Dreiklang des Ärgers

Zunächst geht es durch die offen stehende Brücke weiter. Was sollte ich auch sonst tun, ich habe ja die Öffnung schon angefordert. Zudem meine ich mich an einen Eintrag im Revierführer zu erinnern. Dort stand, es gäbe in Lauwersoog einen Laden für Bootszubehör. Natürlich, im gleichen Revierführer stand auch etwas von einer Bootstankstelle in Harlingen es wohl schon seit über einer Dekade nicht mehr gibt. Doch es erscheint mir noch immer die beste Möglichkeit.

Während ich die letzten Kanalkilometer zur Schleuse ins Lauwersmeer zurück lege wird mir so langsam bewusst was das hier eigentlich bedeutet.

„Scheiße!“, rutscht es mir raus. Wütend sehe ich zur kaputten Klampe.

„Scheiße, scheiße, scheiße!“

Frustriert funkle ich sie an.

Diese eine, gebrochene Schraube hat meine gesamte Planung kaputt gemacht. Eine einzige, verf… verdammte Schraube. Gebrochen. Eigentlich würde man sie ja einfach ersetzen. Gut, genau die Schraube habe ich nicht. Kaufe ich sie mir eben morgen im Laden für Bootszubehör. So dachte ich mir zumindest zunächst. Doch auch das ist nicht mölich. Morgen ist ein Feiertag. Da hat alles zu. Und ein Bootsausrüster wird davon sicherlich nicht die Ausnahme sein. Was für ein verdammter Mist. Erst der Motor, jetzt das. Ich brauche die Heckklampe um richtig fest zu machen. Auf den friesischen Inseln werde ich die fehlende Schraube mit Sicherheit nicht bekommen, da muss ich mir nichts vor machen. Das heißt für mich: Morgen ein langer Schlag vor dem Sturm über See zu den Inseln und dann die Sturmtage dort verbringen ist nicht. Es geht nach Lauwersoog. Morgen bei tollem Wetter dort warten. Und dann übermorgen, wenn es richtig auffrischt die Klampe reparieren. Was für eine doofe Geschichte. Was soll ich denn bei Sturm in Lauwersoog?

Als ich auf die Schleuse zufahre wird mir klar warum die Schraube gerissen ist.

Natürlich, die Schleuse. Bea Orca hat sich an genau dieser Klampe aufgehangen, die Belastung muss groß gewesen sein. Vermutlich war die Schraube dort schon angebrochen, es muss Augenblicke davor gewesen sein in der Schleuse zu krachen. So gesehen hatte ich da wohl wirklich Glück. Aber jetzt ist es soweit. Was ein Mist.

Ich rufe mich selbst zur Ruhe. Natürlich, es ist ärgerlich. Aber irgendwo habe ich doch auch Glück das es jetzt passiert ist. Und nicht erst im Sturm im Hafen, wohlmöglich wenn ich gerade nicht an Bord gewesen wäre. Natürlich an einem Fingersteg an dem man nur auf einer Seite fest gemacht hat. So dass dann das Heck einen Ausflug machen würde. Also irgendwo auch glück. Positiv denken. Immer positiv…

Ach was ein Kack. Ich wollte die Sturmtage schön auf einer Insel verbringen.  Wo man was unternehmen kann. Und eine schöne Aussicht auf die stürmiche Nordsee hat. Und jetzt? Jetzt werde ich in Lauwersoog festhängen! Einfach doof. Aber was will man machen.

Schließlich stehen wir vor der Schleuse. Und tatsächlich, sie öffnet noch. Das Schleusen geht recht schnell. Dieses Mal achte ich darauf das sich keine Leine einklemmen kann. Noch eine Klampe darf ich nicht verlieren, sonst kann ich schlicht nicht mehr Anlegen. Statt wie in Harlingen die Achterleine also nach dem Überlegen hinzulegen behalte ich sie in der Hand als ich nach vorne gehe um auch dort eine Leine überzulegen. Dann stehe ich mit beiden Leinen in den Händen da.

Was aber da geschleust wurde kann ich kaum erkennen. Es können kaum mehr als Zentimeter gewesen sein. Doch das soll mir recht sein, kurz darauf geht es durch das nächste Tor und gen Lauwersmeer.

Ich bin fertig mit den Nerven. Natürlich könnte ich jetzt noch durchziehen, käme dann aber erst im Dunkeln in Lauwersoog an. Und wofür? Ich kann morgen nicht weiter. Nur keinen Stress. Hier sind doch zahlreiche Marrekrite-Plätze in der Nähe eingezeichnet. Der erste Steg ist zwar voll belegt, aber da, an diesen gemütlich aussehenden Inseln…

Ja, da irgendwo muss es sein. Sieht doch gemütlich aus. Die Stege sehe ich zwar nicht, wird sich aber schon finden. Einfach mal nachsehen.

Fünf Minuten etwa fahre ich auf die Insel zu. Doch irgendwie ist es seltsam. Sie scheint doch so nahe zu sein. Warum komme ich nicht näher?

Schließlich wird es mir klar. Erst hatte ich heute Mittag Probleme mit dem Dieselmotor. Eine lose Schraube und damit ein Loch im Öltank. Mist. Dann ist die Klampe abgebrochen, damit meine Planung futsch. Richtig ärgerlich. Und jetzt? Jetzt ist der Dreiklang des Ärgers komplett. Ich mag nicht mehr, hab keine Lust mehr. Ich will endlich an den Anleger, festmachen, Frustfraß und schlafen. Aber nein. Ich hänge im Schick fest, bin aufgelaufen. Und mittlerweile sicherlich schon gut eingefahren.

Trotzdem versuche ich zunächst mich mit dem Motor zu befreien. Doch egal was ich mit dem Ruder mache, ob ich vorwärts oder Rückwärts die Schraube drehen lasse: Wir stecken fest. Und so greife ich zu einer Strategie die ich noch von meinem ersten Törn mit Bea Orca im Wattenmeer kenne. Ich ziehe mich aus, schlüpfe noch schnell in eine Badehose und schon stehe ich im Wasser.

Das Dilemma wird sofort klar. Zum Glück habe ich meine Neoprenschlappen an, sonst wäre das hier wirklich unangenehm. Der Grund besteht zu etwa zehn Zentimetern aus Schlick. Und Bea Orca hat sich mit Kielen und Skeg gründlich eingegraben. Zu Fuß suche ich das tiefere Wasser und finde es etwa zehn Meter entfernt. Zehn Meter – das ist die Strecke die ich – irgendwie – zurücklegen muss.

Als erster Versuche ich es mit schieben, dann mit ziehen. Beides bringt mich einen Meter vor oder zurück, doch dann ist Ende. Mehr geht nicht. Auch der Versuch Bea Orca um 180 Grad zu drehen scheitert, sie hängt fest. Vierzig, fünfzig, vielleicht sogar sechzig Grad kann ich sie im schickigen Grund wie auf einem Teller drehen, doch dann ist eine Grenze erreicht. Es gibt keine Richtung in die ich sie bekomme.

Erschöpft begebe ich mich ins Cockpit. Frust macht sich in mir Breit. Was für ein Mist. Und hier gibt es nichtmals gezeiten!

Wie einfach wäre es doch im Wattenmeer. Man würde eben auf das nächste Hochwasser warten. Ganz einfach. Aber hier? Eine stetige Wasserstandsveränderung gibt es nicht, das Lauwersmeer ist eingedeicht. Ein Binnengewässer. Was ein Mist.

Nach einer Verschnaufpause geht es erneut ins Wasser, doch auch dieses Mal komme ich nicht weiter. Wieder zurück im Cockpit überlege ich mir das weitere Vorgehen. Es ist Abend, mittlerweile hat die Schleuse zu. Soll ich vielleicht einen Anker in Richtung tieferes Wasser ausbringen? Warpen ist hier nicht möglich, da gebe ich mich keiner Illusion hin. Dafür ist der Boden zu schlickig. Aber so könnte ich ein wenn auch sehr unwahrscheinliches Vertreiben verhindern und dann eben hier die Nacht verbringen. Und morgen versuchen jemanden auf meine Situation aufmerksam zu machen, mich hier raus schleppen zu lassen.

Als hätte man meine Gedanken gehört kommt ein Motorboot das eben noch am vollen Marrekrite-Steg lag auf mich zu. Ich habe Glück, sie haben meine Situation bemerkt und schleppen mich kurzerhand frei. Dabei dauert es nicht lange, sie müssen nur ein paar Sekunden Gas geben und Bea Orca ist wieder in tieferem Wasser. Ich bedanke mich, dann verabschieden wir uns. Sie fahren zurück zum sonst vollen Steg, ich mache mich auf den Weg zum nächsten Liegeplatz. Dieses Mal konzentriert entlang der Fahrwassers. Bea Orca ist nicht BEA – einfach querfeldein fahren ist nicht. Auch nicht wenn es ausverstehen passiert.

Schließlich mache ich an einem gemütlichen Marrekrite-Platz auf einer schönen kleinen Insel fest und lasse den Abend ausklingen.

Heute hatte ich gleich drei Mal Pech. Erst der Motor, dann die Klampe und zum Schluss habe ich noch fest gesteckt. Doch jetzt, hier, an diesem tollen Liegeplatz, ist aller Ärger vergessen. Ist eben was schief gegangen. Aber hey, das ist Segeln! Und wie könnte man sich ärgern wo man an einem so schönen Ort ist? Trotz allem was passiert ist schlafe ich schließlich glücklich ein.

 

Ich wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr!

[jetpack_subscription_form]

Sebastian

5 Comments

  1. Hallo Sebastian, ich habe auch schon mal geträumt und bin unter Segel in den Sand gelaufen. Erstmal weiß man gar nicht wie einem passiert, wenn der Kurs sich ändert und die Segel beginnen zu killen. Es gab kein abruptes Stoppen oder so.
    Ich hatte Glück, so konnte ich bei meinem Kielschwerter das Schwert einziehen und bin davon gekommen. Die peinliche Lage und wie man sich über sich selbst ärgert, all das kenne ich daher aber nur zu gut. Liebe Grüße und ein gutes neues Jahr.

  2. Hallo Sebastian, hättest Du nicht die Winsch auf der betroffenen Seite zum festmachen verwenden können, bis die Klampe repariert ist?

    • Das hätte das Problem leider nur verschoben. Ich habe keine „überflüssigen“ Klampen. :/
      Hat aber ja auch so geklappt
      Viele Grüße,
      Sebastian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.