Dahin wo alles begann

Nachdem der Wecker um drei Uhr in der Früh klingelt dauert es nur eine viertel Stunde bis der Anker mit dem Sicherungsstift am Bug befestigt ist. Der Wind ist komplett eingeschlafen und so geht es mit tuckerndem Motor durch das Wattenmeer in Richtung des nächsten Wattenhochs. Es sind nur drei Seemeilen, doch das auflaufende Wasser bremst spürbar aus. Das hier im Wattenmeer fast alle Tonnen unbefeuert sind macht es nicht gerade einfach. Die dunkle Nacht mag im Sommer nur kurz sein. Aber um drei Uhr ist es auch Anfang Juni noch stockfinster. Nur zwei Feuer helfen mir den Kurs zu halten. Das eine ist eine befeuerte Tonne in der Ferne, das andere ein Leuchtturm. Zwei Feuer, beide weit entfernt. Und das mitten im Wattenmeer mit seinen Untiefen. Ich bin froh nebenher noch ein Tablett mit Navigationsapp laufen zu haben.

Viel zu tun ist allerdings nicht. Der Dieselmotor schiebt uns zuverlässig durch die Wattlandschaft, das Fahrwasser ist breit und tief, Verkehr ist keiner. Entsprechend wenig habe ich zu tun. In den neunzig Minuten bis zum nächsten Wattenhoch  begegne ich nur einem einzigen Schiff, einem kleineren Frachtschiff das in deutlichem  Abstand mich passiert.

Mittlerweile hat die Dämmerung deutlich begonnen. Letztlich hatte es seinen Vorteil so langsam unterwegs zu sein. Wäre ich deutlich früher vor dem Wattenhoch gewesen, ich hätte die nötigen Seezeichen nicht gesehen, hätte keine Chance gehabt es anzusteuern. Selbst jetzt, mit dem ersten Licht der Dämmerung, muss ich mich anstrengen um die Pricken zu erkennen.

Mit der Morgendämmerung frischt der Wind etwas auf und so rolle ich, kaum liegt das Wattenhoch achteraus, die Genua aus. Doch auch nachdem ich noch das Großsegel hochgezogen habe schaffen wir unter Segeln nur etwa 0,5 Knoten. Ich will heute bei Zeiten nach Harlingen und so lasse ich den Diesel weiter mitlaufen.

Während wir uns über das Wattenhoch unter Terschelling bewegen spiele ich die Möglichkeiten für den Rückweg durch. Letztlich sind es drei Stück. Wieder durchs Watt zurück, Vlieland raus und außen herum oder binnen, über die Kanäle nach Lauwersoog oder gar Delfzijl.

Durchs Watt zurück scheidet gleich aus. Ich möchte nur ungerne genau den gleichen Weg zurück nehmen wie ich gekommen bin. Und auch außen herum – so lockend die Vorstellung auch ist: Ich tue mir schwer damit. Das Seegatt von Vlieland ist wohl nicht ganz einfach, im Revierführer wird gar komplett davon abgeraten es zu befahren.

Und so bleibt die Binnenroute. Ein weiteres Argument hierfür wäre die Möglichkeit ein wenig auf BEAs Spuren unterwegs zu sein – selbst wenn es nicht lange ist. Das reizt mich ungemein. Und, wie ich schmunzelnd feststelle: Auf diese Weise könnte ich heute Nacht gemütlich durchschlafen. Irgendwann öffnen die Brücken nicht mehr. Also binnen. So bin ich, wenn alles gut geht, morgen Abend in Lauwersoog.

Gegen sechs ist der Wind wieder komplett eingeschlafen und ich berge die Segel. Sonst hängen sie nur nutzlos herum.

Eigentlich ist Sommer. Doch dieser Morgen ist frisch. Und so schnappe ich mir eine Decke, kuschle mich im Cockpit in sie. Natürlich könnte ich mich auch dicker anziehen, doch so ist es einfach gemütlicher.

Um sieben Uhr drehe ich auf. Und das im mehrfachen Sinne. Ich bin plötzlich richtig wach, fast schon aufgedreht. Mir ist regelrecht nach Tanzen. Ich habe meine Bluetooth-Box geholt und Musik angemacht, hibbel im Cockpit herum. Ich bin wahrlich bester Laune. Heute erfülle ich ein Versprechen das ich mir während meiner Törns mit BEA selbst gegeben habe! Ein großartiges Gefühl.

 

Kurz darauf frischt der Wind auf und ich setzte eilig die Segel. Er kam recht plötzlich und reicht sogleich um gut zu segeln. Mit fünf bis sechs Knoten über Grund geht es weiter. Glücklicherweiße hatte ich direkt davor das Wasser für meinen Brei gekocht. Denn während ich diesen mit dem Löffel aus der Schale schiebt Bea Orca Lage. Wir segeln hoch am Wind. Hierbei kommt mir ein weiterer Punkt auf meiner ToDo-Liste: Eine Kardenik und Topfhalter. Auch bei solchen Bedingungen etwas kochen zu können, das dürfte für längere Schläge wichtig werden.

Die Navigation wird zunehmend schwierig. Hier stehen links und rechts des Fahrwassers unzählige Holzstangen im Wasser, sie alle sehen aus wie Pricken. Doch das kann nicht sein, es sind zu  viele und zu konfus. Ob es etwas von Fischern ist? Oder doch Pricken? Ich werde nicht schlau aus der Sache, versuche nur irgendwie dem Fahrwasser zu folgen, mich meinem Ziel zu nähern. Wenigstens ist der Motor aus, sollte ich in ein Netz geraten wird dieses nicht von der Schraube erfasst und eingewickelt.

Als es dann auch noch anfängt zu regnen fliegt die Decke geschwind unter Deck. Zum Glück habe ich bereits nach dem Aufstehen mein Ölzeug angezogen. So bleibe ich zumindest trocken.

Ein Blick aufs Tablett lässt die Laune aber sogleich wieder steigen. Mit sagenhaften sieben Knoten über Grund bewegen wir uns durch das Wattenmeer. Ein traumhafter Segelwind, mehr als ich zu hoffen gewagt hatte. Voraus liegt das tiefe Fahrwasser von Vlieland nach Harlingen. Noch schiebt der Ebbstrom kräftig mit, bald werde ich ihn aber von vorne haben. Doch ich habe Wind, kann segeln. Da mag ich mir von sowas nicht die Laune verderben lassen. Noch wichtiger aber: Ich werde es schaffen, werde mir den Traum meiner Törns mit BEA erfüllen.

Ein Fixpunkt aller drei Törns mit meinem Schlauchsegelboot war Harlingen. Beim ersten Mal war es ehr ein „na ich will mal wieder ans Meer“ – man war ja schon so nahe. Beim zweiten und dritten Törn hingegen war es die See die mich gerufen hat. Mein Herz verlangte danach, selbst wenn es ein mühsamer Kraftakt war, ich viele Stunden mit dem Paddel meine Kleine über Kanäle und oft genug gegen den Wind vorwärts schieben musste. Die See, sie war es stets wert gewesen.

Viele Stunden saß und stand ich in dieser Stadt, in Harlingen, auf dem Deich und am Meer. Blickte raus aufs Watt. Und träumte. Träumte von einem Boot das es mir erlauben würde die geschützten Seen und Kanäle von Friesland zu verlassen. Träumte davon in See zu stechen. Das Wattenmeer und die offene See zu erkunden. Land achteraus, der blaue Horizont. Die salzige Luft in einer frischen Brise. Ich konnte es vor meinem inneren Auge sehen, konnte spüren wie sich mein Geist danach sehnte. Die Versuchung durch die Schleuse zu fahren und in See zu stechen, sie war stets groß. Doch was siegte war die Vernunft.

Doch jetzt würde es endlich soweit sein. Mein großer Traum, mit meinem Eigenen Boot auf dem Seewege nach Harlingen zu kommen, er würde in Erfüllung gehen. Etwas mit dem ich vor wenigen Tagen nicht gerechnet hatte. Jedenfalls nicht dieses Jahr.

Ich würde von See kommend diese wundervolle, alte Hafenstadt ansteuern.

In meiner Brust schlug mein Herz ganz aufgeregt. Alleine die Vorstellung, diesen Traum mir selbst zu erfüllen, das Versprechen das ich mir gegeben hatte einzulösen. Es war unglaublich.

Auf dem Weg nach Harlingen hatte ich dann doch noch die Tide gegenan. Doch dank des kräftigen Windes schaffte ich es auch hier noch mit drei Knoten über Grund voran zu kommen.

War ich bisher recht alleine auf dem Wasser gewesen musste ich nun plötzlich auf andere Boote acht geben. Ein Boot nach dem Anderen hielt auf Vlieland zu, wollte beachtet werden. Ich war froh auf der anderen Seite des Fahrwassers unterwegs zu sein.

Immer wieder wechseln sich helle Wolken und dicke Regenfelder ab, die Sonne kommt kaum heraus.

Doch je weiter wir kommen, desto deutlicher wird Harlingen am Horizont sichtbar. Und jedes Mal wenn ich die Umrisse etwas besser erkenne schlägt mein Herz einen kleinen Ticken schneller. Harlingen, Stadt meiner Träume. Bald bin ich wieder bei dir. Wie es wohl sein wird? Sich diesen Traum zu erfüllen? Dieses Versprechen einzulösen? Dreiunddreißig Monate ist es nun schon her das ich zum ersten Mal in diese Stadt kam. Damals betrat ich gleich hinterm Campingplatz im Süden von Harlingen den Deich und erblickte zum ersten Mal seit ich angefangen habe zu segeln die See. Ich erinnere mich noch genau daran, an die Gefühle die mich damals umströmten. Sie haben seit diesem Tage mein Leben bestimmt. Damals hatte ich mir versprochen eines Tages hier her von See aus zu kommen. Und heute, dreiunddreißig Monate später, würde es endlich so weit sein. Alleine der Gedanke war überwältigend.

Während wir uns langsam Harlingen nähern schwächt der Wind langsam ab bis er schließlich, etwa fünf Seemeilen vor der Stadt, komplett einschläft. Doch als zeitgleich die letzte Regenzelle vorüber zieht und die Sonne hinter den Wolken auftaucht, schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Mittlerweile kann man die Silhouette von Harlingen gut erkennen. Ein wundervoller Anblick!

Aufgrund des fehlenden Windes berge ich wieder die Segel und starte den Motor. Auch wenn ich lieber bis in den Vorhafen gesegelt wäre, mein Herz rast vor Freude. Wie viele Stunden, Tage, Wochen ich wohl hiervon geträumt habe? Hier hat alles angefangen. In Harlingen war es, wo ich den Traum vom Meer zu träumen begann. Wo mich die Sehnsucht überkam, die lieblichen Weiten der See überwältigten. Wo ich den Traum der See zu träumen begann. Hier war es, wo sich mein Leben änderte, wo es eine unerwartete Bahn einschlug. Wo sich alles verändert hat. Und nun würde ich wieder hier sein. Würde das Versprechen das ich mir und der See vor fast drei Jahren gab einlösen. Auf Gewisse weiße würde ich wohl erst heute meine Törns mit meinem Schlauchsegelboot beenden.

Kurz vor Harlingen war dann Ende mit Fotografieren. Speicherkarte voll. In Harlingen muss ich die Fotos auf den Laptop speichern und dann löschen. Doch ist dies kein Problem, ich habe bereits genug Bilder von Harlingen von See kommend gemacht, bin sowieso fast da.

Schließlich laufe ich in den Vorhafen ein. Blicke mit klopfendem Herzen an jene Orte die ich bereits auf meinen Törns mit meinem Schlauchsegelboot BEA besucht habe. Es ist ein wenig als würde mein Zuhause nach Hause kommen. Der Heimathafen mag, auch emotional Cuxhaven sein. Aber auf eine gewisse weiße, in meinem Herzen, auf Harlingen. Hier hat so viel begonnen. Diese Stadt hat einfach einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.

Während ich mich durch den Vorhafen in Richtung der Brücken zum Zuiderhaven bewege werde ich ganz ruhig. Geradezu tiefenentspannt. Ich habe es gespannt. Dies ist ein Traum der Wirklichkeit wurde, ein Versprechen das ich mir selbst erfülle. Und ich genieße es aus vollen Zügen.

Die Brücken öffnen sich wie von den Niederlande gewohnt zügig und ich laufe in den Zuiderhaven ein. Die im Revierführer versprochene Tankstelle kann ich nicht entdecken und so lege ich zunächst einfach an einem Steg ganz hinten an.

Als Bea Orca fest ist atme ich tief durch.

Es ist geschafft. Der Kreis schließt sich. Ich habe Wort gehalten. Ich bin, von See kommend, mit meinem eigenen Boot, mehr noch, meinem Zuhause, nach Harlingen gekommen.

Ich bin wieder da wo alles angefangen hat.

Dieser und die nächsten Beiträge haben einen starken Bezug auf meine Törns mit meinem Schlauchsegelboot BEA. Die Vorgeschichte findet ihr in meinem Buch. Hat euch der Beitrag gefallen? Dann teilt ihn doch mit euren Freunden!

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Sebastian

2 Comments

  1. Schöner Törn durchs Watt. Liege seit einigen Jahren mit meiner Shrimper 19 in Zoutkamp am Lauwersmeer. Wenn die Tide und der Wind gnädig sind ist das Watt um Shiermonnikoog mein Revier. Wunderbar da!

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