Der hat doch ne Schraube locker!

Nach einem Vla- und Käsereichen Mittagessen geht es zu Fuß zur Windmühle. Ich liebe Windmühlen – sie sind einfach großartig. Es handelt sich um ein großes Exemplar. Sie steht an einem großen, weißen Haus das sicherlich zur eigentlichen Mühle gehört und selbst schön anzusehen ist. Der untere Teil der Mühle besteht aus Backstein, der obere ist Reet gedeckt. Am übergang eine Terasse die rund um das Bauwerk führt. Und dann die gewaltigen Flügel. Einfach toll. Über zehn Minuten stehe ich vor der Mühle, sehe sie mir an, mache Fotos. Und freue mich einfach endlich mal wieder eine aus nächster Nähe sehen zu können.

Schließlich reiße ich mich los. Bald öffnet die Brücke wieder und ich will davor die Brückenwärterin abpassen. Denn auch hier wird Brückengeld gesammelt und mir fehlen die nötigen Münzen. Also nichts wie los.

Nach fünf Minuten am Brückenwärterhäusschen kommt die Wärterin tatsächlich in Uniform von ihrer Mittagspause und wechselt mir einen Schein.

Eilig mache ich mich auf den Rückweg zu Bea Orca. Es geht vorbei an einem kleinen Hafen voller Boote, der Mühle und der zweiten – für mich ersten – Brücke und wieder an Bord. Die Ampel zeigt schon das sich die Brücke bald öffnen wird, ich starte den Motor und lege ab. Aus der Bluetooth-Box erklingt Musik. Es geht weiter. Ich habe tatsächlich eine realistische Chance heute bis Lauwersoog zu kommen. Dann morgen durch die Schleuse raus. Ob es dann übers Watt oder außen herum weiter geht? Das weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall kann ich die Sturmtage auf einer Nordseeinsel verbringen. Borkum, Juist und Norderney stehen zur Auswahl. Was freue ich mich dort drauf kann es kaum erwartet. So ein Sommersturm auf einer der Inseln ist sicherlich ein spannendes Erlebnis. Da sieht man doch gerne darüber hinweg das man nicht segeln kann. Oder es zumindest tunlichst lassen sollte.

Die Brücke hat sich geöffnet, die ersten Boote sind bereits durch. Ich werde sie als letztes Passieren. Doch… was ist das?

Mir fällt ein seltsames Geräusch auf, wie ein Rasseln. Doch es sind nicht etwa spielende Kinder an Land, nein, das Geräusch kommt eindeutig aus dem Motorraum.

Schneller als ich mir selbst zugetraut hätte nehme ich die Fahrt aus dem Boot, öffnete den Deckel zum Motor im Niedergang und werfe einen Blick rein. Brummend und vibrierend sitzt der Motor auf seinem Sockel. Auf den ersten Blick ist alles okay. Doch bereits beim zweiten fällt mir etwas auf. Da hängt etwas. Lose!

Ich liege still auf dem Kanal, die Poller an Land sind ganz in der Nähe. Zudem sind zahlreiche Menschen an Land zu sehen. Solange ich nicht weiß was hier los ist mag ich nur ungerne den Motor nutzen und so schalte ich ihn, mitten auf dem Kanal schwimmend ab. Notfalls habe ich lange Paddel, hier auf dem windstillen Kanal sollte selbst das reichen um Bea Orca die wenigen Meter bis zum Liegeplatz zu bekommen. Aber erstmal möchte ich etwas anderes probieren. Eine lange Leine liegt schnell in der Hand und fliegt zielsicher in Richtung Poller. Doch der Schwund hat gefehlt, ich versuche es ein zweites Mal. Wieder nichts.

Erst beim dritten Versuch landet die lange Leine über dem Poller und ich kann Bea Orca zurück zu ihrem alten Liegeplatz ziehen. Wie war das eben mit meiner Freude heute nach Lauwersoog zu kommen?

Jetzt kann ich froh sein wenn ich überhaupt noch irgendwo hin komme!

Einen Mechaniker werde ich weder heute noch morgen finden. Es sind Feiertage, da arbeitet so jemand nicht. Und ich selbst? Ich habe herzlich wenig Ahnung von Motoren. Hoffentlich ist es nichts ernstes. Immerhin muss Bea Orca in zwei Wochen wieder in Cuxhaven sein! Und…

Durchatmen, Sebastian. Vielleicht ist es ja eine Kleinigkeit und du kannst es in wenigen Minuten selbst beheben. Nur eine Lose Schraube vielleicht, etwas das du wieder rein schrauben musst. Und schon kannst du weiter. Oder du findest jemanden der dir helfen kann. Möglicherweise dein Bruder, der hat als Maschienenbauer viel mehr Ahnung von Motoren als du. Fernwartung, kann ja klappen. Oder einer der andern Wassersportler im Hafen weiter vorne.

Und wenn tatsächlich nichts hilft, dieses Dorf ist zwar nicht der beste Ort um einen Profi zu finden, aber… die zwei Tage wirst du verkraften können. Und selbst wenn ein Fachmann das nicht schnell reparieren kann: Du kannst im Zweifelsfall an Bea Orca auch einen Außenborder hängen. Der bringt dich bis Lauwersoog und danach in jeden Hafen. Also, beruhig dich und sieh dir die Misere erstmal an. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln das du auf eigenen Kielen mit deinem Zuhause rechtzeitig wieder nach Cuxhaven kommst.

Tatsächlich ist es nur eine Lose Schraube. Doch einfach rein drehen, das funktioniert nicht. Irgendwo klemmt es, sie will einfach nicht fassen. Scheiße!

Schließlich mache ich einige Fotos. Diese wandern zum einen auf die segeln-ist-leben.de Facebook Seite, zum anderen gehen sie an meine Familie – wo ich auch gleich anrufe. Mit meinem Üblichen „da ist ein Ding das dingst und nicht richtig und alles doof ich keine Ahnung“  versuche ich meinem Bruder das Problem zu schildern. Tatsächlich gibt er mir spontan ein paar Tipps was ich probieren könnte. So wie es aussieht habe ich durch die fehlende Schraube ein Leck im Öltank. Das geht natürlich nicht. Es könnte sein das ich den Öltank abbauen muss. Dafür müsste ich natürlich das gesamte Öl ablassen und auffangen. Schwierig, eine richtige Auffangwanne habe ich natürlich nicht an Bord. Und noch schwieriger: Ich habe nicht genug Motoröl an Bord um einen kompletten Ölwechsel durchzuführen.

Der nächste Tipp: Mit einem sauberen, durchsichtigen Schlauch und einem nicht minder sauberen Eimer das Öl aus dem Tank leeren um es später wieder zu verwerten. Auch… ungünstig. Alleine schon: Ich habe einen solchen Schlauch nicht! Und so beherzige ich schließlich den letzten Tipp: Sieh zu ob nicht jemand in der Nähe ist der Ahnung von Motoren hat und einen Blick drauf wirft. Denn ein Smartphonefoto im dämmrigen Motorraum in Kombination mit meinen ehr eingeschränkten Kentnissen von Dieselmotoren ist nun wahrlich nicht die beste Grundlage für eine Ferndiagnose.

Zögernd, ich muss wieder einmal mit meiner Schüchternheit kämpfen, gehe ich auf einen älteren Motorbootfahrer zu. Es ist ein Niederländer, ein Boot mit Adenauer liegt zu dieser Zeit hier nicht. Doch ich habe Glück, wir können uns gut verständigen und er kommt spontan mit, sich das ganze mal selbst ansehen. Die Diagnose ist ein kaputtes Gewinde. Deshalb greift die Schraube nicht mehr. Ich solle kurz warten, er habe das notwendige Werkezeug an Bord.

Wenige Minuten später steht er wieder in meinem Salon und dreht das Gewinde neu. Nun hält die Schraube, sitzt möglicherweise gar fester als zuvor. Eine Einladung lehnt er winkend ab. Er würde doch gerne dem Nachwuchs helfen.

Ich kontrolliere nochmal den Ölstand, fülle auch etwas nach. Denn als die Schraube lose saß ist durch dieses Leck etwas Öl rausgespritzt. Doch ich habe Glück, es war nicht viel. Und so mache ich mich schließlich auf, setzte meinen Weg fort. Jetzt aber ohne Musik – und das bei einem offenen Motorraum. Ob ich es heute noch bis Lauwersoog schaffe?

Ein Segler und sein Motor. Das ist, so wie man hört, recht häufig eine Hassliebe. Wie ist das bei euch? Schon mal Ärger mit dem Motor gehabt? Und könnt ihr euch gut selbst helfen oder seit ihr ähnliche Experten wie ich einer bin…

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Sebastian

2 Comments

  1. Du solltest auf die Terasse keinen Stuhl stellen nachher kommt der Müller der auf seinem Laufgang den Mühlenkopf in den Wind drehen will mit den weißen Stangen und stolpern könnte.

  2. Ich habe meinen LI (Leitenden Ingenieur) stets mit an Bord. Es ist so wunderbar beruhigend, wenn der Schatz Kfz-Meister ist und Dieselmotoren auch nach Sonnenuntergang mit verbundenen Augen hinterm Rücken kann. Ich erstarre meist in Ehrfurcht und Hochachtung, wenn er zaubert und die Maschine schlussendlich wieder sonor tuckert. Jetzt hat er übers segeln-forum.de mal 3 Termine „Motorkunde“ für Interessierte angeboten. Da die drei Termine ruck-zuck ausgebucht waren, scheint es wahrlich Bedarf zu geben, die Fragen, die sich dir auch stellten, demnächst allein beantworten zu können.

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