Im Kampf gegen mich selbst

Blaue Lagune Bucht Spiekeroog Segelboot Bea Orca

Bea Orca ist in der blauen Lagune trocken gefallen

Allmählich läuft das Wasser ab. Ich nutze die Zeit um ein wenig Klar Schiff zu machen. Dabei bemerke ich, dass mein Magen knurrt. Kurzerhand rühre ich einen Teig an und brate mir ein paar Crêpes. Nachdem ich heute den langen Schlag gemacht habe, habe ich mir diese mehr als verdient. Als ich an meinen Kopf komme kitzelt es leicht. Es scheint als hätte ich einen leichten Sonnenbrand. Zwar hatte ich mich in der Früh gründlich eingecremt, dies scheint aber nicht für den Tag gereicht zu haben. Kurzerhand greife ich zur Sonnencreme, stelle sie dann aber weg. Nein, erst etwas anderes.

Ich schlüpfe in die Badehose, lasse die Badeleiter hinab und schwimme eine Runde um Bea Orca. Das Wasser ist kühl aber nicht kalt – bei der warmen Luft ausgesprochen angenehm.

Bucht Spiekeroog Segelboote Ankerplatz trockenfallen

Zahlreiche Segelboot liegen hier auf dem Sand

Zurück an Bord greife ich erneut zur Sonnencreme und verteile sie großzügig auf meiner Haut. Was ich bisher habe ist nur ein ganz leichter Sonnenbrand, kaum zu spüren. Doof, aber akzeptabel. Ich habe aber herzlich wenig Lust das es schlimmer wird.

Nachdem dies erledigt ist hole ich den eBook-Reader raus und lese ein wenig. Solange Bea Orca schwimmt muss ich warten. Natürlich – ich könnte mein Beiboot, ein aufblasbares Kanu, aufpumpen um an Land zu paddeln. Doch nach dem langen Schlag auf See bin ich dafür zu faul. Was soll’s. Ich habe Urlaub – habe Zeit. Kein Grund sich zu hetzen.

Schließlich setzt Bea Orca auf. Es geschieht ganz sanft, ich habe es erst gar nicht gemerkt. Doch dann rapple ich mich auf, Schnappe meine Kamera und packe in die Tasche auch noch den Bootsschlüssel und meine Brieftasche. Die Kameratasche ist komplett Wasserfest – und das ist jetzt nötig. Denn auch wenn Bea Orca steht, das Wasser ist unter ihr noch immer etwa 70 Zentimeter tief. Flach genug um zu gehen aber zu viel um sich sicher zu sein, das kein Wasser an die Tasche kommt.

Spiekeroog Grün Insel

Hinter den Dünen erwartet mich eine grüne Insel

Bea Orca wird verschlossen und ich klettere die Badeleiter hinab ins Wasser. Mit vorsichtigen Schritten schreite ich über den sandigen Boden in Richtung Strand. Überrascht stelle ich fest das es zunächst tiefer wird. Nicht viel – doch als ich etwa fünf Meter vor Bea Orca stehe ist das Wasser mehrere Handbreit tiefer als noch neben ihr. Bis kurz vor den Strand ist der Boden sandig, dann weicht die angenehme Sandschicht einer klebrigen Schlickmasse. Einen Weg außen herum gibt es nicht und ich bin froh meine Neoprensandalen an zu machen. Schließlich laufe ich einfach auf dem direkten Wege zum Strand, ziehe die Neoprenschuhe aus und grabe meine Zehenspitzen genüsslich in den warmen Sand. Klischeehaft. Und einfach herrlich.

Gemütlich setze ich mich in Gang, schreite die Dünen entlang nach Süden. Hier führt ein Weg über die Dünen in Richtung Insel inneres, wo er auf einen weiteren Weg trifft.

Rechts oder links?

Ich habe kein bestimmtes Ziel. Es erscheint offensichtlich dass es nach links zum Inseldorf geht, die meisten Menschen sind auf diesem Wege zu sehen. Rechts sehe ich niemanden. Und so wende ich mich kurzerhand nach rechts. Mir ist im Augenblick nach Natur, nicht nach Menschenmassen. Der Weg führt entlang der Dünen nach Süden.

Spiekeroog Inselbahn Gleise

Die Gleise der Inselbahn

Doch schon bald beschließe ich umzukehren. Dieser Weg scheint zum Campingplatz zu führen – und dann kann ich auch gleich in den Ort gehen. Zudem scheint es auch so ein ganzes Stück bis ins Dorf zu sein, Zeit genug um die Natur der Insel zu genießen.

Während ich gen Dorf schlendere halte ich Ausschau nach Old Laremies. Es ist wohl eine Art Disco oder Bar die Kultstatus hat. Und hier irgendwo sein soll. Doch obwohl ich danach Ausschau halte vermag ich sie nicht zu entdecken.

Dafür entdecke ich zahlreiche Vögel. Genauer: Fasane.

Ganz gemütlich stehen die auf und neben dem Weg sowie auf den Gleisen der Inselbahn. Diese verlaufen parallel zum Weg in Richtung des Inseldorfes. Während der Saison können Gäste hier mit einer Pferdebahn fahren.

Die Fasane sind nicht unbedingt zutraulich, wann immer man sich ihnen nähert verziehen sie sich eilig in die Büsche neben dem Weg.

Nicht das ich es darauf anlegen würde mich ihnen sonderlich zu nähern. Doch ist es unumgänglich einige von ihnen durch die reine Anwesenheit aufzuscheuchen wenn man dem Weg zum Dorf folgt – schließlich sitzen sie neben und auf dem Weg.

Fasan Spiekeroog

Ein Fasan nahe des Weges

Während ich gemütlich durch die Insel schlendere genieße ich die Sonne. Was für ein herrlicher Tag. Ein blauer Himmel, wärme. Und dann die Aussicht über die Insel, traumhaft.

Von stachelig aussehenden Büschen bewachsene Dünen formen die Landschaft, zeichnen ein gleichermaßen wildes wie liebliches Gesamtbild. Nur eine Hand voll Häuser sind zu sehen, gut eingebettet in die Landschaft.

Während ich mich der Ortschaft nähere fällt mein Blick auf eine Brücke die über die Inselbahn führt.

An den meisten Stellen wäre ein Brücke hierfür wohl unnötig. Die Inselbahn wird von Pferden gezogen, die Gefahr von schnell herannahenden Zügen dürfte nicht gegeben sein. Doch hier schützt ein Deich das Dorf – und da wo die Inselbahn den Deich durchbricht führt eine Brücke den Weg fort. Große Fluttore unter der Brücke schließen den Deich an dieser Stelle ab.

Warum ich dies erzähle?

Hütte Spiekeroog

Hütte am Wegesrand auf Spiekeroog…

Nun – sie sind geschlossen. Und das überrascht mich. Ich hätte erwartet das die Inselbahn schon fährt, mit den langen Wochenenden ist dies doch sicherlich Saison. Und eine Sturmflut? Nein, davon ist der Wetterbericht um Welten entfernt. So weit weg, ich brauche es nicht einmal zu überprüfen um mir sicher zu sein.

Es scheint fast, als würden die Insulaner die Sturmfluttore regelmäßig schließen – auch während der Saison.

Schließlich stehe ich auf dem Deich und beschließe, ins Dorf zu gehen. Über den Deich spazieren, das kann ich auch auf dem Rückweg machen.

Bereits auf dem Deich erkenne ich etwas, das mich zutiefst erfreut. Ich habe mich im Voraus nur geringfügig über die Inseln informiert, wollte überrascht werden. Ich weiß das Norderney die vermutlich am stärksten dem Massentourismus verfallene Insel ist. Weiß das der Hafen von Juist recht flach ist. Das Wangerooge Ost ein beliebter Ankerplatz ist und das es eine Stelle gibt, auf der man Minsener Oog betreten kann und darf. Ich weiß das manche der Insel, unter anderem Spiekeroog Autofrei sind. Doch viel mehr weiß ich nicht. Ich mag es nicht zu viel im Voraus zu wissen. Wo ist denn dann der Spaß, die Überraschung, das Erkunden? Ich mag nicht einfach Punkte in einem Reiseführer abhaken sondern viel lieber selbst Orte erkunden. Auch wenn dies bedeuten kann mal etwas zu verpassen. Und so konzentrieren sich meine vorab Erkundigungen auf die Nautischen Fakten, nicht oder zumindest nur wenig auf die touristischen.

Spiekeroog Inseldorf blau weiß Haus

Im Inseldorf. Hochhäuser und Betonklötze sucht man hier vergebens

Jedenfalls: Auch jetzt, da ich auf dem Deich stehe und geradezu danach Ausschau halte: Kein einziges Hochhaus ist zu sehen. Kein großer Hotelkomplex verschandelt diese Insel. Ein paar Appartmenthäuser kann ich entdecken, doch es sind nur wenige. Der größte Teil der Ortschaft besteht aus gemütlichen, kleinen Häusern. Es scheint fast als hätte man sich hier dem Gesichtslosen Massentourismus verweigert, hätte sich bescheiden auf kleinere, persönliche Behausungen beschränkt. Und damit die Seele eines Inseldorfes behalten. Eines Dorfes – und keiner Stadt. Ein fabelhafter Anblick der mich berührt.

Plötzlich ist er da, der Wunsch diesen Ort zu erkunden. Ich werde eigentlich viel stärker von der Natur angezogen – doch diesen Ort, den muss ich mir einfach ansehen.

Gespannt schreite ich den Deich hinab und in das Dorf. Schilder weißen in verschiedene Richtungen, doch ich weiß ja selbst nicht wo ich hin möchte. Und so folge ich einfach nur meinem Instinkt, gehe mal durch volle Straßen und dann wieder durch leere Gassen.

Einmal bleibe ich stehen, schieße zwei Bilder. Doch die meiste Zeit bin ich zu beschäftigt, beobachte zu aufmerksam die Häuser, Straßen, Gärten – kurz: Das Dorf. Es gefällt mir ausgesprochen gut, spricht mich sofort an.

Inselbahn Spiekeroog Gleise Inseldorf

Die Inselbahn führt bis ins Dorf

Irgendwie ist es schade, doch die Sonne mahnt mich nicht die Zeit zu vergessen. Noch habe ich reichlich Zeit, so ist es nicht. Doch ich mag nicht zu spät kommen. Knackpunkt heute ist das Licht. Ich mag Bea Orca nicht in der Dunkelheit suchen müssen.

Noch wichtiger ist allerdings jetzt, wo ich darüber nachdenke noch etwas anderes. Es ist ein komisches Gefühl das Bea Orca da einfach so im Watt steht, dort wo bereits in wenigen Stunden wieder Wasser sein wird – und ich hier bin. Weit weg, dort wo ich sie nicht sehen kann, keine Chance hätte zu handeln würde etwas passieren. Sicherlich, es liegen zahlreiche Segler dort, im Fall der Fälle würde gewiss jemand handeln. Doch so… es ist unheimlich.

Ich ermahne mich selbst zur Ruhe. Bea Orca steht im Watt, mittlerweile sollten selbst die Kiele trocken sein. Das einzige was passieren könnte wäre ein Einbruch. Und da dürfte die Gefahr kaum höher sein als in den meisten Häfen. Die ist abgeschlossen, einfach so kommt da niemand rein. Und mein Zuhause klauen? Solange sie hoch und trocken auf dem Sand steht dürfte dies wohl mehr als schwierig und alles andere als unauffällig sein. Also Sebastian – durchatmen. Es ist ja nicht so als würde Bea Orca in einer einsamen Bucht vor Anker schwimmen und du wärst außer Sichtweite. Wobei – irgendwann willst du auch das nervlich hinbekommen.

Schließlich geht es dann aber doch wieder über den Deich zurück. Es gelingt mir noch die Aussicht übers Vorland zu genießen, zum Watt hin zieren einige Weiden die Landschaft. Dann geht es über die Brücke zum Weg und zurück zum Strand.

Mein Ankerlicht.

Mittlerweile ist es Abend und ich bereite mir ein einfaches Pfannengericht zu das ich im Cockpit verdrücke.

Dabei denke ich über meinen Ankerplatz nach. Er ist gut – aber es ist viel los. Vermutlich sollte ich, wie auch die meisten anderen Boote hier, einen Heckanker ausbringen um ein Schwojen zu verhindern.  Zwar sollte es noch möglich sein – aber es wäre eng. Außerdem kann sich Bea Orca dann bei einem Winddreher nicht zum Strand hin ausrichten – etwas das mir nur wenig gefallen würde. Ich ankere hier vielleicht fünfzig Meter vom Strand. Mit Schwoijkreis kann ich keinen Ankeralarm einstellen, ich hätte keinerlei Spielraum. Zwar bin ich mir sicher aufzuwachen würde Bea Orca auf drift gehen, doch das Restrisiko mag ich trotzdem nicht. Und sei es nur für die eigenen Nerven – so ein Ankeralarm ist etwas feines.

Kurzerhand steige ich hinab auf den sandigen Grund. Mit dabei ist mein Zweitanker – er war letzte Saison noch der Hauptanker – den ich per Hand ausbringe. Der Kettenvorlauf und ein Stück Leine bringe ich auf, dann Schlage ich ihn mit großzügig Spiel auf der Heckklampe an. Gut – damit sollte auch das geregelt sein.

Schließlich geht es erneut an Land. Bereits als ich zurück gekommen bin haben die vermutlich meisten Segler zusammen am Strand gesessen. Ich hatte dort bereits überlegt mich dazu zu gesellen, mich aber nicht so recht getraut. Nun, bewaffnet mit etwas zu trinken sowie meinem Campinghocker begebe ich mir zur Gruppe. Ein Stück entfernt verharre ich, überlege mir ob ich dies wirklich tun solle. Ich will niemanden stören. Vielleicht ist dies ja eine zusammengehörende Truppe? Ich will mich da nicht irgendwo rein drängen, will niemanden in die Verlegenheit bringen mich wegschicken zu müssen. Oder schlimmer noch – mich zu dulden.

Die letzte Zeit vor dem schlafen gehen verbringe ich alleine im Cockpit. Die Stimmung sauge ich dabei förmlich in mich auf…

Doch letztlich gebe ich mir einen Ruck. Gut möglich das dies einfach die Segler von den Booten hier sind die sich zum Sundowner zusammengefunden haben. Ich bin auch ein Segler von einem der Boote – warum sollte ich weg bleiben?

Und doch, tatsächlich zu ihnen zu gehen fällt mir unglaublich schwer. Ich bin schüchtern, das weiß ich. Es nervt mich ungemein an mir selbst. Ich will nicht schüchtern sein, merke immer wieder wie mich diese Charaktereigenschaft ausschließt, beeinträchtigt. Doch zu wissen das ich es bin hilft mir auch nicht viel weiter. Immer wieder bleibe ich stehen, sehe raus aufs Meer. Tue so als wäre ich nicht auf dem Weg zu der Gruppe. Trinke einen Schluck Bier, sehe Raus aufs Wasser. Und ärgere mich dabei über mich selbst. Warum nur bin ich schüchtern? In den vergangenen Monaten und Jahren habe ich ein gutes Selbstbewusstsein aufgebaut, dies war früher anders. Aber wann immer es darum geht auf fremde Menschen zuzugehen wird es schwierig. Ich habe regelrecht Angst davor. Wovor? Ich weiß es nicht. Denn zu verlieren habe ich ja eigentlich nichts. Wenn ich zu ihnen gehe – was könnten sie maximal tun? Mich bitten sie alleine zu lassen. Für mich hieße das dann: Den Abend alleine verbringen. Und was würde ich tun, würde ich nicht zu ihnen gehen? Genau: Den Abend alleine zu verbringen.

Mond

Der Mond, nur eine dünne Sichel, ist deutlich am klaren Himmel zu erkennen.

Trotz all dieser Überlegungen, etwas zieht mich zurück. Lässt mich noch einen Schluck trinken, aufs Meer hinaus schauen. So tuen als wäre ich gar nicht auf dem Weg zu den anderen Seglern. Mehr als einmal treffe ich den Beschluss einfach an ihnen vorbei zu gehen. Einen Spaziergang über die Insel zu machen, so zu tuen als wären sie nie mein Ziel gewesen. Oder einfach umzudrehen, zurück an Bord zu gehen. Mich eben irgendwie aus der Situation heraus zu manövrieren, möglichst unauffällig. Der Fluchtinstinkt hat eindeutig angeschlagen, obwohl der Verstand genau weiß: Es gibt keinen Grund dafür.

Schwieriger als das hier wäre es für mich wohl nur, eine hübsche Frau anzusprechen. Denn das würde ich mich praktisch nie trauen.

Doch auch diese Situation ist für mich ausgesprochen schwierig, fordernd. Und so bin ich selbst unglaublich überrascht als ich plötzlich neben den Seglern stehe und frage ob ich mich zu ihnen gesellen kann. Es ist eine der ausgesprochen seltenen Augenblicke in denen ich mich so etwas traue.

Schiff Nordsee Dämmerung Spiekeroog

In Schiff, draußen vor den Inseln.

Es wird ein schöner, geselliger Abend den ich aus vollen Zügen genieße. Ich freue mich unglaublich, das ich mich durchgerungen habe sie anzusprechen. Und bin, zugegebenermaßen, auch ein wenig Stolz auf  mich. Dies ist mir in einer solchen Situation bei meinen vergangenen Törns nicht einmal gelungen. So schwer es mir auch gefallen ist, so unangenehm es mir auch war: Dies war es mehr als wert. Und so blieb ich einige Stunden. Erst nach Sonnenuntergang verholte ich mich, wie auch die meisten anderen Segler, auf mein Boot.

Eigentlich wollte ich gleich schlafen. Doch der Abend ist zu schön. Der Mond, nur eine dünne Sichel ist bereits aufgegangen während die Reststrahlen der bereits untergegangenen Sonne den Horizont noch immer rot färben. Verliebt beobachte ich dieses Schauspiel der Natur, nehme den Anblick in mich auf.

Erst spät, die Nacht ist längst hereingebrochen und Bea Orca schwimmt wieder, hat bereits einige Hände Wasser unter den Kielen, verhole ich mich in die Koje. Kaum habe ich mich hingelegt klappen meine Augen zu.

 

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Sebastian

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