Bea Orca segelt in die Niederlande

Es ist kurz vor vier als ich von selbst aufwache. Der Wecker war für vier Uhr gestellt. Doch ich bin wach, fühle mich fit. Und so schlüpfe ich sofort in meine Kleidung, steige an Deck und starte den Dieselmotor. Es ist alles vorbereitet, ich muss nur noch den Anker heben. So kommt es, das ich bereits wenige Minuten nach dem Aufwachen unterwegs bin.

Es ist noch deutlich vor Sonnenaufgang, sie wird erst in über einer Stunde ihr Antlitz über den Horizont erheben. Doch bereits jetzt ist es hell genug um alle Tonnen rechtzeitig zu sehen.

Obgleich die Segel stehen läuft der Motor mit. Zeit ist leider ein Thema. Obgleich noch immer nicht endgültig fest steht ob ich über die Osterems das Watt verlasse oder aber das Wattenhoch von Borkum nutze um dann über die Ems raus aufs Meer zu segeln – in beiden Fällen ist Zeit ein Thema. Über die Osterems ist es deutlich entspannter, muss ich dort doch nur rechtzeitig vor Schiermonikoog ankommen. Noch läuft das Wasser deutlich auf, eigentlich fürs Auslaufen ehr ungünstig.

Lieber aber würde ich über das Borkumer Wattenhoch und dann die Ems raus. Hier ist die Strecke insgesamt kürzer, ich käme heute bedeutend weiter. Und ich möchte so viel West wie möglich machen. Wenn ich also nicht nur bis Lauwersoog sondern weiter käme, dann wäre das perfekt.

Das Auflaufende Wasser in Kombination mit einem nur schwachen Wind zwingen mich somit zum Motorsegeln. Andernfalls käme ich nicht mehr rechtzeitig zum Wattenhoch.

Je länger ich segle, desto weniger Probleme habe ich damit zu dieseln. Ich liebe es zu segeln, wenn der Diesel schweigt ist das einfach toll. Jedenfalls solange er planmäßig schweigt. Doch ich bin nicht nur Segler, ich bin auch ein Reisender. Und wenn es mich in den Füßen juckt, ich weiter will, dann nehme ich bei Schwachwind und Flaute notfalls eben auch den Motor in kauf.

Gemächlich schiebt sich Bea Orcas Bug durch das ebene Wasser. Über die Bluetooth-Box ertönt Musik, ich tipple im Tackt mit den Füßen mit. Es ist herrlich hier zu sein.

 

Nördlich von mir liegt die Insel Juist, Nordwestlich, immer Nörlicher kommend Memmert.

Die Bedingungen sind mal wieder ideal um auch unterwegs Logbuch zu schreiben. Beim Segeln geht mir so vieles durch den Kopf. So viele Details, die ich nur sofort festhalten kann. Am Abend sind sie sonst vergessen. Und als Blogger kommt dieses sofort festhalten natürlich dem Blog zugute. Ich freue mich.

Ich nähere mich gerade Borkum als über Juist die Sonne aufgeht. Es ist ein wundervoller Sonnenaufgang. Der Himmel ist klar. Vom Horizont ausgehend gehen die Farben von einem Rotorange über ein Gelb langsam in ein blau über. Zum verlieben, ein Anblick wie dieser kann man nicht jeden Tag genießen. Jedenfalls nicht im Sommer – da schlafe zumindest ich doch des Öfteren noch um diese Zeit.

Mittlerweile ich klar das ich es wohl gerade so noch zum Wattfahrwassser schaffe. Pünktlich zum Hochwasser um etwa halb sechs stehe ich auf Höhe der Ansteuerung. Nicht ideal. Genau genommen sind es gewissermaßen zwei Wattenhoch über die ich muss. Und beide sind nicht übermäßig tief. Doch ich gebe mir einen Ruck. Ich bin auch schon über flachere Wattenhochs – und das nicht bei Hochwasser. Trotzdem, ein mulmiges Gefühl bleibt. Wenn ich hängen bleibe… nun, dann geht es erst heute Abend weiter. Und dann schaffe ich es nicht in die Niederlande. Oder doch, Delfzijl wäre auch dann problemlos möglich. Aber ich will doch eigentlich lieber weiter nach Westen. Wenigstens nach Lauwersoog. Das wäre dann schonmal die Provinz Friesland. Mein neues – nun, eigentlich ja schonwieder altes – Traumziel ist natürlich Harlingen. Aber das schaffe ich heute ganz bestimmt nicht. Aber wenn alles gut geht könnte ich morgen Mittag…. Ich schüttle den Kopf. Eins nach dem anderen. Jetzt geht es erstmal hier über das Wattenhoch.

Das ganze wird zu einer Zerreisprobe für meine Nerven. Bereits das erste Wattenhoch ist relativ flach, ich traue mich nur langsam voran.  Solange ich mich sofort befreien kann, kann ich notfalls umdrehen und die Osterems raus. Wenn ich aber wirklich hängen bleibe, dann geht es erst in 12 Stunden weiter.

Das Wasser fließt mittlerweile ab. Als ich nahe unter Land das zweite Wattenhoch passiere ist bereits eine Stunde nach Hochwasser. Und – mein armes Herz – ich habe mehrfach nur noch dreißig Zentimeter Wasser unter den Kielen! Ich bin angespannt. Nur nicht hängen bleiben. Nur nicht… warum mache ich sowas? Warum bin ich nicht einfach außen herum gefahren? Es wäre doch eigentlich recht einfach gewesen. Die Osterems raus, dann mit Kurs Südwest weiter bis Schiermonikoog und dort durchs Seegatt rein. Kein einziges Flach, keine Stelle bei der ich nicht bei jedem Wasserstand durch käme. Aber nein, ich musste übers Wattenhoch von Borkum. Wofür? Um ein paar Seemeilen zu sparen. Na klasse. Wahrscheinlich hätte ich diese in der Zeit die ich hier langsam mich vortaste auch so machen können. Egal. Jetzt ist es so. Und irgendwie ist es ja auch schön. Trotzdem, ein Teil von mir kommt nicht umhin sich über mich selbst zu ärgern.

Erleichtert atme ich auf als ich wieder etwas mehr Wasser habe, hinter dem Wattenhoch bin. Es geht vorbei am Hafen von Borkum. Dabei erhalte ich nicht den besten Eindruck der Insel. Aus dem Cockpit sehe ich erschreckend viel Beton und Teer, dazu noch einige nicht gerade hübsche Schuppen sowie einige hohe Häuser. Nein, es lockt mich nichts hier in den Hafen einzulaufen. Ob ich der Insel damit unrecht tue? Schon möglich. Gut möglich. Irgendwas hat sie gewiss zu bieten, sonst wäre sie eine Touristeninsel. Doch an diesem Morgen vermag sie ihre Reize nicht auf mich zu versprühen.

Ich halte gerade auf einen kleinen Leuchtturm zu als von hinten ein Schiff mit hoher Heckwelle aufkommt. Verbissen sehe ich mich um. Noch sind die Untiefen sehr nahe, sich einfach mal von so einer Welle durch die Gegend schleudern lassen kommt nicht in Frage. Gleichzeitig habe ich nur wenige Möglichkeiten. Eigentlich sehe ich nur eine. Sich frei zu halten geht nicht. Und so mache ich das einzige was ich kann. Gerade als das Heckwellenschiff querab ist lege ich hart Ruder, richte Bea Orcas Bug auf seinen Rumpf und fahre mit Marschfahrt darauf zu. Wie dies auf den Steuermann des Schiffes wirkt? Ich weiß es nicht, kümmert mich in diesem Augenblick aber auch nicht. Ich weiß: Bis ich da bin ist er weg. Und so kann ich kontrolliert von vorne in die Welle fahren. Für mich ist es die beste, wenn nicht hier, nahe der Sände, die einzige Option.

Eine steile Hackwelle rollt unter Bea Orca hindurch, dann kann ich wieder Kurs West anlegen und das Borkumer Fahrwasser verlassen.

Der Wind hat aufgefrischt und ich genieße es endlich ohne den laufenden Diesel unterwegs zu sein. Abgesehen von der Musik auf die ich nicht verzichten mag ist es angenehm ruhig. Zügig schiebt Wind und mehr noch die Tide Bea Orca voran. Ich möchte das Fahrwasser möglichst bald kreuzen, doch noch sind zu viele Schiffe unterwegs. So heißt es warten. Noch aber ist es für mich egal auf welcher Seite ich bin. Und so segle ich mit Kurs Nord-Nordwest die Ems hinaus.

Endlich ist es so weit. Eine für mich ausreichend große Lücke. Ich halte stur Kompasskurs West und kreuze das Fahrwasser. Dank des hier auf der Außenems ablaufenden Wassers wird daraus über Grund er ein Nordwestkurs, damit kann ich aber gut leben. Noch habe ich meinen nächsten Wegepunkt schließlich nicht erreicht. Ich möchte nur ungerne den Umweg um die Huibertplaat und Ballonplaat nehmen. Es gibt auch ein Fahrwasser durchs Horbongat und Huibertgat. Die ist einerseits einige Seemeilen kürzer, andererseits kann ich von dort zumindest mit dem Fernglas einen Blick auf Rottumeroog und Rottumerplaat werfen.

Alleine die Namen verraten es bereits. Das ist alles die Niederlande. Aktuell bin ich, wenn ich das auf der Karte richtig erkenne, hoch offiziell auf hoher See. Deutschland liegt hinter mir, die Niederlande vor mir. Und dazwischen? Dazwischen bin ich.

Ich schmunzle. Es ist das aller erste mal, das ich mit Bea Orca die deutschen Hoheitsgewässer verlassen habe. Hier, wo doch der Strand von Borkum noch zum greifen nahe ist ein seltsames Gefühl.

Die Nacht ist längst in den Morgen übergegangen. Temperaturmäßig ist es noch recht frisch, ich vermerke gefühlte 15°C im Logbuch. Der Wind ist dabei mit zwei Windstärken recht schwach, nur dank der mitlaufenden Tide schaffe ich noch drei bis vier Knoten über Grund.

Trotzdem ist das Wetter herrlich. Vom blauen Himmel lacht die Sonne herab und wärmt trotz der frischen Temperaturen die Haut. Zudem kann ich segeln – da kann und will ich mich nicht beschweren.

Aufregung macht sich in mir breit. Bald kann ich ins Horborngat einlaufen. Noch darf und kann ich aber nicht wieder Kurs West anliegen. Einerseits ist westlich von mir noch ein Sperrgebiet, einlaufen ist hier verboten. Andererseits, und dies ist für mich in diesem speziellen Fall tatsächlich noch wichtiger: Es wäre für mich viel zu riskant. Die Wassertiefen hier sind extrem variabel, können sich ständig ändern. Tonnen sind einzig zwei im Horborngat eingezeichnet. Und auch nur aus diesem Grund wage ich es diesem Fahrwasser zu folgen. Zudem sind dort die Wassertiefen deutlich höher, statt stellenweise weniger als einem Meter sind es dort selbst bei Niedrigwasser noch vier Meter. Zumindest laut Karte.

Es sind mal wieder die Bedingungen die mich dazu verleiten überhaupt den Weg übers Horbborngat zu wählen. Kaum Wind und Welle. Selbst wenn es irgendwo flacher ist besteht das Risiko von Grundseen nicht. Und, ich habe für mich ganz klar beschlossen: Wird es irgendwo flacher als drei Meter auf dem Echolot – das wären eine Gesamtwassertiefe von weniger als 3,8 Meter – dann drehe ich sofort ab. Ebenso bei plötzlich flacher werdendem Wasser.

Man merkt: Ich bin nervös. Trotzdem, ich will diesen Weg gehen. Das Fahrwasser ist eingezeichnet und mittlerweile habe ich auch die Tonnen entdeckt. Wellen stehen im Gat keine, bessere Bedingungen kann man sich also eigentlich für einen solchen Weg nicht wünschen. Und so ziehe ich schließlich an der Pinne und laufe ins Horborngat ein.

Zunächst ist alles gut. Das Wasser ist tief genug, zudem ist alles ruhig. Ich habe die erste Tonne passiert, jetzt heißt es konzentriert auf die nächste zuhalten. Dabei lasse ich Tablett und Echolot nicht aus den Augen. Das Echolot um vor möglichen Untiefen gewarnt zu sein, das Tablett um zu bemerken sollte mich eine Strömung versetzen.

Mein Handy vibriert. Willkommen in den Niederlanden. Angenehmer weiße: Sie zahlen hier das gleiche wie in Deutschland. Wunderbar.

Laut Tablet sollte ich den flachen Teil des Gats bald hinter mir haben. Wieder geht mein Blick zum Echolot. Eben standen hier noch fünf Meter. Voraus ist das Wasser durchgängig ruhig und unbewegt. Doch das Echolot rast gerade nach oben. 2 Meter, 1,9 Meter, 1,8 Meter, 1,7 Meter unter den Kielen…

Das erste Mal mit dem eigenen Boot in die Hoheitsgewässer eines anderen Landes einlaufen. Erinnert ihr euch daran? Und wenn ja: Wann und wo war es? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

Und wie immer: Wenns euch gefallen hat, lasst es eure Freunde wissen und folgt mir per Mail.

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Sebastian

One Comment

  1. Lieber Sebastian, ich genieße Deine Berichte und als alter Fahrensmann (77) bewundere ich Dich auch ein wenig, aber,……… einen Anker hebt man nicht, sondern hievt ihn und das ganze nennt man dann “ Anker lichten“. Sorry.
    Habe versucht Dich kürzlich in Cux auf Deinem Boot zu besuchen, aber nicht angetroffen. Irgendwann wird es schon klappen.

    Gruß Volker

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