Kanalfahrt durch die Niederlande

Es ist etwa halb neun als der Diesel brummend anspringt und wir uns auf den Weg hinaus aufs Lauwersmeer machen. Wir bedeutet in diesem Falle einerseits Bea Orca und ich, andererseits aber auch die befreundeten Segler. Denn auch sie machen sich auf den Weg. Der Sturm ist endlich vorbei gezogen, es wird Zeit es ihm gleich zu tun. Ein wenig traurig denke ich daran, das sich nun auch unser Weg trennen wird. Es war schön die Beiden zu treffen. Ohne diesen Kontakt wäre ich wohl an den beiden Tagen in Lauwersoog die Bordwände hochgegangen.

Die erste Teilstrecke legen wir gemeinsam zurück und ich nutze die Zeit um ein paar Fotos der Beiden zu machen. Immerhin sind Fotos vom eigenen Boot auf dem Wasser stets Mangelware. Selbst dann wenn es ‚nur‘ unter Motor ist. Doch dann biege ich ins Reitdiep ab und unsere Wege trennen sich.

Der Weg vor mir ist zwar verregnet, aber doch auch idyllisch. Viel grün, hohes Graß, einige Bäume. Dazwischen ein paar Weiden. Anleger an alten, hölzernen Stegen die hie und da zwischen dem hohen Schilf hervorlugen. Dann, ganz überraschend, eine Herde wild wirkender Pferde. Ein traumhafter Anblick der mein Herz rasen lässt.

Schließlich wird der Kanal zunehmend enger, die weiten Arme des Lauwersmeer liegen hinter mir.

So früh am Morgen ist noch niemand unterwegs und ich genieße die ruhe.

Schon jetzt bin ich hinter meinem Zeitplan. Dies hängt aber schlicht an meiner Abfahrzeit. Ich hatte mal vor gehabt um neun Uhr an der ersten Schleuse zu sein, dies dann aber überworfen. Ich will ausschlafen. Und auch wenn ich hoffe heute Abend bis Delfzijl zu kommen: Was nicht geht, das geht nicht. Und ausschlafen war mir in diesem Falle wichtiger. Selbst wenn ich heute die Nacht in Groningen verbringe wäre ich morgen rechtzeitig zum Kentern der Tide in Delfzijl. Und ehrlich gesagt: Ich kann mir weitaus schlimmeres vorstellen denn eine Nacht in Groningen. Die Stadt hat schließlich einen verdammt guten Ruf.

Schließlich erreiche ich die erste Schleuse und werde zügig durchgebracht. Mehr und mehr lichtet sich der grau bis dunkelgraue Himmel auf, macht Platz für weiße Wölkchen und sogar einige lieblich-blaue Flecken.

Umso idyllischer sieht eine Reihe bunter Häuser gleich hinter der alten Schleuse aus. Es ist einfach herrlich hier. Die Fischkutter direkt vor den Häusern runden das Bild ab.

Abgesehen von einem Motorboot das mir kurz darauf begegnet bin ich alleine und kann die ruhe der mich umgebenden Natur in vollen Zügen genießen. Das stetige Brummen des Dieselmotors ist dabei längst so selbstverständlich, ich nehme es kaum noch wahr.

Gemächlich windet sich der Kanal durch die grüne Landschaft, abgesehen von einigen Häusern in der Ferne bin ich von Natur umgeben. Nun: Menschgemachter Natur.

Obgleich es hier echt schön ist, ich vermisse die Weite der See. Das Salz in der Luft, den kühlen Wind im Gesicht, den offenen Horizont. Aber bald, so rufe ich mir in Erinnerung, spätestens morgen Nachmittag bin ich wieder da draußen. Dann kann ich wieder beobachten wie sich Bea Orcas Bug durch das Wasser des Wattenmeers schneidet. Hinter einer Brücke überholen mich drei große, schicke Yachten. Sie sehen neu aus. Nicht meine Welt – aber hin und wieder doch schön anzusehen. Dann bin ich wieder alleine, höre Musik und lasse mich durch die Landschaft treiben.

Hier und da liegen kleine Dörfer am Kanalrand, eine Windmühle erfreut meine Augen. In manchen – aber sich nicht allen – Dörfern gibt es auch eine Brücke die meine Fahr verlangsamt, viele sind es aber nicht. Und die wenigen öffnen sich recht zügig, häufig muss ich nicht einmal die Fahr reduzieren.

Minuten streichen vorbei, eine Stunde geht in die Nächste und doch merkt man wenig davon. Zeit wird relativ, verschwimmt und verliert jegliche Bedeutung.

Umso überraschter bin ich als am Nachmittag plötzlich Groningen vor mir auftaucht. Ich selbst bin letztlich stets nur dem Kanal gefolgt. Eine richtige Wasserkarte habe ich nicht, einzig mein Tablett hätte im Zweifelsfall geholfen. Doch einmal auf dem Kanal musste ich ihm nur noch folgen: Da ist nicht viel mit navigieren.

Hier, am Eingang zur Stadt, treffe ich die drei großen Yachten wieder. Ob sie schon länger auf eine Schleusung warten mussten oder eine Pause gemacht haben die mir das Aufholen erlaubt hat: Ich weiß es nicht. Nun kann ich zusammen mit ihnen recht zügig in die Stadt.

Hier jagt eine Brücke die Nächste, zumeist kann man zumindest die darauffolgende Brücke bereits erkennen. Jedenfalls dann wenn sie nicht hinter einer der unzähligen Kurven liegt.

Bereits bei der zweiten Brücke haben mich die Yachten wieder abgehängt. Nun gut, was solls, ist ja kein Wettrennen. Und so warte ich gemütlich bis sich die Brücke – ich habe sie noch offen gesehen – erneut öffnet und auch mich hindurch lässt.

Doch schon kurz darauf bin ich wieder bei den Yachten aus Enkhuizen. Sie passieren gerade die nächste Brücke als ich dort ankomme und so kann ich gleich mit durch. Ab jetzt haben sie mich am Hals. Ein klein wenig tut es mir ja leid, bin ich mir nicht sicher ob die Brückenwärter sie möglicherweise wegen mir warten lassen. Aber was soll ich tun? Und: Lange ist es auf keinen Fall.

Für mich ist es allerdings ein großer Vorteil. Vor einer Brücke zu warten kann mitunter anstrengend sein, dieses Position halten nervt. Nun komme ich aber an und muss häufig maximal den Gang raus nehmen. Denn ist die Brücke schon offen, die Yachten hindurch gefahren und ich kann vor der Schließung noch mit durch huschen.

Doch dann, wir sind schon kurz vor der Altstadt, war es das. Cafepause. Weiter geht es erst in genau einer Stunde. Eine Minute zuvor sind wir noch durch die letzte Brücke gefahren, sie schließt sich gerade erst, jetzt aber heißt es warten.

Kaum ist Bea Orca hinter den Yachten fest treffe ich eine Entscheidung.

Ich habe eine Stunde Zeit für Groningen. Nur eine Stunde. Die will nun aber wirklich genutzt werden. Ich habe Hunger.

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Sebastian

2 Comments

  1. Hallo Sebastian, toll geschrieben wir wollen das auch noch machen. Kannst du in Deinem Bericht noch ein bischen auf Besonderheiten eingehen? Schleusen, kleine Brückenhöhen, Kosten und wo und wie Du Lebensmittel einkaufst.

    Liebe Grüße
    Frank

    • Moin,
      die Staande-Mast-Route kann mit stehendem Mast befahren werden – alles Klapp- und Hebebrücken. Schleusen gibt es ein paar – nichts spektakuläres. Und Lebensmittel? In jedem Supermarkt. Hier und da sind schon andeutungen drinnen, im Endeffekt ist es aber unkompliziert. Die Niederlande sind dich besiedelt, haben einen typisch-europäischen Standard und bieten zudem eine sehr gute Infrastruktur.
      Viele Grüße,
      Sebastian

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