Die Erfüllung eines Traumes

Kurz nach dem Festmachen komme ich mit einem Niederländer auf dem Nachbarboot ins Gespräch. Eine Tankstelle? Die gibt es hier schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Soweit er wisse wäre die nächste Bootstankstelle hinter der Schleuse am Ortsausgang von Harlingen. Und tatsächlich ist dort eine auf meiner alten Wasserkarte die ich noch von meinen Törns mit BEA habe eingezeichnet.

Und so lehne ich das lieb gemeinte Angebot, mich und meine Kanister mit dem Auto zu einer Tankstelle zu fahren ab. Ich habe noch genug Diesel um ein ganzes Stück weiter zu kommen. Nur für den Rückweg nach Cuxhaven, da könnte es knapp werden. Besonders da ich ja mindestens bis Lauwersoog die Staande-Maast-Route befahren will.

Auch der Hafenmeister ist, ich bin noch nicht an Land, da. Doch ich darf hier kostenlos für ein paar Stunden liegen und so überlässt er mich alsbald meinem Wege in die Stadt.

Mollys!!! 🙂

Auf mich wartet zunächst ein ehr… ungewöhnlicher Programmpunkt: Shopping. So kreativ meine Gastlandflagge auch sein mag, ich will eine richtige. Mit meiner gemalten kann ich als Notlösung gut leben, wenn ich nun aber die Möglichkeit habe sie gegen eine „Richtige“ zu tauschen, so will ich dies auch tun.

Durch Harlingen zu schreiten hat etwas seltsames. Ich kenne den Ort, die Straßen. Obwohl es schon über zwanzig Monate her ist seit ich zuletzt in dieser schönen Stadt war kenne ich die Straßen und Wege, weiß wie ich gehen muss um meine Ziele zu erreichen.

Zunächst betrete ich den Watersportwinkel und kaufe mit eine kleine Gastlandflagge. Eine leichte Last fällt von meinem Herzen. Ich mag die Niederlande. Und obgleich ich selbst mir nicht viel aus dieser Flaggengeschichte mache, alleine zu wissen das ich so manchen Einheimischen damit verärgern könnte hatte mich belastet. Auf See weniger, doch jetzt, im Hafen, war die Chance das jemand meine Improvisation bemerkt deutlich größer.

Durch die Gassen zwischen den großen, historischen Bauwerk hindurch geht es als nächstes zum Käsegeschäft. Brockel kaufen, meinen Lieblingskäse. Er ist sehr alt, wie alt wissen für gewöhnlich selbst die Verkäufer nicht so genau. Gut gereift schmeckt dieser kaum zu schneidende und eben bröcklige Käse aus Nordholland vorzüglich.

Leider ist er in Deutschland kaum zu bekommen. Tatsächlich sollte ich ihn hierzulande das erste Mal einige Wochen später auf dem Markt in Cuxhaven entdecken. Doch das wusste ich noch nicht – und so kaufte ich mir trotz des Preises ein großes Stück. Den wollte ich genießen.

Vorbei am Noorderhaven ging es zu Mollys, meiner Stammpommesbude in der Stadt. Schon verrückt. So etwas habe ich sonst nirgendwo. In Cuxhaven habe ich keine Stammimbissbude, Restaurant, Döner oder ähnliches. Ich gehe kaum aus essen. Aber hier, in dieser Stadt in einem anderen Land – hier kann ich nicht her kommen ohne mir von den stets freundlichen, jungen und hübschen Frauen eine Portie Patat servieren zu lassen. Und dann schmeckt es auch noch gut!

Mit gebrochenem Niederländisch bekomme ich meine Bestellung heraus. Viel konnte ich nie und meine lange Abwesenheit aus diesem Land hat dies sicherlich nicht verbessert. Ganz im Gegenteil. Doch auch die wenigen Brocken lassen das Lächeln etwas breiter werden.

Da hat’s angefangen….

Obwohl ich heute definitiv noch weiter möchte lasse ich mich nicht stressen. Für Harlingen nehme ich mir alle Zeit die ich brauche. Selbst wenn ich die Nacht hier bleiben muss.

Der Campingplatz südlich von Harlingen. Hier kam ich während meines ersten Schlauchsegelboottörns am Meer an…

Schließlich verabschiede ich mich – „Tot ziens“ – und mache mich daran meinen Weg fortzusetzen.

Es gibt einen Ort an den ich einfach noch muss. Wie ein Pilger auf dem Weg zu seinem Tempel folgte ich dem Deich und verließ die Stadt. Der emotional vielleicht wichtigste Ort in Harlingen – liegt eigentlich gar nicht in Harlingen. Es ist jener Ort, an dem sich mein Leben änderte. An dem mich die Liebe zur See mit aller Wucht überkam, an dem für mich die Zeit stehen blieb. Es ist jener Ort, an dem ich bei meinem ersten Besuch in der Stadt vom Campingplatz aus den Deich betrat und raus aufs Meer blickte.

Ein unglaubliches Gefühl durchdringt mich. Ich hab’s geschafft. Bin wieder da wo alles angefangen hat, wo sich mein Leben verändert hat. Wo es eine zuvor ungeahnte Bahn eingeschlagen hat. Ich habe mein Versprechen das ich mir 2014 selbst gegeben habe eingelöst. Es ist…


Ich versuche meine Gefühle in Worte zu fassen, nehme ein Video auf. Und bleibe schließlich auf dem Deich stehen, koste diesen Moment des Erfolges und des Glücks vollkommen aus. Es ist einfach großartig.

Es fällt mir schwer mich auf den Rückweg zu machen. Wobei, noch ist es nicht der Rückweg. Es gibt noch einen – nein, eigentlich zwei Orte die ich besuchen mag.

Und so geht es bevor ich die Stadt betrete auf den Deich der den Vorhafen schützt. Als recht schüchternen Menschen fällt es mir schwer Fremde zu fragen ob sie ein Foto von mir machen können. Und so habe ich nur wenige von meinen Reisen. Während meiner ersten Törns hat eine Deutsch-Niederländische Familie sowie ein Polizist ungefragt von mir Bilder gemacht – und sie mir dann zugeschickt. Doch selbst die Initiative ergriffen habe ich während aller drei Törns nur einmal. Und da wo dieses Foto entstand, da möchte ich ein zweites. Auch wenn es bedeutet mich wieder selbst zu überwinden und jemanden zu fragen.

Mit großen Schritten geht es zum Ende des Deiches, nur wenige Meter von mir entfernt liegt die Einfahrt des Vorhafens durch die ich erst vor wenigen Stunden eingelaufen bin. Wie viel Zeit ich doch hier einst verbracht, Boote beobachtete und davon träumte genau dies selbst zu tun. Und nun habe ich es tatsächlich getan.

Das war im Spätsommer 2015…

…und das zwanzig Monate später, im Juni 2017

Beflügelt von diesem Gefühl fällt es mir verhältnismäßig leicht ein junges Paar, die einzigen anderen Menschen die gerade hier sind um ein Foto zu bitten.

Knips, Knips, Knips. Und schon verabschiede ich mich wieder. Ich möchte sie in ihrer Zweisamkeit an diesem wundervollen Ort nicht länger stören. Schon so haben sie extra für mich Platz gemacht, saßen sie doch genau dort wo ich das Foto gemacht haben wollten.

Langsam wird es für mich Zeit meinen Törn fortzusetzen. Doch zunächst gehe ich noch einkaufen. Einige Leckereien wollen auch auf diesem Törn nicht ausgelassen werden. Die Käse habe ich schon, doch noch fehlt mit Spekulatiuscreme (jamjamjam) – und natürlich Vla, die Niederländische Speise die ich durch einen, nun ja, Zufall bereits als Kind kennenlernen durfte. Köstlich!

Zusammen mit einigen weiteren Lebensmitteln wandern sie auf Bea Orca. Einige letzte Blicke auf diese schöne Stadt gönne ich mir während ich über Umwege zurück zu Bea Orca gehe.

Es ist wirklich schön hier. Ausgesprochen schön. Ja, die Stadt gefällt mir, ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch. Doch sie ist nicht mehr was sie einst für mich war.

Harlingen war für mich seit meinem ersten Besuch hier das Tor zu meiner Welt, zur See. Es war für mich ein Ort zum Träumen. Ich bin Glücklich nun da ich die Träume von damals lebe hier her gekommen zu sein. Doch bin ich auch ein kleinwenig traurig. Denn, das spüre ich: Mit meinem Besuch hier hat sich ein Kreis geschlossen. Heute, an diesem Tage, haben meine Törns mit BEA in Friesland auch emotional ihr Ende geschlossen. Schon möglich das ich irgendwann  BEA bei meinen Eltern abhole und wieder auf Törn gehe. Aber es wird nie wieder so sein wie es war.

Bea Orca in Harlingen…

Sich einen Traum erfüllen? Großartig! Und doch, nicht immer ist es ganz so einfach. Denn die Erfüllung eines Traumes kann auch das Ende eines schönen Weges bedeuten. Habt ihr so etwas auch schonmal erlebt? Erzählt mir davon in den Kommentaren!

Die Hintergründe zu diesem Beitrag findet ihr in meinem Buch über meine Törns mit meinem Schlauchsegelboot.

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Sebastian

2 Comments

  1. Hallo Sebastian.
    Welche Wasserkarte hast du bei deinem ersten Törn mit BEA benutzt? Oder welche kannst du empfehlen?
    Wie du wieder nach Harlingen zu kommen, hatte ich mit Wilhelmshaven. Das erste mal bin ich mit meiner Tochter dort vor 2 Jahren mit einer VB480 gewesen. Klasse war es die Stadt aus einem anderem Blickwinkel zu sehen und unter äußerst primitiv unter der Zeltpersenning zu leben.
    Dieses Jahr habe ich mir eine ca. 6m lange Carina 19 gekauft. 2 Wochen nach dem Kauf haben wir auch schon im gleichen Hafen in Wilhelmshaven festgemacht.
    Diese Erlebnisse sind nicht so leicht in Worte zu fassen aber das kennst du ja.
    Deinen Blog finde ich super klasse.

    • Die ANWB Wasserkarte für Friesland. War damit eigentlich zufrieden. Nur ändert sich halt mit der Zeit auch Binnen was… 😀
      Dahin zu kommen wo etwas für einen angefangen hat ist schon was besonderes 🙂
      Freut mich das dir mein Blog gefällt 🙂
      Viele Grüße,
      Sebastian

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