wer nicht gerade mit Drohnen hantiert dürfte Probleme haben ein solches Foto selbst zu machen. Doch jetzt habe ich eins – nein, gleich zwei! Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer.

Dann konzentriere ich mich wieder aufs Segeln. Noch bin ich in einem vergleichsweise schmalen Priel, wenn ich nicht wenigstens halbwegs aufpasse, segle ich hier schnell aufs hohe Watt. Erst wenn ich die Ostertill erreiche wird das Wasser für mich breiter.

Doch zunächst muss ich einem Plattbodenschiff Platz machen. Es ist eben jenes, das in der Vergangenen Nacht angekommen ist. Nun wird es mir doch etwas eng, ich starte kurz den Diesel, lasse ihn mitlaufen ohne Gas zu geben. Sollte es nötig werden will ich schnell reagieren können. Doch es ist nicht nötig, das Plattbodenschiff passiert mich mit geschätzt zehn bis fünfzehn Metern Abstand. Jetzt bin ich wieder alleine.

Nachdenklich betrachte ich die Pricken. Sie weisen mir den Weg. Ich habe beschlossen heute ohne Tablett, ohne GPS zu navigieren. Sollte es doch noch nötig werden – okay. Aber zumindest versuchen ohne will ich. Es ist mir wichtig gelegentlich ohne die Technik zu segeln, einfach um es zu üben. Die Technik kann ausfallen. Ich habe nur ein Tablett mit Navionics an Bord. Gut, auf meinem Laptop habe ich auch noch Seekarten. Doch ist das Laptop hier zum Navigieren ehr weniger geeignet. Der hohe Stromverbrauch ist da nur ein Punkt.

Da segelt sie, meine Große! 🙂

Sollte also das Tablett ausfallen hätte ich für GPS nur noch mein Smartphone mit einer App, die mir die aktuellen Koordinaten anzeigt.

Und wenn auch das ausfällt? Ich will einfach bei Bedarf auf Karte, Kompass und Fernglas zurückgreifen können. Zu wissen das ich notfalls auch das hinbekomme ist für mich ein beruhigendes Gefühl.

Zudem merke ich wieder einmal sehr schnell, das es doch irgendwie Spaß macht. Zwar kann ich nicht koppeln – die Logge spinnt mal wieder – doch auch so.

Wir haben das Neuwerker Wattfahrwasser hinter uns gelassen. Ab jetzt heißt es Segeln nach Bojen.

Die liegen hier recht weit voneinander entfernt und sind zudem nicht übermäßig Groß. Die nächste Boje muss ich suchen, die übernächste ist häufig nicht zu sehen.

Der Wind schiebt Bea Orca gemütlich durchs Wasser. Der Wind kommt von schräg hinten, wir segeln einen guten Raumschotskurs. Mein Ziel ist Dorum. Oder genauer: Ein Ankerplatz vor Dorum, den ich bereits vom vergangenen Jahr kenne.

Schließlich muss ich den Kurs leicht anpassen. Wir segeln jetzt direkt vor dem Wind. Schmetterling.

Muss das sein? Kann ich nicht auch einfach vor dem Wind kreuzen? Schmetterling verlangt immer so viel Aufmerksamkeit. Ich liebe es, dieses Gefühl vor dem Wind her zu segeln, sanft durch die Weiten der See geschoben zu werden. Und zu träumen.

Ein Plattbodenschiff achteraus

Doch letzteres geht ehr schlecht wenn man Einhand direkt vor dem Wind segelt. Jedenfalls wenn man per Hand steuert und zudem auch noch weder Bullenstander noch eine ausgebaumte Genua hat. Halte ich nicht kontrolliert den Kurs so fällt die Genua ein bis wir schließlich so weit angeluvt haben, das wir wieder Raumschots segeln.

Im besten Fall.

Weitaus kritischer wäre hier ganz klar die Patenthalse. Wenn statt der Genua das Groß auf die andere Seite mag. Und so beobachte ich es recht genau, stets bereit gegenzulenken wenn es anfällt einzufallen. Eine Patenthalse gilt es zu vermeiden.

Trotz Schmetterling genieße ich es unterwegs zu sein. Dabei bin ich zunehmend verwirrt. Das Segeln fühlt sich so anders an als ich es von letztem Jahr kenne. Von meinen Törns mit BEA rede ich da noch gar nicht. Etwas ist anders. Es ist nicht nur das Vertrauen in das Boot, die Tatsache das es nun mein Zuhause ist. Nein, da ist noch etwas anderes. Irgend etwas hat sich verändert. Nur was?

Ich untersuche meine eigenen Empfindungen, grüble darüber, versuche noch tiefer in mich hinein zu forschen. Doch so ganz… Irgend etwas ist anders. Etwas, das ich noch nicht so ganz erfassen kann.

Schließlich zucke ich mit den Schultern. Wenn ich soweit bin, wird sich mir die Wahrheit dahinter erschließen. Es fühlt sich jedenfalls gut an. Richtig an. Also sollte das schon passen.

Je weiter ich komme, desto schwächer wird der Wind. Auch die Tide läuft schon längst gegen uns, mein Zeitfenster um über das Wattenhoch vor Spieka-Neufeld zu kommen wird sich in absehbarer Zeit schließen. Ich sehe wie das Plattbodenschiff, das ich auf Neuwerk getroffen habe gerade darüber hinweg fährt. Doch wer weiß wie wenig Tiefgang die haben. Außerdem ist es für mich noch ein ganzes Stück bis ich da bin.

In  der Nähe der Tonne WE14 starte ich den Dieselmotor und lege den Gashebel nach vorne.

Bea Orca wird spürbar schneller. Doch der Wind reicht noch um die Segel in Position zu halten. Und da sie erfahrungsgemäß dann eben auch Fahrt bringen, lasse ich sie stehen. Motorsegeln. Schlechter als Segeln – aber definitiv besser als nur motoren.

Es hat aufgeklart

Nach einer Kursänderung sehe ich, dass das Plattbodenschiff vor mir gar geschnippelt hat. Letztes Jahr habe ich hier auch abgekürzt. Soll ich wieder?

Aber nein. Zwar sollt es rechnerisch noch klappen, es ist mir aber zu knapp. Und in Zone Eins hängen bleiben…. Nein. Der Umweg dem Fahrwasser entlang ist nicht übermäßig Groß, zudem sollte hier mein Zeitfenster größer sein. Selbst wenn ich es nach einer möglichen Grundberührung schaffen würde wieder frei zu kommen – oder aber davor abdrehen würde: Ich erinnere mich das letztes Jahr die höchste Stelle beim Schnippeln direkt vor dem Fahrwasser auf der anderen Seite des Hochs gewesen ist. Von da zurück und dann dem Fahrwasser folgen: Dann ist es bestimmt zu spät.

Und so motorsegle ich ganz gemütlich weiter.

Auf Neuwerk habe ich erfahren das hier eine Tonne fehlt. Was ich allerdings nicht wusste ist, das sich das ganze Fahrwasser verschoben hat. Doch dank zahlreicher Pricken ist dies kein Problem, alles was ich tun muss ist ihnen zu folgen.

Schließlich erreiche ich das Wattenhoch – wenn man es denn so nennen mag.

Der Anker ist gefallen.

Es ist winzig, um es zu überqueren brauchen wir keine drei Minuten. Und die Wassertiefe… selbst jetzt stehen hier noch 1,8 Meter Wasser. Und so zeigt mein Echolot nie weniger als ein Meter Wasser unter den Kielen an.

Schmunzelnd gratuliere ich mir zu der Entscheidung die Segel stehen zu lassen. Wobei mich die Wassertiefe dann doch irritiert. Ich hatte mit so einigem gerechnet. Aber ganz gewiss nicht mit so tiefem Wasser. Das ganze als Wattenhoch zu bezeichnen kommt mir beinahe schon fragwürdig vor. Wirklich hoch war das ja nicht… doch man will sich ja nicht beschweren.

Schließlich nähere ich mich meinem Ankerplatz. Ich biege in Richtung Dorum ab und starte das Tablett. Bei der Ansteuerung des Ankerplatzes mag ich es dann doch mitlaufen lassen. Zwar überprüfe ich die Wassertiefe mit dem Echolot, mag aber doch sehen das ich tatsächlich da ankere wo ich es geplant habe. Zudem brauche ich es für meinen Ankeralarm.

Ich genieße die Aussicht vor Anker…

Schließlich fällt der Anker. Bei Hochwasser sollten hier fünf Meter Wasser stehen. Trockenfallen ist nicht geplant.

Eigentlich erscheint es mir ein recht guter Ankerplatz zu sein. Nur nach Süden ist er nur bedingt geschützt. Doch das soll mich nicht stören. Einerseits kommt der Wind nicht aus Süden, andererseits ist er jetzt schon schwach. Und soll in den nächsten Stunden komplett abflauen.

Der Anker hält, Ankeralarm ist eingeschaltet und die Leinen klarriert. Zeit für ein sehr spätes Mittagsessen. Ach was – eigentlich ist es schon das Abendessen. Süßkartoffeln, Zucchini, Zwiebeln und Möhren landen im Omnia, etwas Öl und dann Mediterran würzen. Backen bis das Gemüse die gewünschte Konsistenz hat (weich, aber nicht läbbrig), dann genießen. Einfach, aber doch lecker. Und geschmacklich passend zu der Atmosphäre die mich hier umgibt.

Dorum, von meinem Ankerplatz aus gut zu erkennen.

Während des kochens und essens lese ich nochmal einige Stellen in den Revierführern, studiere die Seekarte. Morgen habe ich einiges geplant, doch bisher war es nur eine Grobe Richtung. Jetzt geht es um die Details – sowie um die BackUp-Pläne.

Mit dem Wind sind auch die Wolken verschwunden. Über mir ist strahlender Himmel Sonnenschein.

Entspannt sitze ich im Cockpit, beobachte die Umgebung.

Mache ein paar Fotos.

Da!

Hach. Der erste Seehund der mir vor die Kamera schwimmt.

Plötzliche erblicke ich kleinen Seehund, vielleicht dreißig Meter von Bea Orca entfernt. Eilig greife ich zur Kamera, ich hatte sie eben weggepackt. Doch schon ist der Seehund wieder abgetaucht.

Ich warte.

Und tatsächlich: Schon bald taucht er noch einmal kurz auf, etwas weiter weg.

Klick, Klick, Klick.

Ich mache ein paar Bilder. Dann verschwindet die Kamera wieder, das muss reichen. Ich beobachte den Seehund bis er nach wenigen Minuten verschwindet.

Mit dem ablaufenden Wasser tauchen die Bänke aus dem Watt mehr und mehr auf…

Lange vor Sonnenuntergang verhole ich mich in die Koje. Heute wird er gewiss traumhaft sein. Der Sonnenuntergang. So gerne hätte ich ihn mir angesehen. Doch der Wecker ist gestellt, spätestens um vier Uhr in der Früh werde ich aufstehen müssen. Mein Wetterfenster ist nicht übermäßig Groß, das muss genutzt werden.

Ich hatte erwartet mich einige Stunden umher zu welzen, unfähig einzuschlafen. Doch obwohl erst kurz nach Acht ist schließe ich, kaum liege ich in meiner Koje, die Augen und schlafe ein.

 

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 26.05.2017.

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Sebastian

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