Willkommen in Westfriesland

Eigentlich ist die Entscheidung nicht schwer. Der leichte Ostwind soll zunehmen, zudem ist noch deutlich über zwei Stunden bis Hochwasser. Was soll ich da schon verweilen?

Auf Höhe der grünen Tonne Z1 verlasse ich das Tiefe Wasser und steuere ins flachere Wattfahrwasser. Wobei flach relativ ist – noch habe ich einige Meter Wasser unter den Kielen.

Auf den ersten Blick sieht das Wattfahrwasser recht schwierig aus. Jedenfalls auf der Karte. Die Tonnen führen direkt zwischen zwei nah beieinander liegenden grünen Flächen, Bereiche die bei Niedrigwasser trocken fallen hindurch. Doch auf den zweiten Blick ist es harmlos. Sie fallen etwa 1 Dezimeter trocken – und im blauen bleibt etwa ein Dezimeter Wasser. Keine scharfe Prielkante. Ganz im Gegenteil. Jetzt, etwa zwei Stunden vor Hochwasser ist es aber auch hier in Westfriesland unproblematisch. Obgleich der Tidenhub spürbar schwächer denn weiter im Osten ist, es reicht mehr als aus. Kein Grund sich Gedanken zu machen.

Fasziniert beobachte ich einen sportlich wirkenden Fahrtentrimaran der mit beachtlichen Geschwindigkeit über das flache Watt zu fliegen scheint. Es erscheint mir eine komplett andere Welt zu sein. Regelmäßig so zu segeln? Für mich unvorstellbar. Da fehlt mir das gemütliche. Doch es mal zu probieren? Gerne! Es muss faszinierend sein getrieben von nichts als dem Winde solche Geschwindigkeiten zu erreichen.

Gemütlich segeln wir über das erste Wattenhoch. Es ist eineinhalb Stunden vor Hochwasser. Nur kurz piept das Echolot mit vierzig Zentimetern unter den Kielen, zumeist bleibt es mehr. Der Diesel ist und bleibt aus, ich habe mein Soll für heute erreicht, ja gar überschritten. Jetzt möchte ich das Segeln genießen.

Das Segeln geschieht ganz automatisch. Mittlerweile habe ich mich auch an die verhältnismäßig geringen Wassertiefen von regelmäßig unter einem Meter unter den Kielen gewöhnt, verspüre nicht mehr das Verlangen ständig zum Echolot zu schielen. Ich kenne die Wassertiefen um mich herum, weiß das ich genug habe. Schon seltsam, wie schnell sich doch dieses Empfinden ändern kann.

Nachdenklich betrachte ich die Seekarte. Wenn ich einfach dem Fahrwasser folge schlage ich einen sehr großen Bogen. Über eine Seemeile nach Norden und die gleiche Strecke wieder nach Süden. Dabei liegt dazwischen eigentlich nur ein Drittel dieser Strecke. Warum? Nun, zwischen mir und dem Fahrwasser auf dem ich weiter segeln mag liegt eine Untiefe. Typsich Wattenmeer eben. Doch könnte ich nicht möglicherweise darüber hinweg segeln? Ich habe schließlich mir nicht grundlos ein Boot mit möglichst wenig Tiefgang gekauft. Und auch wenn meine Bea Orca mit ihren einundachtzig Zentimetern sicherlich nicht mit Jollenkreuzern und Plattbodenschiffen mithalten kann: Viel hat auch sie nicht. Ich sehe nochmal im Revierführer nach, informiere mich über die genauen zu erwartenden Wasserstände im Revier, rechne und überprüfe meine Rechnung noch einmal. Doch alles ist gut, ich sollte genug Wasser haben. Außerdem ist es noch knapp über eine Stunde bis Hochwasser. Und so halte ich statt gen Nordwest bei der Tonne Fw3 weiter nach Westen.

Obgleich ich mich sicher bin das es reichen wird: Es kann stellenweise knapp werden. Und so beobachte ich recht genau das Echolot. Obwohl ich nur unter Segeln unterwegs bin, der Dieselmotor schweigt, liegt meine Schmerzensgrenze bei nur zwanzig Zentimeter. Solang das Echolot mindestens zwei Dezimeter unter den Kielen anzeigt werde ich weiter segeln.

Schon bald wird es flacher und flacher. Das Echolot beginnt zu piepsen, sind auf vierzig, dann dreißig und schließlich zwanzig Zentimeter unter den Kielen. Dort verharrt die Anzeige für eine Minute. Eine lange Minute. Ich bin gespannt. Wenn ich mich nicht verrechnet oder das Watt sich in letzter Zeit deutlich verändert hat, dann wird es nicht weniger. Und wenn doch, dann muss ich sofort umdrehen. Notfalls könnte ich natürlich auch ins Wasser und mein Boot mal wieder von einer Sandbank schieben. Die Bedingungen würden es zulassen – sonst würde ich das hier auch gar nicht machen. Aber es wäre verlorene Zeit. Ich will segeln!

Nach etwas mehr als einer Minute steigt das Echolot zögerlich auf dreißig Zentimeter, springt gar immer mal wieder auf vierzig. Ich atme auf. Das Flachste habe ich hinter mir. Zügig segeln wird gen Westen, nach einer viertel Stunde bin ich wieder im Fahrwasser. Und habe mir so einen Umweg von etwa vierzig Minuten gespart. Mehr noch, denn so habe ich jetzt noch Mitlaufendes Wasser zum nächsten Wattenhoch. Ohne dieses Schnippeln hätte ich auf dem Weg dort hin gegen das ablaufende Wasser gearbeitet.

Glücklich und zufrieden sitze ich im Cockpit. Bin ich noch ein Anfänger? Aber Gewiss. Ich habe noch viel zu lernen. Und doch, ich bin wahrlich zufrieden mit mir. Ich habe schon so einiges geschafft, bin weit gekommen. Und das meine ich nicht rein Streckenmäßig, obgleich ein Törn von Cuxhaven in die Niederlande, Einhand und mit einem kleinen Boot während eines Urlaubs für mich durchaus eine gute Strecke ist.

Doch noch mehr überrascht und erfreut mich, wie selbstverständlich ich mich mittlerweile auf See und im Wattenmeer bewege. Beides ist zu einem Teil von mir geworden, ist mein Zuhause Ich habe großen Respekt vor beidem. Doch die Nervosität, die Unsicherheit und ja, auch die Angst, sie sind verschwunden. Ich gewinne mehr und mehr Vertrauen in mich. Vertraue mir selbst und meinen Entscheidungen.

Mit achterlichen Winden erreiche ich um Hochwasser herum das nächste Wattenhoch. Ich bin unter Ammeland. Es sind noch zwei Hochs bis Harlingen, diese werde ich aber wohl nicht mehr schaffen. Oder?

Während Bea Orca sich gemütlich über das Wattenhoch bewegt sehe ich mir den Wetterbericht für die Kommende Woche an. Und erschrecke. An ganzen drei Tagen sind Winde von sieben bis acht Windstärken gemeldet! Für mich auf See zu viel. Selbst Binnen, auf den Kanälen der Staande-Mast-Route bin ich skeptisch ob ich unterwegs sein mag. Bei achterlichem Starkwind vor einer Brücke zu warten stelle ich mich nervenzehrend vor. Nein, dies muss wohl ehr nicht sein.

Zwar hoffe ich das es weniger schlimm wird, darauf verlassen kann ich mich aber nicht. Woher soll ich wissen das aus dem Starkwind kein richtiger Sommersturm wird?

In jedem Fall ist damit klar: Ab Harlingen geht es zurück. Meine Überlegung, einen Abstecher aufs Ijsselmeer zu unternehmen und dann auf den Spuren von BEA über De Fluezen, Heeger Mar und Sneeker Meer gen Lauwersoog, ein mit BEA nie erreichtes Ziel zu fahren: Geschichte. Bea Orcas und BEAs Kielwasser werden sich in Harlingen und auf dem Kanal nach Leuwaarden kreuzen. Doch mehr ist nicht drinnen. Bea Orca ist mein Zuhause. Am Ende des Urlaubes muss sie wieder in Deutschland sein. Zwar ist die Strecke nach Westen verhältnismäßig einfach, die Tiden sind länger und die Winde zumeist achterlich. Doch besteht immer das Risiko von Ostwind und weiteren Starkwindphasen. Dies zusammen mit den durch das Fehlen eines stromunabhängigen Autopiloten begrenzten Zeiten auf See lässt mir keine andere Wahl. Wenn Bea Orca am Ende nicht wieder in Cuxhaven ist habe ich ein Problem, muss ins Hotel bis ich sie nachholen kann. Und dies ist nun wahrlich keine Option.

Nachdenklich kratze ich mich am Kopf. Ob ich wohl auch die Nacht in Harlingen streichen werde? Vermutlich schon. Ich werde morgen Mittag in der Stadt in der so vieles angefangen hat ankommen. Ich freue mich schon darauf. Doch in Anbetracht des Starkwindes erscheint es mir sinnvoll meine Reise nach nur einer kurzen Pause fortzusetzen. So es mir emotional möglich ist.

Schwerfällig hole ich mich zurück ins hier und jetzt. Auch das ist Segeln, diese absolute Abhängigkeit vom Wetter gehört absolut dazu. Und bin ich ehrlich mit mir selbst, so ärgerlich es auch sein kann, am Ende des Tages ist es doch ein wichtiger Teil des ganzen. Ohne diese Abhängigkeit würde etwas fehlen.

Während wir mit dem ablaufenden Wasser südlich von Ammeland nach Westen segeln beobachte ich fasziniert die Seezeichen. Sie sind anders als in Deutschland. Hier entdecke ich viel mehr Tonnen, das Verhältnis von Pricken zu Tonnen scheint genau umgekehrt zu sein. Ob dies wohl einfach an der doch höheren Zahl tiefer Fahrwasser liegt? Oder gibt es noch einen anderen Grund?

Und auch die Tonnen selbst sehen anders aus. So ganz kann ich den Unterschied nicht greifen, das es ist ganz klar. Es ist… anders.

Meine Gedanken wandern zum nächsten Wattenhochs. Ob ich es noch schaffe? Das dahinter ist wirklich schwach. Könnte ich möglicherweise gar durchziehen, vom Ankerplatz südlich Juist bis Harlingen? Hier im Wattenmeer wäre es einen Versuch wert, wenn ich wirklich müde werde gibt es bei den gegebenen Bedingungen – ruhige Winde – genug Ankerplätze. Doch meine Überlegung wird bereits mit er ersten Rechnung zerstört. Keine Chance. Bis ich da bin fehlt mir das notwendige Wasser. Ironischerweise könnte ich vermutlich das zweite Wattenhoch schaffen – doch das erste? Keine Chance.

Nördlich von mir liegt der Hafen Ammeland. Doch ihn mag ich nicht anlaufen. Es gibt für mich hier genug Möglichkeiten zu ankern, Zeit die Insel zu erkunden hätte ich eh nicht. Doch obgleich ich bereits seit Vierzehneinhalb Stunden unterwegs bin, an der Pinne sitze: Wie schon am Vortag bin ich versucht immer weiter zu segeln. Ich könnte ja durch das Seegatt westlich von Ammeland das Wattenmeer verlassen. Dann mit dem noch ablaufenden Wasser an Terschelling vorbei und Vlieland wieder rein. Zugegeben, das Seegatt soll recht anspruchsvoll sein, aber…

Nein! Nein Sebastian, einfach nur nein! Du hast noch über eine Stunde bis zum von dir angepeilten Ankerplatz. Bei den schwachen östlichen Winden sollte er reichen. Den Wecker habe ich ja auch schon gestellt. Morgen früh um drei Uhr wird es weiter gehen. Nach diesem Langen schlag nochmal raus und vor den Inseln weiter wäre absolut unvernünftig. Soweit bist du nicht. Noch nicht.

Noch fast eineinhalb Stunden segle ich weiter nach Westen, der Wind nimmt unterdes ab. Zu dieseln kann ich aber kaum über mich bringen. Erst zum Ende hin starte ich den Diesel und berge die Segel. Südlich der Tonne MG4, im flachen Bereich hinter einer Untiefe fällt der Anker um Acht Uhr auf zweieinhalb Meter Tiefe. In sieben Stunden schon wird mich der Wecker zur Weiterfahrt auffordern. Ein Hochwasser werde ich hier nicht erleben. Trotzdem strecke ich die gesamte Leine – gut ankern geht hier wohl nur wegen der schwachen Winde.

Während ich mir ein schnelles Abendessen koche, es gibt Nudeln mit Tomaten, reinige ich die Petroleumlampe. In der vergangenen Nacht hat sie gerust, das Glas ist schwarz.

Nach dem Abtrocknen wird sie gesetzt und das Essen verputzt. Keine halbe Stunde nachdem der Anker gefallen ist liege ich mit geputzten Zähnen in der Koje.

Hoffentlich werde ich bald und gut schlafen…

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Sebastian

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