Eine überraschende Wendung


Wie bei einem Pferd das die Fersen seines Reiters spürt rast Bea Orca los. Ich kann regelrecht die Kraft spüren die uns vorwärts treibt. Es sind gleich zwei Kräfte die hier wirken – glücklicherweise beide von hinten. Die Tide schiebt kraftvoll, spült Bea Orca regelrecht in Richtung Wattenmeer. Kein Wunder, all das Wasser das ins Wattenmeer will muss durch die Seegatten, diese winzigen Öffnungen zwischen den Inseln. So ganz kann ich die Wassermassen die hier hindurch fließen selbst noch nicht begreifen. Es ist einfach unglaublich viel Wasser das durch diesen schmalen Spalt gepresst wird. Und oben auf diesem Wasser sitzt Bea Orca, wird gnadenlos mitgerissen. Jetzt wo ich diese Kraft von hinten spüre wundert es mich,  das ich eben noch in die Entgegengesetzte Richtung habe segeln können. Und zugleich ist es unglaublich beruhigend zu wissen.

Die andere Kraft ist der Wind. Auch er pustet kräftig ins Gatt, sorgt für zügige Fahrt durchs Wasser. Bea Orcas Bug pflügt durch die Fluten, schiebt das Wasser erbarmungslos zur Seite. Auch ohne einen Blick auf die Logge zu werfen weiß ich: Rumpfgeschwindigkeit. Schneller als jetzt gerade wird Bea Orca nicht.

Meer Strand Sand

Langsam wird das Wasser wieder ruhiger…

Die See im Gatt ist nicht hoch, aber ausgesprochen chaotisch. Es scheint als würden die Wellen selbst nicht wissen wo sie hin wollen. Sie laufen in jede Richtung, treffen immer wieder auf andere, knallen unter spritzendem Wasser aufeinander. So ist es nicht verwunderlich, das die Wellen zwar nicht hoch, dafür aber relativ steil sind.

Der Wind legt Bea Orca auf die Seite, sie schiebt konstante 15 Grad Lage. Viele Möglichkeiten dies zu ändern habe ich nicht. Ich könnte natürlich die Segel fieren, doch ständen sie dann im Wind, würden flattern. Das wäre einerseits schlecht für die neuen Segel, andererseits müsste ich dann den Diesel starten um zwar aufrecht, aber nicht mehr segelnd ins Watt zu kommen. Und wofür? Fünfzehn Grad, es ist nicht lange, da wäre mir dies zu viel gewesen. Doch irgendwie spüre ich: Das ist absolut okay. Bei mehr Wind müsste ich bald reffen, doch noch steht die richtige Menge an Segel. Und so laufen wir weiter unter Vollzeug durchs Seegatt.

Konzentriert erspähe ich eine Fahrwassertonne nach der Anderen. Das Tablett und die Papierseekarte liegen zwar griffbereit, sind für mich hier aber recht nutzlos. Sie waren gut für die Vorbereitung, doch jetzt wo ich hier bin bleibt mir kaum etwas anderes übrig als nach den Seezeichen zu segeln. Zur Kontrolle dienen die Wellen, man kann deutlich erkennen wo sie sich ganz in der Nähe auf den flachen Sandbänken brechen. Ein teuflisches Stück Meer. Ein relativ schmales Fahrwasser, ich schätze es auf fünfzig, höchstens hundert Meter breite, links und rechts davon tosende Sandbänke. Dann das Fahrwasser, nicht übermäßig Tief. Um es nicht zu einfach zu machen, ein sich ständig änderndes Revier. Und, es soll ja nicht langweilig sein, starker Wind und Strom, so das man mit rassanter Fahrt hindurch schießt.

Zeit mir Sorgen zu machen habe ich glücklicherweise nicht.

Wattenmeer Ostfriesland

Ich bin wieder hinter den Inseln.

Dann, binne weniger Meter kommt wieder ruhe in die See, der Wind lässt nach. Es ist gerade zwölf Uhr, zwei Stunden vor Hochwasser. Und ich bin wieder im Wattenmeer. Mein erstes richtiges Seegatt liegt hinter mir. Ich kann mir ein stolzes Grinsen nicht verkneifen. War doch eigentlich gar nicht so schlimm. Sicher, ein Seegatt ist, gerade für mich als Anfänger keine Kleinigkeit. Doch jetzt, bei gutem Wetter, guter Betonnung und zudem noch einer ganzen Reihe anderer Segler die vor einem hindurch fahren und beweisen, dass das Wasser im Fahrwasser tief genug ist, ist so ein Seegatt auch kein Hexenwerk. Trotzdem, ich bin stolz. Ein weiter Meilenstein auf meinem Weg.

Mit meinem Timing bin ich mehr als zufrieden. Ich hatte überlegt in den Hafen von Wangeroog zu gehen. Aber wofür? Es ist zwei Stunden vor Hochwasser, egal ob nach Ost oder West, die Tide schiebt mit. Doch ich habe Zeit. Und der Wind, ja, der Hilft mir gar wenn ich unter Spiekeroog entlang segle. Und so richte ich den Bug gen Westen, jene Richtung in die ich eh will und segle weiter in Richtung des Wattenhochs.

Jetzt, wo mein Kurs steht, nehme ich mir die Zeit und sehe mich um. Was mich am meisten Erstaunt sind die Massen an Seglern. Ich kenne das Wattenmeer bisher nur als einsamen Ort. Das Weser-Elbe-Wattfahrwasser ist nahezu ausgestorben, während eines Schlages sieht man vielleicht ein, zwei oder gar drei Boote. Während eines längeren Schlages durchs Watt – und wenn man alle Boote zählt die man bis zum Horizont im Watt sieht!

Ganz anders hier. Was im Weser-Elbe-Wattfahrwasser von Horizont zu Horizont zu sehen ist, befindet sich hier in nächster Nähe – und mehr. Es ist zwar nicht so extrem wie ich es noch aus den Niederlande kenne, doch voll ist es wie ich finde auch hier. Zahlreiche Boote, von Jollenkreuzern über Plattbodenschiffen bis hin zu seegängigen Yachten bevölkern das Watt. Dazwischen spritzen schnelle Motorgleiter mit teils hohem Tempo übers Wasser. Und als sei dies noch nicht genug, so kann ich auch noch eine ganze Reihe von Kanuten ausmachen. Das Watt mag ja vieles sein – doch bei solch schönem Wetter wie heute und an einem langen Wochenende ist es ganz gewiss nicht einsam.

Wattenmeer Spiekeroog

Unter Spiekeroog geht es gen Westen.

Trotz der Masse an Booten ist es überraschend ruhig. Man könnte meinen das dies für einen gewissen Trubel sorgen würde, doch dem ist nicht so. Auch wenn ich nun tatsächlich auf Dinge wie das Wegerecht acht geben muss, noch immer umgibt mich die Ruhe der Natur.

Neben der Zahl an Booten fällt mir schon bald ein weiterer Unterschied zum einsamen Weser-Elbe-Wattfahrwasser auf. Das Fahrwasser ist um Welten besser betonnt und beprickt. Nicht das es vor Cuxhaven direkt schlecht markiert wäre, das nicht. Doch die hohe Frequenz an Seezeichen wie hier habe ich dort nicht vorgefunden. Sicher mag es dort einen direkten Zusammenhang geben, mir kommt es jedenfalls nur recht. Die Abstände zwischen den Tonnen sind gering, die zwischen den Pricken noch kürzer. Die Seekarte brauche ich nur einmal kurz um mich zu versichern ins richtige Wattfahrwasser einzubiegen, dann kann ich wieder sehr gut nach den Seezeichen steuern.

Der Wind pustet recht kräftig aus Südost. Was auf offener See sicherlich für eine ordentliche See gesorgt hätte reicht hier kaum für eine kleine Welle. Doch ist dies nicht logisch? Zum einen ist das Wattenmeer eben das Wattenmeer – und gerade hier, unter einer Insel und mit Kurs auf ein Wattenhoch nicht wirklich tief. Da kann sich gar keine hohe Welle aufbauen.

Zusächlich bedeutet hier in Ostfriesland ein südlicher Wind nunmal Ablandiger Wind. Selbst wenn das Wasser tiefer wäre – der Wind hat hier nicht wirklich viel Platz.

Denn auch das ist mir aufgefallen. Das Wattenmeer hier ist nun wahrlich nicht breit. Ohne es nachzumessen gelange ich zur Überzeugung, das die Außenelbe auf Höhe Cuxhaven breiter ist denn das Ostfriesische Wattenmeer an dieser Stelle. Der freie Horizont den ich vom Weser-Elbe-Wattfahrwasser kenne sucht man hier vergeblich. Sicher, nach Ost und West gibt es ihn. Doch es ist kaum mehr denn ein schmaler Spalt zwischen den Inseln und dem Festland.

Das Watt ist wunderschön. Und doch, jetzt da ich hier bin spüre ich, dies ist nicht das gleiche. Dies ist nicht die Offene See die ich so sehr liebe. Wie ein warmer Sommerregen überkommt es mich. Das ist es. Das ist das Gefühl, dieses Seltsame Etwas das ich in mir die ganze Zeit hatte! Offenes Wasser, weite Schläge, die Offene See. Sich vom Lande entfernen, so weit bis man kaum mehr denn ein winziger Flecken im ewigen Blau ist. Freie Sicht. Salzige Luft. Wind und Welle. Die hohe See. Sie ist es, die mich flüsternd zu locken versucht. In die ich mich irgendwo entlang meines Weges verliebt habe. Und das, obgleich heute mein erster Schlag über offenes Wasser war bei dem mir nicht schlecht wurde. Nun gut – es war auch erst mein zweiter. Und doch, wie dies passiert sein kann, es mag sich mir nicht erschließen. Doch das muss es auch nicht.

Ich hatte gedacht, ich wüsste was ich wolle. Wüste, was „mein“ Segeln ist. Dachte kurze Schläge, geschützte Reviere, ganz gemütlich, langsam. Das musste doch meine Art des Segelns sein!

Segeln Wattenmeer Ostfriesland

Ich bin nicht mehr alleine

Nun, so hatte ich gedacht.

Überrascht blicke ich auf das Echolot. Wir sind gerade über dem Wattenhoch. Unter den Kielen: Nur noch fünfzig Zentimeter Wasser. Nervosität? Zweifel? Mitnichten. Und dabei ist es das erste mal, das ich ohne laufenden Motor über ein Wattenhoch segle. Und dann auch noch bei ordentlich Wind aus östlicher Richtung über ein mir unbekanntes! Was zum Teufel ist los mit mir? Wieso bleibe ich so entspannt, genieße es einfach und bin von Herzen überzeugt das meine Rechnung stimmt, das ich ohne jedes Problem hier rüber segeln kann?

Allmählich wird das Wasser wieder tiefer. Ich bin über das Wattenhoch. Nun geht es langsam in Richtung des auserkorenen Ankerplatzes. Doch noch heißt es Konzentration. Auch hier sind zahlreiche Wasserfahrzeuge unterwegs, würde ich mich nicht konzentrieren, die Gefahr eines Zusammenstoßes wäre nicht zu unterschätzen. Nein, hier muss ich aufpassen. Und dabei würde ich doch so gerne die Bedeutung der eben erst getroffenen Erkenntnis weiter erkunden.

Während wir auf den Yachthafen von Spiekeroog zuhalten löse ich das Großfall, klettere aufs Vorschiff und ziehe das Segel runter. Kurz zurück ins Cockpit, einen Korrekturschlag steuern, dann wieder aufs Vorschiff und das Tuch ein wenig sortieren. Die restliche Strecke will ich nur unter Genua segeln. Diese kann ich schnell bergen. Mein Ziel ist die blaue Lagune, eine Geschützte Ankerbucht vor Spiekeroog. Und das meine ich hier im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie liegt seeseitig, nicht zum Wattenmeer hin. Als ich noch auf der offenen Nordsee vor Wangerooge war hatte ich in einer entsprechenden Facebookgruppe um Infos über diesen Ankerplatz gebeten. Ich wusste das es ihn gab, auch das er sehr schön sein sollte. Den prinzipiellen Schutz konnte man auch irgendwo auf der Seekarte erkennen. Doch gerade für mich als Ankeranfänger ist es ein sehr seltsamer Gedanke statt im Wattenmeer vor der Insel zu ankern. Nun, mir wurde versichert der Platz sei gut geschützt, einzig Starkwind oder Sturm aus Nördlicher Richtung könne ungemütlich werden. Nun, solcherlei ist für die kommenden Tage nicht gemeldet.

Trotzdem, so ganz sicher bin ich mir noch nicht. Den Anker werde ich nur dann werfen, wenn dort auch andere Boote liegen. Ansonsten geht es in den Hafen. Alles andere wäre mir zu unheimlich, da bin ich einfach zu vorsichtig für.

Auf Höhe des Yachthafens starte ich die Kellerfock und rolle die Genua ein. Die letzten Meter darf der Diesel wieder ran. Er hat heute gute Arbeit geleistet, mich von Dorum bis zur Weser gebracht. Jetzt noch ein paar Meter, dann darf er sich weiter ausruhen.

Ankern blaue Lagune Spiekeroog

Vor Anker in der blauen Lagune

Kaum biege ich um die Insel sehe ich sie. Unzählige Segelboote liegen hier vor Anker. Die Zeiten da dies ein Geheimtipp war sind eindeutig vorbei. Ich atme auf. Gut – dann kann ich ja auch auf meinem Blog guten Gewissens davon berichten.

Vorsichtig taste ich mich in die kleine Bucht. Hier liegt eine hohe Sandbank vor dem Strand die für diesen wunderbaren Ankerplatz sorgt. Doch was heißt hier Ankerplatz. Platz ist wahrlich Mangelware. So viele Boote liegen bereits hier, kurz frage ich mich, ob wir überhaupt noch Platz finden werden.

Aber halt, da, da ist noch genug Platz!

Eilig lege ich die Pinne und halte auf den Ankerplatz zu. Doch habe ich mich verschätzt, bin schon etwas zu nahe am nächsten. Der Platz reicht hier aus für ein weiteres Boot, ich bin nur doof rangefahren. Also einen kurzen Kringel fahren und dann auf der richtigen Stelle den Anker werfen. Ich bin halb rum, als ein anderes Boot in diese wunderbare Lücke fährt. Verdammt. Aber gut, davon mag ich mir nicht die Laune verderben lassen. Schon jetzt weiß ich, was für ein Juwel dieser Ankerplatz ist. Irgendwo werde ich für meine achtzig Zentimeter schon eine Ecke finden.

Gemütlich geht es vorbei an Plattbodenschiffen, Jollenkreuzern und anderen Booten bis fast ganz hinten. Dann, endlich, reicht der Platz. Es ist gerader vierzehn Uhr, Hochwasser. Und das Wasser ist hier, wo mein Anker fällt, 1,8 Meter tief. Macht einen Meter unter den Kielen – das reicht mehr als aus. Ich lasse die Bleileine ein Stück raus, beschränke mich dabei aber notgedrungen auf die nötige Länge. Bisher habe ich immer einfach so viel Leine wie möglich gegeben – heißt alles. Nun, hier geht dies nicht, es wäre absolut egoistisch. Denn bei einer Wassertiefe von weniger als zwei Metern an einem vollen Ankerplatz vierzig Meter Bleileine – nein, so einer will ich nicht sein. Nicht wenn der Wetterbericht nicht danach verlangt.

Ich lege die Hand auf die Ankerleine. Ein Rucken ist nicht zu spüren. Der Anker hält.

Und so geht es zurück ins Cockpit, schalte den Motor ab. Ich habe es geschafft, habe meinen aller ersten Ankerplatz in Ostfriesland erreicht.

 

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Sebastian