Autsch.

Das Brückengeld zahle ich an der zweiten Brücke. Hier sitzt auch die Brückenwärterin. Nur mit gemächlicher Fahrt geht es weiter, noch bin ich mit dem Motor unsicher. Ich hatte Glück im Unglück. Einerseits ist mir das Geräusch sofort aufgefallen. Gut, bei dem Scheppern der losen Schraube kein Wunder.

Zum anderen war ich gerade direkt neben einem Anleger. Doch was wenn so etwas mitten auf dem Kanal passiert? Links Schilf, rechts Schilf, dazwischen man selbst? Ankern? Wohl ehr nicht. Nicht nur weil es ein Kanal ist – der Platz fehlt auch. Entweder wäre die Leine zu kurz oder man würde gleich im Ufer hängen. Die beste Möglichkeit wäre wohl sich bis zum nächsten Anleger schleppen zu lassen. Wofür allerdings ein Boot in der Nähe sein müsste das auch dazu bereit wäre.

Die Schraube sitzt fest, rein logisch betrachtet weiß ich das. Trotzdem lasse ich Birdaard nur langsam hinter mir. Sicher ist sicher. Nur ich muss in die Reparatur erst Vertrauen gewinnen.

Das Wetter ist gut, viel Sonne, ein paar Wolken. Vom Wind her wäre wohl auch Segeln drinnen. Nur: Ich traue mich nicht. Was hatte ich mich an Bord von BEA immer gewundert das all die großen Boote über diese tollen Kanäle unter Motor fahren. Und jetzt? Jetzt habe ich selbst eines dieser größeren Boote – und tue genau das Gleiche. Aber plötzlich ist so ein Kanal so schmal, geradezu eng. Und das Boot ist kein Schlauchboot dem es nicht weh tut wenn man mal ans Ufer kommt. Alles ist so anders. Hier zu segeln, das traue ich mich einfach nicht. Ich könnte dabei nicht entspannen – und das will ich im Urlaub können.

Hier und da ein Bauernhof, weite Felder und Weiden, offenes, flaches Land. Schilf. Die Aussicht von Bea Orca aus ist eine komplett andere als auf Augenhöhe mit Schwänen während meiner Törns mit BEA. Was dabei besser ist, dessen bin ich mir nicht so sicher. Auf eine gewisse Weise fehlt mir das Langsame. Dieses langsame Dahintreiben, der Rausch der Langsamkeit. Jetzt und hier, mit Bea Orca unter Motor auf den Kanälen wird mir bewusst wie wahr der Titel meines Buches ist. Schnell kann jeder. Jeder kann unter Motor über die Kanäle mit drei, vier oder gar fünf Knoten rasen. Und obgleich ich langsam den Motor stärker nutze, beschleunige, ein Teil von mir vermisst das langsame dahintreiben mit meinem Schlauchsegelboot. Vermisst es die tausend Details der vermosten Uferbegrenzung zu bemerken. Den Vogel im Achterwasser zu beobachten. Oder sich einfach zwischen den hohen Schilfwänden zu verlieren. Es ist ein komplett andere Art des Reisens. Man gewinnt viel großes, verliert aber das kleine. Ich genieße es, genieße die Aussicht über das weite Land. Genieße die Abwechslung der großen Dinge. Und zugleich vermisse ich die Kleinigkeiten. Beides haben geht wohl kaum. Und doch, ich bin unendlich dankbar nun beides zu kennen.

Schließlich taucht vor mir Dokkum auf. Nicht so groß wie Leuwaarden, die Hauptstadt von Friesland, aber doch eine größere Stadt. Der Weg hier her war ruhig, die Zeit verging überraschend schnell. Mittlerweile wieder dem Dieselmotor vertrauend komme ich in der Stadt an. Ein großes Schild kündet sogleich vom bereitzuhaltendem Brückengeld. Kein Problem, das macht man doch gerne. Immerhin macht man sich hier ja einen richtigen Aufwand. Das Straßen geschlossen und Brücken zügig geöffnet werden kann einem schon ein paar Euro wert sein. Gerade in so einer Stadt mit einigen Brücken ist das sicherlich ein Aufwand.

Die Fünf Euro sind zudem ganz einfach, ein Schein und gut ist. Kein Klimpergeld notwendig. Und wenn man den tief in den Holzschuh steckt sollte das ja auch mit dem Wind kein Problem sein.

Doch noch vor der ersten Brücke beginnt meine Ansicht zu dem Thema zu kippen. Obwohl gerade keine Pausenzeit ist muss ich warten. Und warten. Und warten. Aus fünf werden zehn, dann zwanzig und schließlich fast dreißig Minuten bis die Brücke endlich öffnet. Die ganze Zeit muss ich bei laufendem Motor vor der Brücke warten. Das kenne ich so außerhalb der ausgewiesenen Pausenzeiten überhaupt nicht von den Niederlande. Es ist anstrengend, macht keinen Spaß. Und da ich noch die Hoffnung hatte heute bis Lauwersoog zu kommen wurde ich auch zunehmend ungeduldig. Was dauert das so lange?

Erst als schließlich ein Brückenwärter mit dem Fahrrad ankommt beginne ich zu erahnen was hier los ist.

Das Brückengeld wird in den Holzschuh gesteckt, dann geht es in die Stadt.

Dokkum erweist sich dann doch noch als eine schöne Zwischenstation. Mitten in der Stadt stehen zwei große Windmühlen, davor unzählige Anleger für Sportboote. Hätte ich etwas mehr Zeit, ich würde anlegen und hier mindestens eine Nacht verbringen. Doch ich will, nein, ich muss weiter. Wenn ich heute nicht nach Lauwersoog schaffe komme ich vor dem Sturm nicht mehr auf eine der friesischen Inseln. Also nehme ich nur etwas Fahrt aus dem Boot, mache ein paar Fotos und genieße den Anblick beim vorbei fahren. Immerhin sehen sie nun wirklich schön aus.

Schon bald lasse ich die Stadt wieder hinter mir. Es ist nun kurz nach sechs. Ob ich es noch schaffe nach Lauwersoog zu kommen? Oder zumindest bis zur Schleuse zum Lauwersmeer. Notfalls würde auch das reichen, von dort könnte ich dann morgen früh ebenfalls starten. Zwar wäre mir Lauwersoog lieber, ist es doch deutlich entspannter, doch solange ich es mindestens bis zur Schleuse schaffe ist der Schlag zurück nach Deutschland prinzipiell möglich.

Schließlich taucht vor mir die letzte Brücke auf. Nur noch die. Wenn ich da durch bin habe ich freie Fahrt bis zur Schleuse. Wenn die sich noch öffnet, dann schaffe ich es noch vor dem Sturm nach Borkum, Juist oder Norderney – welche Insel, das muss ich mir noch überlegen.

Aber ob sie sich noch öffnet?

Während ich mich der Brücke nähere liegt mein Blick auf der Ampel. Rot. Aber ist das ein oder zwei rote Signale? Zwei, oder? Nein.. warte… eins! Auch ein Schild das nun langsam lesbar wird verkündet: Brückenöffnung bis 20.00 Uhr. Auf Anfrage. Betrieben wird die Brücke von Dokkum, mein letztes bisschen Ärger über die lange Wartezeit am Ortseingang ist dahin.

Um eine Öffnung anzufragen muss ich, das kenne ich bereits von meinen Törns im Schlauchsegelboot, einen Knopf drücken. Und so verringere ich erst die Fahrt und Steuere die Pfähle an, nehme dann den Gang raus und lasse mich darauf zu treiben. Der Wind schiebt von hinten und ich bin mit etwas über einem Knoten schneller als gedacht. Aber was ist schon ein Knoten. Ich habe die Achterleine in der Hand, lege sie kurzerhand über. Das bisschen Restspeed kann ich guten gewissens auch so raus nehmen, immerhin ist es ja kaum was. Hierfür extra neu ansteuern? Warum auch.

Die Leine liegt über dem Festmacher und spannd sich. Bea Orca stoppt.

Krtsch.

Mit einem ekligem Geräusch bricht die vordere Schraube der Klampe, die Klampe selbst dreht sich um etwa 100 Grad. Bea Orca steht, ich kann den Knopf für die Brückenöffnung drücken. Doch die Klampe ist hin. Was für eine Scheiße! Ich habe nicht ewig viele Klampen. Und diese hier brauche ich eigentlich zum festmachen. Und wie es so ist: Genau die Schraube die gebrochen ist habe ich natürlich nicht an Bord.

Und jetzt?

Tja, das ist das Seglerleben. Manchmal geht einfach was schief. Ob es das nun für den Tag war? Die Antwort gibt es zwischen den Jahren. Bis dahin wünsche ich euch allen ein frohes Fest!

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Sebastian

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