Der Wunsch nach Meer

Statt nach Süden in die Mittelrinne steuere ich Stur weiter nach Nordnordwest, die Weser hinaus. Ich habe mich für einen anderen Weg in die Jade rein entschieden. Es ist ein ehr ungewöhnlicher. Doch ich habe die Zeit dafür. Und die Bedingungen, faktisch keine Welle, erlauben es Außnahmsweise. Ich will über die Jadeplatte in die Jade segeln.

Hauptgrund für die Entscheidung ist die Kombination aus mehreren Dingen. Wäre ich in die Mittelrinne eingebogen, ich hätte gegen den Strom gemusst. Nicht wirklich verlockend. Und am Hände hätte ich bei Niedrigwasser vor Minsener Oog gewartet. Keine verlockende Option. Besonders da die Konditionen zum Segeln gerade so herrlich sind. Traumhafter Wind von Hinten, keine Welle, Sonne, warm… dies nicht zu nutzen wäre reinste Verschwendung. Nun könnte ich natürlich auch komplett außen herum in die Jade – eine Option die ich mir, sollte das Echolot auf der Platte irgend eine Untiefe die auch nur im Ansatze flacher war als auf der Karte anzeigen oder sollte dort eine Welle stehen weiterhin offen behielt. Doch würde dies bedeuten gegen den Ostwind zurück zu kreuzen. Und ob ich das wirklich wollte? Nein, der Weg über die Jadeplatte erschien mir der beste. An der flachsten Stelle sollte ich einen Tiefgang von fünf Metern haben, macht noch immer vier Meter unter den Kielen. Und das nahe Niedrigwasser und keiner Welle. Mir wollte kein Grund einfallen der dagegen sprach.

Mit etwa vier Windstärken von achtern schoss Bea Orca durch das Wasser. Viel zu schnell hatte ich die ernsthaften Untiefen hinter mir, im Süden lag bereits die Jadeplatte. Sollte ich doch außen herum? Aber nein, es stand keinerlei Welle. Und sollte es irgendwo flacher sein als vier Meter unter den Kielen würde ich sofort umdrehen.

Segeln querab Wangeroog

Wangeroog voraus

Das Groß wurde dicht geholt, die Pinne zu mir gezogen. Um über die Platte zu seglen musste ich zunächst halsen. Dann hielten wir auf die Untiefe zu. Mein Blick wanderte zwischen Echolot, Tablett und Wasser. Jede Schwankung der Wassertiefen wurde genau beobachtet, der Kurs über Grund streng gehalten. Und immer wieder sah ich in jede Richtung, konzentriert Ausschau haltend nach verräterischen Wellen im Fall einer Untiefe. Doch da war nichts. Zügig schnitt sich Bea Orca durch das Wasser, hielt zielstrebig auf Wangerooge zu. Auf Backbordburg konnte ich eine Segelyacht sehen die vor dem Seegatt zwischen Wangerooge und Minsener Oog ankerte.

Schon wurde das Wasser zügig wieder Tiefer, ich hatte nur wenige Minuten gebraucht um über die Platte zu kommen. Und hatte nicht einmal eine Wassertiefe von weniger als fünf Metern.

Während ich stur weiter nach Süden auf Wangerooge zuhalte beginnt mein Kopf zu arbeiten. Eigentlich muss ich mich jetzt entscheiden. Will ich zwischen Minsener Oog und dem Festland ins Wattenmeer einlaufen oder durch die Blaue Balje zwischen Minsener Oog und Wangeroog. Doch ich spüre deutlich, das Wasser der Jade läuft noch immer ab. In beiden Fällen würde dies bedeuten einige Zeit vor Anker auf das Wasser zu warten. Und im Fall zwischen Festland und Minsener Oog gar einige Zeit gegen den Strom zu segeln.

Plötzlich ist Ostfriesland zum greifen nahe

Am gewichtigsten erschien mir aber das Argument des Vergnügens. Wollte ich schon in Kürze den Anker werfen um auf Wasser zu warten? Und das bei diesen traumhaften, geradezu idealen Bedingungen? Es erschien mir eine Schande. Nein, ich wollte segeln. Wollte noch ein wenig länger das blaue Wasser unter Bea Orca’s Bug vorbeirauschen sehen, beobachten wie sie sich sauber durch das Wasser schnitt. Die sanften Bewegungen in den langsam größer werdenden Wellen genießen. Die weite der See in mich aufnehmen, ganz tief in mir einschließen um sie für immer dort zu behalten. Ich spürte geradezu das ich nicht nur weiter konnte, ich musste es sogar.

Eilig schnappte ich mir den Revierführer. Hierauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Notfalls würde ich jetzt die Jade weiter hinaus segeln und nachher mit auflaufendem Wasser wieder zurück kreuzen. Das wäre es mir wert länger zu segeln, auch wenn „Gentalmen segeln nicht gegen den Wind“ mein Leitspruch sein könnte. Lieber wäre es mir aber weiter vor dem Wind Strecke nach Osten gut zu machen. Vielleicht könnte ich ja auch zwischen Wangeroog und Spiekeroog durchs Seegatt einlaufen? Ich wusste das es hier irgendwo in Ostfriesland ein Seegatt gab das man unbedingt meiden sollte. Doch welches es war… ich glaubte mich an Norderney zu erinnern, war mir aber nicht ganz sicher. Und das musste ich sein.

Segelboot Blau Meer Segelyacht

Nach Stunden: Ein anderes Segelboot garnicht so weit weg

Schnell war die passende Seite gefunden und ich las mir die Beschreibung des Seegatts durch. Zeitgleich studierte ich noch die Papier- und die Elektrische Seekarte. Alles drei, Revierführer, Papier und Elektrik passen wunderbar zusammen mit den Informationen die ich daraus erhielt. Ich würde wohl guten gewissens durch das Seegatt zwischen Wangeroog und Spiekeroog einlaufen können. Doch erstmal musste ich da hin.

Mittlerweile habe ich das Fahrwasser der Jade erreicht. Und habe Glück, die nächsten Pötte sind weit, weit weg, ich kann ohne zu warten das Fahrwasser kreuzen. Dafür segle ich Stur Kompasskurs Süd, für mich ganz klar die schnellste Möglichkeit auf die andere Seite des Fahrwassers zu kommen.

Ab jetzt heißt es: Vor dem Wind kreuzen. Ich habe keinen Lust auf Schmetterling. Irgendwann muss ich mir eine gute Möglichkeit überlegen wie ich das Ganze etwas bequemer hinbekommen kann. Vielleicht die Genua ausbaumen und einen Bullenstander? Doch das würde bedeuten dafür aufs Vorschiff zu müssen. Und die Manövrierbarkeit einschränken. Sowohl ein Bullenstander als auch eine ausgebaumte Genua sind ja erstmal fest. Klar, ist ja Sinn der Sache. Wenn ich dann aber mal schnell anluven muss, was mache ich dann? Eilig aufs Vorschiff laufen, alles loswerfen? Gerade beim Bullenstander stelle ich mir dies kritisch vor. Wie sollte ich verhindern das Bea Orca dann eine Patenthalte fährt? Selbst wenn ich den Pinnenpilot rein werfen würde…

Der Lange Sandstrand von Wangeroog wandert langsam an uns vorbei

Nein, so denke ich mir. Wenn dann müsste ich zumindest die Befestigung des Baumes vom Cockpit aus lösen können. Eine Alternative wäre da schon fast ehr die klassiche Passatbesegelung. Ich könnte ja prinzipiell noch eine Stagreiterfock an das zweite Vorfall setzen. Da ist sogar eine Rollvorrichtung vorbereitet. Allerdings bin ich mir nicht sicher ob das dann nicht etwas viel Tuch da vorne wäre… Aber Wenn, dann wäre das vielleicht tatsächlich eine Option für längere Vorwindschläge. Irgendwann will ich das mal ausprobieren. Nur wann? Nun, vermutlich erst wenn ich eine Windsteueranlage habe. Denn solange ich von Hand steuere bleibt mein Grundproblem mit dem Schmetterling bestehen: Man muss die ganze Zeit aufpassen das man nicht für einen einzigen Moment zu sehr abfällt, ständig jede noch so winzige Böe aussteuern nur um eine Patenthalse zu vermeiden. Der Pinnenpilot wäre da keine große Hilfe, er steuert nach Kompass. Viel mehr würde ich mich garnicht trauen ihn auf einem Vorwindkurs zu setzen. Was wenn eine Böe einfällt? Der Pinnenpilot würde das nicht ausgleichen sondern Stur weiter den Kompasskurs fahren. Praktisch schon eine Einladung für eine Patenthalse.

So bleiben mir im Augenblick nur zwei Möglichkeiten. Ich könnte Schmetterling aus der Hand segeln, ständig beide Segel im Auge behalten und immer wenn eines droht einzufallen sofort gegensteuern.

Segel Boot Leisure 22 Vollzeug

Unter Vollzeug nach Osten

Oder: Ich kreuze einfach vor dem Wind. Für mich die angenehmere Lösung, besonders da ich den nötigen Seeraum habe. Mit einem Kurs der geringfügig auf die Insel zu geht segle ich raumschots den Sandstrand von Wangerooge entlang. Ich spüre das der Ebbstrom nachlässt, vermutlich werde ich die letzten Meilen bis zum Seegatt gegen den Strom ankämpfen. Doch hier draußen sollte er nicht übermäßig stark sein, das ist schon ganz klar offene See, kaum noch Fluss. Zumindest hoffe ich dies.

Trotz der traumhafen Bedingungen ist nichts los, abgesehen von dem Segler vor Anker und einem in noch größerer Ferne, Kaum auszumachenden weiter nördlich bin ich alleine. Und das an einem langen Wochenende? Nun, ich kann nur vermuten das die Segler im Revier schon alle hinter den Inseln sind. Wäre ich ja auch, hätte mich nicht der Nordwestwind bis gestern vom langen Schlag nach Ostfriesland abgehalten.

Immer wenn ich mich der Zehn Meter Linie nähere ändere ich meinen Kurs, halte wieder auf das Jadefahrwasser zu. So will ich verhindern zu nah an den Sandstrand zu geraten.

Am Sandstrand sind Bagger und Tieflader unterwegs, er wird offensichtlich gerade für die Saison vorbereitet. Dies kenne ich allerdings bereits vom letzten Jahr aus Cuxhaven und so vermag dieses Spektakel nicht meine Aufmerksamkeit zu binden. Viel lieber sehe ich raus auf See, träume. Schreibe Logbuch. Die Stimmung ist einfach zu schön, es macht zu viel Spaß.

Zitat Logbuch: „Genieße es unglaublich! (…) So könnte ich immer weiter segeln.“

Wangeroog Strand von See

Der Strand: Immmer querab

Mittlerweile ist die Tide gekentert. Und da ich westwärts segle nimmt der Flutstrom recht zügig zu. Es dauert vielleicht eine Stunde, da schafft Bea Orca nur noch etwa zwei Knoten über Grund. Doch es reicht, die Ansteuerung des Seegatts kann ich schon gut sehen. Tatsächlich habe ich beschlossen wieder etwas mehr Abstand zwischen mich und die Insel zu bringen um nicht am Ende noch von der Seite aufs Gatt zu segeln!
Das Boot, das ich schon vor einer Zeit achtern gesehen habe ist mittlerweile deutlich näher gekommen, ein weiteres ist vor mir. Es scheint als würden beide ebenfalls durch das Seegatt wollen. Und zudem kommen auch noch Boote aus dem Seegatt hinaus. Nachdem ich nun seit Stunden auf kein anderes Boot mehr achten musste heißt es jetzt wieder andere Segler im Auge behalten und ans Wegerecht denken.

Keine Seemeile vor dem Seegatt scheint Bea Orca fast zu stehen. Wir bewegen uns nurnoch mit knapp über einem Knoten über Grund vorwärts. Ich spüre wie das Wasser durch das Gatt ins Watt strömt. Ich komme nicht umhin mich über mich selbst zu ärgern. Ich hätte früher Seeraum gutmachen sollen, vor Wangerooge wäre dies kein Problem gewesen. Doch hier, zwischen den Inseln, da bedeutet dies bei auflaufend Wasser gegen einen starken Strom zu segeln. Aber immerhin: Zu segeln. Nicht zu dieseln. Und auch wenn es streckenmäßig ein Ärgernis ist, so macht es letztlich doch Spaß. Kurz vor der äußersten Ansteuerungstonne zieht noch ein Segler an mir vorbei. Der zweite segelt noch leicht hinter mir. Ob er mich noch vor der Ansteuerungstonne überholen wird? Ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls wird es knapp, viel Raum zwischen uns wird er nicht lassen. Doch auf keinen Fall bin ich bereit Platz zu machen. Nicht nur, das dies seine Aufgabe als Überholender wäre. Nein, ich traue mich auch nicht. Wo sollte ich denn hin? Im Süden liegt das Seegatt, wenn ich dorthin ausweiche schnipple ich an der ersten Tonne vorbei. Und auch wenn Seekarte und Wellen dies als nicht übermäßig schlimm vermuten lassen: Ich habe gewaltigen Respekt vor dem Gatt, hier zu schnippeln kommt nicht in Frage. Und nach Norden? Nun, damit würde ich ihm ja gar vor den Bug segeln. Nein, die einzige Möglichkeit ist es meiner Pflicht als Kurshalter nachzukommen, Kurs zu halten. Und zu hoffen das der andere Segler weiß was er tut.

Dann erreiche ich die Ansteuerungstonne, lege hart Ruder. Und segle mit einem plötzlich gewaltigem Tempo ins Seegatt.

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Sebastian

4 Kommentare

  1. Mellum Plate ist auch bei wenig Schwell gefährlich, Seegat westlich Baltrum ist nur bei genauer Ortskenntnis befahrbar manchmal liegen drei große rote Fender für die Fahrt zu den Seehundsbänken. Im Hafen kann man erfahren wie die zu passieren sind. Mach weiter so erfreulich

    • Jep, das Seegatt zwischen Baltrum und Norderney ist echt übel. Ich bin Binnen vorbei und habe es auch bei NW gesehen. Da fahre ich durch. Egal wie gut oder schlecht das Wetter ist: Nein, nein, nein. Selbst wenn da Tonnen lägen: Das Gatt ist für mich als nicht Ortskundiger absolut unmöglich.
      Was die Platte betrifft: Rückwirkend war die Entscheidung absolut unnötig. Ich bin ja doch weiter nach Westen gelaufen – da hätte ich auch einfach außen herum gekonnt. Nun gut, war da noch nicht so geplant. Allerdings war es nicht die Mellum Plate. Ich war bedeutend weiter im Norden, gesegelt sind wir über die, ich hab extra nochmal nachgesehen, Wangerooger Plate.
      Viele Grüße,
      Sebastian

  2. Wunderschön zu lesen….ach,beneidenswert Dein Schritt,eine Zeit lang so zu leben. Wünsche Dir dabei alles Gute!

    • Eine Zeitlang? Ich plane aktuell nicht wieder an Land zu ziehen. Allerdings habe ich an Land noch einen normalen Job – irgendwie muss ich ja meine Rechnungen bezahlen. Aktuell schreibe ich hier über meinen Zurückliegenden Urlaubstörn. Ich war ab Ende Mai Dreieinhalb Wochen am Stück unterwegs. Aktuell nur an Wochenenden – so das Wetter mitspielt.
      Viele Grüße,
      Sebastian

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