Raus auf offenes Wasser

Um viertel vor vier wache ich von selbst auf. Eine viertel Stunde vor dem Wecker. Und ich bin fit!

Es dauert keine Minute bis der Kessel mit dem Wasser auf dem Kocher steht. Mein Breifrühstück wird mit Brei, Äpfeln, Samen und Gewürzen zubreitet. Paralel dazu setze ich einen Tee auf. Während dieser zieht löffle ich mein Frühstück und stelle Snacks für unterwegs bereit. Apfelmark und Äpfel. Das sollte reichen, zusammen mit Kaltem und warmen Wasser zum trinken.

Dann greife ich zur Sonnencreme und creme mich gründlich ein. Ich werde lange auf See sein – und es ist Sonne gemeldet. Einen Sonnenbrand gilt es zu vermeiden.

Sonnenaufgang Nordsee

Endlich, die Sonne geht auf…

Um vier Uhr fünfzehn starte ich den Diesel, gehe aufs Vorschiff und hebe den Anker. Nicht das kleinste Lüftchen regt sich, bleierne Flaute hängt über dem Wattenmeer, während Bea Orca sich langsam in Bewegung setzt.

Die erste Tonne ist befeuert. Ob ich sie sonst wohl hätte finden können? Es ist noch knapp eine Stunde bis Sonnenaufgang. Doch bereits jetzt ist es am dämmern. Noch ist es recht düster, nur wenig Licht hilft mir. Ich bin froh ein Tablett zu haben, es erleichtert die Navigation ungemein. Zwar kann ich, noch bevor ich die erste Tonne erreicht habe die Zweite ausfinden machen. Dies gelingt mir aber erst, nachdem ich mit dem Kompass den Kurs abgesteckt habe und weiß, wo sie liegen muss.

Leise brummend schiebt und der Dieselmotor durch das ruhige Wasser. Das ich nicht segeln kann ist zu verkraften. Würde ich es gerne? Und ob! Segeln ist großartig!

Aber wichtiger noch als zu segeln ist mir auf dem Wasser zu sein. In der Natur zu sein. Unterwegs zu sein. Die Sandbänke, die sich mehr und mehr aus dem Wasser links und rechts von mir empor recken beherbergen einige wenige, ruhige Vögel. Ansonsten bin ich alleine. Eine Atmosphäre von Ruhe und Frieden liegt über dem Wattenmeer. Ein Unglaublicher Ort.

Sonnenaufgang Wattenmeer

Langsam schiebt sie sich über den Horizont

Ein Schmunzeln huscht über meine Lippen. Von außen betrachtet ist das, was ich hier tue schrecklich monoton. Langweilig.

Da hocke ich, die Pinne in der Hand – und fahre einfach nur geradeaus. Und doch: Die Schönheit die mich hier umgibt, ich könnte Stunden, Tage, nein Wochen damit verbringen sie zu genießen. Hier sitzen, raus aufs Wasser schauen. Träumen. Entspannen. Genießen. Kann es einen Ort an Land geben der so schön, so majestätisch, so ruhig und so entspannend ist? Und zugleich einen solch intensiven Geschmack von Freiheit und Abenteuer hat?

Ich vermag es mir nicht vorzustellen.

Obgleich ich entspannt bin,  so bin ich doch auch konzentriert. Motor und Tide zusammen leisten ganze Arbeit, mit sechs, teils sogar über sieben Knoten huscht Bea Orca über den Grund. Bei einer Rumpfgeschwindigkeit von 5 Knoten erstaunlich. Hinzu kommt, das ich den Motor nicht überstrapaziere. Normalerweise schaffe ich mit dem aktuellen Gas nur um die vier Knoten, bei Wind auf die Schnauze gar weniger. Doch heute morgen… Es läuft einfach sehr gut. Ich bin jetzt schon weiter als erwartet. Wenn das so bleibt geht mein Zeitplan mehr als auf. Dann wäre ich am Ende fast schon zu schnell.

Unter anderen Umständen würde ich nun möglicherweiße die Segel setzen. Doch was würde dies bringen? Ohne Wind kann ich nicht segeln. Und mich einfach treiben lassen, das kann ich auch später.

Boot Wattenmeer

In den Frühen Morgenstunden geht es über flaches Wasser raus aufs Meer…

Bald wird die Sonne den neuen Tag einläuten. Schon jetzt tfärbt sie den Horizont in einem kräftigen orange-rot, kündigt ihr baldiges erwachen an.

Der Himmel über mir ist noch dunkelblau, doch wird er mit jeder Minute etwas heller. Nicht das kleinste Wölkchen ist zu sehen.

Ich bin gerade auf Höhe des Hohenn Knechtsandes, als die Sonne ihre Antlitz langsam über den Horizont schiebt. Eine große, Helle Scheibe, die langsam gen Himmel strebt. Ergriffen blicke ich zu diesem traumhaft schönen Ereignis.

Fast schon gewaltsam muss ich mich ans Navigieren erinnern. Die Tonnen wollen ausgefahren werden, noch bin ich im Wattenmeer, hier gibt es mehr Untiefen als Tiefen.

Schließlich ist es so weit. Von der Robinsbalje geht es in die Tegeler Rinne. Während des Wechsels über eine vergleichsweise flache Stelle lässt der Ebbstrom deutlich nach. Trotzdem machen wir noch gute fünf Knoten über den Grund. Ich bin zufrieden. Fünf Knoten – das würde auch noch reichen um mein Ziel zu erreichen.

Doch kaum wird das Wasser wieder tiefer, hat Bea Orca die Tegeler Rinne erreicht, beschleunigen wir erneut. Mit der Tide von hinten geht es erneut mit sieben Knoten gen Nordnordwest.

Sonnenaufgang Wattenmeer

Von Sonnenaufgängen…

Ein großer Windpark verhindert den direkten Kurs anzulegen. Ich will nach Ostfriesland, plane über die Mittelrinne in die Jade und dann Minsener Oog rein zu segeln. Doch es stört mich nicht weiter. Ich wusste dies bereits im Voraus, habe mich dem kleinen Umweg gerechnet. Und zudem komme ich überraschend gut vorwärts. Da ist so ein kleiner Umweg doch kein Problem.

Es ist gerade halb sieben als ich endlich das Nördliche Ende des Windparks erreicht habe und endlich Kurs West anlegen kann. Zwar beginnt der Wind langsam aufzufrischen, noch ist er aber schwach. Zu schwach, er würde nichtmals reichen um die Segel zu füllen, sie würden nur nutzlos herab hängen. Und darauf kann ich gut verzichten…

Doch für eines sind die Bedingungen ideal: Logbuch schreiben. Es ist das aller erste mal, das ich mich traue dies bereits unterwegs zu tun. Meine Gedanken und Gefühle niederschreiben so wie sie mir kommen, nicht er spät am Abend, gar am nächsten Tag, wenn bereits so vieles verblasst ist.

Sonnenaufgang Watt

…kann ich nicht genug bekommen

Nördlich von mir sind zwei Leuchttürme.  Es sind die Leuchttürme Roter Sand und Alte Weser. Am Leuchtturm Roter Sand bin ich auf meinem aller ersten Seeschlag vor weniger als einem Jahr vorbei gesegelt. Vieles hat sich geändert. Zugegeben: Wind und See sind heute komplett anders. Waren sie letztes Jahr bei kräftigem Wind gegen Strom rau, so sind sie heute milde, ruhig. Und doch, auch ich habe mich geändert. Fünfhundert Seemeilen sind es, die ich seit dem gesegelt bin. Wohl für viele Segler nicht viel. Und doch: Von Null auf Fünfhundert, einhand, auf der Nordsee. Ich spüre, dies ist ein deutlicher Unterschied. Ich habe noch viel zu lernen, werde wohl nie fertig damit werden. Und doch, der Unterschied, nicht nur Wissens-, sondern vor allem Gefühlsmäßig ist beachtlich.

Voraus liegt das Fahrwasser der Außenweser.

Entspannt halte ich darauf zu. Noch habe ich viel Zeit. Vor dem Kreuzen des Fahrwassers werde ich sehen müssen, was der Platz sagt.

Das Blau und die Weite die mich umgeben drohen mich zu überwältigen. Es ist so umwerfend hier draußen. So wunderschön. Ich spüre mit jeder Faser meines Seins: Hier gehöre ich hin. Hier will, nein, hier MUSS ich sein. Würde man mich von der Magie dieses Ortes fern halten, man würde mir wohl einen Teil meiner Selbst heraus schneiden. Obgleich ich ganz ruhig im Cockpit sitze spüre ich ein Beben in mir. Ein Gefühl. Es ist eben jenes Gefühl, jenes Wissens das ich bereits gestern hatte. Doch: Was ist es? Wieder tauche ich in mich ein, versuche ihm auf den Grund zu gehen. Betrachte es – betrachte mich – von allen Seiten. Denke nach, rätsle. Und gebe auf.

Morgen Wattenmeer Seehund

Sogar ein Seehund regt sich auf einer Sandbank

Es ist noch nicht so weit. Aber es fühlt sich gut an. Aufregend und zugleich beruhigend. Einfach richtig.

Schließlich habe ich das Fahrwasser erreicht. Vor Bea Orca’s Bug schiebt sich ein gigantisches Containerschiff raus auf die Nordssee, doch sie sind bereits fast vorbei. Und da ich das Fahrwasser beobachtet habe weiß ich: Der Weg ist frei, ich kann ohne zu warten das Fahrwasser Kreuzen. Und so passe ich meinen Kurs an – ein Fahrwasser will auf dem kürzesten Wege gekreuzt werden – und fahre ins Fahrwasser.

Während der Diesel Bea Orca fleisig schiebt streift eine Sanfte Briese meinen Nacken. Und dann noch eine, etwas stärkere. Längere.

Es dauert nicht lange, und ein zwar noch sanfter, aber doch deutlicher Wind steht. Sicher zwei bis drei Windstärken. Und da ich noch deutlich vor meinem Zeitplan bin bedeutet dies: Segeln!

Mitten im Fahrwasser rolle ich die Genua aus und ziehe das Großsegel hoch. Dann wird der Diesel gestoppt.

Windpark Windräder Nordsee Außenweser

Windpark auf der Außenweser

War ich unter Motor und ohne Segel ins Fahrwasser eingelaufen, so verlasse ich es unter segeln – und ohne Motorunterstützung.

Bei einem Blick nach vorne fällt mir auf, warum das Groß sehr seltsam steht. Eine Leine hängt verkehrt. Schnell bin ich in die Sicherungsleine am Vorschiff eingehakt, stehe am Mast und richte das ganze. Der Ausgleich des Körpers zu den Bewegungen des Bootes in den langsam größer werdenden Wellen geschieht ganz von selbst.

 

Kurz darauf sitze ich wieder, wie immer auch hier angeleint, im Cockpit. Stetig geht es die Außenweser weiter hinaus. Oder ist das hier schon die Nordsee? Wo genau zieht man die Grenze?

Egal. Zügig nähern wir uns der Mittelrinne. Ein Grinsen huscht über mein Gesicht. Ich bin früh dran. Fast schon zu früh. Wenn das so weiter geht, dann habe ich in der Mittelrinne die Tide gegenan. Das war eigentlich anders geplant. Aber was soll’s. Lieber zu früh als zu spät.

Mit vollen Zügen genieße ich den Schlag über offenes Wasser. Nach über einer Stunde in der ich kein Land mehr gesehen habe erscheint nun, noch nur schemenhaft, am Horizont Minsener Oog.

Leutturm Roter Sand

Leuchtturm Roter Sand

„Land in Sicht“, denke ich mir schmunzelnd. Und zugleich, ich bin selbst ein wenig überrascht: Traurig. Was ist nur los mit mir? Da sehe ich mein Ziel, habe es im wahrsten Sinne des Wortes vor meinen Augen. Und ein Hauch von Trauer huscht durch meinen Kopf. Was soll das bitte? Ich will nach Ostfriesland, will ins Watt. Der lange Schlag dort hin: Mittel zum Zweck. Warum also bin ich traurig?

Gegen halb acht nähern wir uns der Mittelrinne. Etwas mehr als drei Stunden sind wir erst unterwegs. Ich habe also noch Zeit. Will ich die wirklich nutzen um gegen die Tide die Mittelrinne hoch zu fahren? Und dann auf Höhe Minsener Oog zu ankern, auf Wasser zu warten? Ich käme wohl um Niedrigwasser herum dort an.

Doch… weitersegeln? Hierauf bin ich nicht vorbereitet. Auf die Idee, das ich weiter komme als geplant war ich schlicht nicht gekommen. Bremerhaven, Federwardersiel… das waren meine Alternativpläne für den Fall, das ich es nicht bis zur Mittelrinne Schaffe. Und dann: Die Häfen von Hooksiel, Horumersiel, ein Ankerplatz bei Minsener Oog sowie Wangerooge Ost. Ja, das hatte ich im Kopf. Doch sonst?

Leuchtturm Alte Weser

Leuchtturm Alte Weser

Ich überlege. Hm. Ich könnte natürlich auch statt über die Mittelrinne außen herum in die Jade und dann zurück bis Minsener Oog. Das bedeutet zwar ein Stück kreuzen – doch bei dem aktuellen Wind sollte die See nicht übermäßig ungemütlich sein und Bea Orca eine akzeptable Lage schieben. Aber… nein. Oder doch?

Ich mag eigentlich nicht kreuzen… Irgendwie halte ich es dann doch ehr mit dem Motto „Gentleman segeln nicht gegen den Wind“.

Gleich ist die Ansteuerungstonne der Mittelrinne vor mir. Was soll ich tun? Ich muss mich entscheiden. Jetzt.

Nachdenklich kaue ich auf meiner Lippe. Werfe nochmal einen Blick auf die Seekarte. Und treffe eine Entscheidung.

Ob es die Richtige ist?

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Sebastian

8 Comments

  1. Nun brauchst du nächstens nur noch den Anker lichten oder einholen und alles ist perfect. Hat mit gefallen.

  2. Wieder ein sehr interessanter Bericht Hat mir wieder sehr gefallen so wie dein Buch was ich mir heute aufs Tablett gezogen haben. Sehr interessant. – Danke Freue mich auf kommende Berichte

  3. Der Bericht ist so wundervoll geschildert, das ich mir den Sonnenaufgang auf dem Wasser direkt vorstellen konnte. Vielen Dank dafür.

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