Gegen jede Vernunft

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Kaum habe ich den Hafen verlassen setze ich die Segel. Zwar pustet mir der Westwind direkt auf die Nase, ich mag aber zunächst versuchen zu segeln. Den Diesel kann ich im Zweifelsfall ja auch einfach wieder anwerfen. Aber erstmal geht es jetzt unter Segeln weiter. Hoch am Wind kann ich einen guten Kurs anlegen, bin zufrieden. Immer wieder wandern meine Augen zwischen dem grau vor mir liegendem Wattenmeer, dem Kompass und dem Echolot hin- und her. Die See ist wild, rau. Nach drei,  vier Minuten werfe ich einen Blick auf mein Tablett. Verdammt!

Der Kurs über Grund hat mit dem Kurs durchs Wasser nur wenig gemein. Und die rasante Fahrt ist auch mehr Schein als sein. Die Tide, das wusste ich eigentlich ja schon von gestern, ist hier recht stark. Ein kräftiger Flutstrom schiebt Bea Orca tiefer ins Watt und damit weg von ihrem Ziel. Die durch den Kreuzschlag gewonnene Höhe reicht zwar um ein Vertreiben zu verhindern, von einem echten vorwärtskommen kann aber keine Rede sein. Ich muss garnicht erst rechnen um zu erkennen: So komme ich nirgendwo hin. Erst wenn die Tide kentert könnte ich auf diese Weise Strecke machen.

Einerseits würde dies meine Reichweite stark einschränken, andererseits würde dies bedeuten noch Stunden in einer bockigen See faktisch auf der Stelle zu kreuzen. Nein, darauf kann ich sehr gut verzichten. Nicht gerade zufrieden beuge ich mich zum Startknopf, drücke ihn ein paar Sekunden und höre wie der Dieselmotor zuverlässig anspringt. Ich bin froh ihn zu haben. Und auch zufrieden mit der Höhe die ich unter Segeln zu laufen in der Lage bin. Doch das mich nun die Tide zwingt den Diesel anzuwerfen statt zu kreuzen, das ärgert mich. Ich will segeln! Gedieselt habe ich jetzt bereits mehr als genug für den gesamten Urlaub.

Voll gegenan

Nun gut, es sieht aus als käme ich heute nicht drum herum. Der einzige erreichbare Hafen nur unter Segeln – das wäre Langeoog. Und umkehren? Nein, das kommt für mich heute nicht in Frage.

Mit dem Motor nehme ich Kurs West. Genua und Groß werden eilig geborgen, sie sollen nicht im Wind schlagen.

Zumeist bedeutet Dieseln das ich recht entspannt im Cockpit sitzen kann. Nicht aber heute. Der Kräftige Wind in Kombination mit der starken Strömung zwingt mich konzentriert Kurs zu halten. Jede kleine Schwankung kostet gleich doppelt Zeit. Einerseits natürlich ganz direkt. Jeden Meter den ich nicht in die richtige Richtung Fahre muss ich wieder zurück. Zugleich aber werde ich, fahre ich nicht sauber geradeaus, langsamer, verliere Fahrt und muss somit gleich wieder beschleunigen.

Mühsam kämpft sich Bea Orca durch den starken Strom gegen eine bockige See. Die Wellen sind zwar verglichen mit dem, was ich von Außenelbe und Nordsee kenne nicht hoch, doch da sie sehr steil sind schlägt Bea Orcas Bug immer wieder vom Wellenberg ins Wasser. Gischt spritzt über das Deck, schlägt zischend gegen die Sprayhood. Auch unter Motor fahren wir zeitweise kaum einen Knoten über Grund. Für meine Nerven eine Zerreisprobe. Mehr und mehr wird klar: Weiter als Baltrum komme ich heute nicht. Wenn überhaupt. Tja, das zu meinem Wunsch West zu machen, möglicherweise gar bis in die Niederlande.

Nachdenklich blicke ich zurück in Hafen. Ich bin schon über eine Stunde unterwegs, trotzdem scheint der Langeooger Yachthafen noch zum greifen nahe. Würde ich umkerhen, ich wäre wohl in zehn bis fünfzehn Minuten im Hafen. Und könnte sofort segeln.

Grimmig blicke ich wieder voraus. Nein. Jetzt nicht aufgeben. Weiter, weiter, immer weiter will ich. Will nicht umkehren, nicht so lange es eine andere Option gibt. Ich hätte hieran denken können, hätte bedeutend früher und bei einer weniger starken Tide los gekonnt. Selbst schuld Sebastian, jetzt musst du dich eben durchbeißen.

Wieder und wieder schlägt Bea Orcas Bug in die steilen, kleinen Wellen, lässt Wasser übers Deck spritzen. Ich komme langsam in den Bereich südlich des Seegatts. Hier ist der Wind sogar noch etwas stärker und die Tide… immer wieder sehe ich keine Geschwindigkeit über Grund mehr auf dem Tablett. Dies bedeutet eine Geschwindigkeit unter einem Knoten über Grund. Die Acumer Ee schafft mich, bremst mich aus und kostet mich weitaus mehr Zeit als von mir erwartet. Dabei hatte ich gewusst das die Tide hier stark ist, hatte gestern erst genau diese Erfahrung gemacht! Und doch hatte ich dies bei der Planung komplett ausgeblendet.

Dann, endlich, ich kämpfe seit über zwei Stunden gegen den Strom, ist es geschafft. Ich habe den Punkt überschritten, werde schneller und merke schon bald, wie die Tide von hinten schiebt. Ich habe das Baltrumer Wattfahrwasser erreicht. Jetzt heißt es das letzte bisschen auflaufendes Wasser nutzen bevor die Tide alsbald kentert, nicht das ich erneut gegen an muss. Die Wellen im Wattfahrwasser sind deutlich angenehmer, ich komme gut voran. Zunächst bin ich überrascht wie lang das Wattfahrwasser ist. Es zieht sich beinahe so lang wie Baltrum, etwas das ich so gar nicht gewohnt bin. Die anderen Wattenhochs die ich bisher kennen gelernt habe waren ehr kurz, einige hundert Meter, vielleicht eine Seemeile.

Dafür ist das Fahrwasser recht tief, zu keinem Zeitpunkt habe ich weniger als einen Meter Wasser unter den Kielen. Macht eine Gesamtwassertiefe von mindestens Einen Meter und achtzig Zentimeter bei Hochwasser. Auf dem Wattenhoch. Na dann, da fährt man doch sehr entspannt mit achtzig Zentimeter Tiefgang drüber.

Je näher ich dem höchsten Punkt komme, desto ekliger wird die Welle. Es erscheint mir seltsam, doch bleibt mir nicht viel anderes übrig als es zu akzeptieren. Es dürfte jetzt um Stillwasser sein, eine wirkliche Strömung existiert nicht mehr. Die Wellen sind für die Wassertiefe recht hoch, wenn auch weit davon entfernt für mich zur gefährlichen Grundsee zu werden. Doch die höhe kombiniert mit einer enormen Steilheit werden zum echten Problem. Bea Orca ist nicht übermäßig weit davon entfernt sich fest zu stampfen, alle paar Wellen steht sie fest. Die Geschwindigkeit über den Grund sinkt immer wieder auf null Knoten. Das kann doch nicht wahr sein! Ich hatte gehofft bis Norderney zu kommen. Und jetzt? Jetzt kämpfe ich darum um wenigstens nach Baltrum in den Hafen zu kommen! Baltrum! Die kleinste Ostfriesische Insel. Ich bin in Langeoog gestartet, im Yachthafen, am Westende der Insel. Die Strecke von dort zum Yachthafen von Baltrum ist die vermutlich kürzeste Strecke zwischen zwei Inselhäfen in Ostfriesland, zumindest würde ich dies schätzen. Und jetzt muss ich doch allen ernstes darum kämpfen wenigstens dies zu schaffen? Das kann einfach nicht wahr sein!

Wieder schlägt der Bug ins Wasser, bremst Bea Orca mit einem lauten Schlag aus. Treibt mich zuverlässig an den Rande des Wahnsinns. Ich liebe die See, doch dieses Spiel das sie hier gerade mit mir spielt.. ich könnte sie.

Ich schüttle den Kopf. Wie so oft vermenschliche ich die See. Etwas das, soviel weiß ich mittlerweile, nicht nur mir passiert. Es scheint fast eine art Krankheit unter Seglern und überhaupt Menschen die sie lieben zu sein. Dabei ist die Wahrheit eigentlich ganz einfach:
Der See bist du scheiß egal. Sie macht was sie will, ohne jede Rücksicht auf jene Männer und Frauen die sie bereisen. Wir müssen uns ihr anpassen. Oder, in diesem Fall: Durchbeisen. Denn mittlerweile ist Baltrum ganz klar der nächste Hafen. Umkehren ist keine Option mehr, Und bei dem Wind und der Welle wäre, ganz unabhängig von Nationalparkfragen, Ankern und trockenfallen keine Option.

Langsam näheren wir uns dem Ende des Baltrumer Wattfahrwassers. Ich bin froh am Vortag nach meiner gescheiterten Suche nach einem Ankerplatz keinen erneuten Anlauf versucht zu haben. Das Wattenhoch ist wirklich lang, ich hätte es am Vortag vermutlich danach nicht mehr hinüber geschafft. Und selbst wenn doch wäre es eine verdammt enge Geschichte geworden – etwas, das mir mal wieder den letzten Nerv geraubt hätte. Nein, meine Entscheidung am Vortag war richtig.

Ich sehe bereits die letzten Pricken des Wattfahrwassers voraus als ich noch einmal etwas Platz machen muss. Von hinten kommt das Polizeiboot von Norderney auf. Und auch wenn die mich überholen, ich will ihnen das Leben nicht unnötig schwer machen. So halte ich mich recht dicht an die Pricken.

Dann bin ich wieder alleine. Die Wellen beruhigen sich ein wenig und ich folge dem Fahrwasser in Richtung Baltrumer Hafen. Aufmerksam studiere ich die Karte, präge mir die Ansteuerung ein. Da sind einige Tonnen, ich darf mich keinesfalls an der falschen orientieren. Besonders Gedanken mache ich mir um eine Untiefe mitten drinnen. Aber nun gut, wenn alles so betonnt ist wie auf er Karte sollte es recht eindeutig sein. Ich muss das Fahrwasser einfach sauber ausfahren, darf nicht schnippeln. Etwas, zu dem ich nach einem Blick auf die Karte gar nicht erst versucht bin.

Bei der Anfahrt muss ich mich erstmal orientieren wofür ich etwas Fahrt aus meiner Großen hole. Doch dann ist alles klar und ich fahre zielsicher in den Hafen. Am Kopfende eines Steges mache ich fest, erst dann atme ich erleichtert aus. Geschafft.

Ich habe Glück, es ist gerade jemand im Büro des Hafenmeisters und ich kann sofort bezahlen. 31 Euro – für zwei Nächte. Schon unterwegs habe ich für mich beschlossen: Ich werde nichts mehr erzwingen. Nicht auf diesem Törn, nicht so es nicht unbedingt sein muss. Das heute war kein Spaß. Ich hatte gewusst was für ein Wind gemeldet war, wusste das ich einen guten Teil würde dieseln müssen. Und hatte es trotzdem darauf angelegt. Warum? Ich kann es mir selbst nicht mehr erklären. Eine rückblickend unvernünftige Entscheidung. Ich hätte bei dem Wind entweder wieder Kurs Ost anlegen oder auf Langeoog bleiben sollen.

Geschafft. Ich bin sicher auf Baltrum angekommen.

Nun, jetzt bin ich auf Baltrum – und das hat auch etwas gutes. Doch morgen ist der gleiche Wind wie heute gemeldet und noch einmal tue ich mir dies nicht an. Also bleibe ich morgen hier.

Nach dem Kräftezehrenden Schlag durchs Wattenmeer kann ich mich nicht mehr aufraffen die Insel zu erkunden. Und wofür auch – ich werde morgen den ganzen Tag dafür Zeit haben. Stattdessen verziehe ich mich auf mein Boot. Und Backe. Ich habe einen regelrechten Heißhunger auf Apfelkuchen und beschließe kurzerhand hier für Abhilfe zu sorgen. Ich habe alles an Bord und wenige Stunden nach dem Anlegen liegt der köstliche Duft von frischgebackenem Apfelkuchen in der Kajüte in der Luft. So ein Omnia ist eben etwas praktisches. Und ich werde immer besser mit dem Campingbackofen.

Leckerschmecker Apfelkuchen. 🙂

Die restliche Zeit verbringe ich mit einer Mischung aus Lesen, Essen und Schlafen. Ich bin fertig, brauche die Erholung. Der Schlag hat mich weit mehr Energie gekostet als ich erwartet hatte. Und ich nehme mir vor so etwas nicht wieder ohne verdammt guten Grund zu tun.

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Sebastian

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