Veränderung – Auf den Spuren von BEA.

Nach einem reichhaltigen Mittagessen aus Vla und Brötchen mit Käse sowie mit Spekulatiuscreme – also auf verschiedenen Brötchen – legt Bea Orca wieder ab. Ich möchte noch etwas Strecke in Richtung Leuwaarden zurück legen bevor die Brücken sich nicht mehr öffnen um morgen bis Lauwersoog zu kommen. Und das am liebsten ohne übermäßigen Stress.

ups…

Die Brücken öffnen sich zügig und schon kurz darauf warte ich vor der Schleuse. Wie oft ich doch als ich mit BEA hier war davon geträumt habe hier rein- oder gar raus zu schleusen. Nun würde es dazu kommen. Ich bin gespannt auf die Schleuse. Weniger wegen der Vergangenheit denn wegen der Tatsache das ich erst ein einziges Mal geschleust habe. Und da gab es einen Schwimmsteg zum festmachen in der Schleuse. Ob es wohl hier wieder so sein wird?

Als nach längerer Wartezeit die Schleuse öffnet muss ich feststellen das dem nicht so ist. Stattdessen muss ich über feste Poller an der Wand die Leinen legen. Eilig lege ich die Heckleine über und lasse sie lose hängen während ich zum Bug laufe und es dort ebenso mache. Nur das ich die Bugleine wieder mit hinter nehme. Doch… was ist das?

Erschrocken stelle ich fest das sich der Bug zunehmend nach unten neigt. Das Wasser wird abgelassen – und Bea Orca hängt sich auf!

Sofort springe ich zur Leine. Sie ist unter die Heckklampe gelaufen und hat sich dort verkleilt. Ein lösen ist so nicht mehr möglich, das Heck hängt bereits spürbar aus dem Wasser. Es dauert kaum einen Augenblick bis ich mit einem scharfen Messer bewaffnet mit einem Schnitt die Leine durchtrenne. Mit einem Platschen landet das Heck im Wasser und es gelingt mir geradeso noch das Ende der Leine zu schnappen um ein Vertreiben in der Schleuse zu verhindern.

Doch der Spuk ist schon vorbei, kaum hat sich mein Herzschlag wieder etwas beruhigt beginnen sich die Tore der Schleuse zu öffnen. Und der Dieselmotor schiebt uns gutmütig auf den Van Harnixmakanal. Was für ein Unterschied. Statt mühsam, bewaffnet mit einem Paddel sich vorwärts zu kämpfen tuckert einfach der Motor, schiebt mit ruhigen 3 bis 4 Knoten mein Boot und mich vorwärts.

Gleich hinter der Schleuse lassen wir den Wassersportverein achteraus. Ab sofort folge ich dem Kiel- oder sollte ich besser sagen Schwertwasser von BEA. Es ist wie eine kleine Zeitreise.

Vorbei geht es an einigen Booten und Schiffen, Gärten und Häusern. Ich weiß, die schönsten Kanäle in Harlingen werde ich nicht befahren. Sie führen richtig durch die Altstadt, wären aber ein Umweg – und zumindest teilweise mit Bea Orca gar nicht befahrbar.

Um kurz nach fünf verlassen wir durch meine aller erste Binnenbrücke Harlingen. Den vor mir liegenden Kanal kenne ich – in beide Richtungen.

Bei meinem aller ersten Törn habe ich ihn bereits kennengelernt. Bis zum letzten Moment war ich in Harlingen, am Meer geblieben. Am kommenden Tag sollte der Wind drehen. Und um dann nicht gegenan zu paddeln oder gar den gleichen Weg zurück wie auf dem Hinweg nehmen zu müssen blieb mir nichts anderes übrig als zu starten.

Unter Segeln ging es auf dem breiten Kanal nach Osten. Erst kurz vor Leuwaaren schlief der Wind ein und ich musste paddeln. An diesem Tag war ich über 12 Stunden auf meinem Schlauchsegelboot BEA, habe still hinten auf dem Schlauch gesessen, in der einen Hand die Pinne, in der anderen die Großschot. Selbst so etwas wie eine Curryklemme hatte sie nicht.

Das zweite mal war auf dem zweiten Törn. Friesischer Winter. Vielleicht mein Lieblingstörn mit BEA. Im März hatte ich etwas freie Zeit und da gerade das Wetter passte ging es in die Niederlande. Zwar war es im Winter – doch hatte ich in diesen zwei Wochen sicherlich mehr Sonne denn während meiner Sommertörns. Von Sneek kommend war ich über gemütliche Kanäle bis ich schließlich ein Stückchen östlich von Franeker auf den Van Harnixmakanal gefahren bin. Paddelnd, dieses Mal.

Beide Male hatte der Kanal nicht den besten Eindruck auf mich hinterlassen. Über längere Strecken Industrie, zudem regelmäßig wenn Boote an mir vorbeigefahren sind eine Kappelwelle. Alles in allem: Nicht meine liebste Ecke in Friesland. Andererseits:

Ich erinnere mich auch sehr gut an die freundlichen Profis auf den Plattbodenschiffen, wie sie im Winter während sie ihre Schiffe auf die Saison vorbereiteten zugewinkt haben. Und an den Binnenschiffer der aus seinem Schiff die Fahr rausgenommen hat, die Schraube stoppte und nur an mir vorbei trieb um mich nicht mit seinen Wellen zu erfassen, mir das Leben etwas einfacher zu machen. Und mich dabei noch sehr freundlich grüßte.

Wie würde es nun sein, selbst auf einem größeren Boot unterwegs?

Bevor ich das Industriegebiet verlasse biege ich noch in einen winzigen Seitenkanal ein. Laut Wasserkarte soll hier die Tankstelle sein. Doch: Fehlanzeige.

Und so geht es weiter den Kanal entlang.

Viel schneller als in meiner Erinnerungen verlassen wir das Industriegebiet und schon bald darauf taucht Franeker vor mir auf. Bereits während meiner Törns mit BEA hatte mir diese Stadt im Vorbeifahren durchaus gefallen. Doch wie schon die letzten beiden Male habe ich es eilig. Ich will und muss Strecke machen. Und so bin ich froh das die Brücke in der Stadt alsbald öffnet, mich hindurchlässt.

Jetzt, in der Saison, liegen am Ortsausgang weniger der schönen, alten Traditionssegler. Doch auch heute liegt hier das eine oder andere Sehenswerte Schiff und ich genieße den Anblick.

Etwa ab da, wo ich während meines zweiten Törns mit BEA auf dem Weg nach Harlingen auf diesen Kanal gefahren bin wird er grün. Welch Ironie. Damals, unterwegs in die andere Richtung, ärgerte ich mich an dieser Stelle über die Bebauung, die Industrie. Doch mag es auch am veränderten Blickwinkel liegen. Ich sitze nun ein ganzes Stück höher, habe das Wasser nicht mehr auf Augenhöhe. Und: Ich blicke über den Deich.  Sehe Weiden und Felder, Häuser und Windmühlen. Ich bin unterwegs auf den Spuren der Vergangenheit, folge einem kleinen Teil meiner Route mit BEA. Und doch, nun mit Bea Orca: Es ist komplett anders. Als wäre es ein ganz neuer Ort.

Kurz vor Dronrijp biege ich in einen stellenweise selbst für mich flachen Seitenkanal ein. Auf meiner alten Wasserkarte, ich habe sie mir vor drei Jahren für meine Törns mit BEA gekauft, ist hier eine Tankstelle eingezeichnet. Und tatsächlich: Diese Tankstelle vermag ich zu finden. Doch mehr auch nicht, sie ist nicht nur geschlossen sondern gar außer Betrieb. Dicke Spinnenweben und Rost zeugen davon, das hier schon länger nichts mehr passiert. Verdammt. Langsam will ich wirklich tanken.

Die nächste Bootstankstelle auf der Karte liegt in Leuwaarden. Wenn auch die zu hat, so beschließe ich, gehe ich mit den Kanistern los. Danach ist die nächste größere Stadt Dokkum, wer weiß wie weit im Notfall dazwischen eine Tankstelle weg sein mag. Nein, das werde ich nicht riskieren. Leuwaarden wird getankt – auf die Eine oder Andere weise.

Ein weiteres Mal geht es auf den Spuren von BEA weiter nach Osten. Mit gespaltenen Gefühlen denke ich an die Törns. Sie haben mich dahin gebracht wo ich heute bin. Ich bin unglaublich glücklich hier zu sein. Und zugleich: Ich spüre das hier und heute etwas seinen Abschluss gefunden hat. Meine Törns mit BEA, wie habe ich sie genossen. Und wie gerne erinnere ich mir ihrer. Sie haben einen wichtigen Platz in meinem Herzen. Und doch, ganz gleich was ich noch erlebe, was ich noch tun werde. Ganz gleich was kommt. Die Törns mit ihr: Dieses Erlebnis was ich auf allen drei Törns hatte, die Gefühle. Ich werde sie nie wieder haben können.

So einen Kreis zu schließen ist ein tolles Erlebniss – und doch ist es auch ein Ende, ein Grund zurück zu blicken. Und möglicherweiße kurz sentimental zu werden. Kennt ihr das? Erzählt mir davon in den Kommentaren!

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Sebastian

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